Dr. Daniel Stelter kennt man als einen der derzeit profiliertesten und schärfsten, aber auch einflussreichsten Kritiker der deutschen Wirtschafts- und Finanzpolitik. Der frühere Topberater der Boston Consulting Group (BCG) tritt regelmäßig als Autor, Kolumnist, Podcaster und Interviewgast auf – in seinem eigenen Podcast wie in unterschiedlichen Medien, von Handelsblatt über Wirtschaftswoche und Cicero bis hin zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk und verschiedenen Youtube-Formaten. Die Neue Zürcher Zeitung zählt ihn im Jahr 2024 zu den 50 führenden Ökonomen Deutschlands mit dem größten Einfluss auf Medien, Politik und Wirtschaft.
Dabei besitzt Stelter die Fähigkeit, die großen Fragen und teils komplizierte Sachverhalte wie Schulden, Demografie, Produktivität, Eurokrise, Energiekosten und Staatsversagen in eine verständliche und publikumswirksame Sprache zu kleiden. Auf allen Kanälen warnt er vor drohendem Wohlstandsverlust und fordert eine drastische Verbesserung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in Deutschland, etwa bei der Energiepolitik, bei der Bürokratie, bei staatlichen Investitionen, Digitalisierung, Bildung und vielem mehr.
Vielen ist dabei weniger bekannt, dass Stelter unglaublich stark von der Wirtschaftstheorie der „Eigentumsökonomik“ des 2023 verstorbenen Gelehrten Gunnar Heinsohn geprägt ist, der seine ökonomische und demographische Expertise auch den Lesern von Achgut.com als langjähriger Autor vermittelte. Stelter nutzt diese Theorie, die Heinsohn mit seinem Bremer Kollegen Otto Steiger ab den 80ern gemeinsam entwickelt hat, bis heute als Erklärungsmodell für unser Finanz- und Wirtschaftssystem.
Eine revolutionäre Theorie
Das Revolutionäre an der Theorie besteht darin, dass sie die gesamte menschliche Wirtschaftstätigkeit systematisch aus dem Eigentum ableitet und dadurch viele Phänomene wie Produktivitätssteigerung und Innovation, Wirtschaftskrisen oder Staatsverschuldung erstmals überzeugend erklären kann. Nicht aus einem angeblich natürlichen, immer schon vorhandenen Tauschtrieb entstehen Geld und Märkte, sondern aus dem Bestreben von Eigentümern, ihre Eigentumsposition zu verteidigen und sich von der stets drohenden Überschuldungsschwelle wegzubewegen. Geld ist in dieser Sicht primär ein „Schuldschein“, ein besicherter Anspruch auf Eigentum, das dadurch sozusagen verflüssigt und umlauffähig gemacht wird. Es ist kein neutrales Zahlgut, um den Tausch von Gütern zu erleichtern, wie es die immer noch dominante (neo)klassische Wirtschaftstheorie lehrt. Der Zins wiederum ist der Preis, der für die Belastung von Eigentum zu entrichten ist.
Entscheidend für das Verständnis der Zusammenhänge ist die klare Unterscheidung von Besitz und Eigentum, wobei ersterer bloße Verfügungsgewalt, letzteres durchsetzbare Rechtstitel bezeichnet. Solche Eigentumstitel können deshalb die Basis allen Wirtschaftens bilden, weil sie für die Geldschaffung und für Kreditverträge belastet werden können. Nur mit solch einem Titel lässt sich beispielsweise auf ein Grundstück mit Haus eine Hypothek aufnehmen. Wo es einen solchen Titel nicht gibt, etwa im Sozialismus, wo Land und Häuser enteignet sind, oder wo er gegen korrupte oder mafiöse Strukturen nicht durchsetzbar ist, da erlischt oder erlahmt die wirtschaftliche Dynamik. Wo sie sich aber entfalten kann, führt sie notwendig über kurz oder lang zu erheblicher Vermögenskonzentration, die ihrerseits wiederum der Dynamik den Boden entziehen kann.
