Gunnar Heinsohn / 11.09.2012 / 12:21 / 0 / Seite ausdrucken

Es gibt keinen Euro, sondern siebzehn Währungen mit dem Namen Euro

Als Kupferstichsammler sitze ich auf etlichen Stücken, die mich 1.000 Euro gekostet haben, aber im Handel bestenfalls noch 400 bringen. Doch ich muss verkaufen und über die abzuschreibenden 600 tröste ich mich damit, dass es Schlimmeres gibt als Verluste – Totalverlust nämlich.  Also weg mit Schaden! Das Blatt wird angeboten. Die Händler versuchen es mit 300, aber einer erbarmt sich zu 400. Doch bevor er die Ware einpacken kann, verkündet eine tiefe Stimme: Ich gebe Dir die 1000. Flugs die Gunst der Stunde nutzend biete ich gleich noch ein Blatt an. Wieder sichert mir die tiefe Stimme 1.000 Euro. Mein drittes Stück ist seltener als die ersten beiden.  Mancher Händler hätte es gerne. Und noch bevor die tiefe Stimme sich überhaupt melden muss, bietet einer sogar 1.100. Er glaubt als Erster, dass der Markt sich gedreht hat und keiner soll ihm die Trouvaille wegschnappen.

Beim Aushändigen der 2.000 Euro will ich von der tiefen Stimme wissen, wer da immer wieder den Markt aushebeln kann. Ich erfahre lediglich,  dass man von ganz oben komme, Europa diene und den Ausverkauf abendländischer Kulturgüter an gierige Spekulanten nicht erlauben werde. Der Ton gefällt mir nicht, da ich etliche Händler persönlich kenne und auch gerne ein Schnäppchen mache. Aber der Inhalt sagt mir zu. Bloß kein Gerede über Kunsteigentümer, denen mit Steuergeldern das Konto im Plus gehalten wird.

Einen Vorteil haben die Stiche aus dem Märchen von der tiefen Stimme. Sie stecken nicht im Eigenkapital von Firmen, Geschäftsbanken und Zentralbanken. Sie dienen nicht als Sicherheiten, die Geschäftsbanken bei Zentralbanken in derselben Höhe verpfänden müssen, in der sie frisches Geld leihen wollen.  Das Eigenkapital der Zentralbanken und die Pfänder der Geschäftsbanken bestehen heute ganz überwiegend aus Staatsschuldpapieren. So wird der amerikanische Dollar in allen zwölf Zentralbanken zwischen New York und San Francisco mit US-Staatspapieren im Eigenkapital der zwölf Häuser besichert und an Geschäftsbanken gegen von diesen verpfändete US-Staatspapiere ausgeliehen. An allen zwölf Stellen kommen dieselben Staatspapiere zum Zuge, die alle auch denselben Kurs haben, also dasselbe kosten. Ist ein 1.000-$-US-Papier sehr begehrt und erzielt auf dem Markt sogar 1.200 $, dann kosten alle 1.000-$-Papiere von der Ost- bis zur Westküste– und auf der ganzen Welt –  1.200 $. Traut man den $-Papieren nicht mehr, so dass sie unter den Nennwert auf –sagen wir – 900 $ Marktpreis fallen, dann fallen sie überall gleich tief und entsprechend sind auch überall die Kredite auf einmal unterbesichert. Denn die Zentralbanken haben 1.000 ausgeliehen, sitzen aber jetzt auf einem Pfand von nur noch 900 $. Geht eine Geschäftsbank bankrott, kann die Zentralbank von den 1.000 an sie geliehenen Dollar durch Verkauf des Pfandes nur 900 $ wieder hereinholen. Sie macht also 100 $ Verlust und den muss sie aus dem Eigenkapital glattstellen. Da auch die dort liegenden Papiere von 1.000 auf 900 gefallen sind, gibt es eine Schieflage, die den Preis des Dollar gegenüber anderen Währungen – seinen Wechselkurs – herunterzieht.  Der Dollar ist ungeachtet seiner vielen Zentralbanken mithin eine echte Einheitswährung.

Bei uns ist das anders. Es gibt keinen Euro. Es gibt siebzehn unterschiedliche Währungen, die von Lissabon bis Dublin und von Athen bis Helsinki Euro heißen, aber mit siebzehn qualitativ unterschiedlichen Staatspapieren besichert sind und auch gegen siebzehn nennwertgleiche, aber preislich unterschiedliche Pfänder der Geschäftsbanken in Umlauf gebracht werden. Auf einem 1.000er Luxemburgpapier steht 1.000 Euro und auf einem 1.000er Griechenpapier steht 1.000 Euro. Aber ihre Verkaufspreise trennen Welten – sagen wir 200 und 1.200 Euro. Das liegt daran, dass die eine Regierung Steuerrecht, also Enteignungsmacht über Bürger hat, aus deren Steuern und Vermögen die Staatsschulden spielend getilgt und verzinst werden können, während die andere Regierung nur 20 Prozent ihrer Schulden bedienen kann.

