„Wir erklären demnach durch Gegenwärtiges, daß Wir das Band, welches Uns bis jetzt an den Staatskörper des deutschen Reichs gebunden hat, als gelöst ansehen, daß Wir das reichsoberhauptliche Amt und Würde durch die Vereinigung der konföderierten rheinischen Stände als erloschen und Uns von allen übernommenen Pflichten gegen das deutsche Reich losgezählt betrachten und die von wegen desselben bis jetzt geführte Kaiserkrone und geführte kaiserliche Regierung, wie Wir hiermit tun, niederlegen.“
Ein Sprichwort lautet: „Totgesagte leben lange, am Ende erwischt es sie doch!“ So ähnlich mag mancher Zeitgenosse in Wien gedacht haben, als am 6. August 1806 Kaiser Franz II. die Kaiserkrone niederlegte und das Deutsche Reich für erloschen erklärte.
Es war immerhin der Kaiser Franz II., für den Joseph Haydn die Kaiserhymne mit der Melodie der späteren deutschen Nationalhymne gedichtet hatte. Dem Kaiser, dem 1797 der Gassenhauer anlässlich seines Geburtstages im Wiener Burgtheater vorgesungen worden war, hatte es gefallen und er hatte dem Komponisten eine Dose mit seinem Bild geschenkt. Damals war das Reich noch vorhanden und der österreichische Kaiser war deutscher König, aber schon 1804 hatte Franz den Titel „Kaiser von Österreich“ angenommen und damit Österreich sozusagen für den Notfall eine Sonderstellung verschafft, nachdem mit dem Reichsdeputationshauptschluss das Reich neu strukturiert worden war und immer mehr deutsche Staaten im Rheinbund eine Allianz mit Napoleon eingegangen waren.
Das Ende war also abzusehen gewesen. Seit 1804 versuchte sich Napoleon selber als Kaiser, wenn auch als „Kaiser der Franzosen“, so verfolgte er doch eine Mission, die weit über die französische Nation hinausging, bis er 1815 bei Waterloo gestoppt wurde. Die zeitweilige Besetzung Deutschlands durch Napoleons Truppen hatten dann der deutschen Identität einen romantischen Anstrich verschafft. Lützows wilde verwegene Jagd kämpfte zwischen Bäumen gegen den Feind von außen wie einst Arminius gegen die Römer. So konnten die republikanischen Neuerungen, die Frankreich Europa hätte bieten können, nicht recht gewürdigt werden, hatten die Franzosen doch das schöne Reich kaputt gemacht.
Eine Lücke in den Idealen der Deutschen
In Goethes Rückschau ist das Reich dann auch nur noch ein Witz, wenn er im Faust den Kaiser als notorisch pleite darstellt und die Erfindung des Papiergelds durch den als Hofnarr verkleideten Teufel damit begründet, dieses Geld sei gedeckt durch überall im Reich seit Alters her vorhandenen Goldes: „Das Übermaß der Schätze, das, erstarrt, in deinen Landen tief im Boden harrt.“ Goethes Mutter hingegen hatte am 19. August 1806 in einem Brief geklagt: „Gestern wurde zum ersten Mal Kaiser und Reich aus dem Kirchengebet weggelassen.“ Nicht alle Menschen waren also glücklich mit derm Verschwinden des alten Reiches, abgesehen davon, dass mancher auch ganz handfest seinen Arbeitplatz verlor, entstand eine Lücke in den Idealen der Deutschen.
Hat die Reichsidee in der deutschen Kultur einen besonderen Platz erhalten, war sie gar transformiert worden, so wie Heinrich Heine später sagen sollte: „Wir aber besitzen im Luftreich des Traums die Herrschaft unbestritten?“ Vielleicht kann man selbst den schwärmerischen Universalismus des ehemaligen Napoleonbewunderers Beethovens als eine Art Reichsidee betrachten. Wenn nun nicht die Deutschen in einem Reich lebten, sollten doch alle Menschen Brüder werden. Übrigens verdankt sich auch die von Sony festgelegte Länge einer CD von 74 Minuten Beethovens 9. Sinfonie, und zwar der Einspielung von Wilhelm Furtwängler von 1951.
1806 endete, was nach heutiger Lesart offiziell am 2. Februar 962 mit der Kaiserkrönung des Sachsen Otto I. begonnen hatte. Seitdem wuchs ein Reich mit einer doppelten Identität heran: Zum einen bestand es aus dem Kernreich des Ostfrankenreichs mit seinen germanischen Stämmen, die damals über das teilweise gerade erst angenommene Christentum hinaus wohl kaum über eine gemeinsame binnendeutsche Identität verfügten. Nicht einmal die Sprache war einheitlich. Die Ottonen hatten sich als Sachsen noch besser mit ihren Verwandten in England unterhalten können als mit Schwaben oder gar Bayern und Otto I. hatte auch tatsächlich eine angelsächsische Prinzessin namens Edgitha geheiratet.