Die erst mit Eigentum überhaupt gegebene Möglichkeit, sich zu verschulden, bildet also die notwendige Voraussetzung allen Wirtschaftens. Wer Eigentum belastet, beschafft sich Kredit, investiert, trägt Risiko und muss mehr erwirtschaften, als er schuldet. Problematisch wird es erst dort, wo Schulden nicht mehr auf produktive Mehrleistung treffen und immer mehr Kredit stattdessen in Konsum, Spekulation oder bloße Schuldenverlängerung fließt. Die Staatsverschuldung stellt in diesem Zusammenhang ein Hauptproblem dar, weil sie anders als private Schulden nicht klassisch besichert ist, sondern ihre Tragfähigkeit letztlich am künftigen Steueraufkommen hängt. Inflation wird deshalb leicht zum politischen Ausweg, da sich die Verbindlichkeiten bei wachsender Verschuldung oft nur noch nominal bedienen lassen, durch immer schlechter besichertes und dadurch laufend entwertetes Geld. Bessere, aber politisch schwerer umsetzbare Lösungen – für die Stelter sich unermüdlich einsetzt – liegen in Strukturreformen, produktiven statt konsumptiven Investitionen und notfalls im Eingeständnis, dass faule Forderungen nicht mehr vollumfänglich bedient werden können.
Martin und Malik
Man muss erwähnen, dass Stelter die Eigentumsökonomik zunächst nicht direkt von Heinsohn vermittelt bekam. Vielmehr ist die gesamte frühe Rezeption der neuen Theorie stark durch Paul C. Martin geprägt. Martin, ein begeisterter Anhänger der ersten Stunde, hat anders als der Ex-Marxist und ehemalige SDS-Sympathisant Heinsohn einen politisch eher konservativen Hintergrund und vertrat als Ökonom ursprünglich einen neoklassisch-marktliberalen Ansatz in den monetaristischen Bahnen seines Lehrers Milton Friedman, dessen 1962 veröffentlichtes Werk „Capitalism and Freedom“ er 1971 ins Deutsche übertrug. Martin verfügte als Wirtschaftsredakteur und später auch Chefredakteur bei der Welt am Sonntag und der Wirtschaftswoche sowie ab 1992 als stellvertretender Chefredakteur der auflagenstärksten deutschen Zeitung BILD über erheblichen publizistischen Einfluss. Seine oft polemischen Kommentare galten als die meistgelesenen der Republik, nicht zuletzt deshalb, weil Martin mit einer unglaublichen Formulierungsgabe gesegnet war. Julian Reichelt, der in den 90er Jahren mit Martin in Hamburg das BILD-Büro teilte, ließ gemeinsam mit anderen Weggefährten auf eine FAZ-Traueranzeige für den 2020 verstorbenen, von vielen mit dem liebevollen Spitznamen „Dottore“ bezeichneten Martin den Satz drucken: „Wer wie Paul C. Martin schreibt, stirbt nicht…!“
In den unzähligen populären Sachbüchern und Wirtschaftsratgebern, mit denen Martin für eine rasche Verbreitung und Popularisierung der grundlegenden Einsichten von Heinsohn und Steiger sorgte, entwickelte er diese allerdings zu einem eigenen wirtschaftstheoretischen System unter der Bezeichnung „Debitismus“ weiter, das in wichtigen Punkten nicht mit der Eigentumsökonomik konform geht. Heinsohn und Steiger legten in ihren Schriften den Fokus mehr auf die Bedeutung der Wirtschaftstheorie für ein besseres Verständnis und eine Beförderung des allgemeinen Zivilisationsprozesses. In Martins Büchern geht es dagegen stärker darum, das Wirtschaftssystem zu verstehen, um den Erfolg einzelner Akteure darin zu befördern – nicht zuletzt den von Martin selbst. Martin betätigte sich als ein früher Exponent des Typus „Crash-Prophet“ und veranstaltete ähnlich wie viele seiner Nachfolger teure Seminare, in denen er mal mehr, mal weniger gute Ratschläge erteilte, wie man sein Vermögen in Sicherheit bringen könne. Angreifbar machte er sich dadurch, dass er die Crash-Prophetie mit teilweise dubiosen geschäftlichen Aktivitäten und auch mit seiner journalistischen Tätigkeit verquickte. Er empfahl zum Beispiel in seiner WAMS-Kolumne den Deutschen, ihr Geld in US-Wohnungen anzulegen und gab für das größte Objekt gleich die Kontaktadresse einer Firma an, für die er selbst als Herausgeber eines Informationsdienstes tätig war. Peinlich war auch sein publizistischer Einsatz für den später spektakulär scheiternden Börsenspekulanten Kurt Oligmüller, der sich aufgrund verheerender Fehlspekulationen 1983 das Leben nahm.
