Dass sich ausgerechnet Alice Schwarzer heutzutage als Kronzeugin gegen die woke Bewegung inszenieren kann und deswegen selbst von kritischen Medien Applaus bekommt, ist nicht leicht erträglich. Schließlich wäre der Wokeismus ohne Frauen wie Alice Schwarzer kaum entstanden. Sie und Ihresgleichen waren es, die als Erste individuelle Verantwortung kleingeredet und stattdessen ein rückwärtsgewandtes Modell der Gruppenidentität propagiert haben, indem sie Männer und Frauen jeweils als homogene, in Konkurrenz zueinander stehende Blöcke behaupteten. Sie und Ihresgleichen waren es, die alles durch die Brille von Unterdrückung und Machtausübung sahen und sich selbst als Opfer inszenierten. Dass auch andere Gruppen diese äußerst erfolgreiche und nicht zuletzt lukrative Strategie für sich übernehmen würden, war vorauszusehen.
Am unerträglichsten ist Schwarzers Neuinszenierung allerdings, wenn sie so tut, als hätte sie nie den Einfluss der Biologie auf die Geschlechterrolle verleugnet und als sei sie schon immer dagegen gewesen, dass an kleinen Kindern Geschlechtsumwandlungen vorgenommen werden. In ihren Worten aus dem Jahr 2023: „Der Mensch bleibt auch nach einer sogenannten geschlechtsangleichenden Operation biologisch männlich oder weiblich. Dem Körper kann man nicht entfliehen, nur der Geschlechterrolle.“ Und: „Die Transition ist ein sehr schwerer Eingriff in Psyche und Körper. (...) Mit 14 stecken Jugendliche mitten in der Pubertät, in einer Phase also, in der viele nicht wissen, wer sie sind (...). Jugendlichen in dieser größten Identitätsverwirrung ihres Lebens als vermeintliche Lösung anzubieten, lebenslang Hormone zu nehmen und sich den Körper verstümmeln zu lassen – das ist Wahnsinn. Und irreversibel.“ In der Tat. Das klang allerdings früher bei ihr, nämlich im Fall Bruce/Brenda/David Reimer, noch ganz anders.
Kurz zusammengefasst: Bei einer verpfuschten Beschneidung aufgrund einer Phimose, die sich bei seinem Zwillingsbruder Brian von selbst gibt, wird 1966 der Penis des Kanadiers Bruce Reimer, zu der Zeit sechs Monate alt, durch Elektrokauterisation schwer verbrannt. Als sich die verzweifelten Eltern an den Psychologen John Money wenden, ergreift dieser die Gelegenheit beim Schopf, um zu beweisen, dass Geschlechter sozial konstruiert seien und es in Wahrheit keinen Unterschied zwischen Mann und Frau gebe, und überredet die Eltern zu einer Geschlechtsumwandlung. Im Alter von 22 Monaten werden ohne medizinische Notwendigkeit Bruces Hoden entfernt, er erhält eine rudimentäre Vulva. Bruce wird als das Mädchen Brenda aufgezogen, durch Verabreichung weiblicher Hormone und Gehirnwäsche versucht Money, aus ihm eine Frau zu machen. Als Kontrollperson dient ihm dabei sein Zwillingsbruder. 1973 erscheint in Zusammenarbeit mit seiner Mitarbeiterin Anke Ehrhardt Moneys Hauptwerk zum Thema Gender Identity, in dem er anhand der Falldarstellung von Bruce/Brenda Reimer behauptet, die Neuzuweisung des Geschlechts sei ein Erfolg. Dies wird von der Ärzteschaft positiv aufgenommen und führt zu tausenden von Neuzuweisungen (siehe hier und hier).
