Zwischen dem späten Herbst und dem frühen Winter lauert im Wald eine eigene Jahreszeit. Das Laub ist nun dunkel verfärbt, oft braun oder schwarzgrau. Die Wurzelstolperwege sind im frühen Abenddunkel eine Gefährdung für die Balettschülerin aus dem besseren Viertel der abseits liegenden Ortschaft. Der Atem formt manchmal schon Wolken. Das Eismondgesicht zieht über den Himmel, leuchtet wie eine Oblate zwischen kahlen Astfingern, die gierig in den Himmel ragen. Das Weltall ist näher. Ein eigener halbmodriger Geruch kriecht aus dem mattten Geholz. Jedes Knacken im Unterholz ist hundertfach verstärkt. Dann steigt in der Marsch eine Ente auf, flattert erschrocken in den entfärbten Horziont. In der Esche lauert das Gelächter der Krähen. Die Jahrhunderte vermischen sich, auch die Konturen der Landschaften, ein Mischwald irgendwo in Nordeuropa.
Norddeutschland könnte jetzt Südschweden sein oder auch England, jedenfalls so, wie ich mir England als Jugendlicher vorstellte, ein England mit Robin Hood oder J.R.R. Tolkien, abends, wenn ich mit meiner mehrere Jahre älteren Schwester die verbogenen Wege eines Waldlandes ging. Alles war zaubrisch, und die Musik dazu hatte ein merkwürdiger Schrat mit einer Silberblechflöte komponiert. Zurück in meinem kleinen Zimmer stellte ich die riesige Teekanne mit der gläsernen Tülle auf. Laubgeruch alles. Kerstin versuchte, mich zu zeichnen und war so freundlich, mich hübscher zu machen. Dafür fing ich sie auf Fotos ein, die ich später selber entwickelte. Das lange, dunkelbraune Haar erinnerte ein wenig an Ian Andersons erste Frau, die Fotografin Jennie Franks, die maßgeblich an den Ideen für das berühmte Album „Aqualung“ beteiligt war, also nicht nur Muse war, sondern auch Referenz, Begleiterin, Inspiration, Ideengeberin. Welcher Künstler wünscht sich nicht solch eine Frau? Und auf alten Fotos, auch in Schwarz-Weiß, sehen sie wirklich aus wie ein Paar aus einer Zeit, als das Gitarrespielen noch geholfen hat.
Gerade aber hatte er sich scheiden lassen oder sie sich von ihm, und Ian Anderson besang dies in Andeutungen, zum Beispiel in dem Lied über das heimelige Wandbild mit den fiegenden Enten, das einst englische Haushalte zierte, „Merry old england“ war Nostalgie geworden. Hier im Lied ist nur noch eine Ente übrig, die Idylle zerstört, und so ist das ganze Album sehr düster, fast alle Stücke sind in Moll, wie zum Beispiel auch „Cold Wind to Valhalla“.
Manchmal heute in Odense an einem späten Abend, der Abend beginnt in der zweiten Jahreshälfte in Dänemark früh, entzündet mein Bruder ein Teelicht, kocht einen späten Darjeeling, bietet eine Zigarre oder ein Glas Wein an und dann höre ich die Stimme: „Mein Herr und meine Dame, für eure Unterhaltung …“, nein ich höre: „My Lord and Lady, for your entertaiment …“ und sofort vermischen sich wieder alle Orte und Jahrhunderte. Er hatte damals die Alben von Jethro Tull gesammelt und mir „Minstrel in the Gallery“ auf Kassette überspielt.
Ein Schmückstück für echte Liebhaber
1975, ich war ein sechsjähriger blonder Bube, hatte gerade die erste Klasse geschafft, aber schon Rechtschreibprobleme, vor allem eine unleserliche Schrift, erschien, zunächst von mir vollkommen unbemerkt, „Minstrel In The Gallery“ von Jethro Tull. Auch meine Eltern hatten sich gerade scheiden lassen und vielleicht ist dies ein subtiler Grund dafür, dass „Minstrel in the Gallery“ später für viele Jahre eine meiner Lieblingsplatten wurde und mich niemand von der Meinung abbringen konnte, dass dies etwas sperrige und melancholische Werk Jethro Tulls bestes Album sei. Die Band hatte das Album im selben Jahr 1975 während einer Tournee in Monte Carlo aufgenommen, fern von England unter teilweise etwas schwierigen Bedingungen, teilweise sogar in einem mobilen Studio.