Einer, der die neue Theorie wie viele andere zunächst aus Martins Büchern entnahm, war Fredmund Malik, einer der weltweit führenden Management-Vordenker. Der Titularprofessor an der Schweizer Universität St. Gallen bekannte sich bereits in den 80er Jahren zum neuen Theorieansatz: Dieser entspreche „der praktischen Sichtweise der Unternehmen und insbesondere jener der Finanzchefs von Wirtschaftsunternehmen“, wie er es später ausdrückte. Malik entwickelte innovative system-kybernetische Managementmethoden für Top-Führungskräfte, die bis heute stark nachgefragt werden. Sein Buch „Führen Leisten Leben“ wird als eines der besten Wirtschaftsbücher aller Zeiten und als Bibel des Managements gerühmt. Ein Grundmuster des Erfolges sei es, dem Wandel stets strategisch voraus zu sein, lehrt er etwa. Das Management Zentrum St. Gallen, dem Malik seit 1977 als Direktor vorstand, etablierte sich unter seiner Führung als eine der besten und renommiertesten Business Schools weltweit. Die Eigentumsökonomik wurde in die Lehrpläne integriert, wofür Heinsohn sich noch in seinem Abschiedsbrief von 2023 erkenntlich zeigt. So fand sie weite Verbreitung gerade unter nachwachsenden Elite-Managern und ein besonders Begabter von dieser Sorte war Daniel Stelter.
Bekanntestes Ein-Mann-Wirtschaftsforschungsinstitut Deutschlands
In seiner von Malik betreuten Doktorarbeit macht Stelter etwas ganz Ähnliches wie Martin, nämlich Krisen- und Crashberatung, nur bezogen auf die betriebswirtschaftliche Ebene von Unternehmen. 1990 publizierte er mit Malik zusammen ein Destillat dieser Überlegungen. Doch die dort an die Wand gemalte Gefahr einer nah bevorstehenden deflationären Depression wie bei der Weltfinanzkrise in den 30er Jahren erwies sich als Fehlprognose. Stattdessen gab es danach erst einmal einen langjährigen Boom. Bei der großen Weltfinanzkrise war Stelter dann aber „gut im Film“, wie er selbst sagt, und erkannte genau das prognostizierte Szenario. Bei Ausbruch der Krise ab 2007/2008 arbeitete Stelter bereits seit 17 Jahren als Unternehmensberater beim weltweit führenden Strategieberatungsunternehmen Boston Consulting Group (BCG). Ab 1998 leitete er dort als Partner die „Corporate Development Practice“ in Deutschland und Europa und ab 2003 weltweit, wobei seine Kernkompetenz in der Beratung zu „Corporate Finance“ – Unternehmensfinanzierung – lag.
Gemeinsam mit einem BCG-Kollegen verfasste Stelter einen wertvollen Ratgeber für Top-Manager in der Finanzkrise. Dafür erhielten die Autoren im Jahr 2010 den renommierten „GetAbstract International Book Award“. In dieser Zeit rückt Stelter in den weltweiten Vorstand der BCG auf, wo er fünf Jahre tätig ist, bis er im Jahr 2013 von sich aus kündigt – nach eigenen Angaben, um sich stärker um seine Familie und private Interessen zu kümmern, aber auch um einen Beitrag dafür zu leisten, dass die Wirtschaftsdebatte in Deutschland insgesamt weniger oberflächlich verläuft, dass mehr Menschen sich mit Wirtschaft beschäftigen und den Politikern bessere Fragen stellen. In dem Zusammenhang spricht der gebürtige West-Berliner sogar von „Lokalpatriotismus“, der ihn antreibe, und von einer Hoffnung, die ihn angesichts der Frage „Weggehen oder Kämpfen?“ dazu gebracht habe, sich für letzteres zu entscheiden.
