Gerd Buurmann / 15.05.2023 / 13:30 / Foto: Raimond Spekking / 106 / Seite ausdrucken

ESC-Pleite: Bitte nie wieder NDR!

Warum landet Deutschland beim Eurovision Song Contest so oft auf dem letzten Platz? Mag uns Europa nicht? Sind die Deutschen so unbeliebt? Nein! Es liegt nicht am Publikum. Die Verantwortung trägt der NDR!

Von 1979 bis 1990 war der Bayerische Rundfunk beim Eurovision Song Contest als federführende Sendeanstalt verantwortlich für die deutsche Teilnahme an dem Wettbewerb. In diesen elf Jahren holte Deutschland einmal den vierten Platz, viermal den zweiten Platz und einmal den Sieg mit dem Lied „Ein bißchen Frieden“, gesungen von Nicole und komponiert von Ralph Siegel. Drei der Lieder auf dem zweiten Platz, sowie der vierte Platz wurden ebenfalls von Ralph Siegel komponiert.

Im Jahr 1972 holte Deutschland unter der Leitung des Sender Freies Berlin mit Mary Roos den dritten Platz, und auch die beiden Jahren davor erreichte der Hessische Rundfunk mit Katja Ebstein zweimal den dritten Platz.

In den Jahren 2010 bis 2012 wirkte Pro7 in Form einer Kooperation beim ESC mit. In diesen drei Jahren holte Deutschland den zehnten, den achten und den ersten Platz im Jahr 2010 mit „Satellite“, gesungen von Lena und komponiert von Julie Frost.

Deutschland kann den Wettbewerb gewinnen

Es liegt nicht an Europa und auch nicht am Publikum, dass Deutschland immer wieder schlecht abschneidet. Es liegt ausnahmslos am NDR. Der NDR ist das schlechteste Beispiel dessen, was das öffentlich-rechtliche Fernsehen sein kann, nämlich ein durch und durch bürokratischer Haufen, dem sein Publikum egal ist, weil es eh zahlen muss, und der daher das Publikum als zu erziehende Masse versteht und nicht als Menschen, die es zu unterhalten gilt.

In der Zeit von Pro7 gab es einen glühenden Liebhaber, der für den Privatsender die Geschicke des Eurovision Song Contest lenkte. Sein Name ist Stefan Raab. Als Komponist holte er den achten Platz für Deutschland im Jahr 1998, und zwar mit dem Lied „Guildo hat Euch lieb“, gesungen von Guildo Horn, und im Jahr 2000 als Komponist und Sänger den fünften Platz mit „Wadde hadde dudde da?“

Stefan Raab startete für Deutschland eine über Monate ausgerichtete Suche nach dem Star, der Deutschland vertreten sollte. Er war dabei ausnahmslos auf den Unterhaltungswert der Show und auf den Erfolg fokussiert. Er komponierte sogar selber einen Song für das Jahr 2010, hatte aber überhaupt kein Problem damit, dass sich der schließlich durch Deutschland erwählte neue Star Lena dann für ein anderes Lied entschied.

Lieblos

Über Monate unterstütze Pro7 mit Shows zur besten Sendezeit den deutschen Vorentscheidung und schuf so eine Stimmung, mit der Deutschland zum Sieg schweben konnte.

Der NDR jedoch sendet seit Jahren einmal im Frühjahr irgendwo im Spätprogramm eine lieblos hingeklatschte Vorentscheidung, in der die Künstler wie Dreck behandelt werden. So, als sollten sie einfach nur froh sein, dass sie überhaupt die Möglichkeit bekommen, im Fernsehen auftreten zu können. Die Künstler wiederum lassen sich so behandeln, weil sie wissen, dass die öffentlich-rechtlichen Anstalten eine ungeheure Macht haben und tatsächlich darüber entscheiden können, wer überhaupt stattfindet.

In diesem Umfeld entsteht jedes Jahr eine biedere Show, in der die Unterhaltung und das Publikum vernachlässigt werden. Dafür gibt es aber immer eine gehörige Portion Haltung.

Zu viel Haltung

Im Jahr 2019 sangen für Deutschland zwei junge Frauen komplett unauthentisch darüber, wie wichtig die Solidarität unter Frauen ist – und landeten damit auf dem vorletzten Platz. Im Jahr 2021 wiederum behauptete ein junger Sänger, keinen Hass zu kennen, und löste damit soviel Hass aus, dass er ebenfalls auf den vorletzten Platz verbannt wurde.

Viel zu oft steht bei den deutschen Beiträgen eine Haltung im Vordergrund, die allerdings nicht wirklich gelebt wird, sondern zu einer puren Performance verkommt. Natürlich kann man ein feministisches Lied in den Wettbewerb schicken und sogar gewinnen – wie Israel im Jahr 2018 mit „Toy“, gesungen von Netta. Man kann auch Hass und Krieg thematisieren und damit gewinnen, wie 2016 die Ukraine mit „1944“, gesungen von Jamala. Man kann sogar als Transfrau den ESC gewinnen, und das sogar schon vor über 20 Jahren, wie die Israelin Dana International im Jahr 1998 bewiesen hat. Es muss halt nur authentisch sein und darf nicht nerven, und eben das schaffen die deutschen Beiträge unter der Federführung des NDR nicht.