„Bestandteil der antifeministischen Bewegung“
Die jährlichen Besuche bei John Money empfinden Brenda und Brian als zutiefst verstörend. „Nach Aussage der Zwillinge hatte Money zwei Gesichter: ‚Eines, das er hervorkehrte, wenn Mum und Dad dabei waren‘, sagt Brian, ‚und eines, das er aufsetzte, wenn sie nicht dabei waren.‘“ Money führt sexualisierte Gespräche in teilweise vulgärer Sprache mit ihnen und schreit sie an, wenn sie nicht gehorchen, beispielsweise, wenn er sie auffordert, gegenseitig ihre Genitalien zu untersuchen oder Kopulation zu spielen: „Zieh dich aus, aber sofort!“ „Money (...) ließ Brenda auf dem Sofa in seinem Büro auf alle Vieren knien, und Brian musste sich auf Knien von hinten an sie heranmachen und seinen Penis gegen ihren Hintern drücken.“ (1) Heute würde man ohne jeden Zweifel von Kindesmissbrauch sprechen. Kaum verwunderlich, dass Brenda unter Depressionen leidet und schließlich erklärt: „Wenn man sie je wieder zwinge, mit Dr. Money zu sprechen, werde sie sich umbringen.“ (1)
1980 sagen die Eltern Brenda schließlich die Wahrheit über ihre Geschlechtsumwandlung. Daraufhin beschließt Brenda, eine männliche Identität anzunehmen, nennt sich fortan David und unterzieht sich einer Behandlung, um die Umwandlung rückgängig zu machen. 2004 erschießt sich David jedoch mit einer Schrotflinte, nachdem sich sein Bruder bereits im Jahr davor mit Tabletten das Leben nahm (siehe hier und hier). Money bezeichnet die ihm gegenüber nun einsetzende Kritik als „Bestandteil der antifeministischen Bewegung“, und wer auf genetische Dispositionen verweise, wolle Frauen „zu ihrer angestammten Rolle im Bett und in der Küche“ zwingen.
So weit die tragische Geschichte von Bruce Reimer. Alice Schwarzer nahm 1975 Moneys Theorien in ihrem Buch „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“ begeistert auf und bezeichnete sein Experiment als Beweis für die Gendertheorie: „Zu den wenigen Ausnahmen, die nicht manipulieren, (...) gehören Wissenschaftler wie der Psychologe Prof. John Money und die Psychiaterin Anke A. Ehrhardt, die sich in Forschung und klinischer Beobachtung intensiv mit der Frage der Geschlechtsidentität befassen. Ihre These: Die Geschlechtsidentität, Weiblichkeit und Männlichkeit, ist nicht eine biologische Identität, sondern eine psychische.“ (2) (Der letzte Satz im Original fett gedruckt.)
2007 behauptet sie jedoch in ihrem Buch „Die Antwort“ in völligem Gegensatz dazu, Money und Ehrhardt seien keine „dogmatischen VerkünderInnen der Anerzogen-These gewesen“, sondern hätten immer wieder „die gegenseitige Bedingtheit von Biologie und Prägung“ betont.
Das moralische Koordinatensystem Schwarzers
Warum diese sich widersprechende Kehrtwende? Weil sich mittlerweile der Wind gedreht hatte. Nach Bekanntwerden der Tragödie um Bruce Reimer sah sich Schwarzer gezwungen, auf Vorwürfe bezüglich ihres Verhaltens in dieser Angelegenheit zu reagieren. Reue ließ sie dabei nicht erkennen, stattdessen gab es Ausflüchte von Frau Schwarzer, die seit jeher ein, sagen wir, kreatives Verhältnis zur Wahrheit hat – es sei nur an das legendäre Streitgespräch von 1975 mit Esther Vilar erinnert, wo sie sich zu der absurden Behauptung verstieg, Frauen hätten aufgrund ihrer Doppelbelastung eine kürzere Lebenserwartung als Männer, oder an ihre Versuche, Leni Riefenstahl, die mehreren ihrer männlichen Mitarbeiter übel mitgespielt hat, zu verklären und sie kurzerhand in Umkehrung der Tatsachen zum Opfer von Männern zu stilisieren. (4) Die Schuld der Tragödien um Bruce Reimer läge bei den Eltern und bei John Colapinto, dem Autor, der die Wahrheit einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht hatte, versuchte Schwarzer ihren Lesern weiszumachen. Sie selbst wusch ihre Hände selbstverständlich in Unschuld.
Insbesondere versuchte sie, Davids Tod Colapinto anzulasten, indem sie den Autor nicht nur als gewissenlosen Enthüllungsjournalisten darstellte („Für den Tod verantwortlich halten müsste man allerdings beim genauen Hinsehen nicht Money, (...) sondern den Enthüllungsjournalisten Colapinto, dem die Story wichtiger war als die Rücksicht auf dieses schon so funktionalisierte Leben.“) (3), sondern zudem wahrheitswidrig einen zeitlichen Zusammenhang zwischen dem Erscheinen des Buchs und Davids Selbstmord behauptete („Erschossen hat Reimers [sic!] sich allerdings ein Jahr nach Erscheinen von Colapintos Buch.“ beziehungsweise „Er ist 35, als das Buch erscheint (...). Er ist 36, als er sich eine Kugel in den Kopf jagt.“)
Dass ihr das Opfer derart gleichgültig ist, dass sie nicht einmal seinen Namen richtig schreibt – geschenkt. Aber sowohl die Unrichtigkeit der Zeitenfolge (Versehen oder Manipulation) – in Wahrheit erschien Colapintos Buch im Jahr 2000, David erschoss sich hingegen erst 2004, mit 38 Jahren, nicht mit 36 – als auch die Verleumdung des Autors, dessen Buch David mit über hundert Stunden Interviews, Zugang zu Krankenakten und Gutachten sowie Kontaktherstellung zu Familienangehörigen unterstürzt hat, sprechen Bände über das moralische Koordinatensystem Schwarzers.
