Boris T. Kaiser, Gastautor / 30.08.2015 / 11:13 / 6 / Seite ausdrucken

Es tut so gut, sich zu schämen

Boris T. Kaiser

Es scheint ein gutes Gefühl zu sein, sich zu schämen. Vor allem für Dinge, für die man selbst eigentlich gar nichts kann. Zumindest ist die Scham für das, was Andere in Heidenau, Freital und anderswo anstellen, in Deutschland gerade die Trend-Emotion überhaupt. Die Logik dahinter verschließt sich mir. Zumal jene, die sich da für Andere so sehr schämen, in der Regel die gleichen Leute sind, die uns bisher immer erklärt haben, man könne nicht stolz darauf sein Deutscher zu sein, weil man dazu ja nicht durch eigene Leistung beigetragen habe.

Ja was denn nun? Entweder kann ich auf etwas, für das ich nichts kann, nicht stolz sein, dann kann ich mich aber auch nicht dafür schämen, oder ich kann mich dafür schämen, dann könnte ich aber, so mir danach ist, auch auf so ziemlich alles stolz sein. Vielleicht wäre ein explizit schwarz/rot/goldener Patriotismus und ein damit verbundenes republikanisches Selbstbewusstsein ein deutlich besseres Rüstzeug gegen dumpfen Nazihass und feucht-braune Träumereien von der Auferstehung eines reinrassigen Deutschen Reichs als der Hass auf diesen Staat und seine Werte, wie er von Rechtsradikalen und Linken gleichermaßen gelebt wird.

Schon in den 1930er Jahren wurde der Aufstieg der Faschisten nicht in erster Linie durch ein Übermaß an Patriotismus möglich, sondern durch mangelndes Vertrauen eines Großteils der Bürger in die Weimarer Republik und die Demokratie. Auch heute würde man für ein klares Bekenntnis zur Bundesrepublik Deutschland und dem Grundgesetz wohl wenig Zuspruch bekommen. Die heute so begehrten Facebook-Likes und Twitter-Sternchen ergattert man anders. Egal, ob man Privatperson, Journalist, Politiker oder eine Person des öffentlichen Lebens ist: Man muss das Herz auf der Zunge tragen und dies heißt im digitalen Zeitalter: Ohne Sinn und Verstand auf die Computer-Tastatur eindreschen und so emotional wie möglich daherschwafeln.

Wann immer ich mich dieser Tage in meine Social-Network-Accounts einlogge, werde ich geradezu überrollt von der Welle der feelgood und moralischen Bekenntniskommentare. Kaum jemand, der sich nicht - und sei es auch in noch so banaler Form - für Flüchtlinge und gegen Rassismus positionieren will. Ich frage mich dann, wo all die Antirassismus-Kämpfer waren, als vor nicht allzu langer Zeit in den Medien über antisemitische Demonstrationen hier lebender Moslems in deutschen Großstädten berichtet wurde. Empfand man „Juden-ins-Gas“-Sprechchöre etwa als weniger schlimm als Beschimpfungen gegenüber Asylanten und der Bundeskanzlerin?

Oder bezieht man als weltoffener, moderner, westdeutscher Großstädter einfach lieber Stellung gegen doofe Ossis vom Dorf als gegen den eigenen Nachbarn und seine Großfamilie? War es allein die Angst vor dem Antisemiten von nebenan, die all die Facebook-Gutmenschen damals vor einem klaren Bekenntnis gegen das offenkundig Böse abgehalten hat oder ist muslimischer Antisemitismus einfach kein so populäres Thema wie Rassismus gegen Flüchtlinge? Oder anders gefragt: Müssen die Juden erst wieder verstärkt fliehen, bevor sie auf die Solidarität von Til Schweiger und Co zählen können?

Bei Protesten gegen Asylbewerberheime fällt es nicht nur dem gemeinen Social-Networker, sondern auch den stets auf Quote und ihr Bild in der Öffentlichkeit bemühten Künstlern und Medienschaffenden deutlich leichter, sich zu äußern.

