Vera Lengsfeld / 13.09.2020 / 11:00 / 3 / Seite ausdrucken

Eugen Onegin als Kammerspiel

Die Corona-Schutzmaßnahmen haben die Kulturlandschaft unter immensen Druck gesetzt. War es schon zu wirtschaftlichen Boomzeiten schwierig, die zahlreichen wunderbaren Kulturstätten zu finanzieren, sieht die Perspektive in Angesicht der zu erwartenden wirtschaftlichen Pleitewelle und der damit verbundenen Steuermindereinnahmen erst recht düster aus. Bereits jetzt müssen besonders die freischaffenden Künstler erhebliche Mindereinnahmen hinnehmen, die nur unzureichend mit den Corona-Hilfen ausgeglichen werden können.

Eher früher als später wird sich wieder die Frage stellen, welches Theater überleben kann. Da haben nur die kreativsten eine Chance. In dieser Situation ist Intendant Daniel Klajner für das Theater Nordhausen / Lohorchester Sondershausen ein Glücksfall. Bereits im Sommer hat Klajner mit der Erfindung der Schlossfestspiele in Heringen unter Beweis gestellt, dass er Herausforderungen souverän meistern kann. Die verschiedenen Galaabende haben nicht nur das Publikum erfreut, sondern vor allem die Potenziale von Theater und Orchester unter Beweis gestellt. Nordhausen verfügt über bemerkenswerte junge Stimmen, die von einem guten Orchester wirkungsvoll unterstützt werden.

Mit Beginn der Theatersaison werfen die geforderten Hygienemaßnahmen besondere Probleme auf. Nicht nur das Publikum im Saal ist beschränkt, sondern auch auf der Bühne müssen die Corona-Vorschriften beachtet werden. Kein Gedanke, ein Orchester aufspielen zu lassen. Wie kann man da eine Oper aufführen? Klajner hat mit seiner Inszenierung des Tschaikowski-Werkes „Eugen Onegin“ eine geniale Lösung gefunden. Genial deshalb, weil man dem Stück keine Sekunde anmerkt, dass es aus einer Notsituation heraus entwickelt wurde. 

Sicher hat geholfen, dass Tschaikowski selbst nicht von einer Oper sprechen wollte, sondern von „Lyrischen Szenen“ nach dem Versroman von Alexander Puschkin. Aber in den klassischen Inszenierungen gibt es Massenszenen und die volle Orchesterbesetzung. Klajner hat das Orchester durch ein Klavier vertreten lassen, was von der Pianistin Yougrang Kim bravourös gemeistert wurde. Nur an wenigen Stellen kam es per Band zu Gehör. Die Handlung wird vom Erzähler Puschkin vorangetrieben. Sven Mattkes größte Leistung ist dabei, dass seine Darstellung vergessen lässt, dass Puschkin unverständlicherweise als trunksüchtiger Clochard kostümiert wurde.

Alltagsdramen statt Heldengeschichten

Schon der Vorhang, ein russischer Birkenwald, stimmt auf den Stoff ein. Vor dieser Kulisse beginnt das Drama, das als literarischer Stoff Geschichte gemacht hat. Ausgerechnet der Enkel eines schwarzen Generals, der als Sklave Peters des Großen nach Russland kam und als Generalmajor und Gouverneur von Estland endete, begründete die russische Romanliteratur, indem er in seinem Versroman die Umgangssprache in die Literatur einführte und die bis dahin herrschende französische Literatursprache durch die russische ablöste. Außerdem beschrieb Puschkin Alltagsdramen statt Heldengeschichten.