Stelter gründete zu diesem Zweck den Blog „Think Beyond the Obvious“ mit dem dazugehörigen Podcast „Beyond the Obvious“ (bto) und erarbeitet sich seither als gefragter Kolumnist, Buchautor und Talkshowgast einen Ruf als „bekanntestes Ein-Mann-Wirtschaftsforschungsinstitut Deutschlands“. Die freie Verfügbarkeit und die damit erzielbare Reichweite seiner Expertise ist Stelter so wichtig, dass er eine kurzzeitig bestehende Kooperation seines Blogs mit dem neuen Medienunternehmen „Media Pioneer“ des ehemaligen Handelsblatt-Herausgebers Gabor Steingart in dem Moment beendete, als er dort hinter einer geplanten Bezahlschranke verschwinden sollte. Im November 2024 startete er gemeinsam mit dem WELT-Herausgeber Ulf Poschardt zusätzlich den Podcast „Make Economy Great Again“, der als einflussreich gilt, besonders unter Unternehmern und Leistungsträgern.
Ein neues Jubeljahr
Seine publizistische Tätigkeit und Expertise stellte Stelter von Beginn an auf das Fundament von Heinsohns und Steigers Eigentumsökonomik, die er gleich zum Start seines Blogs in einer dreiteiligen Serie zusammengefasst präsentierte. Keinen Autor zitierte er so oft wie Heinsohn und keinen lud er so oft in seinen Podcast ein, bilanziert er rückblickend in einer Sonderfolge anlässlich des Todes von Heinsohn. Obwohl er mitunter durchaus zu düsteren Prognosen und tendenziell eher zum Pessimismus neigt – ehemalige BCG-Kollegen nennen ihn halb im Scherz „Dr. Doom“ – , grenzt Stelter sich von marktschreierischen Crash-Propheten ab, die mit alarmistischen Bestsellern Erfolge feiern. Er sei nicht gern in diesem Camp der „Doomsdayer“, müsse mit der Crash-Prophetie kein Geld verdienen und könne daher auch eine inhaltlich allzu platte Darstellung der Situation vermeiden: „Ich würde im Prinzip schon sagen, dass ich die Dinge differenzierter betrachte und möchte eigentlich einen konstruktiven Beitrag leisten, dass es besser wird.“ Darin gleicht er seinem Lehrer Heinsohn durchaus, der Crash-Propheten zubilligt, „wort- und bilderreich beim Ausmalen einer Finanzkrise“ zu sein, jedoch zu „verstummen (…), wenn es um die Behandlung von Krisen geht, von denen es doch hunderte gab“ und bei denen im Prinzip immer der Staat als Eigentumsgeber der letzten Hand tätig werden und durch Sondersteuern, Schuldenschnitte und ähnliche Mittel zur Vermögensneuverteilung schreiten muss.
Bereits in dem 2011 gemeinsam mit einem BCG-Kollegen verfassten Papier „Back to Mesopotamia?“ argumentierte Stelter, dass eine Bewältigung der Staatsschuldenkrise in Europa durch Sparen oder Wachstum möglicherweise nicht mehr zu erreichen sei. Der Text gilt als einer der frühesten Vorstöße, die ernsthaft die Notwendigkeit von geordneten Schuldenschnitten sowie einer einmaligen Vermögensabgabe diskutierten, und zwar als eine fairere und effektivere Alternative zur zunächst schleichenden und dann immer stärkeren Währungsentwertung durch Inflation. Der Titel bezieht sich auf das antike Mesopotamien, wo häufig Schuldenerlasse praktiziert wurden, meist bei Herrschaftsantritt eines neuen Königs, eine Praxis, die auch im biblischen „Jubeljahr“ festgehalten ist.
