Von Mark Feldon.
Im Jahr 1969 strahlte die BBC eine monumentale Dokumentationsreihe über die Geschichte des Westens aus: Civilisation: A Personal View. Die erste Episode, „By the Skin of our Teeth" – um Haaresbreite –, begann an den zerklüfteten Küsten Ionas, einer Insel der Inneren Hebriden Schottlands, wo Autor und Moderator Kenneth Clark inmitten der Ruinen einer mittelalterlichen Abtei eine simple Frage stellte: Was macht unsere Zivilisation aus?
Für Clark bestand die Antwort in einer dauernden Ordnung, einer kulturellen Kohärenz, die sich auch in handwerklichen, künstlerischen und architektonischen Zeugnissen offenbarte. Doch diese Ordnung war zu keinem Zeitpunkt selbstverständlich, sondern musste immer wieder erkämpft werden. Die monastischen Gemeinschaften auf Iona bewahrten im Frühmittelalter, als heidnische Wikinger die Küsten plünderten, die christliche Zivilisation – nicht durch militärische Macht, sondern durch kulturelle Beharrlichkeit und Selbstvertrauen: durch das Abschreiben antiker Manuskripte, durch liturgischen Gesang, durch die Aufrechterhaltung einer geordneten Lebensweise inmitten feindlicher Belagerung.
Mehr als ein halbes Jahrhundert später stellt sich die Frage erneut, dringlicher als je zuvor. Massenmigration aus islamischen Nationen, die Flucht aus dem öffentlichen Raum vor Terror und Gewalt, verlorene Gebiete, in denen das Recht des Stärkeren oder des Propheten gilt, die Zwei-Klassen-Justiz einer beginnenden Anarcho-Tyrannei, islamischer Sektarismus in den Parlamenten, Verfolgung von Oppositionellen – diese Entwicklungen markieren eine Krise der europäischen Ordnung. Das Dogma der Offenheit hat die Grenzen aufgelöst, die eine Kultur zur Selbstbehauptung benötigt.
Identität entsteht durch Unterscheidung
Eine besondere Zivilisation kann nur dann bestehen, wenn sie nicht universal ist. Identität entsteht durch Unterscheidung. Der Ursprung des Begriffs „Europäer" macht dies deutlich. Seine früheste bekannte Verwendung findet sich in der Mozarabischen Chronik von 754, einer christlichen Schrift aus dem islamisch beherrschten Spanien. Dort wurden die Kämpfer Karl Martells, die 732 bei Tours und Poitiers den Vormarsch moslemischer Heere stoppten, als europenses bezeichnet. Der Begriff war weder ethnisch noch geografisch – er bezeichnete jene, die eine bestimmte Ordnung gegen eine existenzielle Bedrohung behaupteten.
Diese Ordnung hatte ihre Wurzeln in der römischen Antike. Die Befestigungen des Limes markierten mehr als einen militärischen Grenzweg – sie definierten eine zivilisatorische Besonderheit. Auf der einen Seite stand die civilitas mit ihrem Rechtssystem, ihrer Stadtkultur, ihrer Literatur, ihrer Redekunst. Auf der anderen Seite das barbaricum – anders organisiert, grundlegend anders strukturiert. Rom verstand sich durch diese Unterscheidung. Als der Limes fiel, verschwand das römische Selbstverständnis.
Nach dem Untergang Roms blieb diese Grenzlogik erhalten. Europa definierte sich durch seine Fähigkeit, die christliche Tradition zu verteidigen: Tours und Poitiers, die Rückeroberung der spanischen Halbinsel, die Abwehr der Osmanen vor Wien, der Kampf gegen die islamischen Barbaresken-Piraten, deren Jagd auf weiße Sklaven bis nach England und Island reichte – dies waren Momente, in denen Europa sich durch den Gegensatz zu einer expansiven feindlichen Ordnung konstituierte.
