Gerald Wolf, Gastautor / 25.03.2018 / 14:30 / Foto: Pixabay / 15 / Seite ausdrucken

Es grünt so grün

Nun wird es wieder ganz deutlich: Die Natur ist grün. Jedenfalls in unseren Breiten. Rot, Blau, Gelb und Weiß kommen zwar ebenfalls vor, Grün aber überwiegt, weil das Blattgrün, das Chlorophyll, als Assimilationspigment nun mal Grundlage für alles höhere Leben ist. „Raus ins Grüne!“, so hieß es früher, und so heißt es manchmal noch heute, wenn es gilt, der Stubenluft und dem Stadtmief zu entfliehen. Doch sei ernüchternd festgestellt, da draußen findet sich weit weniger Natur, als es grün ist. So weit das Auge reicht, wird die Landschaft mit Pflanzen ausstaffiert, die zum Nutzen des Menschen züchterisch verändert worden sind. Kultur ist das, Kultur im ursprünglichen Sinne des Wortes (lateinisch cultura – Ackerbau).

Längst geht es nicht mehr nur um unsere Ernährung, nein, zunehmend werden „Energiepflanzen“ kultiviert: Mais, Gräser, Getreide, Zuckerrüben, auch Kartoffeln. Deren Biomasse dient als Energieträger, dient als nachwachsender Rohstoff, der hilft, fossile Energieträger zu ersetzen. Auch die Kernenergie. Jede der da angebauten Pflanzen ist Ergebnis der Züchtung, ist – wennschon ausgehend von Vorlagen der Natur – menschgemacht. Selbst unsere Wälder wachsen nicht, wie sie wüchsen, wenn man sie nur ließe. Nicht Ur-Wälder sind es, sondern Forste, menschgemachter Wald, wenn freilich ebenfalls grün. Das Grün jedoch, das vom Menschen unbeeinflusst wächst, ist nur noch auf wenigen Flächen zu finden.

Die Kultivierung unserer Landschaft bringt es mit sich, dass einst häufige Pflanzen- und Tierarten inmitten des vielen Grüns selten geworden sind, ja, auszusterben drohen. Welche Pflanzen sollen denn das sein, hört man da fragen. Falls überhaupt jemand danach fragt. Möglicherweise irgendwelches Unkraut, Pflanzen, die zu nichts nutze sind? – Unkraut? Unmenschen gibt es, keine Frage, aber Un-Kräuter, Un-Pflanzen? Gleichviel, weg damit! Genauso diese Krabbel- und Flattertierchen. Die meisten von ihnen sind sowieso bloß Schädlinge. Hochwirksame Insektizide drauf, Neo-Nicotinoide z.B. Die killen, wo es etwas zu killen gibt. Wenn das nicht mehr funktioniert, dann entwickelt man eben neue Vertilgungsmittel. Und es lohnt sich – keine Mücken mehr, keine Fliegen, die Windschutzscheiben bleiben sauber! Was nur soll dieses andauernde Gerede, ab und zu sieht man ja doch noch einen Schmetterling fliegen. Wen kümmert‘s, dass in Deutschland davon knapp 4.000 Arten zuhause sind. Oder sein sollten. Größtenteils sind das sowieso bloß irgendwelche Motten, die die Lampen auf dem Balkon und im Garten verdrecken.

Was schon nützt es zu wissen, dass Deutschland die Heimat von etwa 10.000 Pflanzenarten ist und von 48.000 Tierarten. Nicht nur der frischgebackene Heimatminister wird das nicht wissen, vermutlich weiß es noch nicht einmal das Gros der Biologie-Lehrer. Selbst wenn sie diese nüchternen Zahlen kennen sollten, wer von denen traut sich noch mit den Schülern hinaus ins Grüne, um ihnen zu zeigen und zu erklären, was dort alles wächst, fliegt und krabbelt?

Zwar wissen die Bio-Lehrer von heute Bescheid über DNA und RNA, über die Wirkungsweise und Gefahren von Drogen und über den Aufbau des Blattes. Wer von ihnen aber will behaupten, den Unterschied zwischen dem Waldveilchen und dem Gundermann zu kennen, zwischen der Sing- und der Misteldrossel? Das alles setzt Kenntnisse voraus, die nicht mehr so recht in unsere Zeit zu passen scheinen, ja, noch nicht einmal mehr ins Biologie-Studium.

