Während unsere Nachbarn auf der Suche nach mehr emissionsfreier und grundlastfähiger Stromerzeugung eine Renaissance der Kernenergie erleben, schließt sich Deutschland davon noch konsequent aus.
Unsere unmittelbaren Nachbarn (Polen, Tschechien, Frankreich, Niederlande) wollen klassische Druckwasserreaktoren bauen. Darüber hinaus gibt es Planungen für SMR (Small Modular Reactor), ebenfalls auf der Basis von Leichtwasserreaktoren. All diesen Typen ist gemein, dass sie (frisches) angereichertes Uran als Brennstoff benötigen und abgebrannte Brennelemente als „Atommüll“ hinterlassen. Diese verbrauchten Brennelemente sind Fluch und Segen zugleich. Da während ihrer Nutzung nur rund 5 Prozent des eingesetzten Urans verbraucht worden sind, stellen sie schon heute eine gigantische Energiequelle dar. Andererseits müssen sie sicher gelagert werden, um die Menschen vor den Gefahren der radioaktiven Strahlung zu schützen. Die sogenannte „Endlagerung“, hunderte Meter unter der Erde in einem Bergwerk, ist dabei wohl die dümmste Lösung. Man verschwendet potenzielle Energie und Rohstoffe und erhält auch noch die Gefahren für -zig Generationen.
Der Uranzyklus
Von Anfang an hat man sich deshalb mit der Wiederaufbereitung zur Rückgewinnung von Uran und Plutonium beschäftigt. In einem Reaktor mit schnellem Neutronenspektrum kann man auch Uran-238 spalten. Man benötigt allerdings Plutonium oder hoch angereichertes Uran als Auslöser. Um das schnelle Neutronenspektrum zu erhalten, bieten sich Natrium oder Blei als Kühlmittel an. Mit Natrium gekühlten schnellen Reaktoren hat man international jahrzehntelange Erfahrungen. Mit Blei gekühlte Reaktoren sind insbesondere für SMR einige Neuentwicklungen in der Entwicklung (Russland, Frankreich, Schweden). Dabei konzentriert man sich momentan auf sogenannte Brenner und nicht mehr vorrangig auf Brüter. Brenner (Konversionsrate < 1) verbrauchen mehr Plutonium, als sie neu erzeugen. Brüter (Konversionsrate > 1) hingegen, erzeugen mehr Plutonium, als sie verbrauchen. Brenner sind einfacher zu realisieren, und es gibt mehr als genug Plutonium auf der Welt.
Thorium
Neben Uran kann man auch Thorium zur Energiegewinnung nutzen. Thorium kommt doppelt bis dreimal so häufig vor (7 bis 13 mg pro kg Erdkruste) wie Uran. Es stellt eine weitere „unendliche“ Energiequelle für die Menschheit dar. Heute ist es eher ein „radioaktiver Abfall“ bei der Gewinnung seltener Erden. Man kann allerdings Thorium nicht direkt für einen Kernreaktor verwenden, sondern muss erst Uran-233 daraus erbrüten. Wenn Th232 ein Neutron einfängt, bildet sich daraus Th233 (Halbwertszeit 21,83 Minuten), welches zu Pa233 (Halbwertszeit 27 Tage) zerfällt, welches sich letztendlich zu U233 umwandelt. Mit dem erbrüteten Uran-233 lässt sich – praktisch genauso gut wie mit Uran-235 – ein Rektor mit thermischem Neutronenspektrum betreiben.
Man kann Reaktoren mit Thorium bauen, benötigt aber Uran-235 oder Plutonium als „Auslöser“. Läuft der Reaktor, muss man nur noch das verbrauchte Thorium ergänzen und die Spaltprodukte abführen. Für alle Brutvorgänge braucht man eine ausgeklügelte Neutronenökonomie. Zur Aufrechterhaltung der Kettenreaktion muss auf jeden Fall statistisch ein Neutron von den jeweils bei der Spaltung entstandenen Neutronen übrig bleiben. Verluste sind aber unvermeidlich. Brüten kann daher nur der verbleibende Rest. Aus diesem Grund bietet sich eine homogene Mischung und keine Trennung von Brennstoff und Kühlmittel an.