Es kann sogar richtig harter, geiler Rock gewinnen, wie 2006 Finnland mit Lordi oder 2021 Italien mit MåneskinUnd da sind wir nun beim diesjährigen deutschen Beitrag. Was uns dieses Jahr präsentiert wurde, war ein durch den NDR-Fleischwolf gedrehter Rumpelpumpel-Marsch-Metal-Song, der den meisten Liebhabern des Genres zu unauthentisch war und dem Rest der Welt einfach zu fremd. Es war sowas von klar, dass kaum jemand dafür anrufen würde und dass auch der Jury dieser Beitrag am Arsch vorbeigehen würde. Es war alles wieder so klar abzusehen, und gerade deshalb ärgert die typische Reaktion auf die Niederlage.

Unauthentisch

Die einen jammern: „Niemand mag uns!“ Die anderen brüllen, „Wir sollten da nicht mehr mitmachen!“ Nein! Wie wäre es einfach mal damit, einen richtig guten Song zu schicken?

Dafür aber müsste der NDR jedoch von Privatsendern wie Pro7 lernen. Es ist nämlich völlig okay, Menschen einfach nur unterhalten zu wollen, statt sie zu erziehen. Oft bewirkt diese Unterhaltung sogar viel mehr als die sittlich-bildenden Gouvernanten der öffentlich-rechtlichen Volkserziehungsanstalten.

Damit kommen wir zum letzten wichtigen Fehler des NDR. Im Jahr 2010 sang Lena Meyer-Landrut ihre Zugabe in einer wunderbar schwarz und blau gehaltenen Bühne und schwenkte dabei glücklich die deutsche Fahne. In diesem Jahr präsentierten sich alle Teilnehmer im Finale stolz mit ihren jeweiligen Nationalflaggen, außer die deutsche Band Lord of the Lost. Sie zeigte sich mit der Progress Pride Flag, der Fahne der sogenannten LGBTQI+-Gemeinschaft.

Der Eurovision Song Contest ist seit Jahren ein Fest besonders der schwul-lesbischen Gemeinschaft. Es sollte dem NDR zu denken geben, dass gerade auch diese Gemeinschaft das deutsche Lied abgestraft hat.

Moralische Besatzung

Die deutsche Überheblichkeit wurde abgestraft. Niemand in der schwul-lesbischen Szene hat die deutsche Band darum gebeten, durch das Schwenken der Pride Flag als Flagge Deutschlands derart offiziell für die gesamte Gemeinschaft anzutreten.

Natürlich kann man die queere Community unterstützen. Der italienische Sänger zum Beispiel hat das in diesem Jahr auch gemacht. Aber er trug die Fahne bei sich und hat sie eben nicht als Ersatz der italienischen Fahne geschwenkt. Die schwenkte er natürlich auch, und zwar als stolzer musikalischer Vertreter seines Landes.

Deutschland aber fühlt sich besser als all diese „zurückgeblieben“ Staaten, die auch noch stolz sind auf ihr Land. Im Grunde zeigte Deutschland diesmal wieder nichts weiter als ein Gefühl der sittlichen Überlegenheit. Es war eine Form der moralischen Besatzung, und genau das kommt sowohl in Europa als auch in der ganzen Welt ganz schlecht an.

Niemand hat ein Problem mit der Musik, die aus Deutschland kommt. Niemand hasst die deutsche Kultur. Was aber auf sämtliche Eier der Welt geht, und zwar auf alle Eier aller Couleur, ist der deutsche Stolz darauf, nicht stolz auf das eigene Land zu sein und daraus eine moralische Überlegenheit abzuleiten, mit der man dann glaubt, die Welt verändern zu dürfen, im tiefen deutschen Glauben, sie damit zu verbessern.

Der Eurovision Song Contest ist eine Art schwul-lesbische Fußballweltmeisterschaft. Bei diesem Wettbewerb auf Nationalflaggen zu verzichten, ist so dämlich, wie bei der Fußballweltmeisterschaft darauf zu verzichten. Aber die deutschen Moralweltmeister kriegen ja sogar das hin.

 

Gerd Buurmann, geb. 1976, ist Schauspieler, Autor sowie Moderator des Achgut-Podcasts „indubio“.

Foto: Raimond Spekking CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons

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A. Jung / 15.05.2023

Punkt 1, Lord of the Lost sind vielleicht Pop mit verzerrten E-Gitarren, aber definitiv kein Metal. Punkt 2, ja, “die” Deutschen raffen nicht, dass niemand Streber und Besserwisser mag. Noch weniger raffen sie, dass andere nicht belehrt und bevormundet werden wollen. Aber was erwarten wir wirklich von Menschen, die Moralapostel und Sektengänger wie Robert Habeck, Trampolina Baerbock, Lang, Fancy Naeser und wie sie alle heißen, in höchste Ämter hievt? Wir brauchen endlich wieder Politiker mit Rückgrat, die grundsätzlich eine positive Einstellung zum Land, seiner Flagge und seinen Menschen haben, und im Leben mehr erreicht haben, als Trampolinspringen oder Studieren.

