Rainer Bonhorst / 25.06.2016 / 07:40 / Foto: Mattbuck / 0 / Seite ausdrucken

Die Angst geht um in Brexit-Land: Europa na gut, aber Island?

Hochspannung und ein Hauch von Panik bestimmen die Seelenlage vieler Briten. Am kommenden Montag muss die englische Nationalmannschaft gegen Island antreten, gegen jenes kleine Island, das die Mannen von Österreich mit einem glorreichen 2:1-Sieg bezwungen und gegen Ungarn und Portugal zwei wohlverdiente Unentschieden erzielt hat. Sollten die Isländer, diese Favoriten-Killer der Fußball-EM gegen England gewinnen – es wäre das Aus für die Wayne-Rooney-Mannschaft. Und das nur wenige Tage nach dem „Unabhängigkeitstag“, wie einige Brexit-Anhänger die Mehrheits-Entscheidung kommentieren, die Europäische Union zu verlassen.

Die unterlegenen EU-Befürworter halten den nun beginnenden Austritt aus der Union sicherlich für die größere Katastrophe als es eine Niederlage gegen Island wäre. Aber damit müssen sie nun leben. Ebenso wie die Führungsriege der EU. In Brüssel ist man natürlich beleidigt. Wie kann ein Land diese wunderbare Gemeinschaft verlassen, die von einer so wohlwollenden Elite im Sinne eines aufgeklärten Absolutismus geführt wird.

Auf der Insel hat man gerne eine Regierung, die einem Parlament verantwortlich ist

Dazu muss man allerdings wissen, dass die Briten schon früh mit demokratischen Experimenten begonnen haben und sich mit dem kontinentalen Absolutismus, mag er noch so aufgeklärt sein, nie anfreunden konnten. Auf der Insel hat man gerne eine Regierung, die einem Parlament verantwortlich ist, das volle parlamentarische Macht hat und dessen Mitglieder man kennt. Eine bürgerferne Pseudo-Demokratie mit einem halbstarken Parlament, wie sie die Brüsseler Einrichtung bietet, hat im Königreich noch nie begeistern können. Und die 27 übereifrig nach Arbeit suchenden Kommissare haben die Briten mit ihren Verordnungen und Regulierungen so sehr genervt, dass sie sich nun zu diesem Akt der Majestätsbeleidigung entschlossen haben. „Wir haben unser Land zurückgewonnen,“ sagen die Austreter.

Wenn das alles ein bisschen emotional klingt, dann sollte man sich daran erinnern, dass Politik sehr viel mit Emotion zu tun hat. Der Austritt ist schlecht für die Europäische Union, weil die wichtigste kritische Stimme verloren geht. Und er ist sicher nicht gut für Großbritannien, weil letzten Endes die Wirtschaft und damit fast jeder leiden wird. Aber in England gibt es ein Sprichwort, wonach man sich manchmal die Nase abschneidet, um sein Gesicht zu ärgern. Eine schmerzhafte Dummheit, aber sie kommt vor. Man muss nur lange genug zu dieser Dummheit getrieben werden.

Die Sorge in der Union ist, dass diese Bombe eine Kettenreaktion auslöst. Denn Unzufriedenheit mit der Entwicklung der Brüsseler Einrichtung ist weit verbreitet. Einige Länder werden vor allem aus Angst vor Moskau, einem deutlich unangenehmeren Nachbarn, bei der Stange gehalten. Andere sind zu groß um umzufallen. Ein Referendum in Frankreich über einen EU-Austritt? Das wäre der Supergau, und der Ausgang wäre ungewiss. Deutlich gewisser wäre ein Referendum in Deutschland über den Euro oder eine Rückkehr zur D-Mark. Da würden wir es wohl den Engländern gleichtun.

Im Königreich schaut man schon jetzt in die andere Richtung

Im Königreich schaut man schon jetzt in die andere Richtung. Schottland hat ziemlich geschlossen für einen Verbleib in der Europäischen Union gestimmt. Vor zwei Jahren hat man sich dort nochmal fürs Vereinigte Königreich entschieden, weil man im Falle der Unabhängigkeit einen Rauschmiss aus der EU befürchten musste. Jetzt rauscht man als Mitglied des Königreich aus der EU hinaus und kommt erneut in Grübeln. Ein neues Referendum über die Zugehörigkeit zum Königreich steht schon zur Debatte und damit eine Rückkehr in die Brüsseler Gemeinschaft als unabhängiges Schottland. Ohne Pfund und mit Euro? Das sind die Tücken im Detail, mit denen man sich in den Highlands und den Lowlands noch wird herumschlagen müssen.

Ein Austritt der Schotten würde bedeuten, dass die Engländer ihr Land „zurückgewonnen“ haben, um den Preis einen Teil ihres Landes gleich wieder zu verlieren. Da kommt die Sache mit der abgeschnittenen Nase wieder ins Spiel.

Dass die Katholikenpartei Sinn Fein in Nordirland nach Jahrzehnten des Friedens wieder von einer Vereinigung mit der Republik Irland träumt, hat ebenfalls mit dem Referendum zu tun. Die Nordiren wären lieber in der EU geblieben, weil das ihre Nachbarschaft mit dem EU-Mitglied Irland so einfach und bequem macht. Jetzt fürchtet man, dass die Grenze zwischen Nord und Süd wieder eine ernster zu nehmende, lästigere Grenze wird. Diese Wiedervereinigung wird es nicht geben, da passen die nordirischen Protestanten schon auf. Ein Ausscheiden Schottlands aus dem Königreich aber würde nicht nur die EU-Mitgliedschaft retten sondern auch die Engländer wunderbar ärgern, zu denen man ein Verhältnis hat wie die Bayern zu den Preußen.

England muss sich nun dem Angstgegner Island stellen

Mit einem wichtigen Unterschied: Die Bayern und die Preußen haben keine eigenen Nationalmannschaften, während die Insulaner gleich vier davon zu bieten haben: England, Schottland, Wales und Nordirland. Wales hat die Engländer in Gruppe B abgehängt, zweifellos eine Respektlosigkeit. Nordirland ist weitergekommen, weil die Deutschen nur einmal den Ball ins nordirische Netz gebracht haben. Die Schotten sind vorher auf der Strecke geblieben. Und England muss sich nun dem Angstgegner Island stellen. Sollte nach dem Triumph im heroischen Kampf gegen Brüssel nun aus Reykjavik eine Schmach drohen, die das nationale Hochgefühl in eine Depression verwandelt? Soll man den Engländern trotz der Majestätsbeleidigung in Richtung Kontinent die Daumen drücken?

Ich tu's, denn ich fürchte, die Majestäten in Brüssel werden aus dem britischen Abschied nichts lernen sondern als beleidigte Leberwürste weitermachen wie bisher.

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