Thilo Schneider / 28.04.2018 / 06:25 / Foto: nao-cha / 50 / Seite ausdrucken

Essen für den Weltfrieden  

Da hänge ich gerade gemütlich in der Mittagspause herum, als mich die beste aller Frauen anwhatsappt, ob ich mit Ihr „Mittag machen“ will. Und weil ich mich ja sehr freue, wenn sie Zeit hat und weil ich mit ihr lieber Mittag als Babys mache, antworte ich mit „ja“. Und keine fünf Minuten später steht sie vor mir und fragt mich, wohin ich möchte. „Malediven“ wäre zwar die korrekte Antwort, aber das schaffen wir nicht in 60 Minuten. Und weil Malediven nicht geht, sage ich „Malediven geht nicht, deswegen weiß ich es nicht. Wo willst Du hin?“ „Da am Eck hat ein Bioladen aufgemacht, das könnten wir mal probieren.“ Und, um es mir  schmackhaft zu machen, was bei einem Bio-Laden per se nicht einfach ist, fügt sie ein „man kann da auch draußen sitzen“ hinzu.

„Draußen sitzen“ ist gut, denn es ist ein warmer Frühlingstag, die Vögel singen, ich könnte nach dem Essen rauchen und außerdem ist die Aussicht auf den Parkplatz vom Aldi während des Essens einfach idyllisch. Vielleicht würden wir ja sogar einen Parkrempler sehen. Außerdem soll ich ja nicht alt und dafür offen sein und beim Edeka würde ich sowieso nur ein ungesundes Leberkäsbrötchen essen und mir eine Cola-Aspartam ’reinziehen. Warum also nicht einmal im gesunden Bio-Laden essen?

Die korrekte Antwort lautet: Weil Bio-Läden Feindesland sind. Wie die Unterwäscheabteilung von Hunkemöller. Oder der Bike-Shop. Oder ein Orion-Laden. Ich scheue aus innerer Überzeugung vor allem zurück, was auch nur im Entferntesten etwas mit Pornographie oder „Nachhaltigkeit“ zu tun hat. Für mich hat beides etwas exhibitionistisches. Eine Art „schaut her, wie ekelhaft tolerant und weltoffen ich bin“. Bin ich ja eigentlich nicht. Also tolerant und weltoffen. Ekelhaft schon. Eigentlich würde ich nämlich jetzt gerne und lieber zu McDonalds. Aber dann wird morgen auf der Waage wieder viel geweint und ich will doch zeigen, wie tolerant und weltoffen ich bin. Ich habe eine Tarnung aufrecht zu erhalten.

Das Buffet einer Wahlparty der Grünen

Und so finden wir uns keine fünf Minuten später vor der Mittagstheke vom Bioladen wieder. Die Auswahl ist riesig: Es gibt Karotten-Spinat-Quiche (ohne Gluten), Kichererbsen-Mais-Stückchen (ohne Gene), Dinkel-AloeVera-Hörnchen (ohne Allergene), Petersilie-Knoblauch-Dressing (ohne Salat), Avocado-Gries-Falafelbällchen (ohne Spaß) und eine etwas vertrocknet wirkende Bioladenbäckerin (ohne Nüsse und gute Laune).

Es gibt nur nicht etwas, was mir irgendwie im Entferntesten schmecken könnte. Die komplette Auswahl klingt nach dem übrig gebliebenen Buffett einer vorzeitig und zu Recht verlassenen Wahlparty der Grünen. Eigentlich fehlt mir nur noch ein Transparent über der Theke, auf dem in großen Lettern „Ja, das Zeug schmeckt scheiße, aber dafür rettet Ihr die Wale und den Regenwald“ steht. Da ich aber nicht gedenke, meinen ökologischen Fußabdruck durch Verhungern der Erde zu entziehen, entscheide ich mich für eine Rhabarber-Ingwer-Nudelholz-Bretzel mit mehrfach gesegnetem Meersalz aus dem Baikal-See und einen Hafer-Weizenkleie-Ananas-Donut. Dazu als Getränk eine biologische Limonade aus natürlichem Mineralwasser in der Geschmacksverirrung Mango-Holunder-Gurke. Für mein gutes-Gewissen-Essen lege ich schlanke zwölf Euronen auf den Tisch des Reformhauses und suche mir ein schattiges Plätzchen (ohne künstliche Aromen) in der Sonne. 

Meine Traumfrau hat sich irgendetwas grünschimmelig Gefärbtes aus Teig gekauft, einmal ’reingebissen, angewidert geguckt und mich dann gefragt, ob ich probieren will. Will ich nicht. Sie hat es bestellt, sie soll es zur Strafe ganz alleine essen. Ich helfe ihr nicht! So leicht kommt sie mir nicht davon.