Einige der Stücke auf „Minstrel in the Gallery“ sind beinahe Solo-Aufnahmen, wie beim „Requiem“ oder bei „One White Duck / 010 = Nothing at All“, wo wir hauptsächlich Ian Anderson mit seiner Gitarre hören, umrahmt von einem klassischen Streichorchester. Da, wo wir die ganze Band hören dürfen, es ist auch das letzte Album mit dem Bassisten Jeffry Hammond-Hammond (den allerersten Bassisten Glenn Cornick hatte der in einigen Dingen eher konservative Anderson übrigens rausgeschmissen, weil die Lebensstile zu unterschiedlich waren), spielt sie keine eingängigen Rocksongs, sondern präzse durchkomponierte Progressive-Rock-Nummern, laut, teilweise aufdringlich, unausweichlich und verwirrend wie das Leben. Ein discotauglicher Mitstampfhit wie „Locomotiv Breath“ fehlt hier gänzlich und man möchte sagen, zum Glück. So blieb „Minstrel in the Gallery“ ein Schmückstück für echte Liebhaber. Dabei ist das Album eigentlich jenes, das am stärksten die Kunstfigur „Ian Anderson“, die ja auch immer vorhanden ist, zur Vollendung bringt.
Der Minstrel – wir übersetzen meist mit Minnsänger, was es natürlich nicht ganz trifft, denn eher ist es ein Spielmann –, ist schon vom Namen her Programm. Der Jethro-Tull-typische Rückgriff auf ein unbestimmtes Mittelalter, das bei Ian Anderson irgendwie von der angelsächsischen Zeit über die Zeit Shakespeares bis zum Barock Johann Sebastian Bachs zu gehen scheint, den viele gerade für das Markenzeichen der Band halten, ist nirgendwo so deutlich durchkomponiert wie bei „Minstrel in the Gallery“. Anders als heutige Mittelalterrockbands, die überproduzierte Krachmusik machen, dazu Dudelsack oder Krummhorn spielen und das Mittelalterrock nennen, ist Jethro Tulls Musik aus einem Guss, ein eigener Stil geworden, der in „Minstrel in the Gallery“ in seiner vielleicht reinsten Form auftritt. Und wie einige der Vorgängeralben, besonders „Thick as a brick“, ist „Minstrel in the Gallery“ vor allem ein wohldurchdachtes Konzeptalbum, beinahe schon ein Hörspiel. Das lange Stück „Baker St. Muse“ der zweiten Plattenseite nimmt Themen und Gedanken aus dem Eingangsstück, eben jenem „Minstrel in the Gallery“ wieder auf. Und so schließt sich der Kreis, aus dem Ian Anderson nicht entrinnen kann, denn am Ende, kurz vor Schluss hören wir, dass eine Tür verschlossen ist und Ian Anderson ruft: „I can’t get out.“ Wie ein Nachwort folgt noch das sehr kurze Stück „Grace“ und Streicher lassen dann das Werk ausklingen.
Die Reflexion über ein vergangenes Zeitalter
Obwohl das Album im Rolling Stone einen üblen Verriss bekam, wurde es eine Kult-LP gerade unter uns Nachboomern. Es passte zu dem melancholischen Gefühl, dass die fetten Jahre vorbei waren, dass der Abglanz einer fernen Zeit irgendwie in die Sagenwelt herabgesunken war. Und anders als die älteren, die ich gerne „Spätboomer“ nenne, also die, die in den Siebigern schon junge Erwachsene waren und der ganzen Welt bis heute erzählen müssen, dass in ihrer Jugend die Musik wilder, die Mädchen leichter, das Kraut lustiger war, hatte Ian Anderson einen selbstreflexiven, selbstkritischen grüblerischen Unterton, den man so auf „Aqualung“ noch nicht hatte hören können. Der feinen Gesellschaftskritik waren Selbstbetrachtungen gewichen, die aber seine Rolle als berühmter Künstler mit einbezogen, mit feinen Anspielungen auf die öffentliche Kritik: „I have no time for Time Magazine or Rolling Stone.“ Anderson ist mal ein Spielmann im Mittelalter, mal ein Straßenmusiker in der Baker Street. „I have no motor car“ singt der Schelm, der tatsächlich jahrelang mit der Bahn gereist ist und Begegnungen aus dieser Zeit in Songs gegossen hat.