Der liberale Kosmopolitismus der Nachkriegszeit hat diese Logik als reaktionär verworfen. An ihre Stelle trat die Idee der universellen Offenheit. Migration wurde zum faktischen Menschenrecht erklärt, Differenz als Ausschluss gedeutet, die Forderung nach Assimilation als rassistisch gebrandmarkt.
Europa war anziehend, weil es unterscheidbar war
Ein Europa, das sich jedoch als grenzenlos begreift, verfällt einem Zustand, den Émile Durkheim Anomie nannte – strukturlose Auflösung. Was Menschen über Jahrhunderte nach Paris, Rom, London oder Berlin zog, war nicht die Grenzenlosigkeit der amorphen Global City. Es war das Europäische: die Ordnung des öffentlichen Raums, die Verlässlichkeit des Rechts, der Schutz des Eigentums, das Zurückdrängen privater Gewalt. Europa war anziehend, weil es unterscheidbar war. Die Trauer über das veränderte Stadtbild ist auch Ausdruck eines Verlustes dieser Unterscheidbarkeit.
Norbert Elias hat in Über den Prozess der Zivilisation beschrieben, wie sich in der Neuzeit eine spezifische Form des Zusammenlebens entwickelte: Ausbildung von Selbstkontrolle, Fähigkeit zur Empathie, Monopolisierung der Gewalt und rechtliche Bindung. Joseph Henrich beschrieb später, wie Europa durch spezifische institutionelle Konstellationen und neuartige soziale Normen – Inzestverbot, Kleinfamilie, Individualismus – eine einzigartige Form sozialer Kooperation und Individualverantwortung beförderte. Diese Zivilisationsleistung ist weder selbstverständlich noch universell. Sie ist historisch kontingent – und reversibel. Es ist dieser Prozess der Entzivilisierung, der in den Innenstädten Westeuropas augenscheinlich wird.
Die große Bedrohung für den Westen ist der radikale Islam. Wir stehen womöglich nicht am Ende einer Terrorserie, die am 11. September 2001 begann, sondern erst an ihrem Beginn. Westliche Geheimdienste haben zwei Jahrzehnte lang Taliban, al-Qaida, al-Shabaab, Islamischer Staat und all die anderen jihadistischen Gruppen als separate Bedrohungen behandelt, die sich in theologischen Grabenkämpfen selbst zerfleischen. Diese Trennung scheint obsolet. Die Organisationen wurden durch geschickte Heiratsallianzen, gemeinsame Kommandostrukturen und operative Netzwerke verbunden. Die frühere CIA-Analystin Sarah Adams warnt vor einer bevorstehenden jihadistischen Offensive, die den Massenmord vom 7. Oktober in Israel in den Schatten stellen würde.
Die Zeichen sind sichtbar, doch die Bereitschaft zur Verteidigung fehlt
Wie in den Jahren vor dem 11. September ignoriert der Westen die gegen ihn gerichtete Kriegserklärung. Die Zeichen sind sichtbar, doch die Bereitschaft zur Verteidigung fehlt. Radikale Muslime greifen Weihnachtsmärkte, Kirchen und Juden an, weil sie dadurch zeigen, dass die westlichen Staaten ihre Bürger nicht mehr schützen können. Sie verfolgen eine Politik der Spannung, die den Staat nicht als faschistisch, sondern als „postheroisch", also impotent entlarven soll. Dies ist eine Folge der unbedingten Offenheit und der Weigerung, die eigene Ordnung durchzusetzen. Europa hat die Erkenntnis verloren, dass außerhalb seiner zivilisatorischen Ordnung eine Barbarei umgeht.
Die islamische Rechtstradition ist mit dem europäischen Rechtsstaat nicht vereinbar, weil sie auf göttlicher Offenbarung statt menschlicher Gesetzgebung beruht. Ihre Geschlechterordnung ist das Gegenteil der europäischen Gleichberechtigung. Mit ihr kehren soziale und kulturelle Praktiken zurück, deren Eindämmung den von Elias und Henrich beschriebenen Prozess der Zivilisation erst ermöglichten. Die Einführung von Scharia-Räten in Großbritannien, die alltägliche Gewalt gegen Frauen, Juden und Christen, die No-Go-Zonen – all dies sind Symptome einer Zivilisation, die ihre Selbstbehauptung aufgegeben hat.