Salzschmelzen
Als besonders geeignet für diesen Zweck haben sich Salzschmelzen (z.B.: LiF–BeF2–ThF4–UF~4) erwiesen. Salzschmelzen können sehr hohe Temperaturen erreichen und bleiben trotzdem drucklos (Sicherheit), und Reaktoren sind deshalb kostengünstig herzustellen. Nachteilig ist wiederum die Korrosion durch Salze. Solche „Reaktorsalze“ müssen aufwändig gereinigt und getrocknet werden. Man kann Salz nur als Kühlmittel verwenden und den Brennstoff z.B. in Brennelemente einlagern (Kairos-Reaktor mit TRISO-Kugeln) oder eine homogene Mischung aus Brennstoff und Kühlmittel verwenden. Ein solcher Reaktor ist beispielsweise der Reaktor von Copenhagen Atomics.
Der „Waste Burner“ von Copenhagen Atomics
Bei ihm handelt es sich um eine neuartige Konstruktion. Brennstoff und Kühlmittel ist ein Salz. Es enthält Thorium und einen Starter aus angereichertem Uran oder Plutonium aus alten Brennelementen. Daher der Name „Abfall-Verbrenner“. Er ist kugelig und wie eine Zwiebel aus mehreren Schichten aufgebaut. In einer wärmeisolierten Schicht fließt das Salz mit einer Temperatur von etwa 600°C. Es ist umgeben von schwerem Wasser (D2O) als Moderator. Der Füllstand und die Temperatur des Moderators dienen wesentlich zur Leistungsreduzierung. Der komplette Reaktor ist außen von einer Schicht aus reinem Thoriumsalz umgeben, in der Uran-233 erbrütet wird. Das Brennstoffsalz erhitzt sich durch die Kernspaltung im Reaktor und fließt durch Schwerkraft in einen Tank. Dieser Tank ist großflächig und von keinem Moderator umgeben. Die Kettenreaktion bricht sofort zusammen. Aus diesem Tank wird das heiße Salz zur Wärmeabgabe durch einen Wärmeübertrager gepumpt. Schon dieses Konstruktionsprinzip macht den Reaktor inhärent sicher. Fällt die Pumpe aus, wird der Nachschub für die Kernspaltung im Reaktor unterbrochen.
Innovativ ist auch das Vertriebskonzept. Die kompletten Anlagen werden in Serie gebaut und sind in einem 40-Fuß-Container betriebsbereit eingebaut. Sie verbleiben im Eigentum des Herstellers, und der Kunde bezahlt lediglich die genutzte Wärme. Nach Gebrauch werden die Container wieder zurück zum Hersteller transportiert und aufgearbeitet. Ein Konzept, das vor allem auf Industriekunden zugeschnitten ist.
Ebenso innovativ ist das Unternehmen selbst. Gegründet aus einem Kreis von Universitätsabsolventen, hat man sich von Anfang an nicht auf die übliche Produktion von Papier, sondern auf das Bauen verlegt. Weg vom heutigen Stil von Großunternehmen, zurück zu den Pioniertagen der Kerntechnik. Alle relevanten Komponenten (Pumpen, Salz, Regelung etc.) wurden selbst entwickelt. Teilweise werden sie bereits heute auf dem Markt vertrieben – eine willkommene Einnahmequelle und ein stetiger Quell von Erfahrungen außerhalb des eigenen Unternehmens. Falsch kann dieser Weg nicht gewesen sein. Inzwischen steht beim Paul Scheerer Institut (PSI) ein nicht nuklearer Prototyp. Das Institut soll für ein Genehmigungsverfahren notwendige Messwerte liefern. 2026 ist ein Versuchsreaktor mit einer Wärmeleistung von einem Megawatt geplant. 2028 erhofft man eine erste Baugenehmigung. Hoffentlich klappt das und das Unternehmen muss nicht – wie viele Computer und Softwareproduzenten vor ihm – in die USA auswandern – oder die Chinesen kopieren einfach.