Das Plattencover zeigt das verwandelte Gemälde „Twelfth Night Revels in the Great Hall“, von Joseph Nash, einem bekannten englischen Künstler aus dem 19. Jahrhundert, in welches die Musiker von Jethro Tull hineinskizziert wurden. Auf der Rückseite ist ein Foto der Band auf einem Balkon im Studio zu sehen, eine Replik auf das vorderseitige Gemälde. Und so nimmt dieses Album auch musikalisch den Bogen auf von Mittelalter-Folk bis zu Progrock, der sich im harten Spiel Martin Barres, dort wo er mal darf, andeutet. „Minstrel in the Gallery“ bildet irgendwie einen Abschluss des frühen Ian Anderson (dessen Neigung zur manchmal auch selbstironischen Nostalgie man, wenn man will, schon im Titel des ersten Tull-Albums „This was Jethro Tull“ ausgerechnet von 1968 ablesen kann), und deutet den späteren Ian Anderson an, wie wir ihn dann auf „Broadsword and the Beast“ erleben. Und trotz dieses Zwischenraums ist es für mich das Album, welches am deutlichsten Ian Andersons Jethro Tull ist, die Rockband mit dem Silberblechflöte spielenden Mittelalterschrat. Es ist, als habe Anderson das Tor aufgestoßen zu einer neuen Fantasy-Welle, zu Mittelaltermärkten, zum Larp-Wochenende, zum Kitsch von Angelo Branduardi, zum Viking Metall, zur Verfilmung des Herrn der Ringe, dabei sang er 1975 hauptsächlich über sich selbst. Mögen die Boomer weiter zu „Locomotive Breath“ ihre Mähnen schütteln, ja „Aqualung“ ist eine geile Scheibe, diese hier aber ist die Reflexion über ein vergangenes Zeitalter. Und was könnte aktueller sein?
PS. Die ist eine freundschaftliche Replik auf den Beitrag „50 Jahre ‚Aqualung‘ von Jethro Tull und der lange Atem der Lokomotive“ von Hans Scheuerlein von 2021.
@A. Ostrovsky, „WO war das? Wo waren 1975 die fetten Jahre vorbei?“ —
Ölkrise 1973. 1975 lag in Deutschland das Wirtschafts„wachstum“ bei -0,9%. Zum Vergleich: 2024: -0,5%. Mag jeder subjektiv einordnen, 1975 war ich noch nicht alt genug für negative Stimmungslagen. Und hatte von Jethro Tull definitiv noch nichts gehört, vielleicht Beatles, Alan Parsons oder Queen? Ist lange her. „Minstrel In The Gallery“ höre ich heute dennoch immer wieder mal gerne.
Gut, wir haben in den Kommentaren ja offenbar auch festgestellt, daß die Jahrgänge ab etwa 1966 keine „Boomer“ mehr sind. Ich glaube aber in letzter Zeit ein bedenkliches Phänomen festgestellt zu haben. So manche Vertreter jüngerer Generationen (grob ab Millenials) scheinen die „Boomer“ als Ursache aller heutigen Krisen identifiziert zu haben und fordern vereinzelt deswegen denen einfach die Rente nicht mehr zu zahlen. Das scheint mir neu. Ich kenne das von uns damals nicht.
Nachboomer? Was für ein Quatsch.
Ich bin offenbar in etwa so alt wie der Autor und habe vor kurzem gelesen, daß wir wohl Generation X sind. Aha.
Und nein, das Gefühl, dass die fetten Jahre vorbei sind hatte ich nicht. Klar wurde unser Lebensstil mehr in Frage gestellt und die Grünen kamen in Mode (Habeck ist leider auch einer von uns, da sieht man welcher Schaden mit Teilen der Gen X angerichtet wurde). Aber wir Konservativen glaubten schon an die Zukunft und die unterschwellige Botschaft der 80er (vom kalten Krieg mal abgesehen): „Lerne was, arbeite, dann kannst Du Dir eine solide Zukunft aufbauen. Unser Weg (der Westliche, der Süddeutsche) ist der Richtige“. Musik (meist, aber nicht nur Heavy Metal, Klassik und später auch vereinzelt Jethro Tull, habe ich damals auch gehört, aber nicht viel hineingedeutet, das tun die Musiker naämlich meist selbst anscheinend auch nicht.
