Gideon Böss (Archiv) / 22.04.2016 / 06:25 / Foto: Alf van Beem / 9 / Seite ausdrucken

Etwas Gutes über Heiko Maas: Er wäre ein toller Geheimagent

Ich kann mir Heiko Maas schon sehr gut als so etwas wie die deutsche Sparversion von James Bond vorstellen. Er macht ebenfalls eine gute Figur in Anzügen und ist dafür ja sogar ausgezeichnet worden. Und er behält auch in unangenehmen Situationen die Nerven. Zwar kommt es bei ihm nicht vor, dass muskelbepackte Globalschurken ihn töten wollen, während er an Tische oder Stühle gefesselt ist, aber immerhin wurde sein Pressesprecher von Anne Will mal in einer laufenden Sendung ermahnt, nun doch bitte mit diesem jubelperserhaften Applaus aufzuhören, kaum dass sein Chef einen Satz zu Ende gesprochen hat. Maas überlächelte die eigentlich furchtbar peinliche Situation ganz cool. Das hatte Stil.

James Bond rettet die Welt, das ist klar. Also wird Heiko Maas dafür nicht mehr gebraucht und wäre die Schrumpfversion dieses Helden, der sich eben eine Nummer kleiner erst um das Saarland und dann ganz Deutschland kümmert. Aber er ist eben nicht im Dienste ihre Majestät unterwegs, sondern vereidigter Justizminister unter Angela Merkel. Und den Job interpretiert er sehr eigen. Nach den islamistischen Anschlägen in Paris stellte er erst einmal – wie es jeder gute Jurist tun würde – fest, dass der Islam mit diesen Blutbädern schon mal nichts zu tun hat, bevor er dann, nach dieser Einschränkung, darum bat, die Ergebnisse der Untersuchungen abzuwarten. In der Zwischenzeit besuchte er aus Solidarität eine Moschee, obwohl die Anwesenheit in einer Synagoge irgendwie naheliegender gewesen wäre, schließlich galt einer der Terroranschläge gezielt einem jüdischen Lebensmittelladen.

Ein Meister der Ersatzhandlungen

Maas tat sich auch sehr dabei hervor, die zornigen Mauerverlierer von Pegida durch rhetorische Großattacken wichtiger zu machen als sie es sind. Auch die AfD griff er auf eine Art an, wie sie einem SPD-Generalsekretär zusteht, aber eigentlich nicht dem Justizminister. Wobei das alles entschuldigt ist, schließlich handelte es sich bei den zum Teil mehrmals wöchentlich abgefeuerten Salven in die Pegida-AfD-Richtung ja auch um Ersatzhandlungen. Denn eigentlich hätte er die ganze Zeit über guten Grund gehabt, auch mal ein kritisches Wort an seine Chefin zu richten, die in ihrem wilden Herbst 2015 nicht mehr so viel Wert auf Gesetze und Paragrafen legte, wenn diese ihr im Weg standen. Justizminister Maas gelang die erstaunliche Leistung, Merkels hütchenspielereihaftes Verhältnis zu Recht und Gesetz kein einziges Mal kritisch anzusprechen.

Und nun hat er ein neues Projekt und will, auch als Reaktion auf die sexuellen Übergriffe von Köln, sexistische Werbung verbieten lassen. Dieser Plan erinnert an die Vorstöße, „Killerspiele“ vom Markt zu nehmen, um damit auf Amokläufe an deutschen Schulen zu reagieren. Dabei waren „Killerspiele“ nie ein Puzzleteil dessen, was Schüler zu Killern machte. Das wusste man damals, das weiß man heute, aber es war halt so verlockend, die „Killerspiele“ zu dämonisieren. Das klang gut, das klang beruhigend.

Ein paar Jahre später nun sind die Killerspiele von sexualisierter Werbung abgelöst worden. Also Werbung, die versucht, mit lasziver Menschenhaut (fast immer weiblicher) Aufmerksamkeit zu erzeugen. Maas findet nun, dass Übergriffe wie in Köln offenbar etwas mit freizügigen Frauen in Bierwerbung zu tun haben. Dass also Frauen eher Opfer sexueller Übergriffe werden, umso mehr Oben-ohne-Werbung es gibt. Eigentlich spricht exakt alles gegen diese Annahme, aber das stört Maas nicht.

Sexualisierte Werbung löste die Killerspiele ab

Die heutigen westlichen Gesellschaften haben einen Grad an Gleichberechtigung erreicht, der beispiellos in der Geschichte ist. Und das nicht trotz, sondern auch wegen der Möglichkeit, solche Werbung zu schalten. Männer und Frauen können heute auf eine Weise offen und unverkrampft miteinander umgehen, wie es das noch nie gab. Und wenn man bedenkt, dass noch vor wenigen Jahrzehnten ein nackter Frauenfuß im Film für eine Empörung sorgte, die Böhmermann nicht einmal dann ausgelöst hätte, wenn er sein Gedicht direkt im türkischen Parlament vorgetragen hätte, wird klar, wie viel entspannter heute das Verhältnis zwischen Mann und Frau und zum Körper ist.

