Von Okko tom Brok.
Wer viel im Ausland herumkommt, wird gelegentlich anerkennend oder lobend auf die weltberühmte „German Gemütlichkeit“ angesprochen. Diese Wortschöpfung lässt sich praktisch kaum in andere Sprachen übersetzen. Die französische Wortbedeutung confort vermag wie auch das englische Lehnwort comfort zwar die Behaglichkeit des Begriffsfeldes einzufangen, es fehlt aber das markante „Gemüt“. Unsere schon linguistisch nächsten Verwandten, die Niederländer, zeigen mit ihrem Begriff gezelligheid immerhin ein Bewusstsein dafür, dass Menschen erst in geselliger Runde aufblühen.
Die deutsche Gemütlichkeit betont und steht für eine Haltung, die das Leben bewusst nicht so schwernehmen will, die großen Wert auf eben jene Geselligkeit und Gemeinschaft legt, in der auch ein guter Tropfen nicht verschmäht wird und in der man es sich „einfach gutgehen“ lässt.
Nur eines darf man in solch gemütlichen Runden grundsätzlich nicht: von Politik reden. Die deutsche Gemütlichkeit ist per se un-, oder eher noch apolitisch. Schnell ist man in solchen „gemütlichen“ Runden der „rechte Onkel“, vor dem das links-woke Feuilleton landauf-landab seit Jahren warnt. Sie wollten über Weihnachten vielleicht doch noch einmal über das Corona-Unrecht sprechen? Schlagartig erlosch die gemütliche Stimmung, als hätte man in einem schummrigen Partykeller der 70er Jahre das grelle Neon-Licht eingeschaltet. Wie im Chor bellte man Ihnen schrill den deutschesten aller Sätze entgegen: „Lasst doch endlich die Vergangenheit ruhen!“ Sie hatten am Silvesterabend Zweifel am menschengemachten Klimawandel? Oder Sie fanden nicht, dass Trump die Ursache aller Probleme auf diesem Planeten ist? In allen Fällen folgt und folgte vermutlich eisiges Schweigen in der sonst so „gemütlichen“ Runde.
Dieses Verständnis eines „guten Lebens“ in apolitischer Privatheit und bescheidenem Wohlstand verdankt sich der Epoche des Biedermeier (1815-1848), die die Gemütlichkeit zur Lebensform erhob. Es war keine Zeit der großen Ideen, sondern eher eine der sorgfältig drapierten Sofakissen. Das Biedermeier folgte den napoleonischen Wirren in Europa, die wiederum eine Phase autoritär-restaurativer Politik einleiteten. Es war lieblich, ordentlich, überschaubar – und erstaunlich gedankenarm. Die Außenwelt war von Zensur, Überwachung und sozialer Ungleichheit geprägt; im Inneren hingegen stand das Klavier, dampfte der Kaffee und hing das gerahmte Stillleben. Der Rückzug ins Private wurde zum moralischen Imperativ erhoben: Wer sein Heim pflegte, so die implizite Logik, hatte seine Verpflichtung gegenüber der Welt erfüllt. Denken war gestattet – jedoch in begrenztem Umfang. „Ruhe“ gilt seit damals als „die erste Bürgerpflicht“!
Gemütlichkeit kann trösten, aber sie kann auch sedieren
Diese Haltung manifestiert sich in der Literatur und bildenden Kunst durch liebevolle Detailtreue und subtile Ironie, beispielsweise bei Carl Spitzweg, dessen Figuren häufig mehr mit ihrem Ofen als mit der politischen Gegenwart beschäftigt sind. Diese Haltung ist zwar charmant, doch der Charme hat seinen Preis. Denn wenn Gemütlichkeit zu einer Verarmung des Denkens führt, besteht die Gefahr, dass sie in intellektuelle Lethargie und Denkfaulheit abgleitet. Das Politische erscheint dann nicht mehr als gemeinsame Aufgabe, sondern als Störgeräusch im wohltemperierten Alltag. Gemütlichkeit kann trösten, aber sie kann auch sedieren.
Geht es Ihnen wie mir? Müssen Sie jetzt auch unwillkürlich an das heutige Deutschland denken? An die hedonistischen Appelle, doch bitte die Segnungen unseres ach so reichen Landes nicht aus dem Blick zu verlieren? Die eindringliche Mahnung unseres geschätzten Herrn Bundeskanzlers, doch bitte die Schwarzmalerei einzustellen, für die es doch überhaupt keinen Anlass gebe?