1974. 7. Juli. Olympiastadion, München. Deutschland: Sepp Maier, Berti Vogts, Franz Beckenbauer, Katsche Schwarzenbeck, Paul Breitner, Uli Hoeneß, Rainer Bonhof, Wolfgang Overath, Jürgen Grabowski, Gerd Müller, Bernd Hölzenbein. Rotzfrech waren sie, die Niederländer. Aber denen wurde der Zahn gezogen: Kurz vor Halbzeit, Schuss von Gerd Müller aus der Drehung. 2:1. Dabei blieb es. Die Oranjearroganztruppe fuhr schwer beleidigt nach Hause. Wer damals prophezeit hätte, dass das Land in rund 16 Jahren „wiedervereinigt“ sein und nach weiteren 35 Jahren komplett im Arsch sein würde, wäre herzlich verlacht worden. Niemand lacht heute. Kein Boom, keine Männer, nur Niedergang, Lügen, Schleim, Schwachsinn allerorten. Der Fußball? Alberner Eventzirkus in ausverkauften Stadien. Schafft am besten noch die Halbzeit ab – macht einfach Drittel, und in den Pausen gibt es Milchshakes und die Pipipause mit Zugangs-App.
Von 1950 bis 1970 stiegen die Todesfälle steil an, 1970 erreichten sie ihren ersten, 1975 ihren zweiten Höhepunkt. Dann fielen sie ab bis ins Jahr 2004, bildeten eine klassiche Umkehrformation und überstiegen 2021 sogar die Höhepunkte der 70er Jahre um ca. 50.000 Todesfälle.
Die Bevölkerungskurve stieg bis in die 75er steil auf 79 Mio., pendelte bis 77 Mio. und stieg gegen die Todesrate bis 2021 rasant über 82 Mio. an.
Bis in die 70er Jahren liefen Bevölkerungszuwachs und Todesfälle parallel, in den 70er Jahren liefen sie gegeneinander, dann holte die Todesrate die Bevölkerungskurve plötzlich rasant ein.
Die Massenzuwanderung durch Merkels Grenzöffnung wird meines Erachtens nicht, oder unzureichend abgebildet.
Die Bevölkerungskurven zeigen ein völlig anderes demographisches Bild, als das, mit dem wirt groß geworden sind und seit Jahrzehnten indoktriniert werden.
Aufgefallen war mir das bei Corona, als ich mir Statistiken selber gemacht habe. Ich habe das auch oft erklärt, Wikipedia enthält alle Daten für die Tabellenkalkulation.
Man markiert den gesamten Block und kopiert ihn in die Tabelle. Jetzt muß man mit „suchen und ersetzen“ die Anführungszeichen löschen, weil das Textdarstellung ist, um den in Integer-Zahlen umzuwandeln.
Ein paar Zahlen müssen mit der Hand korrigiert werden, aber die fallen sofort auf.
Nun kann man Diagramme anfertigen und wird feststellen, die zeigen eine andere Demographie.
Die „wilden Jahre“ der Musiker, so auch von Ian Anderson, sind oft besonders ausdrucksstark und kreativ. Die kommen dann mit einer ungeheuren Wucht auf die Welt-Bühne.
Das Konzept des Living in the Past (1972) war besonders prägend für Jethro Tull, und die, die sich erinnen, erinnen sich auch an den besonderen Stil.
Später verlieren Musiker oft ihre Richtung. Es kommt seltener vor, daß Musiker auch im Alter noch mitreissend wirken.
Ian Anderson versuchte es immer wieder mit Querfeminismus, indem er seine frühen Stücke mit Klassik zusammenbringen wollte. Das wirkte irgendwie altersschwach. Er hätte auf Klassik umsteigen können. Oder auf Acid-Jazz. Der geht noch mit 90.
Besser, man hört auf, wenn die Zeit abgelaufen ist und man droht, aus der Zeit zu fallen, als irgendwas zu machen. Niemand will einen alten Knacker auf der Bühne sein T-Shirt zerreisen sehen. Und die Musik der frühen Jahre immer und immer wiederholen, da fehlt der Esprit.
@Friedland: Geburtenmaximum in der BR liegt in 1964. Der positive Überschuss liegt im Maximum bei 490k und ist in 1969 bereits auf bummelig 100k gefallen um dann ab 1972 dauerhaft negativ zu werden. Die USA prägen den Begriff Boomer und ordnen ihn den Jahren 46-64 zu. Ab 65 setzt auch dort die Geburtenwende ein und nix mehr boom, deshalb passt der Begriff Nachboomer bezogen auf die Jahrgänge ab 65 schon ganz gut, die in den USA als Gen Xer gelten, in Deutschland als Golfer/Gen Xer. Ich kenne niemanden der Jahrgänge 67, 68, 69 etc, der sich zu den Boomern zählt und recht so. Die Einordnung der Mitsiebziger-Phase als irgendwas zwischen irgendwas mit ganz viel merkwürdigem Zeug ist auch gelungen. Andersons schmuddeliger Schobert und Black-Look tat ein Übriges.