Zwei durch Suizid beendete Leben
Ebenfalls wahrheitswidrig versuchte sie den angeblichen „Konformitätsdruck der fundamental-christlichen Eltern“ (3) als Grund für das missglückte Experiment verantwortlich zu machen, wie es zuvor schon John Money getan hatte: „Ron und Janet seien engstirnige Fundamentalisten vom Land, die aufgrund ihrer restriktiven religiösen und kulturellen Wertvorstellungen die Geschlechtsumwandlung ihres Kindes überhaupt nicht akzeptieren konnten; deshalb hätten sie sich unbewusst dagegen gesträubt.“ In Wahrheit hatten jedoch beide „die strenge Glaubensrichtung ihrer Eltern strikt abgelehnt (so sehr, dass sie sich nicht einmal in einer mennonitischen Kirche hatten trauen lassen). (1)
Schwarzer hat auch keine Skrupel, den Selbstmord von Davids Zwillingsbruder zu instrumentalisieren, um zu suggerieren, es gäbe Schwierigkeiten innerhalb der Familie, die mit dem Genderexperiment nichts zu tun hätten: „Übrigens: Davids Zwillingsbruder, der als Mann geborene und als Mann erzogene Brian, hatte bereits zwei Jahre vor ihm Selbstmord begangen.“
Dass selbstverständlich auch jener Junge unter der Situation zu leiden hatte, der als Kontrollperson missbraucht und mit seinen Problemen allein gelassen wurde und darüber hinaus, nachdem er endlich die Wahrheit über seine „Schwester“ erfuhr, das Gefühl haben musste: „Scheiße, die ersten 14 Jahre meines Lebens waren eine einzige Lüge.“ (1), dürfte niemanden überraschen, der noch für zwei Cent Empathie besitzt. Brenda „bekam alle Aufmerksamkeit. Ich war bloß der Normale. Mom und Dad machten sich um Brenda so große Sorgen, dass sie mich darüber vernachlässigten. Ich hatte das Gefühl, ich sei unwichtig.“ Außerdem fühlte Brian sich Brenda gegenüber schuldig, weil er „sich von seiner Schwester distanzierte, die in die Außenseiterrolle gedrängt wurde. ‚Ich musste mich entscheiden‘, sagt Brian, ‚zwischen meinen Freunden und meiner Schwester..‘ (...) Er entschied sich für seine Freunde – was er sich nie so ganz verziehen hat.“ (1)
Zwei durch Suizid beendete Leben und eine zerstörte Familie sind das Ergebnis eines von Schwarzer beklatschten Menschenexperiments. Es gibt weiß Gott gewichtige Gründe, die woke Bewegung zu kritisieren und Kinder vor voreiligen Geschlechtsumwandlungen zu schützen. Dazu muss man allerdings keine Person bemühen, die wie keine zweite den Weg für diese Entwicklung bereitet und damit irreversible Schäden angerichtet hat.
Gunnar Kunz hat 14 Jahre als Regieassistent gearbeitet und war danach als Regisseur an verschiedenen deutschen Theatern tätig. Seit 1997 ist er freier Autor. Sein aktuelles Buch trägt den Titel „Achtung, Sie verlassen den demokratischen Sektor“, hier bestellbar.
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Weitere Quellen
(1) Colapinto, John: Der Junge, der als Mädchen aufwuchs (Walter Verlag, Düsseldorf & Zürich 2000)
(2) Schwarzer, Alice: Der „kleine Unterschied“ und seine großen Folgen (S. Fischer, FfM 1975)
(3) Schwarzer, Alice: Die Antwort (Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007)
(4) Kunz, Gunnar: Die DNA des Feminismus (KDP, Amazon 2024)
Emma die Freiheitszeitschrift der Frauen von heute – was für Loser!
Es wurde den Frauen gesagt, danach war man rechts!
Sie wählen links, sie bekommen was sie sich gewählt haben, Ende.
Frauenwahlrecht, nur nach einfacher Rechenaufgabe!
Und nur nebenbei, die ausländischen Frauen sind inzwischen viel besser angezogen, als die Westdeutschen Frauen.