Dass die Gleichberechtigung hier so weit fortgeschritten ist (was nicht weniger wahr wird trotz der Hürden, die noch zu nehmen sind), liegt eben auch an einem hedonistisch-freiheitlichen Fundament, auf dem die westliche Lebensweise aufbaut. Wer nun so tut, als sei gerade diese Schuld an Übergriffen wie in Köln, versucht sich in alter Killerspiel-Logik an einem leichten Gegner abzuarbeiten. Sexualisierte Werbung ist ein leichter Gegner, weil es ja stimmt, dass uns nichts fehlen würde, wenn die Frauen (und Männer, sie werden sehr langsam mehr) in expliziter Werbung etwas weniger explizit zu sehen wären. Aber darum geht es gar nicht. Wir könnten auf sehr viele Dinge verzichten, ohne dass es uns deswegen schlechter gehen würde. Na und? Was ist das für eine willkürlich-absurde Entsagungslogik?

Wenn sexualisierte Werbung wirklich dafür sorgen würde, dass Männer gegenüber Frauen übergriffiger werden, müsste das im Umkehrschluss bedeuten, dass in besonders „sittsamen“ Ländern die Frauen das große Los gezogen haben. Das kann man jetzt beispielsweise für den Iran oder für Saudi-Arabien wirklich nur behaupten, wenn man Argumente für die eigene Entmündigung sammeln will.

Die Opfer von Köln werden für eine Agenda missbraucht

Sexualisierte Werbung sorgt nicht für mehr Übergriffe. Man kann natürlich trotzdem gegen sie sein, so wie man gegen alles sein kann. Und man kann sich fragen, ob so eine Art von Werbung wirklich sein muss. Aber dieser Art Werbung eine Mitverantwortung für die Silvesterübergriffe zu geben, ist ganz offensichtlich falsch. Und wer diesen Bezug trotzdem herstellt, als Politiker oder Lobbygruppe, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, die Opfer für seine eigene politische Agenda zu missbrauchen.

Ansonsten ist diese Tugendwächter-Kampagne auch deswegen abzulehnen, weil eine Gesellschaft von sich aus Lösungen entwickeln kann. Wenn ein Unternehmen auf plumpe Art mit nackter Haut wirbt, gibt es nämlich eine ganz wunderbare Möglichkeit für mündige Bürger, ihr Missfallen auszudrücken: anderswo einkaufen!

Schade, dass Heiko Maas als Politiker nicht so souverän auftritt, wie als Herzensbrecher auf dem Berliner Promiparkett. Seine Auftritte mit „der Neuen“ meistert er jedenfalls sehr lässig. Wie gesagt, er ist so ein wenig ein Mehrzweckhallen-James Bond. Aber das ist ja auch immer noch was. Mal sehen, was er nach seiner Politikerlaufbahn macht. Die Tür zur Filmwelt ist ja nun offen, dank der neuen Frau an seiner Seite.

Gideon Böss hat gerade sein Buch “Deutschland, deine Götter” fertiggestellt. Wofür er ein Jahr lang zwischen Nordsee und Alpen unterwegs war, um Kirchen, Tempel und Hexenhäuser zu besuchen.

Foto: Alf van Beem CC0 via Wikimedia Commons

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Leserpost

netiquette:

Petra Moldenhauer / 23.04.2016

“Wenn sexualisierte Werbung wirklich dafür sorgen würde, dass Männer gegenüber Frauen übergriffiger werden, müsste das im Umkehrschluss bedeuten, dass in besonders „sittsamen“ Ländern die Frauen das große Los gezogen haben.”- böss, sehr böss, werter Herr Böss! Soviel Intelligenz in einem Satz dulden wir hier nicht!

Otto Kahr / 22.04.2016

Es ist ja noch schlimmer: Indem man sexistische Werbung für die kölner Übergriffe verantwortlich macht, entschuldigt man die Täter und enthebt sie der Verantwortung, die sie eigentlich zu tragen hätten.

Karla Kuhn / 22.04.2016

Ich werde froh sein, wenn ich den Namen Maas nach der Wahl 2017 nicht mehr hören und lesen muß. Im Filmgeschäft der heutigen Zeit wird er ganz bestimmt nicht unterkommen. Welche Rolle soll er denn spielen? Als Geheimagent ist er nicht geschmeidig genug. Die James Bond der früheren Zeit waren echte Herzensbrecher, richtige Schmankerl. Wenn Frau Wörner Freude an ihm hat, soll sie die Zeit genießen. Ich kann sie zwar nicht verstehen aber wo die Liebe hinfällt…..