Es geht ihm nicht um große gesellschaftliche Fragen oder Konflikte, sondern um die ganz persönlichen Dramen, die sich zwischen Menschen abspielen, solange es die Menschheit gibt. Genau das faszinierte Tschaikowski, nachdem er von einer Sängerin auf Puschkins Epos hingewiesen wurde. Er schrieb an einen Komponistenfreund: „Die Gefühle einer ägyptischen Prinzessin, eines Pharaos, eines verrückten Mörders… verstehe ich nicht… Ich suche ein intimes, aber starkes Drama, das auf Konflikten beruht, die ich selber erfahren oder gesehen habe…“ Wie nahe der Stoff den Erlebnissen des Komponisten kam, wird eine Rolle bei seiner Entscheidung gespielt haben, aus Puschkins Vorlage ein musikalisches Ereignis zu machen.

Klajner lässt das Drama vor drei wunderschönen Bühnenbildern abspielen. Der erste Akt, in dem der dichtende Nachbar Lenski, der in die ältere Tochter der Gutsherrin Larina verliebt ist, Onegin der Familie vorstellt, ist in dezentes royal-green getaucht. Tatjana, die verträumte zweite Tochter der Larina, die mehr ins Buch als ins Leben blickt, ist vom Lebemann Onegin sofort fasziniert. Sie lässt sich von seiner eleganten Fassade und seinem kalten Charme blenden. Schon hier wird klar, welche darstellerische Leistung Klajner aus seinen Sängern herausgeholt hat. Amelie Petrich als Tatjana im zartblauen Kleid ist eine umwerfende Unschuld vom Lande, die leichstsinnige Olga in Knallrot das ganze Gegenteil. Während Kyounghan Seo als Lenski Olga in einer leidenschaftlichen Arie anschmachtet, umkreist Philipp Franke als Onegin Tatjana wie die Katze die Maus. Für diese Leistung gab es den ersten verdienten Szenenapplaus, dem noch viele folgten.

Tatsächlich erlebt, was er in Musik umgesetzt hat

Petrich steigert sich noch in der nächtlichen Briefszene, die in leuchtendes Dunkelblau getaucht ist, das einen tollen Kontrast zum Unschuldsweiß von Tajanas Nachtgewand bildet. Wie sie am Tisch sitzt und Onegin in einem Brief ihre Liebe gesteht, ist so anrührend wie ihre Arie. Die spätere Begegnung mit Onegin, der sie abweist, spielt sich wie auf einer Nebenbühne ab. 

Auch Tschaikowski hat, wie Onegin, einen überraschenden Brief einer verliebten Frau erhalten, sie aber, anders als Onegin, nicht abgewiesen, sondern sie geheiratet, aber gleich nach der Trauung festgestellt, dass er seine Frau nicht nur nicht lieben kann, sondern sie sogar verabscheut. Er hat also tatsächlich erlebt, was er hier in Musik umgesetzt hat. 

Ein wirksames Mittel Klajners ist, manche Szenen wie die lebenden Bilder zu inszenieren, die zu Goethes Zeiten en vouge waren, oder sie erst hinter einem Schleier zu entrücken, der dann gelüftet wird. Das gibt dem Ganzen einen Schwung, der davon ablenkt, mit wie wenig Kulisse das Stück auskommen muss. Die Ballszenen – davon gibt es mehrere – werden im ersten Fall durch tanzende Birken dargestellt, während im zweiten Fall Puschkin erzählt, wie Onegin auf dem Ball im Hause Larina, an dem natürlich auch Tatjana teilnimmt, ihre Schwester Olga hofiert und damit Lenski in den Wahnsinn treibt. Wer muss dabei nicht daran denken, dass Puschkin hier sein eigenes Schicksal beschrieben hat? In Petersburg machte ein französischer Lebemann, der mit ihrer Schwester verlobt war, Puschkins Frau Natalia Avancen. Wie Lenski forderte der eifersüchtige Puschkin den Galan zum Duell. Wie Lenski starb Puschkin an den Folgen der Schießerei.