In einem Gespräch von 2021 entlockt Stelter Heinsohn die Aussage, dass das moderne Äquivalent zum alten Jubeljahr letztlich das Nichttilgen von Staatsschulden bei den Staatsgläubigern wäre. Doch schon das Nichtbedienen der Zinsen durch die Steuerzahler, etwa, weil die Zinsen immer mehr vom Haushalt auffressen, würde zum Preisverfall der Staatsschuldtitel und zu einer Massenbankrottwelle führen, weil diese Titel in großer Zahl in den Eigenkapitalen zahlloser Firmen, Banken, Versicherungen usw. stecken. Ein zu rigoroser Schuldenschnitt bedeutet also tendenziell Wirtschaftskollaps. Ein Teil der Lösung müsste daher darin bestehen, dass bei den Vermögenden, besonders den Supervermögenden, deren Vermögen nur die Spiegelseite der Verschuldung sind, durch Sonderabgaben etwas abgeschöpft wird. In einem Artikel für Stelters Blog äußert sich Heinsohn wie folgt:
„Die (1) Stabilisierung der Staatspapier-Preise und die (2) Rekapitalisierung der Banken für Kredite an gute Schuldner konstituiert die Krisenbewältigung. Durch eine Sondersteuer auf Staatspapiere kann die erste Aufgabe relativ einfach gelöst werden. Wer 10.000 hält, bekommt 2.000 weggesteuert. Der Zorn ist groß, weil 100 schöner sind als 80, aber man behält den Kopf auf den Schultern und macht mit den verbleibenden 80 womöglich einen Kursgewinn, der einen Teil des Verlorenen wiederbringt. Die Sondersteuer reduziert in keiner Weise die Kompetenz des legal Beraubten, wie umgekehrt eine Steuerbefreiung für bildungsferne Individuen deren Einfallsreichtum ja nicht erhöht. Bei der zweiten Aufgabe fallen die Banken aufgrund ihres Bankrotts an den Staat, der alle Konten per Mausklick so weit reduziert, bis das Wegrasierte für die Rekapitalisierung reicht. Wieder gibt bei den Kreditgebern an die Bank (=Kontoinhabern) Heulen- und Zähneklappern, aber – wie die Bankenkrise Griechisch-Zyperns von 2013 mit 10 bis 40 Prozent Rasur zeigt – geht es bald weiter wie zuvor. Alle verstehen, dass Verluste hart sind, bei Totalverlusten aber Schlimmeres beginnen könnte.“
Das politische Problem bei dieser Lösung hatte Heinsohn bereits 2012 auf Achgut schön auf den Punkt gebracht: „Natürlich ist es hart, von Milliardär auf Multimillionär oder gar von dort auf Millionär umzuschulen.“
Stelters Bücher: Wichtige Impulse zur Wirtschaftsdebatte
Als der Ökonom Thomas Piketty im Jahr 2013 mit seiner nach Karl Marx klingenden Streitschrift „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ Furore machte, in der er unter anderem eine globale progressive Vermögenssteuer zum Abbau der Vermögenskonzentration forderte, veröffentlichte Stelter eine korrigierende und ergänzende Gegenschrift. Er gibt Piketty zwar in dem Punkt recht, dass die Vermögenskonzentration zu hoch sei und korrigiert werden müsse, macht aber auf die von Piketty völlig ignorierte Ursache dafür aufmerksam, nämlich die durch Niedrigzins erst ermöglichte leistungslose Rekordverschuldung. Nicht Umverteilung, sondern Schuldenabbau sei daher das Gebot der Stunde und bei jeder Lösung, bei der Deutschland überproportional betroffen wäre, müsse man auch über politische Kompensationen sprechen, etwa über eine Möglichkeit für Deutschland, unter den Schutzschirm der nuklearen Abschreckung durch die französische „force du frappe“ zu schlüpfen, schreibt Stelter dem französischen Sozialisten Piketty ins Stammbuch.