Die Weltsichten
Der Ökonom Thomas Sowell führt die tiefe Spaltung der westlichen Gesellschaften auf einen fundamentalen Konflikt der Weltsichten zurück. Die begrenzte Weltsicht geht davon aus, dass der Mensch von Natur aus fehlerhaft ist. Seine Leidenschaften sind nicht zuverlässig moralisch, seine Vernunft nicht omnipotent. Ordnung entsteht daher nicht aus guten Absichten, sondern aus stabilen Institutionen, gewachsenen Traditionen, Recht und Begrenzung. Fortschritt ist möglich, aber stets prekär und reversibel.
Die unbegrenzte Weltsicht hingegen unterstellt, der Mensch sei im Kern gut und unbegrenzt formbar. Wenn er destruktiv handelt, so liegt das nicht an ihm, sondern an falschen Strukturen. Nicht der Mensch muss sich der Ordnung anpassen, sondern die Ordnung dem Menschen. Gesellschaftliche Probleme erscheinen in dieser Perspektive nicht als tragische Spannungen, sondern als technische Aufgaben, die sich durch politische Planung, moralische Umerziehung oder administrative Steuerung lösen lassen.
Sowell zeigt, dass aus dieser utopischen Anthropologie zwangsläufig eine Politik der Entgrenzung folgt. Wenn es keine dauerhaften menschlichen Beschränkungen gibt, erscheinen Grenzen selbst als illegitim: Staatsgrenzen, ökonomische Zwänge, kulturelle Normen, energetische Realitäten. Die unbegrenzte Weltsicht produziert daher jene politischen Großexperimente, die den Westen seit Jahrzehnten prägen. Es ist diese unbegrenzte, utopische Weltsicht, die den Westen nicht reformiert, sondern unterminiert hat.
Limes und Iona
Der Limes nach außen ist physisch: Grenzen müssen kontrolliert, illegale Migration unterbunden, Abschiebungen durchgesetzt, das Asylsystem grundlegend reformiert werden. Der Limes nach innen ist normativ: Keine alternative Rechtsordnung darf geduldet werden. In Europa gilt europäisches Recht, nicht Scharia. Assimilation ist keine Option, sondern Pflicht. Wer hierherkommt, muss sich der europäischen Ordnung unterwerfen – in Sprache, Recht und Lebensweise.
Der Limes setzt der unbegrenzten Weltsicht eine Grenze: Gegenstand der Politik ist weder die psychologische Zurichtung der Bürger (Maßnahmen gegen „Hass“ oder andere unwillkommene Emotionen) noch die Rettung des Weltklimas, die Beseitigung aller „Fluchtursachen“ oder globale Armut. Ihre Sorge gilt zuerst der Sicherheit, Freiheit und dem Wohlstand der Staatsbürger.
Die Mönche auf Iona bewahrten die Zivilisation nicht durch visionäre Gesellschaftsmodelle, sondern durch die Aufrechterhaltung von Ordnung inmitten des Niedergangs. Europa muss seine Vergangenheit neu und selbstbewusst lesen. Die griechische Philosophie, das römische Recht, die christliche Caritas, die Aufklärung, die Menschenrechte sind keine universellen Selbstverständlichkeiten, sondern konkrete europäische Leistungen. Dieses Erbe zu verteidigen, verlangt den Mut zu sagen: Dies ist unsere Zivilisation, und wir haben das Recht, sie zu bewahren.