Katharina Fuchs / 15.05.2023

Die jungen Herren hätten sich vielleicht mal über das Bud-Light-Debakel informieren sollen, bevor sie mit ihrem LGBTHXYZ%&!”§+++ Ständchen losgezogen sind. Sieht nämlich fast so aus, als sei die superwoke Schleimerei nicht mehr ganz so angesagt. Aber vielleicht werden sie ja ganz große Superstars im deutschen Fernsehen und können gemeinsam mit ‘Feine Sahne Fischfilet’ für den Herrn Bundespräsidenten singen. Der mag so etwas.—- Aber jetzt mal ganz im Ernst - diesen Grand Prix Eurosowieso gibt es seit ewigen Zeiten. Das war wohl mal eine ganz große Sache, als der Fernseher noch drei Kanäle hatte, als Bands wie Abba da noch ihr Zeugs zum Besten gaben und Rudi Carrell oder Wim Thoelke mit Wum und Wendelin das Unterhaltungsprogramm bestimmten. Da war so ein Contest noch ein Ereignis, und hinterher hat man dann mit spießbürgerlichem Mißmut untersucht, wer wem warum wieviele Punkte gegeben oder nicht gegeben hat, und welche finsteren Motive da wieder eine Rolle gespielt hatten.—- Aber heute??? Mich wundert nur, daß es den Quark überhaupt noch gibt, daß sich jemand dafür interessiert, daß ein Medium wie die Achse da ernsthaft Artikel drüber schreibt.—- Und nein, ich bin nicht elitär. Ich kann wie ein blödes Kind über Stan und Ollie lachen (auch über Szenen, die ich schon hundertmal gesehen habe), und ich lese liebend gerne Bücher, in denen sprechende Katzen Mordfälle lösen. Aber ich glaube nicht, daß man darüber gleich Artikel schreiben sollte.

D. Brauner / 15.05.2023

MEINE DAMEN UND HERREN - ES SINKT JETZT FÜR SIE - DAS NIVEAU!!!

Heino Mursi / 15.05.2023

Deutschland trat beim ESC als Kolonialist und Imperialist auf: Der Imperialismus der bunten Pseudomoral. Wie albern und abstoßend!

Werner Arning / 15.05.2023

Heute steht ja vieles bis alles unter schwulem oder queerem Motto, natürlich darf ein Bekenntnis zum Anti-Rassismus nicht fehlen und für Deutsche gehört wie selbstverständlich eben zusätzlich noch die Ablehnung der eigenen Nation dazu. So weit so gut. Das eigentliche Problem ist jedoch der deutsche Musikgeschmack. Der ist einfach schlecht. Deutsche können keine Popmusik. Selbst im Radio läuft beständig schlechte Musik. Warum? Weil nur diese den Deutschen so gut gefällt. Musik ist nicht ihrs. Klar, es gibt und gab Ausnahmen. Aber die sind rar. Sehr rar. Für gute Musik fehlt es den Deutschen an Leichtigkeit. Genauso wie bei deutschen Filmen. Deshalb reüssieren sie international so selten. Der Deutsche ist in seiner missionarischen Art und Weise einfach viel zu ernst, viel zu verbissen. Wenn er versucht, lustig zu sein, wird er stattdessen häufig albern. Und er nimmt sich selber zu ernst. Das ist der Hauptgrund für seine Un-Lustigkeit. Selbst im Spaß nimmt er sich noch ernst. Und er ist zu sehr bemüht, alles richtig zu machen. Bloß in kein Fettnäpfchen treten, bloß von allen gelobt werden. Auf diese Weise wird er jedoch leer, unauthentisch. Menschenkenntnis ist ihm fremd, weil er sich selber so schlecht einzuschätzen weiß. Sein Fokus ist immer nach außen gerichtet. Eigentlich nimmt er das gesamte Leben viel zu ernst. Deshalb meint er ja ständig, die Welt retten zu müssen. Dabei ist er ja im Grunde ein netter Kerl. Er weiß es nur nicht. Aber wovon sprachen wir noch?

Didi Hieronymus Hellbeck / 15.05.2023

Deutschland kann es besser: Beim ESC 2024 sollten Claudia Roth und Ricarda Lang in knallengen Shorts und megaknappen BHs - alles in Lackleder (rot) - antreten und mit Hingabe den wunderbaren Song “Je t’aime” (Gainsbourg/Birkin) hauchen. Platz 1. Garantiert. (und wirklich: Frau Roth war früher mal Managerin einer Musik-Band !!)

Tina Kaps / 15.05.2023

0 Charisma + 0 Authentizität = 0 Chance. Immerhin bleiben dem deutschen Beitragszahler die Kosten der nächsten Austragung erspart – oder?

Dr. Mephisto von Rehmstack / 15.05.2023

ESC: sind das nicht den Paralympics (früher Stoke-Mendeville-Games) der Singer-Song-Writer Community?

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