Die Bühne dreht sich, um das Gefühlschaos noch deutlicher zu machen

In Nordhausen spielt sich die gespenstische Szene im Birkenwald ab. Lenski wartet auf Onegin, der verschlafen hat und zu spät kommt. Er ahnt seinen Tod voraus. Nach der ergreifenden Arie gibt der Erzähler Lenski die Pistole. Onegin tritt auf. Die Irrungen und Wirrungen der beiden Männer machte Tschaikowski deutlich, indem er einen Kanon komponierte. Im Duett von Lenski und Onegin singen beide dieselbe Melodie, aber nicht mit- sondern hintereinander. Die Bühne dreht sich, um das Gefühlschaos noch deutlicher zu machen. Puschkin hat sich in seinem Roman über Lenski, der sich nicht aus seinen Konventionen lösen kann, lustig gemacht und hat am Ende dennoch wie Lenski gehandelt. 

Fjodor Dostojewski schrieb, Onegin hätte Lenski aus Langeweile getötet. Wie so oft, behalten die Kaltherzigen die Oberhand.

Der finale Akt ist ganz in Rot getaucht. Tatjana, inzwischen durch Heirat mit einem älteren Fürsten eine Dame der höchsten Gesellschaft in Moskau, ist in dramatisches Rot gewandet. Onegin nach längerer Irrfahrt durch Europa nach Russland zurückgekehrt, begegnet ihr auf einem Ball. Er verliebt sich in die gereifte Frau und bedrängt sie, mit ihm zu gehen. Sie, obwohl immer noch verliebt in ihn, bemerkt aber richtig, dass er wohl mehr verliebt in ihre neue gesellschaftlich Stellung als in sie ist und weist ihn ab. In dieser Szene beweisen Petrich und Franke ihr ganzes Können. 

Der Schlussapplaus des ausgedünnten Publikums im Saal ist so stürmisch und anhaltend, als wäre das Theater voll. Es bleibt nur der Wunsch offen, dass bald wieder vor ausverkauftem Haus gespielt werden kann.

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Leserpost

netiquette:

R. Nicolaisen / 13.09.2020

Gut, daß zumindest Sie immer wieder darauf hinweisen, daß es in diesem Lande ( noch) Kultur gibt.\\ “Corona-Schutzmaßnahmen”? Nennen Sie doch, was es ist: Terror. \\ Ihnen ist hoffentlich auch klar, daß die große Mehrzahl der “Kulturschaffenden” von linksistisch-grünistischer Gesinnung ist, ganz im Gegensatz zu ihrem Publikum. Insofern hält sich mein Mitgefühl durchaus in Grenzen, auch und gerade, weil ich ein “Kultursäufer” bin.\\  nb:  Es ist eine Tatjana-Oper. nb2: Daß Tschaikowskij seine Angetraute verabscheute, war zutiefst ungerecht,  war er doch ein uneingestandener Schwulibert.

Karsten Dörre / 13.09.2020

In der DDR-Rockmusik waren die Texte wegen den staatlich verordneten Einschränkungen weitestgehend derart fachmännisch zweideutig, dass die Musiktexte bildend und horizonterweiternd waren, sofern man sich auf diese zeitgenössische Musik einließ und nicht von vornherein ablehnte, weil angeblich systemtreu (musikalisch blieb es Geschmackssache, ob Art-Rock viele Gehöreingänge findet). Sicherlich schaffen Mangel und Einschränkungen Kreativität, sofern mit den Regeln konform. Instrumente und Musiker zur Verfügung, aber diese nicht spielen, weil man sich vielleicht (oder auch nicht) mit einem beliebigen Virus oder Krankheitssymptomen anstecken könne, empfinde ich als noch katastrophaler als ideologisch, motivierte Einschränkungen. Ich weiß, dass Frau Lengsfeld hier lediglich eine Theateraufführung rezensiert und mich ins Alter kommenden Mann auf Theater schmackhaft macht. Das staatlich verordnete Drumherum dieser Theateraufführung schreckt trotz der gelungenen Kreativität des Intendanten ab.

Stefan Riedel / 13.09.2020

“...Ausgerechnet der Enkel eines schwarzen Generals, der als Sklave Peters des Großen nach Russland kam und als Generalmajor und Gouverneur von Estland endete,...”. Black Lives matter! (nicht erst seit gestern).

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