Die Feldwege und Hecken sind größtenteils verschwunden, Tümpel und Sümpfe wurden trockengelegt, und fast nirgendwo gibt es Brachen, auf denen es blühen darf, wie es gerne möchte. Bunte Wiesen werden in Fettwiesen umgewandelt und diese dann zu Bio-Energie und Kuhfutter gemacht. Dort, wo es noch Wildwuchs geben könnte, setzen die Randstreifenmäher ein. Früh im Jahre schon und auch später noch, um allem, was da zu blühen versucht, die frechen Köpfe abzuschneiden. Dann endlich kann nichts mehr von diesen Unkräutern aussamen, oder eben nur noch wenig. Wennschon an solchen Stellen kein Raps oder Mais zu ernten ist, dann, bitteschön, soll es wenigstens produktiver Rasen sein. Ergebnis: Allerorten Überproduktion, die zudem noch von der EU gestützt wird, damit landwirtschaftlicherseits keine Tränen fließen. Bezahlt nicht nur mit unserem Geld, sondern eben auch mit der Vielfalt unserer Pflanzen- und Tierwelt, die einst sehr groß gewesen ist.

Früher, da bogen sich die Doldenblüten des Bärenklaus unter der Last der Fliegen, Käfer, Hautflügler und Blattläuse. Heute klettert darauf gerade mal eines dieser Tierchen herum, auch zwei, dafür aber auf der nächsten Dolde gar keines. Viele Jahre lang geht das schon so, immer weniger Insekten. Allerdings sind eben zur selben Zeit auch die Mücken verschwunden, jedenfalls so gut wie, so dass sich das Bedauern in Grenzen hält. Im Gegenteil, die Leute können ihr Wassergrundstück erst jetzt so richtig genießen. Und beim Wandern darf man das Mückenspray getrost zu Hause lassen. Allerdings, dort, wo die Insekten fehlen, dort fehlt es auch an Lurchen, Kriechtieren, Fledermäusen und Vögeln. Nicht nur die insektenfressenden Vogelarten sind betroffen, auch die körnerfressenden. Denn deren Junge müssen mit Insekten gefüttert werden. Und so kann es passieren, dass wir, wenn wir eines schönen Sommertages draußen vor den Toren spazieren gehen, kaum einen Vogel sehen.

Seit vielen Jahren warnen Kenner unserer heimatlichen Natur. Allen voran die wenigen Insektenkundler, die es noch gibt, und einige weitere Naturfreunde. Ganz leise war ihr Ruf, kaum einer hörte ihn. Woher auch sollten diese Leute die Lautheit nehmen. Plötzlich aber war es dann doch passiert: In der Öffentlichkeit wurde die Sache mit dem Insektensterben und dem Verschwinden der Vögel bekannt. Allerdings nicht durch die Partei der Grünen, die zuerst hätte schreien sollen. Nein, die Grünen fingen erst dann mit Schreien und Klagen an, als ihnen das Insektensterben auf dem Tablett serviert wurde.

Wie grün ist sie denn, die Partei der Grünen?

War das Dilemma der Partei der Grünen bis dahin nicht aufgefallen? „Grün heißt: Die Natur erhalten, die uns erhält“, so lautet es in ihrem Parteiprogramm. Und weiter geht es mit „Klima-Erhitzung“ (!), mit Frei-sein-wollen von Hass und Ausgrenzung, von Angst und Armut, von Überwachung und Bevormundung. Man stehe für ein ökologisches, weltoffenes und gerechtes Land: Vom Elektroauto bis zur Integration, von grüner Wirtschaft bis zum Datenschutz.

Die Damen und Herren von der Grünen Partei mal so gefragt: Sind Sie in den letzten Jahren nie durch Felder gewandert, in denen man über Kilometer hin, ganz anders als vor Jahren noch, keine einzige Feldlerche sieht? Oder tirilieren hört? Kennen Sie diesen Vogel nicht? Wie viele von Ihnen wissen Bescheid über die 500 heimischen Bienenarten, von denen jetzt schon die Hälfte auf der Roten Liste gefährdeter Arten steht? Von den Honigbienen, gut, da mag auch von Ihrer Seite her öfter mal die Rede gewesen sein. Einfach, weil diese Tiere doch so herrlich nützlich sind. Sie bestäuben die Blüten von Nutzpflanzen und liefern den Honig, sogar Bio-Honig. Doch was weiß die Partei der Grünen, was wissen ihre Mitglieder davon, dass es in Deutschland mehr als 30.000 weitere Insektenarten gibt, und was weiß man hier von solchen, denen ohne ihre jeweilig spezielle Wirtspflanze das Aus droht? Vor allem, so sei gefragt, was weiß man in der Partei der Grünen über die Ursachen? Konkret, bitte!