Mitten in diese traute Gemütlichkeit des neo-biedermeierlichen Deutschland platzten schon wenige Tage nach Neujahr die linksterroristischen Anschläge auf die Berliner Stromversorgung, die rund 45.000 Berliner Haushalte tagelang bei Dauerfrost im Dunkeln und ohne Heizung – im wahrsten Sinne des Wortes – „sitzengelassen“ haben.
Man muss diesem neo-biedermeierlichen Deutschland zugutehalten, dass es scheitern kann, ohne dabei sofort ungemütlich zu werden. Während anderswo Staatsversagen zu Protesten, Rücktritten oder wenigstens zu einem kollektiven Stirnrunzeln führt, reagiert man hierzulande mit einer bemerkenswerten Kulturtechnik: Man richtet sich ein. Ein Straßenloch wird nicht mehr repariert, sondern mit Warnschildern versehen, einstürzende Brücken werden nicht zügig erneuert, sondern umfahren. Kurzum: Probleme werden nicht gelöst, sondern möbliert. Ich nenne das: Junk-Biedermeier.
Das Junk-Biedermeier liebt die Haltung, nicht die Handlung
Dieses neue Biedermeier ist kein Rückzug aus Angst, sondern aus Gewohnheit. Man weiß, dass es nicht funktioniert – die Verwaltung nicht, die Digitalisierung nicht, die Infrastruktur nicht, die Bildung schon gar nicht –, aber man weiß auch, dass man darüber reden kann, ohne etwas zu ändern. Man fordert ohne zu handeln. Das ist die eigentliche Meisterleistung. Staatsversagen wird zur Hintergrundtapete, vor der man sich moralisch korrekt empört und praktisch folgenlos beruhigt.
Die Republik lebt im Schonwaschgang. Alles ist Krise, aber nichts ist dringlich. „Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst!“, wie es einst in einem bekannten, Karl Kraus zugeschriebenen Bonmot hieß. Man spricht von „Herausforderungen“, „Transformationsprozessen“ und „komplexen Lagen“ – Begriffe, die zuverlässig signalisieren, dass niemand vorhat, Verantwortung zu übernehmen. Währenddessen flackert im Wohnzimmer das Kerzenlicht der Selbstzufriedenheit: Wir meinen es ja gut. Und wer es gut meint, so scheint es, darf schlecht handeln.
Das Junk-Biedermeier liebt die Haltung, nicht die Handlung. Es ist eine Epoche der Gesinnungsästhetik. Man weiß, was man denken müsste, und hält dies bereits für eine Form des Denkens. Widerspruch gilt als Zumutung, Realität als Überforderung. Politik wird zur moralischen Raumdekoration: Sie soll stimmen, nicht tragen.
Besonders perfide ist die Gemütlichkeit dieses Zustands. Sie wirkt wie ein Narkotikum. Wer darauf hinweist, dass etwas fundamental schiefläuft, gilt nicht als Warner, sondern als Störenfried und Staatsfeind. Der Deutsche mag vieles verzeihen – Ineffizienz, Stillstand, Selbsttäuschung –, aber Unruhe nimmt er persönlich. Der Vorhang soll zu bleiben, selbst wenn es dahinter brennt.
Unerträglich langsamer Abrutsch
So entsteht eine Republik, die alles weiß und nichts will. Eine Gesellschaft, die sich für aufgeklärt hält, aber Aufklärung nur noch als historische Epoche kennt. Man diskutiert über Symptome, während die Ursachen als unhöflich gelten. Man hat keine Lösungen, aber sehr viele Einwände gegen jene, die welche verlangen.
Das Junk-Biedermeier ist keine klassische Diktatur, nicht einmal eine offene Krise. Es ist schlimmer: Es ist wie ein unerträglich langsam seitlich abrutschendes Schneebrett eines Alpenhangs. Junk-Biedermeier ist ein Zustand, in dem man sich eingerichtet hat wie in einer schlecht isolierten stickigen Altbauwohnung – man friert, aber man kennt es nicht anders. Und wer die Fenster öffnen will, dem wird erklärt, dass Zugluft gesundheitsschädlich sei.
