Rainer Bonhorst / 27.04.2020 / 16:00 / Foto: Bildarchiv Pieterman / 9 / Seite ausdrucken

Es lebe der Schweinezyklus

Der Schweinezyklus wird in einigen Jahren seinen hundertsten Geburtstag feiern. Entdeckt wurde er 1927 von Arthur Hanau, der als angehender Agrarmarktforscher in seiner Doktorarbeit die zyklische Bewegung der Schweinepreise protokollierte. Seither hat sein Zyklus den Schweinestall verlassen. Es hat sich gezeigt: Was für das Borstenvieh gilt, das gilt für die Landwirtschaft insgesamt, für die Wirtschaft überhaupt und es hat sich bis tief hinein in das allgemeinmenschliche Verhalten Gültigkeit verschafft. Sogar in der Corona-Krise hat sich der Schweinezyklus als überlebensfähig erwiesen. Ja, er ist aus Corona verstärkt hervorgegangen.

Das war zu erwarten. Wenn man sich, um den Schweinestall mal kurz zu verlassen und eine höhere Ebene zu betreten, an die seit Jahrzehnten verzweifelten Versuche der Bildungspolitik erinnert, eine Balance zwischen Lehrerbelegschaft und Schülerandrang herzustellen. Die Unmöglichkeit, den Schweinezyklus auch in diesem, vom Borstenvieh weit entfernten Gefilde zu durchbrechen, schilderte vor vielen Jahren eine sehr schöne Karikatur. Sie zeigte einen völlig vereinsamten Lehrer vor einer ebenso völlig überfüllten Klasse, die er mit den Worten begrüßte: „Guten Tag, ich bin die Lehrerschwemme und ihr seid wohl der Pillenknick.“ Die Unmöglichkeit, den bildungspolitischen Schweinezyklus zu durchbrechen, gilt bis heute. Etwas später gibt es noch ein aktuelleres Beispiel dazu.

Jetzt erst mal zurück in unsere Corona-Tage, in denen der Schweinezyklus an den Beispielen Klopapier und Mundschutz seine Krisenfestigkeit, man möchte sagen: seine Ewigkeitsgültigkeit, eindrucksvoll beweist. Die Abfolge von verschärfter Nachfrage, Mangelsituation, verschärfter Produktion, daraus folgendem Überangebot mit anschließendem Preisverfall, der wiederum zu einer reduzierten Produktion führt, was wiederum eine Mangelsituation zur Folge hat, die die Preise steigen lässt, was wiederum die Produktion in Richtung Überangebot ankurbelt und so weiter und so fort. Ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage ist, dem Schweinezyklus zufolge, ein nie erreichtes Ideal. Wenn der Pillenknick tatsächlich zu halb leeren Klassen führt, hat folgerichtig die Lehrerproduktion ihren Höhepunkt erreicht und führt zu einem unschönen Einstellungs-Stopp bis zum nächsten Mangel.

In den Regalen türmt sich das Toilettenpapier

Heutzutage hätten Lehrer ohne Job vorübergehend in die Toilettenpapier-Produktion einsteigen können, um sich für ein paar Wochen ein Taschengeld zu verdienen. Denn mit Ausbruch der Corona-Krise kam es zu einem zutiefst menschlichen Zyklus-Verhalten. Aus Angst vor einer papierlosen Toilette ergriffen diejenigen, die dem Klopapier am nächsten waren, was sie kriegen konnten. Es war kein reiner Egoismus, sondern es hatte auch einen Hauch von Nächstenliebe. Denn Freunde und Verwandte wurden mit dem voraussichtlich schon bald kostbaren Produkt selbstlos versorgt. In kürzesten Zeit entstand der Engpass in Form leerer Regale. 

Der Nachfragedruck führte zu hektischer Nachproduktion mit der jetzt zu beobachteten Folge: In den Regalen türmt sich das Toilettenpapier, von vielen überversorgten Kunden weitgehend missachtet. Es gibt erste, preisgünstige Sonderangebote. Doch was nützt ein besonders günstig zu erwerbendes Klopapier, wenn daheim die Lagerbestände erst einmal abgebaut werden müssen. Es bleibt abzuwarten, wie lange das Überangebot anhält. Die Produktion dürfte inzwischen wieder auf ein Normalmaß oder sogar unter Normalmaß angepasst werden. Bis der nächste Engpass kommt.

Den Engpass können wir derzeit noch in einem anderen Bereich beobachten. Das Angebot an Corona-Masken kann die Nachfrage vorerst nicht erfüllen. Schon gar nicht, da ab sofort verschärfter Mundschutz gilt. Dass die Gesetzgebung einen ganz eigenen Einfluss auf den Schweinezyklus hat, sei hier auch kurz erwähnt. Da Gesetzgeber sich nicht gerne mit der Produktions-Realität auseinandersetzen, ordnen sie immer wieder Dinge an, die in der realen Welt mangels Kapazität nicht oder noch nicht erfüllt werden können.