Europa braucht beides: die beharrliche Arbeit der Mönche von Iona und die Grenzanlagen des römischen Limes. Die Mönche bewahren durch kulturelle Disziplin die Flamme der Zivilisation. Der Limes schützt durch physische Präsenz eine gesellschaftliche Ordnung. Kulturelle Beharrlichkeit ohne Grenzschutz ist wehrlos. Grenzschutz ohne kulturelle Substanz ist vergeblich.
Mark Feldon hat an der Freien Universität Berlin Geografie studiert. Er arbeitet als Übersetzer, Autor und Lektor. Zusammen mit Kolja Zydatis veröffentlichte er das Buch „Interregnum. Was kommt nach der liberalen Demokratie?“
UD-Faschisten und Verfassungsfeinde rund um den Merz schlagen nun permanent im Dauertakt zu. (UD Unsere Demokratie) Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung der fachlich unfähige, trat im Mai in die CDU ein und wurde pflugs vom BlackRocker zum Bundesminister befördert. Kaum an der Stelle kommt „Die Bundesregierung plant ein neues Gesetz, das Durchsuchungen von Tech-Konzernen und journalistischen Redaktionen sowie Beschlagnahmen ermöglichen soll, und dies teilweise ohne richterlichen Beschluss.“ siehe NIUS. Das diese Personalie Karsten Wildberger einen massiven Interessenkonflikt hat, stört keinen der Verfassungsfeinde.
Wie Puzzelsteine setzt sich mein Verdacht das die Sparkassen seit langem für Scharia, Hawala Kapital ganze Stadtteile an Araber verkaufen durch. Interessant, in ehemaligen Sparkassen, teils mit Panzerschrank im Keller, sind nun Moscheen oder arabische Küchen. Heute wurde die Sparkasse in die eingebrochen wurde von der Staatsanwaltschaft durchsucht. Focus „Spezialwissen und eine Codekarte: Brisanter Insider-Verdacht nach Sparkassen-Raub.“ Die Sparkassen sind die Platzhirsche im Bereich von Immobilien, Kredite. Schade das die Grundbuchämter immer noch der heilige Gral dieser Demokratie sind und nicht abgefragt werden können. Hyperkapitalismus, die EU hat einzig innere politische Feinde in hohen Ämter. UD-Faschismus „Und willst du nicht mein Konsument sein, schlag ich dir die Tür ein.“ qed Hyperkapitalismus
Ein sehr klarer Text der den Kern unserer Probleme unmissverständlich nennt. Und die – eigentlich offensichtliche – Lösung aufzeigt. Dazu muss auch das Barbaricum ganz benennt werden. Es ist eben nicht nur der Islam sondern auch die Antiwestler, sprich Russland, China und sich sozialistisch nennende Staaten wie eben Venezuela. Das uns mit Russland mehr verbindet als mit China oder Iran ist klar, aber die Schnittpunkte sind gering und oberflächlich. Das schrieben schon Russlands berühmtesten Schriftsteller.
@Winston Smith, Ich glaube, wir kommen hier nur weiter, wenn wir normative Lehre, historische Praxis und kulturelle Wirkungsgeschichte sauber trennen. Vieles von dem, was Sie zur historischen Kirche schreiben, ist als Kritik berechtigt – es widerlegt jedoch nicht meinen Punkt. Zur „anderen Wange“: Diese Aussage richtet sich an das individuelle ethische Handeln, nicht an die Organisation von Staaten. Kein Gemeinwesen hat je vollständig nach seinen moralischen Idealen gelebt – gleich welcher Religion. Der Abstand zwischen Anspruch und Realität ist daher kein christliches Spezifikum. Zum römischen Erbe stimme ich Ihnen zu: Europa steht auf antiken und römischen Fundamenten. Entscheidend ist, dass dieses Erbe durch das Christentum bewahrt, integriert und weiterentwickelt wurde. Ohne Klöster, Skriptorien und kirchliche Rechtsschulen wäre viel antikes Wissen verloren gegangen. Das Christentum hat Rom nicht verdrängt, sondern inkorporiert. Auch Ihre Darstellung der Wissenschaftsgeschichte erscheint mir zu eindimensional. Ja, es gab Dogmatismus und Verfolgung. Gleichzeitig entstanden Universitäten, Naturphilosophie und frühe Wissenschaft innerhalb kirchlicher Strukturen. Die späteren Konflikte erklären Spannungen, nicht die Entstehung dieser Institutionen. Giordano Bruno und die Hexenverfolgungen gehören zu den dunklen Kapiteln europäischer Geschichte. Zugleich waren Hexenprozesse vielfach weltliche Verfahren und regional sehr unterschiedlich ausgeprägt. Mein Punkt war nie, das Christentum zu idealisieren, sondern: Die moderne europäische Ordnung ist ohne das christliche Denk- und Institutionsgefüge ebenso wenig erklärbar wie ohne römisches Recht oder griechische Philosophie. Diese Elemente gegeneinander auszuspielen, verfehlt die historische Realität. Wenn wir Geschichte weder als Heiligenlegende noch als Anklageschrift lesen, sondern als widersprüchlichen Prozess, kommen wir der Sache näher.