Farin Urlaub von den Ärzten schämt sich natürlich auch, wie es sich in seinen Kreisen gehört und eigentlich schon immer üblich war, Deutscher zu sein und betont, dass er „jegliche Geduld mit diesen Arschgeigen verloren” habe. Außerdem sagt er: „Solange es Leute gibt, die nichts können, nichts wissen und nichts geleistet haben, wird es auch Rassismus geben.“

Der Satz könnte vom Wortlaut her übrigens auch als Kritik an der Prekariats-Asylflut verstanden werden, aber dies nur nebenbei. Natürlich betont auch er brav, dass es keinerlei eigener Leistung benötigt, um Deutscher zu sein. Der gesamte Kommentar klingt wie ein auswendig gelernter Text von der Klotür irgendeines autonomen Jugendzentrums, wie aus der Kitschkiste des 80er-Jahre Punks. Dennoch wurde er sozial-medial abgefeiert, als wäre Johann Wolfgang von Goethe persönlich aus dem Grabe auferstanden, um sich, im Sinne des Humanismus, so feingeistig wie deutlich zu den aktuellen Zuständen in Deutschland zu äußern.

In diesem Deutschland ist nichts einfacher, als ein guter Mensch zu sein. Es bedarf dazu fast so wenig eigener Leistung wie zum Deutschsein selbst. Joko und Klaas drehen ein Video gegen, wie sie es nennen, „Ich-bin-zwar-kein-Nazi-aber-Idioten“, sie tun es mit der gleichen Selbstverständlichkeit, als würden sie gerade einen neuen Werbespot für Fanta oder McDonalds drehen.

Der so häufig verwendet wie kritisierte Satzeinstieg „Ich bin kein Nazi, aber…“, sagt übrigens in vielen Fällen weit mehr über seine Kritiker aus als über jene, die ihn sagen.

Denn offenbar haben viele Leute in Deutschland den Eindruck, sie müssten sich für ihre Meinung oder dafür, dass sie gewisse Wahrheiten und Selbstverständlichkeiten aussprechen,vorsorglich entschuldigen. Dies liegt nicht zuletzt an jenen, die diesen Satzeinstieg dann gerne aufgreifen, um zu „beweisen“ dass jeder, der sich kritisch zu Islam, Ausländerkriminalität oder einfach zu den finanziellen und gesellschaftlichen Belastungen durch die Flüchtlingsflut äußert, eben doch ein Nazi sein muss.

Auf eine konstruktiv-kritische Beschäftigung mit diesen Themen von Seiten der Social-Network-Gutmenschen wird man wohl noch lange warten dürfen. Genau wie auf konkrete Vorschläge, wer ihre „Refugees Welcome“-Philosophie auf Dauer bezahlen soll. Am Recht auf Asyl für echte Kriegsflüchtlinge ist genauso wenig zu rütteln wie an der Tatsache, dass all dies irgendwie und von irgendwem gesellschaftsverträglich gestemmt und bezahlt werden muss.

Politischer Pragmatismus würde zwar bei der Lösung der Probleme weit mehr helfen als gefühlsduseliges, aber wenig überlegtes „Kein-Mensch-ist-illegal“-Geschwafel, macht aber natürlich nicht so ein wohlig warmes Gefühl im Bauch wie die Gewissheit der eigenen moralischen Überlegenheit. Politik und Journalismus sollten sich davon dennoch nicht länger beeinflussen lassen und die Meinungshoheit bei einem so wichtigen Thema nicht länger den Radikalen und den Schwätzern überlassen.

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Johannes Schölzel / 01.09.2015

Sorry. Ich verstehe diesen Aufsatz nicht. Oder verstehe ich ihn richtig? Was wollen Sie sagen: Deutschland zu erst? Was für ein Deutschlandbild vertreten Sie hier? Welche Ängste? Sie definieren Deutschland anscheinend aus dem künstlichen, mit Absicht implizierten Gegensatzpaar: wir und die anderen. Wer sind wir? Die, die etwas hergeben? Ich weiß es nicht.  Bei Ihnen sind es anscheinend die, für die es gilt ihre Interessen zu verteidigen. Deutsche Interessen? Da grinst eine Fratze dahinter hervor - merken Sie es? Welches Bild haben Sie von Deutschland? Das wird mir nicht klar, und Sie trauen sich auch nicht es auszusprechen. Stattdessen diffamieren Sie diejenigen, die sie als Gutmenschen bezeichnen würden. Als Bürger dieses Landes, der einen deutschen Pass besitzt, arbeitet, Steuern zahlt, seine Familie ernährt und Kinder großzieht, schäme ich mich für solche Vorfälle wie in Heidenau ohne Stolz ein Deutscher zu sein. Fremdschämen heißt das, mit dem man sich auch immer an die eigene Nase fasst, um sich der Übereinkünfte zu erinnern, die es aus guten Gründen einmal getroffen wurde und die es in diesem Land (hoffentlich) noch gibt. Sie trauen sich nicht einmal das Wort Verfassungspatriotismus in den Mund zu nehmen, das scheint mir Methode und deutet in eine Ecke. Stattdessen reden sie von schwarz/rot/goldenen Patriotismus und republikanischer Gesinnung.

