Erst informieren, dann reformieren

Es ist charmant, wenn jemand die Welt auf den Kopf stellen will – vorher aber sollte er von dem, was er verändern möchte, ein Minimum an Ahnung haben.

Franz Kafka schreibt in seinen hinterlassenen Fragmenten, unter anderem, von seinem frühen Alltag als lesendes Kind. Er schildert, wie man ihm abends, als er noch lesen wollte, das Licht abdrehte. Zur Begründung sagte man: „Alle gehen schlafen, also mußt auch du schlafen gehn.“

Der junge Franz wollte durchaus gehorsam sein, nicht nur in der Handlung, sondern auch im Geist. Er wollte es ja einsehen! Er schreibt: „Das sah ich und mußte es glauben, obwohl es unbegreiflich war. Niemand will so viel Reformen durchführen wie Kinder.“

Kafka stellt also zunächst fest, dass ihm Regeln vorgegeben wurden, deren Begründung er nicht verstand. Dass alle es tun, wie kann das eine Begründung dafür sein, dass er es tun muss? Nun, es lässt sich durchaus beantworten, doch Kafka deutet die wahre Begründung nur an, indem er schmunzelnd den Reformeifer der Kinder beschreibt.

„Alle tun es“ ist die implizierte Kurzform für: „Diese Handlung hat sich als nützlich und wohltuend bewährt, und bis zum Vorliegen abgesicherter widersprechender Erkenntnisse, sollten wir es genauso handhaben.“

Ich höre gelegentlich die flapsige Frage: „Wenn alle Leute von der Brücke springen, wirst du es dann auch tun?“ Mit etwas Lebenserfahrung lässt sich darauf antworten: „Wenn alle um mich herum von der Brücke ins Wasser springen, dann steht womöglich eben diese Brücke in Flammen, und ins Wasser zu springen wäre dann tatsächlich eine gute Idee!“

Kafka ahnt ja selbst, dass hinter der Erkenntnis, dass alle es so tun, durchaus praktische Weisheit liegen kann. „Niemand will so viel Reformen durchführen wie Kinder“, so stellt Kafka fest, und man kann in den Worten spüren, wie der Autor halb sentimental, halb spöttisch beim Schreiben grinst.

Ein Kind ist zunächst einmal ahnungslos. Die Begründungen, die man dem Kind sagt, sie mögen unvollständig sein. Aus den Mängeln der vorliegenden Begründungen zu schließen, dass überhaupt keine guten Begründungen existieren, ja dass gute Begründungen gar nicht existieren können, das wiederum wäre eben kindisch. Alle gehen schlafen, weil nicht zu schlafen sich als sehr unbekömmlich erwiesen hat. Das ist der wahre Grund, und wer nicht schlafen geht, weil ihm die erste Begründung als unbefriedigend erschien, dem wird es nicht gut bekommen.

Ich will den Kindern, und auch den heute auffällig zahlreichen Kindern im Geiste, gar nicht ihren Reformeifer ausreden, oh nein! Ich bitte lediglich darum, dass man das, was man zu reformieren plant, zunächst versteht. Lerne und verstehe die Logik der Dinge, suche und erforsche ihren Grund, und dann reformiere sie – in dieser Reihenfolge.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Dushan Wegner.

Foto: Li Zhensheng/Orient´Adicta Flickr CC.20

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Leserpost

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giesemann gerhard / 22.10.2021

Ach was, hau wech den Scheiß.

Günter H. Probst / 22.10.2021

Es gibt kein historisches Beispiel dafür, daß Kinder etwas reformiert hätten. Es gibt aber genügend Beispiele, daß Herrschende Kinder indoktrinieren und mißbrauchen. In meiner Erinnerung geht das vom Kinderkreuzzug, der schon auf dem Balkan zerschlagen wurde, über die Domestizierung in HJ und FDJ bis zur maoistischen Kulturrevolution, die ihre Fortsetzung bei den hier hüpfenden Fruchtzwergen findet. So wie Mama heute das liebe Kleine mit dem SUV zum Hüpfen fährt, hat sie früher die HJ oder FDJ-Kluft besorgt und dem lieben Kleinen übergezogen. Neu ist lediglich, daß auch die “Omas ohne Zukunft” mithüpfen. Ein Erfolg der Pharmaindustrie?