Die besinnliche Zeit vor dem ersten Bissen erlaubt es mir, das biologische Publikum in Augenschein zu nehmen. Jetzt, um die Mittagszeit, sind das zwei schlanke Herren im reifen Alter, die so Kasperfahrradanzüge tragen und sich nicht die Mühe gemacht haben, die halben Walnüsschen, die sie als Helm tragen, zum Essen abzunehmen sowie mehrere Damen zwischen 55 und 65 mit „nie-wieder-Sex“-Kurzhaarschnitten, die biologisch einwandfreie und abbaubare silberne Farben haben. Die tragen Kleidung, die selbst KiK peinlich wäre und haben kein Gramm Fett zu viel. Und auch keinen Mann. Typ „emanzipierte Lehrerin für Englisch und Sport“. Genau der Typ Frau, der „meine Pussy gehört mir“ ruft und dem ich als Mann gerne „Genau! Und Ihr dürft sie auch behalten!“ entgegenrufen möchte. Aber ich bin ja total tolerant und rufe nichts entgegen. Sondern beiße in den Bio-Abfall vor mir. 

Wahrer Genuss liegt nämlich im Verzicht!

Sagen wir es so: Ich brauche weder Wale noch Regenwälder. Es schmeckt nach – nichts. Es ist, als würde ich in eine geschmacklose Wolke beißen. Ähnlich wie bei McDonalds, nur ohne den Geschmack von Fleisch, Gurken, Senf, Brot, Salz und Pfeffer und diesem einen Scheibchen traurigen Schmelzkäses. Das Ganze ist eine puristische Offenbarung. Ein Essen, das Haltung und Lebenseinstellung ausdrückt, sofern diese geschmacklos ist.

Ein Essen, das den Zweck der Nahrungsaufnahme auf genau das reduziert. Wahrer Genuss liegt nämlich im Verzicht. In der Reduzierung. Im Bewusstsein, nachhaltig gegessen zu haben. Und die Welt ein wenig besser gemacht zu haben. Mit diesem Zeug habe ich den Großkonzernen eins ausgewischt und das Finanzkapital in die Schranken gewiesen. Und aufgrund der Ballaststoffe werde ich später sogar… aber lassen wir das.

Während die Traumfrau lustlos und geistesabwesend an ihrer biologisch abbaubaren Nahrungssimulation herumbeißt, versuche ich, das Zeug einem streunenden Hund anzudrehen, dessen Herrchen soeben 100 Euro in Dosenpfand in den Aldi geschleppt hat, aber der Hund dreht sich angeekelt weg. Er ist Besseres gewohnt. Ich auch.

So bleibt mir nichts anderes übrig, als das Schaumgummizeug irgendwie mit dem seltsamen Getränk nach unten zu würgen, denn wegwerfen kann ich es nicht, weil dann hungernde afrikanische Kinder böse auf mich sind, und ich gelobe, nie mehr über Asiaten zu lästern, die Hunde, Wale oder rohen Fisch verspeisen. Sie müssen vorher im Bioladen gewesen sein.

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Martina Schalk / 28.04.2018

Vielen Dank für den Artikel, der mich olfaktorisch (ja, der Geruchssinn und Geruchs-Erinnerungen kennen weder Zeit noch Raum) zurück in die 80er Jahre katapultiert hat. Dieser leicht muffige Geruch, unterlegt mit einer Spur Patchoulie und etwas Erdig-Schimmeligem, das vermutlich von den schrumpeligen Äpfelchen und den halbgetrockneten ... Karotten (? so genau war das nicht mehr zu erkennen) ausging. Ich - damals Anfang 30 und Mutter, kaufte dort, nein, nichts essbares, das habe ich dann doch nicht über mich gebracht. Ich kaufte dort Mullwindeln und Wollwindelhosen. Dazu noch Lanolin, flüssig, in kleinen Plastikflaschen. Darin musste frau die Wollwindelhosen ausgiebigst baden und schwenken, damit diese dann undurchlässig für Pipi und andere Flüssigkeiten aus dem Babyverdauungstrackt würden. Korrekt in Lanolin geschwenkte Wollwindelhosen lassen nix nach Außen dringen, alles bleibt dann nämlich fein und schön drinnen - an Babys Popo. Außerdem kaufte ich mir ein gutes Gewissen (biologisch abbaubar vermutlich, denn es ist so völlig verschwunden nach all den Jahren). Meine Kinder hatten also lange Zeit ökologisch-korrekte wunde Popöchen, denn natürlich sind klatschnasse Mullwindeln nicht optimal für zarte Kinderhaut. Letztere musste dann, kinderärztlich verordnet, regelmäßig in Kaliumpermanganat gebadet werden, auf dass sie sich von den ökologisch und biologisch korrekten Windeln wieder erholen möge. Und ich habe damals gebadet und gewaschen, gewaschen, gewaschen: Wollwindelhosen, Babypopos und Mullwindeln. Fand ich total bio und hip und irgendwie gut, weil man so zu einer besonderen Community gehörte, die wallende Gewänder, lila Latzhosen, raspelkurze Haare (die Frauen) oder lange Zotteln (die Männer) trug. Damals war ich halt jung und brauchte das. Geblieben ist die Erinnerung an den Geruch. Wenn ich einen Bioladen sehe, rieche ich es wieder. Dazu muss ich den Laden gar nicht betreten. Will ich auch nicht mehr.