Wer heute mit Euro bezahlt, erkennt die Münzen an ihren nationalen Kennzeichen sofort. Für die Scheine braucht er eine Lupe, um den einschlägigen Zentralbankbuchstaben zu finden. Doch auch die Noten sollten ursprünglich national gekennzeichnet werden. Südländer haben dagegen mit Erfolg protestiert, weil in Frankfurt alsbald ein italienischer Euro nur für 70 deutsche Eurocent hereingenommen worden wäre und ein holländischer Euro vielleicht für 1,10 deutsche Euro gekostet hätte. Diese Ab- oder Aufschläge hätten den nennwertgleichen, aber unterschiedlichen Preisen der besichernden nationalen Papiere Rechnung getragen. Man hat also versucht, die siebzehn Herkünfte des Euro auf den Scheinen unsichtbar zu machen. Deshalb wird bis heute jeder Euro zu den anderen sechzehn 1:1 angenommen. Schwankende Geldpreise (Wechselkurse) hat man so ausgeschaltet, aber die Preise der Staatspapiere, die allein für den Wert der papierenen Geldscheine sorgen, schwanken frei. Bares bekommt seine Kaufkraft , also seine Fähigkeit zum Eigentumserwerb, ja nicht vom Papier, auf dem es gedruckt wird, sondern vom Eigentum, gegen das es emittiert wird, wodurch es gegen dasselbe eine Forderung darstellt.

Man kann die Menschen zwingen, einen Griecheneuro auch in München für hundert deutsche Euro-Cent anzunehmen. Man kann aber keinen Finnen zwingen, für ein griechisches Staatsschuldpapier über 1000 griechische Euro in Helsinki 1000 finnische Euro zu bezahlen. Diese Papiere müssen freiwillige Käufer finden. Kurzum, für sie gibt es Märkte. Und die Staatschuldmärkte rufen unbarmherzig immer von neuem in Erinnerung, dass es siebzehn Euros und keine Einheitswährung gibt. 1.000 griechische Euro sind mit einem griechischen Schuldpapier über 1.000 Euro besichert und/oder bepfändet, das auf dem Markt aber nur 200 bringt.  1.000 deutsche Euro sind mit einem deutschen Schuldpapier über 1.000 Euro besichert und/oder bepfändet, das auf dem Markt sogar 1.200 Euro bringt. Hat eine deutsche Geschäftsbank ein deutsches 1.000-Euro-Papier als Pfand hinterlegt und kann dann ihre Schuld von 1.000 Euro bei der Zentralbank nicht tilgen, dann verkauft diese das Pfand und steht wieder glatt. Die griechische Zentralbank hingegen erzielt bei Ausfall ihres Geschäftsbankpartners mit seinem Pfand europaweit nur 300 Euro und bleibt auf 700 Euro Verlust sitzen. Dasselbe passiert allen anderen, die griechische Papiere noch für 1.000 bilanziert haben.

Sämtliche Rettungsmaßnahmen-  vom griechischen Schuldenerlass über ESM bis hin zum direkten Ankauf von Staatsschuldpapieren durch die Zentralbanken im Eurosystem – haben immer nur ein einziges Ziel. Es darf keinen freien Markt für Staatspapiere geben! Immer soll eine tiefe Stimme sagen, ich gebe die 1.000 Euro für das 1.000er Papier aus Athen, Rom oder Madrid. Denn sowie das Manipulieren der Märkte aufhört, fallen hunderte Milliarden, die jetzt zum Nennwert in den Eigenkapitalen bilanziert werden, auf die Hälfte oder weniger. Dasselbe passiert den Billionen Euro Staatschulden in die als sichere Anlage investiert wurde. Und was man im Investment verliert, kann man mit im Eigenkapital ebenfalls Verlorenen nicht mehr glattstellen. Die anstehenden Megabankrotte kann man nicht verhindern, verzögern aber schon. Deshalb werden die Regierungen – und die von ihnen eingesetzten Richter alles tun, dass es nicht in ihrer Amtsperiode losgeht.


Gunnar Heinsohn hat mit Otto Steiger (1939-2008) zwischen 1997 und 2003 in mehr als 30 Artikeln die Besicherungs-Unterschiede zwischen den Emissionsbanken des Euro als seine Achillesferse identifiziert.

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