@Vera Meißner: Die Transbewegung stammt ursprünglich aus der Schwulenbewegung, nicht aus der Frauenbewegung, wie manchmal vermutet wird (Schwarzer hat sich allerdings seinerzeit vehement für das Transsexuellengesetz eingesetzt, und ist bis heute stolz darauf, obwohl es die Ursache für viele Probleme, wie das Zulassen von transidenten Männern in Frauenschutzräumen – Umkleiden, Duschen, Frauenhäusern, Frauengefängnisse etc. ist). Ob es sich tatsächlich um eine reine „Graswurzel-Bewegung“ handelt, sei dahingestellt, denn es flossen massiv Gelder aus der Pharmaindustrie in die Unterstützung von Transorganisationen und deren Kampagnen. Die Pharmaindustrie verdient ja auch sehr gut mit den Hormonbehandlungen transidenter Menschen. Jennifer Pritzker (ehemals John Pritzker), selbst transident, hat hohe Summen für diese Zwecke gespendet (Tawani Foundation), ebenso Jon Stryker (Arcus Foundation) sowie Martine Rothblatt (ehemals Martin Rothblatt, jetzt mit „weiblicher Identität“). Die von Stiftungen dieser Art unterstützte Anwaltskanzlei Dentons hat zentrale Strategien für die Beeinflussung von Politikern erarbeitet, in denen gefordert wird: Bereits Kinder (ohne Mindestalter) sollten ihr Geschlecht „ändern“ können; die jeweilige Person soll kein Gutachterverfahren durchlaufen müssen („Selbstbestimmung“); Eltern sollten nicht gefragt werden; Eltern, die den „Geschlechtswechsel“ ihrer Kinder nicht unterstützen, sollen sanktioniert werden. Die generelle Taktik war, in möglichst vielen Ländern im Hintergrund Gesetzgebungsverfahren zu beeinflussen, ohne dass die Öffentlichkeit es mitbekommt. Vgl. hierzu: archive[punkt]ph/VgKaG
Transaktivisten bei den Grünen haben gemeinsam mit Pädophilen (und Schwulen) eine Arbeitsgruppe gebildet, die sog. „Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Schwule, Päderasten und Transsexuelle“. Während die Schwulenbewegung die teilweise Überlappung mit der Pädophilenbewegung aufarbeitet (vgl. z.B. die Arbeit des Schwulen Museums Berlin), hört man aus der Transbewegung nichts dergleichen. Welche Transsexuellen waren in der o.g. Bundesarbeitsgemeinschaft gemeinsam mit Pädophilen aktiv? Welchen Einfluss hatten sie in der Transszene? Dem sollte mal nachgegangen werden.
Alice hat ihre Karriere auf Märchen über Sex gebaut. Und im Laufe der Zeit kamen andere Themen hinzu.
Die WPATH (World Professional Association for Transgender Health), die international immer noch hohe Anerkennung genießt, hat in ihren neuesten Richtlinien „Eunuchen“ als eine eigene „Geschlechtsidentität“ bezeichnet, auch für Minderjährige (!). Dabei griff sie auf eine Website/Online-Forum zurück, in dem auch eine Vielzahl von Geschichten von sexuellem Missbrauch an Kindern kursierten und Beschreibungen von Kastrationen an minderjährigen Jungen, den sog. „Eunuch Archives“. Laut NZZ*: „In verschiedenen Recherchen wurde nachgewiesen, dass sich im geschützten Bereich des Archivs eine grosse Anzahl von Geschichten befindet, die direkt mit dem sadistischen sexuellen Missbrauch von Kindern zu tun haben. Vor dem offiziellen Start des Archivs trafen sich die Mitglieder in einem gleichnamigen Usenet-Forum, das das Ziel der ersten Ermittlungen des FBI gegen Pädophilenringe im Internet war. Sobald die Eunuch Archives eingerichtet gewesen seien, seien viele der bekannten Mitglieder dorthin gewechselt (…).“ Trotzdem wird diese Organisation (WPATH) international immer noch von Transorganisationen, medizinischen Fachverbänden und Krankenkassen (!) als maßgeblich anerkannt. Muss man sich mal vorstellen… Auch deutsche Transverbände berufen sich vielfach auf diese Organisation (auch wenn die deutschen Verbände die Kategorie „Eunuch“ ablehnen). Honi soit qui mal y pense. * archive[punkt]ph/sVVvm
Alice ist eine One-Woman-Show. Ich habe mich immer gewundert, warum sie keine eigene Sendung hat. Die wäre sicher unterhaltsamer gewesen, als das staubtrockene Talkshowgebläse unserer Tage. Und irgendwann wäre sie dann abgesetzt worden, wie sagen wir mal die Schreinemakers. Ich vermute mal, sie ist nur deshalb noch da, weil sie es nie zur Showmasterin geschafft hat, sondern immerwährende Kandidatin blieb.
Meinen Dank für diesen Artikel.