Thomas Bonin / 22.04.2016

Glänzender ;-) Text, lieber Herr Böss. Falls Sie aber ein Update (an künftigen Gelegenheiten dürfte es nicht mangeln) bezüglich dieser Personalie beabsichtigen, sollten noch strittige Punkte bis zur abschließenden Verkündung des Straf-Maas(es) geklärt sein: Erstens. Heiko Maas mit James Bond vergleichen zu wollen (nicht mal nicht hinsichtlich der Maas-Anzüge) birgt die Gefahr einer Anklage wegen Majestätsbeleidigung aus UK in sich; immerhin hat die Queen höchstselbst jene berühmte Lizenz ihrem Untertan Bond ausgestellt. Zweitens. Während Bond (auf Null-Toleranz-Basis) für die Verteidigung der westlichen Ideale auf deren Feinde losgelassen wird, kokettiert der gute Heiko eher mit der Inkorporation nahöstlicher Rechtsauffassungen. Drittens. Bond ist Außendienstmitarbeiter, beileibe kein Schreibtisch-Beamter. Rein technisch betrachtet, wäre der Vergleich mit Bonds Einsatzleiter/In (“M”) passender gewesen (wenngleich weder charakterlich noch intellektuell). Viertens. James Bond ist obendrein dienstlich wie privat Womanizer in Person. Kaum vorstellbar, dass er sich von irgendeinem Moralwächter vordiktieren lassen würde, ob und welche Darstellungen weiblicher Motive als halal gelten. Schlussendlich, ganz privat und außerhalb des Protokolls: Ich fände es prima, wenn HM nach Beendigung seiner politisch-korrekten Laufbahn (hoffentlich bald) als Dressman noch mal richtig durchstarten kann. Allerdings nur unter der Bedingung, dass er sich von seinem Typ-Berater trennt. Vornehmlich sein aktuelles Brillengestell erinnert unglücklicherweise ausgerechnet an einen national-deutschen Fachmann für “Logistik”, dessen Leben am 1. Juno 1962 außer Landes ein jähes Ende fand.   

Rainer Grell / 22.04.2016

Lieber Gideon Böss, von Ralph Giordano stammt die Erkenntnis: “Deutschland ist ein Land, das sich um seine Täter sorgt”. Heiko Maas gehört zweifellos zu Deutschland. Deshalb besuchte er nach den Anschlägen von Paris eine Moschee und nicht etwa eine Synagoge. Dafür waren die ermordeten Juden noch nicht lange genug tot. Alles klar? Herzlichst Ihr Rainer Grell

Stefan Ziegler / 22.04.2016

Tja. Was eine neue junge Liebe so alles bewirken kann.  Deutschlands Schauspieler halten sich ja schon immer berufen, zu politischen Themen ihre eigene Sicht zu publizieren. Wer den den Einfluss der besoffenen, verliebten Glückshormone auf das sachliche Denkvermögen kennt weiss: jetzt kann die Neue direkt Einfluss auf, völlig schwachsinnige, Gesetzesvorlagen nehmen. Wahnsinn!!

Ralf Schmode / 22.04.2016

“Aber dieser Art Werbung eine Mitverantwortung für die Silvesterübergriffe zu geben, ist ganz offensichtlich falsch. Und wer diesen Bezug trotzdem herstellt, als Politiker oder Lobbygruppe, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, die Opfer für seine eigene politische Agenda zu missbrauchen.” Sehr geehrter Herr Böss, so weit, so richtig. Aber es kommt ja noch viel “besser”: Dass Herr Maas mit seinem Vorhaben die Opfer des Kölner Sexmobs instrumentalisiert und damit ein weiteres Mal, wenn auch auf einer ganz anderen Ebene, missbraucht, ist schon widerwärtig genug. Aber er setzt noch einen drauf, indem er Gesetzesänderungen betreibt, die leicht durchschaubar den Sinn haben, den Anhängern der Religion, der die Täter von Köln mehrheitlich angehörten und deren Frauenbild die Silvesterübergriffe überhaupt erst möglich machte, devot zu Diensten zu sein und damit die freie Entfaltung der Anders- oder Nichtgläubigen zugunsten dieses immer aggressiver fordernden Klientels mehr und mehr einzuschränken. Man muss weit zurückdenken, um einen deutschen Politiker zu finden, der, um seine Agenda durchzupeitschen, dermaßen schamlos auf den Freiheiten und Grundrechten der Bürger herumgetrampelt ist und dabei noch die Stirn hatte, sich als Demokrat zu bezeichnen. Man wird fündig, aber, dies als kleiner Tip, nicht in der Geschichte der Bundesrepublik ab 1945.

Emmanuel Pracht / 22.04.2016

Ganz leise, fast nicht hör und sichtbar wird die Scharia in Buntland, vornweg NRW (Neu Religiöser Westen) von der S(charia) P(artei) D(euschland) eingeführt. Aber Gott sei Dank sind da ja noch die ehemaligen Ökos, die Melonenpartei (außen grün, innen rot), die mit ihren Dildoköfferchen durch die KITAS tingeln, um einen Kontrapunkt zu setzen! Und fast vergessen hätte ich die BreitBuntnisDeutsche “Einzeichensetzer”, die lebenden Teelichthalter, die überall aufgestellt werden, um wie die Christen damals im römischen Zirkus die Löwen, heute das DunkelPack wegzusingen. Irgendwann kneift mich meine Frau und es stellt sich alles nur als böser Traum heraus.

Lutz Herzer / 22.04.2016

“Die Tür zur Filmwelt ist ja nun offen, dank der neuen Frau an seiner Seite.” Die Vorbereitungen der Dreharbeiten zu “006 jagt das Bikini-Luder” sind bereits in vollem Gange.

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