Dass die Deutschen ohnehin zu den am wenigsten Vermögenden in Europa zählen, ist eine Erkenntnis, die sich durch Stelters 2018 veröffentlichtes Buch „Das Märchen vom reichen Land“ in Deutschland stärker verbreitet hat. Die Deutschen haben ein vergleichsweise geringes Medianvermögen, was Stelter unter anderem auf die niedrige Wohneigentumsquote, die hohen Abgaben und schwache private Vorsorge zurückführt. In den Merkeljahren gab es nichtsdestotrotz durch verschiedene Sondereinflüsse, vor allem durch die Niedrigzinsen der EZB, ein Zeitfenster mit sprudelnden Einnahmen und extrem günstigen Finanzierungskosten. Wenn man den Euro schon mit anderen Ländern teilt, die nicht sparen wollen, dann sei es nach Stelter „bescheuert“, selbst zu sparen. Statt „schwarzer Null“ empfahl er daher, lieber in die Zukunft des Landes zu investieren, unter anderem in Infrastruktur, in die Stärkung des privaten Vermögensaufbaus, die steuerliche Entlastung von Gering- und Mittelverdienern und in demografische Vorsorge. Nichts davon ist geschehen.
Stelters Bücher folgen einer klaren Leitmelodie: Krisen kommen nicht plötzlich, sie bauen sich über Jahre durch Fehlanreize und falsche Weichenstellungen auf, besonders durch falsche Verwendung von Schulden für Konsum, statt für produktive Investitionen. Auch an der Rekordschuldenaufnahme durch die Regierung von Friedrich Merz kritisiert er vor allem, dass diese Schulden für nichtinvestive Zwecke veruntreut werden. In seinem neuen Buch zieht Stelter eine teilweise sehr bittere Bilanz der bisherigen Fehlentscheidungen und Versäumnisse der deutschen Regierungen von Merkel bis Merz. Deutschland habe systematisch die Grundlagen seines Wohlstands zerstört. Hohe Energiepreise, alternde und schrumpfende Bevölkerung, fehlgesteuerte Zuwanderung, defizitäres Bildungssystem, stagnierende Produktivität, investitionshemmende Bürokratie, starke chinesische Konkurrenz, und und und…, es kommt gerade alles zusammen und was jetzt folgt, ist keine bloß konjunkturelle Schwächephase mehr, sondern der strukturelle „Absturz“. Stelter diagnostiziert all dies jedoch nicht ohne eine radikale Rosskur zu skizzieren und nicht ohne seine Hoffnung auszudrücken, dass eine Umkehr immer noch möglich sei: „So wie Preußen nach der Niederlage gegen Napoleon eine fundamentale Neuausrichtung vollzog und so wie Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg aus den Trümmern ein Wirtschaftswunder erschuf, so bräuchte Deutschland heute den Willen zu einem ‚Aufbruch 2030‘.“ In der unerschütterlichen Bereitschaft, für ein besseres Wirtschaftsverständnis der Deutschen zu kämpfen und in der charmanten Art seines unermüdlichen Wirkens für die Aufklärung ähnelt Stelter nicht zuletzt seinem Lehrmeister Heinsohn, der in ihm einen würdigen Schüler gefunden hat.
Im Achgut-Buchshop erhältlich:
„Absturz – So retten wir Deutschland“ von Daniel Stelter, LangenMüller Verlag 2026, hier vorbestellbar.


Fredmund Malik ist so weit von einem Management-Vordenker entfernt wie eine Milchkuh. Unglaublich, was für ein Stuß über diesen Typen geschrieben wird.
Danke für diese umfassende Zusammenfassung von G. Heinsohns und damit auch Daniel Stelters Wirtschaftstheorie. Mir war bisher nur bekannt das sich Prof. G. Heinsohn mit Demographie beschäftigte. Darüber habe ich alles von ihm aufgesogen. Ihr Artikel mahnt mich mich noch mehr mit Ökonomie und D.Stelter zu beschäftigen.
Man darf nicht vergessen, dass spätestens seit den frühen 1990er Jahren sich ein Wechsel des Rationalisierungsparadigmas menschlicher Arbeit in globalem Maßstab vollzieht, der in seiner Reichweite in nichts der kopernikanischen Wende nachsteht. Zwar kursiert analog dazu noch immer die Erzählung, dass „die Erde eine Scheibe ist“ (Alles/Belz, in: Detje et al. (Hrsg.), 2005: 157). Aber keine Macht der Welt vermag den erreichten Stand der Erkenntnis zu revidieren. Eine hochentwickelte Industriegesellschaft täte somit gut daran, sich darin einzufügen. Sich stattdessen aufzulehnen, könnte insofern fruchtloser nicht sein und würde in der Tat keinen Ertrag abwerfen.