@Kai Marchfeld! Sie haben recht: Wissenschaft und Bildung sind kein exklusives Produkt des Christentums. Einrichtungen wie Nalanda belegen, dass auch andere Kulturen hochentwickelte Bildungszentren kannten. Daran besteht kein Zweifel. Der entscheidende Punkt ist jedoch ein anderer. Die Frage lautet nicht, ob es Wissenschaft außerhalb Europas gab, sondern warum gerade in Europa eine dauerhaft selbsttragende Dynamik aus Wissenschaft, Technik, Kapitalbildung, Rechtsstaat und institutionalisierter Selbstkritik entstand. Diese spezifische Kombination lässt sich historisch nicht allein mit Organisationsvorteilen oder einem fehlenden „Markt“ erklären.
Dass kirchliche Institutionen Träger von Bildung waren, war nicht nur Zufall oder Monopol, sondern Ausdruck eines Weltbildes, das von einer rational geordneten, prinzipiell erkennbaren Welt ausging. Diese Annahme – dass Naturgesetze existieren, die unabhängig von göttlicher Willkür erforschbar sind – war eine zentrale Voraussetzung moderner Naturwissenschaft. Andere Hochkulturen verfügten über Wissen, entwickelten daraus jedoch keine sich selbst korrigierende Wissenschaft im modernen Sinn.
Der Hinweis auf den langen Zeitraum religiösen Machtmissbrauchs ist berechtigt, greift aber zu kurz. Dass das Christentum politisch instrumentalisiert wurde, erklärt Herrschaftspraxis, nicht seine geistigen Langzeitwirkungen. Konzepte wie persönliches Gewissen, individuelle Verantwortung, die Trennung von Gott und Welt sowie die Begrenzung weltlicher Macht sind innerchristliche Entwicklungen, aus denen später Aufklärung und Rechtsstaat hervorgingen. Problematische aktuelle Positionen einzelner Kirchen sind real und kritikwürdig. Sie widerlegen jedoch keine historischen Zusammenhänge, sondern zeigen vielmehr, dass religiöse Traditionen kulturell unterschiedlich ausgelegt werden.
Mein These ist, dass die moderne europäische Welt ohne das christliche Denk- und Institutionsgefüge historisch kaum plausibel erklärbar ist.