In diesem Zusammenhang lohnt wieder ein kurzer Blick in unsere Schulen, in denen seit geraumer Zeit das Prinzip der Inklusion gilt. Dies ist ein hehres Prinzip, das von einer hohen gesellschaftlichen Ethik zeugt. Doch der Mensch lebt nicht von der Moral allein, sondern in der Welt der Wirklichkeit. Und in dieser real existierenden Welt braucht es – soll die Inklusion gelingen – die entsprechenden Fachkräfte, die sich in besonderem Maße um die Inklusionskinder kümmern. 

Ein Überangebot an Bier und ein Mangel an Trinkern

Diese Fachkräfte kann man sich, anders als die morgendlichen Brötchen, nicht auf die Schnelle backen. Es herrscht also vielerorts ein Mengel an Fachkräften, die dafür sorgen könnten, dass sich Inklusionskinder in ihren Normalo-Klassen nicht noch ausgegrenzter fühlen als in separaten Einrichtungen. Man kann hier von einem Schweinezyklus zwischen ethischem Anspruch und praktischer Machbarkeit sprechen. Ob es, dem Zyklus entsprechend, eines Tages ein Überangebot an Inklusions-Fachkräften und eine geringere Nachfrage gibt, bleibt abzuwarten.

In der Mundschutz-Wirtschaft lässt sich der Zyklus jetzt schon absehen. Es wird überall in großem Stil und in fleißiger Heimarbeit an einer Masken-Schwemme gebastelt. Sie wird unweigerlich dazu führen, dass die Masken schon bald angeboten werden wie sauer Bier. 

Das Anbieten von saurem Bier, um dieses Bild kurz zu erläutern, ist übrigens auch die Folge eines Schweinezyklus. Ein Überangebot an Bier und ein Mangel an Trinkern führte in früheren Zeiten dazu, dass das Bier versauerte und leider auch in diesem Zustand an den Trinker gebracht wurde. Mit der Folge, dass er enttäuscht womöglich noch weniger trank und das Bier noch saurer wurde. Heute stehen die Brauereien wieder vor dem Problem, ihr Bier nicht los zu werden. Allerdings haben sie dank des Reinheitsgebots und der strengen Ausschank-Vorschriften nicht mehr die Möglichkeit, ihr Bier als Sauerprodukt anzubieten.

Die Masken haben den Vorteil, dass sie nicht sauer werden. Allenfalls wird der Kunde sauer, wenn er anfangs die Pflicht-Masken nicht bekommt und sich dann vor einem Überangebot an Mundschutz-Produkten nicht retten kann. Dieser Zyklus wird erst dann zur Ruhe kommen, wenn die Ursache, der Corona-Virus, sein Krisenpotenzial verloren hat. Wenn also ein Mittel gegen Corona gefunden ist, sei es als Medikament oder als Impfstoff.

Mit Hochpreis und Hamsterlust

Noch herrscht hier ein absoluter Mangel. Ein Null-Angebot. Sollte irgendwann ein Mittel gegen das Virus auf den Markt kommen, so wird aus dem Null-Angebot ein klassisches Mangelangebot mit Hochpreis und Hamsterlust. Das Hamstern wird in diesem Fall sicherlich – soweit möglich – mit politischen Mitteln verhindert werden. Das wiederum lässt hoffen, dass aus dem mangelhaften Angebot eines Tages ein ausgeglichenes Angebot bei passender Nachfrage wird. 

Ob der Schweine-Zyklus im Kampf gegen Corona auch irgendwann zu einem Überangebot an Medikamenten konkurrierender Hersteller und dem dazu passendem Preisverfall führt, ist nicht abzusehen und vorerst eher unwahrscheinlich. Eine solche Entwicklung wäre ökonomisch sicherlich problematisch, aber für den Patienten ausgesprochen angenehm. Damit ist ein anderes Gesatz angesprochen, das der Volksmund so formuliert: Was dem einen „sin Uhl“, ist dem anderen „sin Nachtigall“. 

Dieses in der politischen Ökonomie ebenfalls wichtige Prinzip hat aber mit dem Schweine-Zyklus Artur Hanaus wenig bis gar nichts zu tun und soll darum hier nicht weiter erörtert werden.           

Foto: Bildarchiv Pieterman

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Charles Brûler / 27.04.2020

Der Schweinezyklus entsteht durch mangelhafte Anpassungsdynamik.  Den Schweinezyklus gibt es auch in Demokratien. Systembedingt dauert es z.B. in Deutschland Jahre, bis sich eine neue politische Bewegung durchsetzen kann. Das liegt an den Wahlperioden, fehlenden Volksabstimmungen und einem hermetisch geschlossenen politisch-medialen Komplex. Wenn die neue Partei, oder die Bewegung sich dann durchgesetzt hat, ist das Thema ihrer Entstehung längst erledigt. Jahrelange politische Arbeit scheint die Parteien auch zu lähmen, und der Realität zu entweichen. Das sieht man gerade daran, dass eine neue Bewegung “Wiederstand2020” unter dem talentierten Bodo Schiffmann die AfD zu überrollen droht.