Gabriele Schulze / 28.04.2018

@Simone Robertson: stimmt, mit den Haaren ist das nicht so einfach! Hatte früher eine schöne Matte; beim Älterwerden wurden die Haare am Oberkopf dünner und das Gesicht veränderte sich auch - die Proportionen stimmten nicht mehr. Daher kurz - aber ich gebe mir alle Mühe, daß nicht der frustrerte oder gar “freche” Look dabei herauskommt. Habe auch keinen (kleinen!) Rucksack auf dem Rücken…:). Horror.

Christian Freund / 28.04.2018

Danke Hr. Schneider. Sie geben uns Hoffnung. Christian Freund Koch / Gasthofbetreiber

Leander Holger Hofmann / 28.04.2018

Ja, Herr Schneider, das ist ja nun dumm gelaufen in Ihrer Mittagspause. Ich habe gar nicht gewusst, dass Sie auch einer geregelten Arbeit nachgehen. Vielleicht wäre es doch die bessere Idee gewesen, wenn sie es vorgezogen hätten, mit der besten aller Frauen Babys zu machen. Sozusagen anstatt Bio essen, Bio machen. Dann hätten Sie zumindest anstatt den Regenwald und die Wale Deutschland demographisch gerettet.

Mike Loewe / 28.04.2018

Im Bioladen kann ich per se nichts Ideologisches sehen. Für Gesundheit und besten Genuss kommt es auf die Qualität der Lebensmittel an, möglichst natürlich und ohne Gifte erzeugt sollten sie sein. Deshalb ist Grundvoraussetzung jedes echten Gourmet-Essens unter anderem auch, dass die Zutaten “bio” sind.

Bettina Diehl / 28.04.2018

Kleiner Nachtrag, Herr Schneider. Schlimmer noch als diese grauen Kurzhaarfrisuren der Damen (Kurze Haare können ja auch sexy sein) sind diese langen gekräuselten grauen-melierten Mähnen dieser speziell gekleideten Damen. Und bitte, den Rucksack nicht vergessen. Die brauchen auch immer einen safe-space, wenn sie High-Heels sehen.

Bettina Diehl / 28.04.2018

Einen der besten Thilo Schneiders. Großartig auf den Punkt gebracht. Ich habe den Text gespeichert. Vielen Dank für dieses Highlight

Archi W. Bechlenberg / 28.04.2018

Ich weiß, es ist kindisch und ganz und gar albern und wahrscheinlich auch völlig verbohrt: Ich sehe beim Einkauf von Lebensmitteln stets nach, ob sich darauf ein Biosiegel befindet. Und falls, stelle ich das Produkt wieder weg. Es mag darunter durchaus Genießbares geben, nur hatte ich nie das Glück, derartiges gereicht zu bekommen. Biokekse? Warum nicht gleich Bierdeckel? Biowein? Danke, mein Ösophagus möchte ihn nicht. Seltsame Getränke, die pro Schluck mein Leben um Stunden verlängern? Dann lieber mit Tang und Teer eines anständigen Whiskys auf der Zunge umkippen.  Selbst die aus was-auch-immer-gemachten Köttbullar bei Ikea gehen leichter runter als ihre vegetarische Mutation. Selten, aber nicht selten genug, muss ich bei biogläubischen, zudem noch vegetarischen Freunden essen. Dann stecke ich mir immer ein Streuselbrötchen sowie eine Leberwurst für den Heimweg ein.

Sabine Heinrich / 28.04.2018

Köstlich! Werde aufgrund Ihres Beitrags heute ausnahmsweise den Bioladen in der nahegelegenen Stadt aufsuchen! Nur zum Gucken. O je - wie schaffe ich es dort nur, nicht vor Lachen zu platzen? Übrigens - es gibt auch andere Englisch-/Sportlehrerinnen in diesem Alter - zufällig weiß ich das ganz genau :-)

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