@ Gregor Waldersee. Sie haben den Sinn meines Kommentars nicht begriffen. Christus sagt: „Wenn dich einer auf die rechte Backe schlägt, dann halte ihm auch die andere hin.“ Hätte sich Europa genau an die Lehren des Christus gehalten, dann hätte es Europa nie gegeben. Von allen Weltreligionen klaffen beim Christentum Anspruch und Realität am weitesten auseinander. Die Folge ist eine massive, institutionalisierte Heuchelei. ++ Das Abendland beruht m.E. hauptsächlich auf der Zivilisation des römischen Reichs (ebenso wie die Kirche selbst). All das, was sie beschreiben, hat seine Wurzeln in der Antike und im römischen Reich. Was Sie als Christentum beschreiben, ist die Anpassung einer realitätsfremden Lehre an die Realität, und zwar durch Übernahme antiker und römischer Ideen und Institutionen, z.B. das berühmte römische Recht. ++ Ihre Einlassungen zu Wissenschaft und Technik sind falsch. Die Kirche hat viele Jahrhunderte lang Wissenschaft und Technik blockiert. Die Aufklärung hat sowohl gegen einen parasitären Feudaladel als auch gegen einen genauso parasitären Klerus gekämpft. Ein Klerus, der Jahrhunderte lang die Bauen und Bürger durch Hokuspokus und durch Heuchelei ausgebeutet hat. Auf das Konto der christlichen Kirche gehen tausende Häretiker, die bei lebendigem Leib abgefackelt wurden. Zum Beispiel der geniale Giordano Bruno, dessen Erkenntnisse bereits um 1600 die Theologie zum Einsturz gebracht hätten (100 Jahre später ist es dann auch so gekommen). Und auf das Konto des christlichen Abendlandes gehen 60.000 Verbrennungen von angeblichen Hexen. (Fairerweise muss man konstatieren, dass der Vatikan die Hexenverfolgung abgelehnt hat – aber er hat auch nichts dagegen unternommen).
@gregor waldersee: Sie unterliegen – wie viele – der geradezu egozentrischen, christlichen Weltsicht. Natürlich standen viele Universitäten, Bildungs- und Forschungseinrichtungen in einem engen Zusammenhang mit christlichen Insitutionen. Das lag aber eher daran, dass es auf dem „europäischen Markt“ gar keinen anderen Anbieter gab. Darüber hinaus gehören religiöse Institutionen i.d.R. in allen Kulturen zu denjenigen Gruppierungen, die tendenziell besser organisiert und strukturiert sind. Und nicht zuletzt waren es lange Zeit vorrangig Angehörige der Institution Kirche, die überhaupt lesen und schreiben konnten. Auch andere Kulturen verfügten schon viele Jahre vorher über Universitäten, Forschungsstätten und ähnliche „Bildungsmagneten“ – Nalanda in Indien, um nur ein Beispiel zu nennen. Wissenschaft ist kein Alleinstellungsmerkmal des Christentums. Die Aufklärung ist – historisch gesehen – noch relativ jung. Der Zeitraum in dem der christliche Glaube sich als Machtinstrument missbrauchen liess, ist deutlich länger als seine derzeit eher befriedende Periode. Dabei sollten wir uns auch nicht vom lammfrommen Erscheinungsbild des europäischen Christentums täuschen lassen: In Äthiopien beispielsweise versucht die katholische Kirche gemeinsam mit anderen Glaubensgemeinschaften, Homosexualität per Verfassung verbieten zu lassen.
Zum einen gratuliere ich Achgut zu den zwei hervorragenden Artikeln in Folge (gestern und heute). Zum anderen erinnere ich an die fundamentale Idee des genialen Biologen und Philosophen Helmuth Plessner, dass die Lebewesen sich von den toten Gegenständen dadurch unterscheiden, dass die Lebewesen eine GRENZE haben. Ein Stein im Wasser hat keine Grenze, seine Krystallstruktur endet einfach mal, und da beginnt das Wasser. Alles Lebendige hat dagegen spezielle Grenzstrukturen: Zellmembrane, Haut usw. Ohne Grenze kein Leben. Viren haben zwar keine eigenen Grenzen, existieren aber nur in den Wirtzellen, die Grenzen haben. Plessners Idee wurde später von mehreren Naturwissenschaftlern weiterentwickelt, von Schrödinger bis Scott Jordan und Robert Rosen. Lange Rede, kurzer Sinn: Ein (Über)Leben ohne effiziente Grenzstrukturen ist unmöglich.