Die Erforschung von Ursachen in der Natur und der Gesellschaft gehört zum Aufwändigsten, was sich Menschen zumuten können. Nur ausnahmsweise geht es so einfach zu wie beim Hebelgesetz oder dem Verhältnis von Spannung, Stromstärke und elektrischem Widerstand. Oft bleibt es bei unbefriedigenden Ergebnissen, und das fast immer, wenn es sich um komplexe Ursachengefüge handelt. Manche Debatten ziehen sich über Jahrzehnte hin, sogar über Jahrhunderte. Kontemplativität kann sich die Politik nicht leisten, natürlich nicht. Hier muss gehandelt werden. Selbst dann, wenn die Sachlage verworren bleibt. Die Reduktion auf überschaubare Verhältnisse ist angesagt, und die gelingt am besten, wenn – so absurd dies sein mag – Eine-Ursache-Prinzipien zugrunde gelegt werden. Am wirkungsvollsten so, dass möglichst große Anteile der Bevölkerung zu folgen bereit sind. Je einfacher, umso wahrscheinlicher, möchte man glauben. Auf solche Weise zu argumentieren, ist durchaus so etwas wie Kunst.

Die grüne Politik hat es hierin bis zur Meisterschaft gebracht. Im Regelfall kommt man mit einer Handvoll von Schlagworten aus. Schlagworte, die für Glaubenssätze stehen, die ihrerseits nicht mehr zu hinterfragen sind. Es sei denn, der Hinterfrager will riskieren, in politisch-moralisches Zwielicht zu geraten. Wenn doch, dann zum Beispiel wird ihm, wie neulich im Bundestag geschehen, mit unverhohlener Häme anempfohlen, sich einfach mal eine Zeitung zu kaufen, eine gute. Auf Eine-Ursache-Prinzipien basierende Grünen-Schlagworte sind: Klimaschutz, 2-Grad-Ziel, Ausstieg aus der Atomenergie, Dekarbonisierung, E-Mobilität, Grenzwerte, Glyphosat, Gentechnikfreiheit, Religionsfreiheit, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Rechtsextremismus – und so eben auch: Schutz der Natur!

Grün-Herzigkeit hin und Gut-Herzigkeit her, wie wäre es denn mal, trotz oder gerade wegen drängender Probleme, mit echten Diskursen, auch und gerade im Bundestag? Mit politisch-ideologisch unvoreingenommenen Debatten, solchen, wie sie in der Wissenschaft üblich sind? 

Von Gerald Wolf

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Leserpost (15)
Willi Marx / 25.03.2018

Dank für die Recherchen, ich kann nicht alles nachvollziehen. Leider wird der Artikel nicht viele erreichen, nicht weil er zu lang ist sondern weil er mit dem allgemeinem Empfinden dass jede Aktion besser als Nichtstun sei nicht aufräumt. So wird unsere halbwissende Führungs-Elite( sie sind ja im Regelfall “nur” überfordert und ach so motiviert) weiter vorangehen. Brauchen nicht überdenken dass Bio-Benzin ethisch betrachtet ein Paradoyx ist weil Flächen für den Anbau von Nahrung geopfert werden - gleichzeitig eben Insekten abgeschafft. Und welche hipp Jungdame mag besserwisserisches Gestöne hören daß ein Elektro-Zweitauto als Familiensymbol ganzheitlich so etwas repräsentiert wie das Heizen einer Wohnung bei geöffneten Fenstern. Wer zahlt die Zeche, die Krähen Volksvertreter nicht.

A. Klabuter / 25.03.2018

Herr Wolf, vielen Dank für diesen, längst überfälligen Artikel. Der Wahnsinn der von den Grünen so geförderten Energiewende ist kurioserweise die Hauptursache für den Rückgang der Insekten aber auch anderer Tiere wie der Vögel, die auf Insekten als Nahrung angewiesen sind. Biogas, und der dadurch extrem geförderte Anbau von Energiepflanzen wie dem Mais ist die Hauptursache. Und die Grünen (!) fördern diesen Quatsch und beschimpfen anschließend die Bauern, die natürlich für hohen Ertrag zu allen Mitteln greifen, unter anderem auch zu Pestiziden und Herbiziden. Die resultierenden Maisfelder sind biologisch fast tot, außer dem Mais wächst da so gut wie nichts. Und vor allem bieten diese Felder keine Nahrung für die Insekten mehr, die die Pestizide überlebt haben. Weiter: dieser grüne Quatsch entzieht dem Markt Ackerfläche und sorgt so für steigende Marktpreise für Agrarprodukte im Allgemeinen, also Lebensmittel. Man erzeugt damit also in anderen Ländern der Welt mehr Hunger. Die Grünen wissen natürlich (hoffentlich) um diese Fakten, es ist ihnen aber egal. Ihre “Religion”, nämlich anderen ihre Ideologie aufzuoktroieren, scheint wichtiger.  Warum die noch immer 12% Wähler haben, ist mir schleierhaft.