Historisch betrachtet blieb es in Deutschland nicht beim Biedermeier. Parallel entwickelte sich in der ersten Hälfte des vorletzten Jahrhunderts als Gegenbewegung zur biedermeierlichen Behäbigkeit der sogenannte „Vormärz“, der sich durch Kritik an Restauration, Zensur und Obrigkeitsstaat auszeichnete und den geistigen Nährboden für die „kleine“ deutsche Revolution von 1848 bildete. Bekannte Vordenker dieses „Aufstandes des Geistes“ waren der Schriftsteller Georg Büchner, der Publizist und Schöpfer des Deutschlandliedes Hoffmann von Fallersleben, aber auch die späteren Begründer des Marxismus Karl Marx und Friedrich Engels.
Es erscheint in diesem Kontext wie eine ironische Wendung der Geschichte, dass der amtierende Bundeskanzler Friedrich Merz nicht nur im Namen, sondern auch in seiner Rhetorik und seinem politischen Engagement gewisse Anklänge an Deutschlands beschwerlichen Weg zu Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit seit dem Vormärz erkennen lässt. Engagiert wie der junge Büchner verkündete Merz noch im Winter 2024/2025, „Links ist vorbei“ und wollte mit seinen berühmten 551 Fragen im besten Sinne des Wortes Aufklärung und parlamentarische Transparenz in Deutschland wieder herstellen.
Es ist anders gekommen. Merz und seine CDU legten wieder einmal eine ihrer berüchtigten „Wendenwenden“ hin und ließen die Wucht der Anfrage verpuffen. Die Mainstream-Presse triumphierte bereits im Frühjahr 2025, die CDU habe mit ihrer Anfrage „eine Watsche erlitten“ (TAZ) beziehungsweise „eine Ohrfeige“ erhalten (Süddeutsche). Tatsächlich wurde hier der Souverän, das deutsche Volk, durch feiges Taktieren und gebrochene Versprechen geohrfeigt, obwohl er ein grundgesetzlich verbrieftes Recht hätte zu erfahren, nach welchen Mechanismen Deutschland regiert und finanziert wird.
Wenn nun selbst nach einem partiellen Brownout in Deutschland weiterhin alles „leise und still“ bleibt, scheint auch anno 2026 das Biedermeier die Oberhand gegenüber Reformgeist und Aufbruchsbereitschaft zu behalten. Vielleicht wird man später einmal sagen: Die Deutschen hätten es besser wissen können. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass man sagen wird: Sie hatten es sich zu gemütlich gemacht, um es wissen zu wollen.
Der Autor ist Lehrer an einem niedersächsischen Gymnasium und schreibt hier unter einem Pseudonym.
Herrn Tom Brok:
Ich finde es ist ein interessanter Artikel, in dem eine Seite, oder eher einseitig? der Charackter unseres Deutschseins dargelegt wird. Man kann ja froh sein, dass (bisher und in letzter Zeit) nicht bei jeder Demo auch gleichhzeitig alles öffentlich zugängliche „Mobiliar“ zerstört wird, wie z. B in Frankreich.
Andererseits ist es eben (wie geschildert) schade, dass die, die etwas verändern wollen oder sogar könnten sich nicht trauen.
Diese Art lieber keine Verantwortung zu übernehmen liegt vielleicht am fehlenden Wettbewerb, nicht nur bei Managern, sondern auch bei Lehrern, Richtern, Juristen, Politikern und Medienmachern = Journalisten.
Das wird leider bereits in der Schulzeit nicht geübt.
Dass man selbstverständlich für seine Meinung, oder besser seine Äusserung mit seinem Namen zeichnet, wäre ein Anfang, Äusserungen kann man ja auch diskutieren und ändern.
Wir leben nicht im Junk- Biedermeier, sondern im links-grünen Neofaschismus deutscher
Tradition ! Junk- Biedermeier ist eine gefährliche Verharmlosung für diesen totalitären
Gesinnungsstaat !
Auch bei unserer weihnachtlichen Familienzusammenkunft ging es biedermeierlich-gemütlich und unpolitisch zu. Das lag aber nicht daran, dass der „rechts denkende Onkel“ fehlte, sondern erstens daran, dass „rechte“ Onkel und Tanten, Omas und Opas unter sich waren, zweitens daran, dass ich bestrebt war, das Thema Politik auszuschließen, und zwar einzig und allein aus Gesundheitsgründen. Die mittlere Generation regt sich bei dem Thema immer so auf, dass Herzinfarkte und Schlaganfälle zu befürchten sind. Dann lieber Biedermeier … auch im Interesse der anwesenden Kinder.
