Rainer Bonhorst / 05.08.2018 / 14:30 / Foto: Pixabay / 8 / Seite ausdrucken

Es lebe der freie Stammtisch!

„Guten Morgen, haben Hoheit gut geruht?“ Ach, das waren noch Zeiten, als Deutschlands Hofschranzen ihrer Hoheit noch in denselben kriechen konnten. Das Ende dieser Art von Hoheit kam bei uns bekanntlich, weil ein hoheitlich angeordneter Weltkrieg nicht zu dero Zufriedenheit ausging. Weshalb die Hoheit als Asylant bei den lieben Nachbarn Duldung genießen musste. Nun gut, das ist Geschichte. Aus und vorbei.

Oder? Also, ganz ohne Hoheit scheint es auch in unserer demokratisch verfassten Republik nicht zu gehen. Einige haben die Hoheit in Menschengestalt durch eine abstrakte Hoheit ersetzt. Die Hoheit, der wir am häufigsten in abstrakter Gestalt begegnen, ist die sogenannte Deutungshoheit. Ich weiß zwar nicht genau, was diese Hoheit bedeuten soll, aber unsere führenden Politiker wollen unentwegt die Deutungshoheit erobern. Sie wollen die Deutungshoheit über das, was gut und edel ist; die Deutungshoheit darüber, was gesagt werden darf und was zu sagen sich verbietet. Und ganz besonders erstrebenswert ist offenbar die Deutungshoheit über die Stammtische. 

Nun will es aber das Schicksal, dass ausgerechnet an den Stammtischen diese Möchtegern-Hoheiten von anderen Gästen allmählich unter den Tisch gesoffen werden. 29 Prozent für die einen und 18 Prozent für die anderen – das Schrumpfen der Hoheiten ist mit bloßem Auge zu beobachten. Und was tun die Schrumpfhoheiten? Sie schauen verwirrt in ihren Aperol Spritz und fragen sich: Wie kommt das bloß?

Am Stammtisch sitzen mündige Trinker

Hier ein Tipp aus meiner langjährigen Stammtisch-Erfahrung: Wer den Leuten in der Kneipe hoheitlich daherkommt, also von oben herab, der macht sich keine Freunde. Der wird nach und nach zum Einzelsäufer. Am Stammtisch wird auf Dauer keine Hoheit geduldet. Auch keine Deutungshoheit. 

Und ob Hoheit es wollen oder nicht:  Eine Demokratie ist nun mal ein großer Stammtisch. Der hoheitliche Irrtum besteht darin, zu glauben, dass sich am Stammtisch lauter Deppen versammeln, die der Deutung bedürfen. Das Gegenteil ist der Fall. Am demokratischen Stammtisch sitzen lauter mündige Trinker. In einer Demokratie und an ihren Stammtischen kann und darf es gar keine Deutungshoheit geben. Da wird durcheinander geredet. Da herrscht Meinungsvielfalt. Deutungsfreiheit. Also das Gegenteil von Deutungshoheit. Die Abwesenheit von Deutungshoheiten ist geradezu ein konstituierendes Merkmal eines Stammtisches und einer Demokratie. 

Kurz und gut: Wo diskutiert, gestritten, manchmal sogar gerauft wird, da lass dich ruhig nieder. Da ist das Volk der Souverän. Da gilt noch das Grundgesetz. Darum: Es lebe der von Hoheiten freie Stammtisch. 

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Norbert Klagenhover / 05.08.2018

“Ich weiß zwar nicht genau, was diese Hoheit bedeuten soll, aber unsere führenden Politiker wollen unentwegt die Deutungshoheit erobern.” Ersetzen Sie doch einfach das Wort “Hoheit” durch das Wort “Herrschaft”, dann ergibt die Welt wieder Sinn. Abgesehen davon, verwechseln Sie Demokratie mit einer Mischung aus Redefreiheit innerhalb einer einigermaßen homogenen Gruppe, die sich das Recht zur Diskriminierung vorbehält. Unsere Oligarchieform, die wir als Demokratie bezeichnen, ist etwas anderes, und wird von Ihnen mit den falschen Federn geschmückt.