Sönke Greimann / 31.08.2015

Viele der heutigen “Antirassismus-Kämpfer” waren genau dort, wo sie auch jetzt sind, als in Deutschland auf Demos antisemitisch gehetzt wurde. Sichtbar gegen den Antisemitismus. Jedenfalls, nahezu alle von denen, die ich kenne und die weder auf dem rechten, noch dem linken Auge blind sind.

Johannes Schwefel / 30.08.2015

Nein, für die Juden wird sich in Deutschland niemand einsetzen. Die einzige Demokratie im Nahen Osten wird sowohl von Linken, als auch von Rechten bekämpft. Das hat in Deutschland eine lange Tradition. Diejenigen, die für einen völligen freien Zugang aller Asylanten nach Europa das Wort redet, sollte doch bitte auch brauchbare Vorschläge machen, wie er all diese Menschen menschenwürdig unterbringen möchte und selbst mit anpacken, anstatt immer nur zu fordern.

Peter Nickel / 30.08.2015

Sie sprechen mit aus dem Herzen. Ich finde es schlimm, wie auf allen Medien wieder Stimmung gemacht wird. Vernünftige Argumente werden nicht mehr gehört und jeder der nur etwas innehalten möchte um zu überlegen ob es richtig ist was wir das tun, wird sofort in die rechte Ecke gestellt. Eine Unterscheidung zwischen richtigen Flüchtlingen die mit Leib und Leben bedroht werden und Wirtschaftsflüchtlingen ist verboten. Mit Verweisen auf europ. Vereinbarungen (Aufnahme im Ankunftsland) macht man sich nicht nur bei diesem Thema lächerlich. Kosten - 10 Mrd für Kommunen hier, 4 Mrd. Hartz IV da und dann noch 0,5 Mrd für sozialen Wohnungsbau… jedes Jahr… Folgekosten… Familiennachzug… weitere Wirtschaftsflüchtlinge (die gehen nicht nach Australien)... Integrationsprobleme mit bereits hier lebenden Wirtschaftsflüchtlingen… Da befehlen die Guten dieser Republik einfach “Schnauze halten”. Wer die Haken zusammenschlägt und blind gehorcht ist ein Guter, wer weiter nachfragt ist krude und braun. Man bekommt mehr und mehr den Eindruck, dass Demokratie und Deutschland nicht zusammenpasst - wegen der ganzen lupenreinen Demokraten in Medien und Politik - nicht wegen dem Volk. Bspw. Stephan Seiler, Chefredakteur bei DB Mobil empfiehlt bei Facebook ein Video, das beschreibt, wie man Leute für Ihre Meinung am besten beim Arbeitgeber denunziert. Selbstverständlich nur Menschen, die man nach gründlicher Selbstjustiz in die Kategorie “Nazi” eingeordnet hat. Herr Seiler hatte bestimmt ein warmes Gefühl, als er dieses Video empfohlen hat, er hat viel Gratis-Mut bewiesen und Gesicht gezeigt. Und ich würde ihn zum Vorzeigebürger der ehem. DDR wählen. Nur eine Demokratie sieht anders aus. Geschlossene Kommentarfunktionen, Denunzationen und gefärbte Berichterstattung - das ist keine Demokratie. Die Presse muss sich nicht wundern, wenn ihr keiner mehr glaubt - wie in der DDR muss man inzwischen bei vielen Artikeln zwischen den Zeilen lesen können. - Das Gute an der gefärbten Berichterstattung - sie lässt Blogs wie die Achse des Guten entstehen.

Helge-Rainer Decke / 30.08.2015

Feststellungen und Bemerkungen in Ihrem Beitrag sind grundsätzlich plausibel. Wenn Sie jetzt noch konkretisieren könnten, wie Sie sich die Lösung wünschten, die das komplexe und dynamische Problem lösten, ohne u.a. den Verzicht auf wohligen Besitzstand einzufordern, also die “Schmerzgrenze” des saturierten Bürgers zu “beschädigen”, dann schreiben Sie Geschichte. Was aber Afrika als solches betrifft, so lässt sich die moderne Form der Völkerwanderung ohnehin nicht stoppen. Sorry, so sehe ich die Sicht der Dinge. Muss nicht der Weisheit letzter Schluss sein:-)

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