Es lebe das Bürgerlein

Bei Steingart habe ich das Wort „Bürgerlein“ gelesen. Das ist genial. Und zwar in doppelter Hinsicht. Erstens und offensichtlich: Das Bürgerlein beschreibt genau die Größenordnung, in der manche Politiker ihre Wählerinnen und Wähler betrachten. Nämlich als Wählerlein, die man lenken, belehren und bevormunden muss. Und zweitens: Das Bürgerlein macht die Gender-Unterscheidung in Bürgerinnen und Bürger überflüssig. Auch den Schluckauf-Punkt von Bürger:innen oder die Großschreibung mitten im Wort bei BürgerInnen. Bürgerlein. Das Bürgerlein. Ein Neutrum, also geschlechtsneutral. Um nicht zu sagen divers. Ein schlauer Ausweg aus dem Genderzwang, der inzwischen ja auch behördlicherseits verordnet wird. Das Bürgerlein ist klein, aber oho.

Zum Hochmut der Ideologen und Ideologinnen (Ideolöglein?), die sich in zwei Parteien unserer künftigen Regierung tummeln, fällt mir nicht mehr viel ein. Sie wissen nun mal alles besser als die Leute, die sich im normalen Leben aufhalten, in dem die Besserwisser nur besuchsweise anzutreffen sind. Da kann man nur auf gelegentliche Realitätsschocks im Regierungsalltag hoffen. Und darauf, dass der Dritte im Bunde wenigstens ein bisschen Achtung vor der Urteilskraft und der Eigenverantwortung der Bürger in die Oberlehrerrunde einbringt. 

Lieber, weil vergnüglicher, sage ich ein paar Worte zum Menschlein als genialen Antikörper zur Genderitis. Das neutrale „lein“ hat das Potenzial, unser Sprachleben wieder einfacher zu machen und den Gendererinnen den Wind aus den Segeln zu nehmen.

So hilft das „lein“ bei der Vermeidung schwerfälliger Ausweichformulierungen. Zum Beispiel muss man nicht mehr zungenbrecherisch von Kunstschaffenden sprechen, wenn man das umständliche Künstlerinnen und Künstler vermeiden will. Das Künstlerlein – und fertig ist die Laube. Auch der alte Vermeidungsumweg der „Studierenden“ kann auf den Müllhaufen der Geschichte landen, wenn man sich für das neutrale Studentlein erwärmen mag. Kann diese Empfehlung analog auch als Alternative für unsere spröden „Geflüchteten“ gelten? Durchaus. Der patriarchalische Flüchtling, der eine weibliche Flüchtlingin nicht einmal zulässt, gelänge als Flüchtlinglein in eine politisch korrekte Zone der Geschlechtsneutralität.

Neutralisierung durch Verniedlichung

Zugegeben: Das Flüchtlinglein geht einem nicht so flott über die Zunge wie es wünschenswert wäre. Das ist vor allem ein Problem der zuweilen etwas steifen hochdeutschen Sprache. Ein umgangssprachliches Flüchtlingle wäre vom Sprachfluss her dem Flüchtlinglein sicher vorzuziehen.

Bei der Neutralisierung durch Verniedlichung sollten allerdings nicht nur die Vorzüge der Umgangssprache beachtet werden, sondern auch regionale Empfindsamkeiten. Der Einfachheit halber kehren wir jetzt wieder zum Bürgerlein zurück. Das Bürgerlein hat eine deutlich süddeutsche Note und sollte im norddeutschen Raum durch das Bürgerchen ersetzt werden. Diese Unterscheidung ist auch zu empfehlen, wenn man sich für die Umgangssprache entscheidet. Dem süddeutschen Bürgerle sollte aus Gründen der regionalen Ausgewogenheit das nördliche Bürgerken gegenüber gestellt werden.

Soweit so gut. Aber wie stehen die Chancen, dass sich diese Alternativen zum lästigen Gendern durchsetzen werden? Leider nicht gut. Politische Unterstützung ist kaum zu erwarten. Politiker, ob Kanzler, ob Minister, fürchten sicherlich, dass sie dann selber als Politikerlein, Kanzlerlein oder Ministerlein angesprochen werden. Und schon die Römer wussten, dass dem Ochsen, also dem Bürgerlein, nicht geziemt, was Jupiter, also dem Minister geziemt. 

Man muss zu der hier entwickelten Bürgerlein-Theorie wohl sinngemäß sagen, was Georg von Frundsberg zu Martin Luther gesagt hat: Mönchlein, Mönchlein, du gehst einen schweren Gang. Und was Luther als Erfinder der deutschen Sprache zu unserem Thema gesagt? Direkt, soweit ich weiß, nichts, indirekt eine Menge. Er hat „dem Volk aufs Maul geschaut“, und darum findet sich in seiner Bibel nicht das kleinste Genderlein.    

Foto: Illustration Rudolf Wildermann

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Leserpost

netiquette:

Lutz Herzer / 04.12.2021

Kennen Sie das Vonderlein? Kleiner Tipp: es heißt mit Vornamen Ursula.

Knapp,Heinerich / 04.12.2021

Geniale Idee - alles auf -chen, -ken, -li, -lein   enden lassen ! Kostpröbchen :  Bundeskanzlerken Scholz - Einfacher und treffender geht es nicht !

Rudi Knoth / 04.12.2021

Das ist aber eine gute Idee. Nur beim “Flüchtling” gibt es nach der seit 2015 geltenden Sprachregelung der Begriff “Geflüchtete”. Also wird der/die/das Flüchtling einfach gestrichen.

Wilfried Cremer / 04.12.2021

und noch einen für die Schweizer: das Gleisschubserli

Fred Burig / 04.12.2021

Ich glaube, da könnten wir uns zu Vereinfachung auch auf saarländische Weise helfen. Sprechen wir einfach bei den meisten Dingen vom “Es”. MfG

Ludwig Luhmann / 04.12.2021

Bürgerlein ——-> Untertänchen——-> Klimaopferchen & Klimatäterchen——-> Sklävchen——-> Brennstöffchen

Gerhard Hotz / 04.12.2021

Der Diminutiv hatte ja schon einmal ein Blütezeit, nämlich im Biedermeier (“Das Bächlein hüpft durch das Wieslein”). Einen Genderzwang gab es damals aber noch nicht.

Wolfgang Müller / 04.12.2021

Meiner Meinung nach würde schon die konsequente Verwendung des deutschen Begriffs für Gendern, Vergeschlechtlichen, sprachlich den Unsinn herausarbeiten.

Dietrich Herrmann / 04.12.2021

Politikerchen, Ministerchen, Diktatorlein.

Walter Weimar / 04.12.2021

Die Politiker sind nur eine Abbildung des Durchschnitts die sie gewählt haben.

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