Dr. Inge Frigge-Hagemann / 05.08.2018

Die Deppen findet man eher in der Politik als an den Stammtischen!

Uta Buhr / 05.08.2018

Wunderbar - ich bin dabei. Wann saufen wir mal gemeinsam am deutungshoheitfreien Stammtisch? Aber der findet ja täglich bereits auf achgut statt - bislang ohne deutungshoheitliche Eingriffe aus Berlin. Und so soll es bleiben. Prost!

Karla Kuhn / 05.08.2018

“Am Stammtisch wird auf Dauer keine Hoheit geduldet. Auch keine Deutungshoheit. ”  Der Stammtisch ist für die “Stammtischler” reserviert, da paßt kein Blatt Papier dazwischen !! Und “Deutungshoheiten” gleich gar nicht !!  “Kurz und gut: Wo diskutiert, gestritten, manchmal sogar gerauft wird, da lass dich ruhig nieder. Da ist das Volk der Souverän. Da gilt noch das Grundgesetz. Darum: Es lebe der von Hoheiten freie Stammtisch.”  HERVORRAGEND !!

Enrique Mechau / 05.08.2018

Welche Hoheit, welche demokratische Republik? Hat der Skribent noch nicht gemerkt, daß er schon in der Sch… sitzt. 1984 ist schon da, irgenwelche Spinner regieren mit ein paar Prozent und koalieren was das Zeug hält, weil sie sonst ja irgentwas arbeiten müssten. Die meisten, die in den sogenannten Parlamenten (Schwätzstuben) hrumsitzen dummes Zeug ausbrüten und den Kuchen unter sich aufteilen - Bei Diäten und Pauschalenerhöhungen gibt es komischer Weise NIE eine tagelange Debatte - sollten sofort wirder auf ihre Beamtenposten beordert werden. Ich fürchte allerdings, dass alles zu spät ist. Diese Herrschaften, mittlerweile alle arriviert, haben sich so abgeschottet, dass jede Manipulation möglich ist und der deutsche Michel, der mittlerweile die Reste des Verstandes den er zwischen ‘45 + ‘46 hatte völlig verloren hat und alles was ihm diese Öko- Pollito, Veggie, Kulti etc..- Faschisten vordudeln als bare Münze nimmt.

Joachim Lucas / 05.08.2018

Die Franzosen haben es mit ihren “Hoheiten” in der franz. Revolution noch besser gemacht. Sie haben sie nicht unter den Tisch gesoffen, sondern auf ein Brett geschnallt und ins Paradies, Abteilung “Hoheiten” befördert. Seither haben die Herrschenden in Frankreich ein wenig mehr Respekt vor ihren “Untertanen”. Auch die Engländer haben eine “Hoheit” (Karl I) 1649 gekürzt. Das hat auch schon langfristig geholfen. Nun wollen wir nicht gleich das Beste hoffen. Denn wir sind ja weiter und versorgen sie mit einem fetten Gnadenbrot nachdem sie ihr Zerstörungswerk vollendet haben. Aber jeder Stammtisch ist gewiss demokratischer und ehrlicher als unsere vielgeliebte Führerin und die unter ihrer Schirmherrschaft hochgekommenen Kriechlinge und Phantasten. Die letzteren würden, wenigstens am Stammtisch, ganz schnell untergehen.

Wolfgang Kaufmann / 05.08.2018

Freie Diskussion und das ernsthafte Bemühen um die Wahrheit ist das Lebenselixier der Demokratie. Folgerichtig besteht in den USA und der Schweiz das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung völlig uneingeschränkt; davon bleibt das Recht des Betroffenen unbenommen, gerichtlich gegen eine Beschimpfung vorzugehen. Anders in Deutschland, wo eine auf Precrime spezialisierte Task Force Gedanken vorauseilend löscht, bevor sich überhaupt ein Geschmähter meldet. Sponsored by Stasi.

Jürgen Schnerr / 05.08.2018

Auf diese Wahrheit ein kräftiges Prosit und lang soll er leben, der Stammtisch!

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