Warum die Vorstellung vom genuin Bösen aus unserer Welt verschwunden ist, jedenfalls vom Radar der alles erklärenden Meinungs-, Verständnis- und Therapieeliten, hat ein langjähriger Beobachter von zivilen und militärischen Metzeleien, der Schweizer Reporter Eugen Sorg, in einem Buch zu erklären versucht. Er gibt ausgerechnet einer selig gesprochenen Epoche der Geschichte, der Aufklärung, eine Mitschuld daran. Auszug: „Eine Feier der schwarzen Lust am Bösen fand 1994 auch im afrikanischen Ruanda statt. Zwei Jahre nach Erscheinen von Fukuyamas Bestseller machte sich der Mehrheitsstamm der Hutu in einer eigenen, monströsen Interpretation vom Ende der Geschichte daran, das Volk der Tutsi auszulöschen.
Hutu und Tutsi haben dieselbe Sprache, dieselbe Religion, dieselben Bräuche, und Ruanda galt damals als die Schweiz Afrikas, ein kleines Land mit fleißigen Leuten, relativ wohlhabend, verhältnismäßig wenig korrupt, seit kurzem auf Druck des Westens ein Mehrparteienstaat. Die Verwandlung von braven Ackerbauern, Krämerladenbesitzern, Schulinspektoren, Pfarrern in Massenmörder geschah schnell und reibungslos. In drei Monaten brachten sie gegen eine Million Tutsi um. Sie töteten sie einzeln, meist mit einer Machete, manchmal mit einer Axt oder Keule. Leute mit Flair für Statistik haben vorgerechnet, dass es der effizienteste Genozid der Geschichte war, mit einer höheren Tötungskadenz als der hoch entwickelte Nazistaat mit seiner elaborierten Bürokratie, seinem Eisenbahnnetz, seinen Maschinengewehren und Gaskammern.“
Eugen Sorg: Die Lust am Bösen. Warum Gewalt nicht heilbar ist. Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag, München.
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