Des Pudels Kern
Ganz davon abgesehen, ob man den Reaktor für gut befindet oder nicht, geht es hier um viel mehr und Grundsätzliches. Wie ist es möglich, dass in einem Vorzeigeland für die Ökobewegung gleich zwei Unternehmen (Seaborg Technologies und Copenhagen Atomics) neue Reaktoren entwickeln? Hat man dort aus Erfahrung gelernt, dass man mit wetterabhängigen Energien keine Volkswirtschaft – und schon gar keinen Sozialstaat – betreiben kann? Bisher funktionierte es nur mit deutscher Kohle und schwedischer Wasserkraft im Rücken. Aus Deutschland ist absehbar nichts mehr zu beziehen, weil man hier auf den gleichen toten Gaul gesetzt hat. Schweden ist selbst an seine Grenzen gestoßen und plant nun einen Ausbau seiner Kernkraft. Auch dort entwickelt man neue Reaktoren (Blykalla SMR mit Bleikühlung) zur Verwendung des „Atommülls“ aus den Leichtwasserreaktoren. Also doch lieber eigene Kernkraftwerke bauen und betreiben mit Arbeitsplätzen und Steuereinnahmen, als Strom zu importieren? Bleibt auch noch die Industrie mit ihrem Wärmebedarf und (in Dänemark) die weltgrößten Containerschiffe, für die man händeringend „CO2-freie“ Antriebe sucht.
Woher kommt dieser Pioniergeist junger Hochschulabsolventen, die eine Unternehmensgründung in der Kerntechnik einem Arbeitsplatz beim Staat vorziehen? Gut, in Deutschland gibt es schon (fast) keine Möglichkeit mehr. Wer Gender Studies oder „irgendwas mit Medien“ studiert hat, kann sich höchstens in der Politik oder bei einer NGO verdingen. Unsere Bildungspolitik hat ganze Arbeit geleistet. Technik ist irgendwie unanständig und „Atomkraft“ sowieso.
Man stelle sich vor, in der Hauptstadt der Startups – so bezeichnet sich Berlin selbstverliebt selber – käme eine Truppe junger Ingenieure auf die Idee, einen Kernreaktor zu bauen. Wohlgemerkt, es ginge nicht einmal um staatliche Fördermittel, sondern nur in Ruhe arbeiten zu können. Sofort würden die Gutmenschen die gesamte Staatsmacht mobilisieren, und wenn das noch nicht reicht, die Antifa oder die Omas Gegen Rechts. Um es ganz deutlich zu sagen: In Deutschland herrscht schon lange keine Freiheit für Forschung und Entwicklung mehr. Wessen Produkt nicht vorab den Gesinnungstest der Öko-Sozialisten besteht, geht besser möglichst schnell ins Ausland. Wer andererseits der Staatsmacht gefällig ist, wird mit Fördergeldern überschüttet – Grüner Wasserstoff ist nur ein Beispiel.
Interessant ist auch die Rolle der Schweiz. Nicht, dass Kernkraftwerke in der Schweiz nicht auch umstritten wären. So übernimmt man doch gern die Begutachtung eines neuen Reaktorprinzips in seinen exzellenten öffentlichen Forschungsinstituten. Erst mal in Ruhe schauen. Könnte ja was dran sein. Im besten Deutschland aller Zeiten kann man die Zukunft und das Klima genau voraussagen – glauben diese Narren jedenfalls.
Dr. Klaus-Dieter Humpich studierte Maschinenbau und Energie- und Verfahrenstechnik mit Schwerpunkt Kerntechnik, bevor er zehn Jahre am Institut für Kerntechnik in der Technischen Universität Berlin arbeitete. Seit 20 Jahren ist er freiberuflich im Bereich Energietechnik tätig. Dieser Beitrag erschien zuerst auf seinem Blog.
Zum Thema kürzlich von Manfred Haferburg und Klaus Humpich erschienen:
Atomenergie – jetzt aber richtig
Das Nachwort stammt von dem Wissenschaftsphilosophen Michael Esfeld. Sie können das Buch hier in unserem Shop bestellen,
Zum Inhalt des Buches: Es ist keine Frage ob, sondern lediglich wann „die dümmste Energiepolitik der Welt“ (wallstreet-Journal) - in Deutschland euphemistisch „Energiewende“ genannt - beerdigt wird. Und was dann? Überall auf der Welt werden längst wieder die Weichen für die Kernenergie gestellt, CO2-frei wie bisher, aber intelligenter, resilienter, mobiler und preiswerter als je zuvor. Die Atomenergie kann auch hierzulande der Nukleus für einen neuen Wohlstand sein, auch diese Einsicht wird sich unter der Last des Faktischen durchsetzen. Die beiden Energieexperten Manfred Haferburg und Klaus Humpich analysieren den deutschen Irrweg und zeigen Wege aus der Sackgasse. Dieses Buch ist ein Almanach der Vernunft für alle, die in Deutschland erfolgreich wirtschaftlich tätig sind und damit fortfahren wollen.