Albert Pflüger / 25.03.2018

Das Grüne an den Grünen ist rapsgelb geworden. Umweltschutz ist aufgegeben zugunsten Dieselkritik, Energiewende und Klimarettung. Die letzten beiden Punkte sind so schön endzeitlich, genau wie früher der Atom-Gau. Wer versteht schon noch was von Naturschutz? Vielfältigkeit haben wir lieber in der Schule, in der Natur mögen wir es spektakulärer: Hurrah, der Wolf ist wieder da! Da kann man sich als Grüner (SPDler, CDUler) auch besser erheben, über ängstliche Bedenkenträger zum Beispiel spotten, wo doch der Wolf weder böse ist, noch jemandem was tut- nein, er hat Angst vor Menschen! Das glauben die vermutlich wirklich. Insekten? Vögel? Natur? Kommt bestimmt wieder, wenn der böse Diesel erst mal durch Elektroautos ersetzt wurde. Wichtig ist doch nur eines, der Kampf gegen rechts. Rechte dürfen sich nicht mehr zum Bäcker trauen, sagen die “Guten”. Dann ist endlich alles in Ordnung- halt, noch nicht ganz- erst brauchen wir noch ein bedingungsloses Grundeinkommen, einklagbar, für alle, Staatsangehörigkeit egal! Reicht noch heute euren Antrag bei der guten Fee ein, jeder hat drei Wünsche frei!

Bärbel Schmidt / 25.03.2018

Ich habe in Schweden in der Zeitung gelesen, dass die Fischer in den Seen immer weniger Fische fangen. Man vermutet,  dass die Reinigung der Abwässer dazu geführt hat , dass jetzt weniger Ungeziefer in den Seen wachsen von denen die Fische leben.

Gundi Vabra / 25.03.2018

Ich komme aus Au im Bregenzerwald zurück. Dort ist grünes Denken etwas anderes. Z.B. werden im Gesamtgebiet Bregenzerwald 19 Biomasseheizkraftwerke ausschließlich mit Holzhackschnitzeln betrieben. Totholz, Windwurf, Schadholz und Abfallholz aus der Holzindustrie werden verfeuert. Genossenschaftlich geführt wird die Anlage in Au, eingespart 275000 l Heizöl. Heimisches Holz wird verwendet, das Kapital bleibt in der Region. Der Wald wächst jedes Jahr um 3,6%, herausgenommen werden 1,2%. Das ist nachhaltig. Vielseitige hochqualifizierte Holzbearbeitungsbetriebe sind dort zuhause. Handwerksbetriebe die den Menschen Arbeit geben, junge Menschen die nicht zum Wegzug gezwungen werden. In unserem Land wird eher ein Nationalpark ausgewiesen, wo Totholz verrotten soll, statt es zu verwerten, es wird nicht eingegriffen, der Wald nicht verjüngt, Bäume nicht geerntet. Bis vor 350 Jahren war im Bregenzerwald, das vor 850 Jahren besiedelt wurde und die Wälder in den Niederungen bis auf 1350 m gerodet wurden, Ackerbau mit Getreide, Flachs und sogar Tabak möglich. Ein Klimawandel (die Temperatur sank im Schnitt um 4’Grad) zwang die Bauern von Ackerbau auf Viehzucht und die Herstellung von Käse auszuweichen. Kühe und Ziegen stehen im Winter im Tal im Stall, im Mai auf der Maialpe (Halbhöhen) und ab Sommer auf der Hochalpe. Ausschließlich Heu, keine Silage, darf der Bauer verfüttern, halten darf er 1 1/2 Kühe pro ha. Grund. Kein Klärschlamm, nur das bisserl Gülle von den Kühen darf auf die Wiesen als Dünger ausgebracht werden. Die Bregenzer Ache hat Trinkwasserqualität. Tourismus, Handwerk, Landwirtschaft machten aus dem Armenhaus Bregenzerwald wo die sog “Schwabenkinder” im vorletzten Jahrhundert aus Armut ihre Familien verlassen mussten um im Allgäu unter unmenschlichsten Bedingungen zu arbeiten, eine Region wo gerne gelebt wird. Dort ist “grünes Denken” die Natur zum Wohle des Menschen nutzen.  

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