Zum anderen hatte das Ostfrankenreich nun den Anspruch ererbt, Italien zu beherrschen und in der Nachfolge des antiken römischen Reichs die Identität Europas maßgeblich zu bestimmen und zu formen. Dies war nicht nur Macht, es war auch Verantwortung und in einem gewissen Sinne eine Last, insbesondere für das christliche Europa einzustehen. Daraus resultierte dann auch irgendwann der merkwürdige Name „Heiliges römisches Reich deutscher Nation“. Um Kaiser zu werden, musste man vom Papst gekrönt oder gesalbt werden und das tat am besten ein deutscher Papst und so mischten sich die Deutschen dann fleißig in die Papstwahl ein. So ließ sich Otto III. von seinem Vetter Papst Gregor V. krönen, den er kurz zuvor selbst zum Papst gemacht hatte. Die Römer jedoch wollten nicht unbedingt einen deutschen Papst in ihrer Stadt haben, die Reichsgebiete südlich der Alpen blieben ein ewiger Unruheherd. So waren die Konfliktlinien gezogen zwischen deutschen und römischen Päpsten, echten Päpsten und Gegenpäpsten und der Frage, wer wen einzusetzen oder über wen zu bestimmen hatte, eine Auseinandersetzung, die von Heinrich IV. bis Friedrich Barbarossa reichte. Der eine musste barfuß vor einer Burg im Schnee herumlaufen, der anderen dem römischen Papst wie ein Stallknecht in die Steigbügel helfen. Das hätte man sich vielleicht alles ersparen können, wenn man auf das Reich verzichtet hätte.
Beliebt wurden die Deutschen in Italien nicht. Das Reich hatte als Geburtsfehler einen Januskopf. Man musste immer zwei Identitäten unter einen Hut oder unter eine Krone kriegen, eine deutsche und eine europäisch-römische. Letztlich erschwerte die Reichsidee lange die Bildung eines kontinentalgermanischen Nationalstaats. Dann aber, um 1500, nach der Wiederentdeckung von Tacitus „Germania“ legten die Gelehrten los und am Hofe des Habsburgers Maximilians I. feierte man die Germania bereits als die Frau mit offenen blonden Haaren und Schwert in der Hand und betonte zugleich die vermeintlichen Vorzüge der Deutschen gegenüber den Welschen, vor allem den Franzosen. 50 Jahre zuvor hatte Johannes Gutenberg den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfunden. Aus den Barbaren waren selbstbewusste Gelehrte geworden. (Siehe auch „Das Reich im Mittelalter“ von Stefan Weinfurter.)
Wenn Deutschland kein „Reich“ ist, dann soll es eben gar nicht sein
Die Franzosen jedenfalls, das romanische Westfrankenreich, hatten sich viel früher, trotz verschiedener Kleinstvölker und Dialektgruppen, insbesondere nach dem hunderjährigen Krieg, zu einem Zentralstaat entwickelt. Nach dem Dreißigjährigen Krieg zerfiel Deutschland hingegen auch von seinen Randgebieten her. Die Schweiz schied endgültig aus dem Reich aus und ebenso verabschiedeten sich die Niederländer, die sich damit von ihren norddeutschen Verwandten fortentwickelten und eine eigene Identität aufbauten und so ist Deutschland heute umgeben von verschiedenen Kleinstaaten, die einmal Deutschland waren.
Die Österreicher schufen nach Napoleon mit der k.u.k.-Dynastie im 19. Jahrhundert etwas anachronistisches, so als wollten sie die Zeit stehen bleiben lassen. Während sich Europas Völker immer mehr zu Nationalstaaten entwickelten, selbst die eng verwandten Skandinavier besannen sich auf Sonderidentiäten und entwickelten eigene Staaten, bildete Österreich wie in einem großen Kaffeehaus den Sonderfall eines Vielvölkerstaats, der aber letztlich deutsch geführt wurde. Dem aufkommenden Nationalismus der Balkanvölker konnte dieses Reich nicht gerecht werden und so provozierte das Attentat auf den österreichischen Thronfolger den Ersten Weltkrieg.
Zum Ende des Ersten Weltkrieges erfuhr Österreich die nächste Demütigung: Im Vertrag von Saint-Germain wurde nicht nur Österreich-Ungarn aufgelöst, das deutsche Südtirol wurde an Italien übergeben und Österreich wurde die Vereinigung mit Deutschland verboten, ja selbst den Namen Deutschösterreich durfte es nicht führen. Man darf spekulieren, ob ein milderer Umgang mit der Frage der deutschen Identität, ein Hinarbeiten auf eine gemeinsame republikanische Identität Deutschlands mit Österreich, nicht einem gewissen gescheiterten Postkartenmaler aus Braunau den Wind aus den Flügeln genommen und die Rassenideologie der Nazis verhindert oder wenigstens zu einer Randnotiz der Geschichte gemacht hätte – denn hier an der Peripherie, wo die deutsche Identität am brüchigsten war, wucherte der Antisemitismus am schlimmsten. Abgesehen davon, dass seit dem Bruderkrieg von 1866 sich Kleindeutschland in einer Art preußischen Zwangsjacke befand, mit viel zu viel Marschmusik und zu wenig Walzer.