@ Dr Giesemann: und wenn die Kohle auch verboten wird, nehmen wir halt wie ganz früher getrocknete Kuhfladen als Brennstoff. Sehr nachhaltig.
Strom zu erschwinglichen Preisen 24/7 das ganze Jahr und über Jahrzehnte zur Verfügung zu haben, war ein Luxus, den ich mein ganzes bisheriges Leben in Deutschland für vollkommen selbstverständlich genommen habe. Das ist seit einiger Zeit offensichtlich vorbei. In dem Teil Bayerns, wo ich lebe, habe ich in diesem Jahr schon mehrere Stromausfälle erlebt und im Kalender notiert. Sie dauerten tagsüber von 10 Minuten bis anderthalb Stunden. Einmal nachts war der Strom über mehrere Stunden weg. Schicksal?? – Eine zuverlässige und sowohl für private Verbraucher als auch die Industrie erschwingliche Stromversorgung betrachte ich als BRINGSCHULD des Staates gegenüber allen seinen Bürgern. Um das gewährleisten, würde ich als Kanzlerette für einen Mix aus Kernkraft, eigener Kohle, Erdöl, Gas und einem symbolischen Anteil von Wind- und Solarstrom sorgen. Da ich aber niemals Kanzlerette werden kann und es sowieso unmöglich ist, in unter 100 Jahren die 30.000 Windmühlen und 3,4 Mio. PV-Anlagen (wieviele km2 sind das eigentlich?) zu demontieren und auf derm Mars zu entsorgen, wird uns wohl das Prekariat ereilen und wir zu ‚precationes‘ veranlasst werden.
Zwar schicken Wind und Sonne keine Rechnung, aber dafür wachsen die Endlager um Deutschland herum. Und für die Grundlastfähigkeit grüner Energie haben wir immer noch zu viel Industrie. Und ob sich auf der Basis des Mykorizageflechtes, mit dem Bäume interagieren, eine nachhaltige Digitalisierung erreichen lässt? Sollten die grünen Visionäre von der Agora Energiewende wirklich auf Pilze setzen wollen, müssten sie auch zugeben, dass hier ein Zielkonflikt zur flächendeckenden Verspargelung mit Growianen besteht. Von den negativen Auswirkungen der Propeller auf die Artenvielfalt ganz zu schweigen. Aber vielleicht ist ja der Migrationsdruck von Vögeln und Fledermäusen in die Städte gewollt? Falls die Agora eine hochbezahlte Spinnerin mehr sucht: ich, mit meiner postmodernen Gravitationsphobie, würde zur Verfügung stehen. Flüstern Sie Ihre Anfrage einfach in den Wind, ich höre Sie schon.
Europa setzt auf Atomenergie, alle außer Deutschland… dank IM Erika, Robert Schwarzkopf et al…
„Der Märchenonkel vom ZDF, Lesch, erzählt uns, dass es ja keine Energiekrise im letzten Jahr gab“, was auch nicht verwunderlich ist.
Der Typ hat auch in der Coronazeit die prognostizieren Todeszahlen und Inzidenzen für bare Münze genommen.
Hoffnungsloser Fall.
@Dr. Konrad Voge @HJG … „Kohle ist zu wertvoll zum Verbrennen“ … Das behaupten Sie einfach so in Ihrem jugendlichen Leichtsinn. Sie unterstellen also, daß Erdöl, -gas & Kohle-Vorkommen begrenzt seien. Dafür haben Sie keine Belege. Zumindest hat man bei Erdöl-Vorkommen die Beobachtung gemacht, daß ausgebeutete Vorkommen sich wieder auffüllen. Desweiteren sehen Sie das auch viel zu föderal aus Ihrer eigenen Blase heraus. Es geht erstmal darum, mehr eigene Souveränität zu generieren & die Abhängigkeit von anderen Staaten zu reduzieren. Dazu kommt, Staaten mit Kernkraftwerken sind erpreßbar. Vielleicht denken Sie beim nächsten Kommentar mal über Ihren einstigen Chemie-Leistungskurs hinaus.
Mittels des Prinzips „Erst Laufzeitverlängerung, dann vorfristiger einseitiger Ausstieg“ haben Merkel & Co. sowohl im Bereich Kohle, als auch in der Kernenergie zweierlei erreicht: Maximale Schäden für die Steuerzahler und die Wirtschaft, maximale Summen für die Konzernbosse und die Aktionäre in Form von Entschädigungen. Mir fällt es schwer, hier nicht an Vorsatz zu glauben…