Die Elefanten und Prostituierten im Raum werden bewusst übersehen und drumherum ein Verbaltanz aufgeführt.
Letztlich geht es um die Vernichtung aller Kulturen zum Wohle weniger. Bei den Ureinwohner, Indianer funktionierte es auch.
Bereits John Locke hatte in seiner Sozialphilosophie konstatiert „Im Gegensatz zu Hobbes Krieg aller gegen alle im Naturzustand, sieht Locke die Selbsterhaltung als oberstes Ziel. In seinem Werk Two Treatises of Government argumentiert Locke, dass eine Regierung nur legitim ist, wenn sie die Zustimmung der Regierten besitzt und die Naturrechte, Leben, Freiheit und Eigentum beschützt. Wenn diese Bedingungen nicht erfüllt sind, haben die Untertanen ein Recht auf Widerstand gegen die Regierenden.“
Das erkannte auch schon Goethe und viele andere.
„Goethe antwortet. Frage: Pflichten Sie der Auffassung bei, daß Revolution quasi die Notwehr des entrechteten Volkes ist? Goethe: Ich war vollkommen überzeugt, daß irgendeine große Revolution nie die Schuld des Volkes ist, sondern der Regierung. Revolutionen sind ganz unmöglich, sobald die Regierungen fortwährend gerecht und fortwährend wach sind, so daß sie ihnen durch zeitgemäße Verbesserungen entgegenkommen und sich nicht so lange sträuben, bis das Notwendige von unten her erzwungen wird.“ 4.1.1824
Aktuell passend. Apolut „Im Gespräch: Catherine Austin Fitts. Wir werden von einem verbrecherischen Syndikat regiert! Catherine Austin Fitts spricht über das sogenannte “Panoptikum„, das digitale Gefängnis, in dem wir heute leben. Der Westen werde von einem verbrecherischen Syndikat regiert, das das Gemeinwohl auf der Suche nach Maximalprofiten ausplündert. Zudem hätten die herrschenden Klassen einen allumfassenden Staatsstreich durchgeführt und befänden sich innen- wie außenpolitisch im Krieg gegen die Menschheit.“
GG 20.4
Wenn dem Gebaren und den Plänen der Kartellparteien nicht Einhalt geboten wird, besteht der der Bundeshaushalt in einem guten dutzend Jahren zu 95% aus Zahlungen für „Soziales“, Rüstung und Zinsen. Vom Rest müßten alle staatlichen Investitionen in Infrastruktur, Forschung usw. bestritten werden.
@ H.Weller : Richtig, aber aussichtslos. Jedenfalls in Schland. Der ( West)Michel schafft es nicht ( mehr).
War schon klar, daß eine ´Eigentumsökonomik´ Made in Germany auch wieder nur auf Enteignungsfantasien hinausläuft. Sonst käme ja vielleicht noch wer auf die Idee, das kapitalfressende fette deutsche Staatsschwein zu schlachten, allen voran den Parteien/Behörden/NGO-Komplex und seine parasitären Sozial- und Transfersysteme. Die Krisenobsession ist ebenfalls typisch, dabei sind es genau die vielgeschmähten Krisen, welche im entfesselten Kapitalismus für die regelmäßige Liquidierung schlechter Investments sorgen, ganz ohne staatlich verordnete „Jubeljahre“ deren realwirtschaftlich fatale Konsequenzen leicht erkennbar sein sollten. Sagen wir mal Sondervermögen 2.0. Da ziehe ich Friedman, die Chicago Boys und Milei vor. In Deutschland wäre es für die wenigen tatsächlich Vermögenden, was ein schönes Wort, höchste Zeit, sich vom Kapitalmonopol des ´antikapitalistischen´ Staates unabhängiger machen, Zeit für mehr Klassenkampf von oben, gegen Staat und Staatsmündel, für größere private Kapitalkonzentrationen und entsprechend größere Investments. Dergleichen würde das Land wirklich voranbringen. Und Pinochet-Methoden, denn ohne die wird der Deutsche Sozialismus, diese preussische Pest, nie verschwinden.