Noch immer sind die Deutschen jedenfalls von einer Mission erfüllt, die über das Normalnationale hinausgeht. Sie scheinen der Mittelpunkt Europas und der Welt zu sein. Während andere Völker auf ihre Eigenheit beharren und ihre Nachbarn als Freunde betrachten, wollen vor allem Deutsche Weltbüger sein, so als könnten sie nicht in einem begrenzten Deutschland leben. Wenn Deutschland kein „Reich“ ist, dann soll es eben gar nicht sein.
Im Nachhinein war der 6. August für Deutschland ein schwarzer Tag. Die von außen erzwungene Auflösung hinterließ eine Art Trauma, ungelöste Identitätsprobleme und eine lang anhaltende innere Unruhe. Dann vertat der spinnerte Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. auch noch die Chance auf eine Einigung Deutschlands 1848. Auch er war jemand, der mehr das Reich in den Träumen suchte, anstatt das zu nehmen, was Deutschland ihm anbot. Und so wollen die Deutschen bis heute mehr sein als sie sind, dabei haben sie ein hübsches Land und vom letzten großdeutschen Kaiser eine hübsche Hymne geerbt.
Ach was,…Größenwahn. Nicht so zimperlich. Heute heißt das Faschismus.
@ Thomas Schmied
„Größenwahn mag vielleicht das Problem vieler Deutschland beherrschender Politiker sein. Das sind aber nicht “die Deutschen„. Die meisten Deutschen wollen einfach nur Frieden, Freiheit und Selbstbestimmung.“ *** Das mag sicher richtig sein. Nur ist es so, dass (immer noch zu) viele Deutschen eben nicht die nötig-kognitiven Konsequenzen aus ihrem Wollen ziehen und diese „beherrschenden Politiker“ wählen. **** „Die Dummheit ist der viel größere Feind des Guten als die Bosheit“ (Dietrich Bonhoeffer, kurz vor seiner Hinrichtung durch die Nationalen Sozialisten) ****
Die offensichtlich seit Jahrzehnten laufende Islamisierung des globalen Westens könnte bereits in wenigen Jahrzehnten in eine Hölle führen, bei der es um Sein und Nichtsein geht, denn der Islam war immer und wird immer ein Tötungskult, ein Todeskult und ein Vergewaltigungskult sein.
BILL WARNER hat in mehreren Sprachen kurze Zusammenfassungen geschrieben, die präzise beschreiben, was der Islam in Wirklichkeit ist.
Die Schriften von Bill Warner sind grundsätzlich KOSTENFREI und zirkulieren als pdf im Internet.
Ich kenne keine besseren Zusammenfassungen.
Ja, bei tief stehender Sonne werfen auch Zwerge lange Schatten… lol…
Thomas SCHMIED, – „ Die meisten Deutschen wollen einfach nur Frieden, Freiheit und
Selbstbestimmung.“ Selbstbestimmung ? Das wäre mir in 75 Jahren aber aufgefallen, daß
der deutsche Sozialmichel Selbstbestimmung will ! Da müssen sie sich irren.
Ich widerspreche. Der brauchbare Teil „Deutschlands“ sind die verbliebenen Kleinstaaten und Holland. Großdeutschland hingegen war von Anfang an ein Krebsgeschwür mit Neigung zur Dystopie, und bleibt es auch weiterhin.
Die Engländer und Franzosen hat es noch schlimmer erwischt als uns. Ich bin in UK zur Schule gegangen, im wundervollen Dorset, aber die Vergötterung von Churchill, Disraeli, Commonwealth im Unterricht kann ich gar nicht in Worte fassen. Die verfallenen Fabriken und Londonistan waren wohl zu weit entfernt für die Korrektur dieses Geschichtsbilds. Die Franzosen überbieten (oder unterbieten?) das sogar noch, denn als Napoleon weg war, kamen die Bourbonen zurück und etablierten einen Staat, der Zimbabwe näher stand als Europa. Zum Schluss kam eine Karikatur ans Ruder die sich Napoleon III nannte, und von der sich La France nie mehr erholt hat. Dagegen ist die deutsche Kultur topmodern, auch wenn Wien immer noch aussieht, als würde der Kaiser gleich aus der Gruft kommen und in seiner Kutsche vorbei traben.