Fundstück / 17.01.2015 / 16:05 / 2 / Seite ausdrucken

Erst beten, dann abfackeln

Die Wut über die Mohammed-Karikatur in der jüngsten “Charlie Hebdo”-Ausgabe hat sich nach den Freitagsgebeten vielfach in Gewalt entladen. In Zinder in Niger wurden nach Angaben des Innenministeriums mindestens vier Menschen getötet und 45 weitere verletzt, als Muslime ein französisches Kulturzentrum und drei Kirchen in Brand steckten. Verletzte gab es auch in Pakistan, als Gläubige das französische Konsulat in Karachi stürmten. “Das ist ein schwarzer Freitag”, sagte ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung von Zinder, der zweitgrößten Stadt im westafrikanischen Niger. Bei den Todesopfern handle es sich um drei Zivilisten und einen Polizisten, sagte Innenminister Massaoudou Hassoumi. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk berichtete, 22 Sicherheitskräfte und 23 Demonstranten seien verletzt worden. Neben dem Kulturzentrum gingen zwei katholische und eine evangelische Kirche, ein Parteibüro und mehrere Bars in Flammen auf. http://www.welt.de/politik/ausland/article136475767/Wut-ueber-Mohammed-Karikatur-schlaegt-in-Gewalt-um.html

Siehe auch:
The death toll from Friday’s clashes in Niger’s second largest city of Zinder, rose to five after emergency services discovered a burned body inside a Catholic Church. On Friday, churches were burned, Christian homes looted and the French cultural centre attacked during the violence in Zinder, residents said.
http://www.jpost.com/International/Niger-protesters-burn-churches-in-second-day-of-Charlie-Hebdo-riots-388032

Der für seine Holocaust-Comics berühmte Karikaturist Art Spiegelman ist da anderer Ansicht. Der Cartoon sei erst im Zuge des allgemeinen Schwunds der gedruckten Presseerzeugnisse in den USA sorgfältig und sehr effektiv entschärft worden. «Das Letzte, was eine Zeitung heutzutage möchte, ist provozieren. Man könnte ja einen Leser verlieren», erklärte Spiegelman in der Fernsehsendung «Democracy Now». Das Resultat davon sei, dass der politische Cartoon, sofern er überhaupt noch existiere, eine Variante jener Gag-Cartoons geworden sei, die, wie etwa die Karikaturen des «New Yorker», politische Topoi in eher harmlosen Witzen verarbeiten, die amüsieren, aber um Gottes willen niemanden ärgern sollen. http://www.nzz.ch/feuilleton/verpixelte-cartoons-und-doppelte-standards-1.18462763

Ich protestiere nicht gegen die Existenz der Zeitschrift, ich erlaube mir nur zu denken, dass die Existenz solcher Zeitschriften vielmehr der Preis für die Freiheit ist als die Galionsfigur der freien Kultur. Zur freien Kultur gehört zwar auch ein Raum für Dekadentes, Geschmackloses und billig Provokatives, aber wenn man die Freiheit gegen Gewalt und Hass verteidigt, sollte man sich doch vor dem anderen Extrem hüten, nämlich davor, das Dekadente und Zynische als heiliges Sinnbild unserer Kultur und Freiheit zu feiern: Zu Freiheit gehört Verantwortung. http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/gastbeitrag-warum-ich-nicht-charlie-bin-13374816.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

Kermani spricht „gegen die Hassprediger in den Moscheen und die Hassprediger in den Talkshows“, wie auch davon, dass der Kampf gegen Unfreiheit und Gewalt nicht nur in Kobane und Aleppo, am 11.September 2001 in New York oder am 7.Januar 2015 in Paris stattfinde, er sieht die Anschläge von Paris „nicht zuletzt“ als Folge des Irak-Kriegs… http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/muslimischer-gelehrter-navid-kermani-ueber-pariser-anschlaege-13372294.html

In Algerien demonstrierten Tausende gegen „Charlie Hebdo“. Die Demonstrationszüge unter dem Motto „Wir sind alle Mohammed“ nach dem Freitagsgebet in der Hauptstadt Algier wurden nach Angaben von Augenzeugen von einem massiven Polizeiaufgebot begleitet. Einige Demonstranten huldigten demnach auch den Attentätern von Paris und bezeichneten diese als „Märtyrer“. http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/afrika/charlie-hebdo-weltweite-proteste-gegen-karikatur-13375312.html

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Bennedikt Hurtig / 17.01.2015

Interessant finde ich, dass die abgefackelten Kirchen im Niger in der FAZ mit einem Artikel versehen werden (selbstverständlich mit sofort ausgeschalteter Kommentarfunktion). Also wenn es einer grossen deutschen Tageszeitung wert ist die Nachricht einer Kirchenbrandstiftung in einem Land, das ~5000 Kilometer weg ist an seine Leser zu multiplizieren, dann müssten doch eigentlich auch vergleichbare Vorfälle in Deutschland so behandelt werden. Ich vermisse nach wie vor einen Artikel zum Kirchenbrand in Garbsen, oder vielleicht wenigstens eine Nachlese über das wer und warum und wie man sowas in Zukunft vermeiden möchte.

Wolfgang Behr / 17.01.2015

Mit großen Worten und theatralischen Gesten ist dem islamistischen Terror nicht beizukommen.Ebenso helfen die gegenwärtigen Religionsdiskussionen nicht wirklich weiter.Die Gesetze, in Deutschland sowie Europa, sind für alle Menschen verbindlich.-ohne Ausnahme- Und wenn diese erstmal konsequent angewendet werden,würde sich vieles Gerede in Luft auflösen. Denn Religionsausübung ist nun mal Privatsache. Oder vielleicht doch nicht??

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