Johannes Fritz / 27.04.2020

Interessant. Bei der Lektüre dieses Artikels kam mir der Gedanke, dass ich bisher noch nie einen Gedanken daran verschwendet habe, so eine Impfung durchführen zu lassen, sollte ein Medikament auf den Markt kommen. War wirklich das erste Mal jetzt. Solange man dazu nicht gezwungen wird, bleibe ich aber wahrscheinlich sowieso dabei, den Spaß wie seine Vorläufer einfach auszusitzen und fertig.

Rolf Lindner / 27.04.2020

Die neue Hamsterwelle läuft zumindest schon In Frankreich, wo die Regierung den Kauf von sogenannten Nikotinersatzprodukten beschränken will, weil - wie auch hier in Achgut verbreitet -  Nikotin das Eindringen von Coronaviren in die Zellen und deshalb dessen Vermehrung behindern soll.

Frances Johnson / 27.04.2020

Finde ich sehr schön hergeleitet, hat mich amüsiert.

Petra Wilhelmi / 27.04.2020

Also bitte sagen Sie mir, WO türmt sich das Toilettenpapier? In welchen Märkten? In meiner Umgebung ist es immer noch Glücksache, welches zu erstehen. Ohne meine Familie hätten wir schon seit März keines mehr. Man sollte schon jemanden haben, der genau weiß, wann eine Lieferung kommt und der dorthin auch Beziehungen hat. Man kann auch bei DM-Online googlen: In Ihrer Filiale nicht verfügbar. Flüssigseife ist auch schwer zu bekommen - Glücksache. Küchentücher gibt es auch nicht immer und überall - Glücksache, wenn man dazu kommt. Man sollte nicht von einer Stadt auf andere schließen. Ich weiß nicht, was Ihr Artikel soll.

toni Keller / 27.04.2020

Gegen Viren gibt es keine Medikamente, kann es keine geben und der Nutzen der Impfungen ist, jenseits dem sicheren Nutzen betreffs der Kassen der Pharamindustrie, auch umstritten. So gibt es Impfschäden und da so ein Virus die Eigenschaft hat permanent zu mutieren, impft man immer gegen die Erscheinungsform vom letzten Jahr! Weiter bedeutet diese Mutation nicht, dass so ein Virus immer gefährlicher wird. Das hat den einfachen Grund, das so ein Virus auch leben will und gerade weil so ein Virus, zwar streben genommen kein Lebenwesen ist, hat es ein gesteigertes Interesse daran,, dass sein Wirt gesund bleibt und nicht schnell ins Gras beißt., weil sich in diesem Fall das Virus nicht so ausbreiten kann, wie es das gerne möchte. Die großen, gefürchteten Seuchen der Vergangenheit, egal ob Pest, Cholera oder die Lepra wurden übrigens alle von Bakterien hervorgerunfen und konnten auch deshalb so verheerend wirken weil die Leute unter sehr schlechten hygienischen Bedingungen lebten und zudem aufgrund vorheriger Kriege, oder eben den Bedingungen des Manchesterkapitalismus extrem geschwächt waren. Letzteres gilt auch für die spanische Grippe in den 20ern des letzten Jahrhunderts, die auf eine Nachkriegsgesellschaft im gesamtgesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbruch (Übergang von Monarchien in Demokratien, bzw sozialistische Staatsformen und Übergang von Agrarwirtschaft in eine Industriegesellschaft ) traf. Mir geht diese Panikmache wegen einer vergleichweisen harmlosen Grippe die “durch” ist zunehmend auf die Nerven. Zur Sterilisation der Masken wird empfohlen diese an die Sonne zu legen, man selber soll aber nicht an die Sonne und nicht mit Freunden im Park chillen, wegen des Virus, das irgendwie nur auf der Maske in der Sonne inaktiv wird, auf der Haut irgendwie nicht????

Detlef Jung / 27.04.2020

Lieber Herr Bonhorst, vielen Dank für das Teilen Ihrer wertvollen! Einsichten. Tolle Unterhaltung mit hohem pädagogischen Wert. Danke sehr, damit ist mein Teil des Homeschoolings morgen schon gerettet. In einer Zeit des Wartens (auf Godot? scheint mir noch nie wahrscheinlicher die letzten 50 Jahre als genau jetzt, dass DER hier demnächst auftaucht, wo ihn keiner erwartet.) Ja wer weiß, was uns erwartet. Da tut Ihr Beitrag wirklich gut - keine schlechte Laune hinterher ob der Erkenntnisse, einfach nur perfekte Mundwinkelkorrektur.

Frank Danton / 27.04.2020

Mit dem Schweinezyklus wird doch die Sau durch’s Dorf getrieben.

Gudrun Meyer / 27.04.2020

Was Sie beschreiben, ist der Anfang einer wirtschaftlichen Stagflation, bei der auf die Dauer Angebot und Nachfrage deutlich zurückgehen, weil jeder der beiden Wirtschaftsmotoren direkt oder indirekt den anderen schwächt. Das führt dann zu noch mehr Produktions- und Lieferschwierigkeiten, diese zu noch mehr Konkursen, diese zu noch mehr Arbeitslosen und einer ernsthaften Rezession der gesamten Wirtschaft. Immerhin ist dann die mit weitem Abstand häufigste Fluchtursache Vergangenheit.

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