Die Symptombeschreibung ist vollkommen richtig. Ich würde es jedoch eher als konsumistisches Propaganda-Biedermeier beschreiben. Die mediale Bestromung durch staatliche und ÖRR-Quellen macht die Menschen dumm, sediert und unfähig zu denken und in der Folge auch unfähig zu handeln. Das ist leider kaum auszuhalten. Erst recht wenn man Spaß und Freude am handeln hat. Leider ist diese Biedermeier-Sediertheit auch auf Seiten der vermeintlich aufgewachten oder Widerstandsszene verbreitet. Vom bürgerlichen Sofa lässt es sich sehr angenehm alles mögliche in den asozialen Medien posten. Ins Tun kommen leider die Wenigsten.
Gestern habe ich beim „romantischen Stromausfall“ erklärt, dass es nur zwei Optionen für die ewige Existenz nach dem leiblichen Tod gibt: Himmel oder Hölle.
Bei vielen Beerdigungen wird der Verstorbene in den Himmel gepredigt, während er längst im Wartezimmer zur Hölle Qualen leidet.
Davor warne ich.
Es gibt weder das „ALLES AUS“ (Annihilationstheorie) mit dem Tod noch „automatischen“ Zugang zum Himmel.
Die Hölle ist der Zielort für alle Menschen, die Jesus verworfen haben und dabei verharren.
Und sie ist EWIG = ohne Ende der Qualen, unerbittlich.
Bibelstellen zur Verdeutlichung:
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(1) Daniel 12 (AT), Vers 2: →Und viele, die unter der Erde schlafen liegen, werden aufwachen, die einen zum ewigen Leben, die andern zu ewiger Schmach und Schande.←
(2) Matth 25 („Vom Weltgericht“) , 41: →Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln (*)!← [(*) = Dämonen.]
(3) Joh. 5, 28-29:→ Denn es kommt die Stunde, in der alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören werden und werden hervorgehen, die Gutes getan haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber Böses getan haben, zur Auferstehung des Gerichts.←
(Auferstehung des Gerichts = Matth. 25,41, w.o.)←
(4) Offb. 14, 9-11: → Und ein dritter Engel folgte ihnen und sprach mit großer Stimme: Wenn jemand das Tier anbetet […] der wird von dem Wein des Zornes Gottes trinken, der unvermischt eingeschenkt ist in den Kelch seines Zorns, und er wird gequält werden mit Feuer und Schwefel vor den heiligen Engeln und vor dem Lamm. Und der Rauch von ihrer Qual wird aufsteigen von Ewigkeit zu Ewigkeit; und sie haben keine Ruhe Tag und Nacht ….← [„Zeichen des Tieres“ = Götze/666]
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Mehr auf Anfrage.
PS: @Markus Abt: Franz Kafka →
„Und Christus? Das ist ein lichterfüllter Abgrund. Man muss die Augen schließen, um nicht abzustürzen.“
Junk-Biedermeier! Wunderbare Wortschöpfung für den Zustand dieser Republik! Und die Parallele ist sogar, dass es sich damals, also im ersten Biedermeier, um eine Monarchie handelte. Der aufmerksame Beobachter wird nun fragen, wo denn die Parallele zu heute sei, nicht wahr?! Nun, wir nennen es Demokratie, das schon, aber es ist eine neue Monarchie im eigentlichen Sinne: Die Parteienmonarchie, die die Demokratie als Mäntelchen umgehängt hat!
Ich habe mich beim Lesen köstlich amüsiert, vielen Dank für die präzise Zusammenfassung des geistigen Morastes in dem Deutschland zur Zeit versinkt. 1848 war es der Vormärz 2025 sind es Gedanken zum Nachmerz, die umstürzlerisch sind.
Grundvoraussetzung für die deutsche Gemütlichkeit sind warme Stuben, wenn der Winter hält und die Gasvorräte zu Neige gehen, wird der deutsche Neobiedermeier gezwungen, das ungeliebte Hirn zu benutzen.
Wenn die Eiskristalle auf der Innenseite des Fensters kleben, ist an Gemütlichkeit nicht zu denken.