lutzgerke / 22.10.2021

Wenn alle ihren Müll auf die Straße werfen, dann kann ich das ja auch tun? Wenn der Senat sagt: springt in die Elbe, springen alle in die Elbe? Die Begründung ist die Ursache für die neagtive Spirale, in der wir uns befinden. Sowas sagt nur ein kompletter Idiot. Und jetzt lese man die Kommentare der Tagesschau. Italien führt Impfflicht ein, dann kann ich das ja auch tun. Das ist das Passivdenken, das uns den Hals kostet und es hat sich von der Straße in die oberen politischen Etagen gemobbt, weil andere Fähigkeiten nicht vorhanden sind. Die Ergänzungsphrase lautet: wir jammern auf hohem Niveau. Was nur bedeuten kann, wir werden uns runterwirtschaften. Uns geht es ja “noch” gut, besser als dem Jemen vielleicht, aber tatsächlich geht’s allen immer schlechter. Die betreute Gesellschaft ist eine passive Gesellschaft, die steht Spalier und darf jubeln, wenn die Parteien wieder eine kostspielige und marode Idee ausgeheckt haben, die auf halber Strecke zusammensackt. Das Elbvieh war mit 80 Mill. Euro veranschlagt und verschlang schließlich 800 Mill. Euro. Flugplätze, Autorennstrecken, Europa, Energiewende, GEZ - überall sind die Passivdenker am Werk und versenken Milliarden. Und dafür lassen sie sich fürstlich entlohnen. Europa kann gar nicht funktionieren, weil in der Mitte ein Molloch sitzt, der mit Bürokrateneiffer mehr blödsinnige Hindernisse ersinnt und mehr kostet, als die Länder herausbekommen. Ans Volk muß appelliert werden,  Eigenverantwortung und Unternehmergsgeist, dann gewinnt es an Selbstbewußtsein, wird aktiv und wohlhabend. Wer nur drauf rumtrampelt, selbst nichts kann und nicht eigentverantwortlich ist wie die GEZ, der wird passiv und trägt schließlich einen Maulkorb. / In Austria sind 63% durchgeimpft, in Deutschland 80%. Legt man die Sterbekurven von 20 auf die von 21, sterben jeden Monat einige hundert Prozent mehr als letztes Jahr - trotz Sanitärdiktatur! Die Kurve hätte sich mit zunehmender Impfung abflachen müssen! Aber die anderen tun das ja auch!

Ludwig Luhmann / 22.10.2021

“Wenn alle das tun würden” ist eine interessante Variation. Man kann darauf antworten, dass es dann eben normal sei.

Reinhart Max / 22.10.2021

Dem lernen folgt aber meist auch die Demut über die Dinge die man nicht weis und vor den Leistungen der Älteren. Wieviele der jetzigen Parlamentarier würden da noch übrig bleiben ?

Frances Johnson / 22.10.2021

Armer Kafka. Ich hatte das Problem auch, doch hatte ich Taschengeld und Kafka wohl nicht. Daher habe ich mir eine gute Taschenlampe gekauft. Sie erklären aber mit dieser Geschichte einmal mehr das Werk “Der Prozess”.

S.Buch / 22.10.2021

Zum verständigen Reformieren bedarf es also einer verständigen Ausbildung und auch eine gewisse Praxiserfahrung. Nun schauen wir mal auf „unsere“ Volksvertreter. Und was stellen wir da fest? Richtig, da ist nichts.

Dr.H.Böttger / 22.10.2021

Die Weltgeschichte kennt genug Wahnbewegungen auch kindlicher Geister, auch physisch wirklicher Kinder und Pubertierender. Ein von aufmerksamen älteren Lesern noch in der Erinnerung aufbewahrtes furchtbares Phänomen dieser Art war die “Kulturrevolution” ab Mitte der 1960er. Heute scheinbar aus der historischen Vergleichen verschwunden. Von Mao persönlich inszeniert , mit - wie immer findbaren, schurkischen - Mittätern, gedeckt von Teilen der Armee und Partei, die später zum Teil selbst Opfer des entfesselten Wahnsinns der infantilen Fanatiker, der sogenannten “Mao-Truppler” wurden. Man muß dafür nicht Kafka bemühen. Die Wirklichkeit stellt Fantasien durchaus in den Schatten. Jetzt sind es z.B. die FFF-Hüpfer für das Klima, die jungen und alten “Weiber gegen Rechts” usw. usf., die Gretas, Luisas, Annalenas, Claudias, Katrins, ... . Für diese Art von Ringelpiez ist jederzeit irgendwo Einlass und Beginn. Früher sagten Erwachsene einfach sachgerecht: “Husch ins Bett”. Die Gefahr entsteht, wenn der latente Wahn von politisch-medialen Propagandisten aufgereizt und instrumentalisiert wird. “Der Irrsinn wird zur materiellen Gewalt, wenn er eine kritische Masse erreicht.” hat schon Marx oder Lenin oder so gesagt.

Volker Voegele / 22.10.2021

Für die vernünftige Aufforderung des Artikels kann man als jüngstes prominentes Beispiel Annalena Baerbock nehmen. Informiert über viele Sachverhalte zu denen diese Frau gerne plappert, ist sie erkennbar nicht, d. h. sie ist erschreckend ahnungslos. Ob das grundsätzlich mit ihren intellektuellen Fähigkeiten zu tun hat, vermag ich nicht zu beurteilen. Sachkenntnis wird wahrscheinlich für die Politikerin Annalena Baerbock aber schon alleine deshalb keine wichtige Rolle spielen, weil diese Frau sich einer Ideologie unterworfen hat.

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