Thilo Schneider / 07.05.2022 / 12:00 / Foto: Ryan Lintelman / 23 / Seite ausdrucken

Erol und die Extrawurst

Mit „Extrawurst“ ist den Autoren von „Stromberg“ ein herrlich politisch unkorrektes Theaterstück gelungen: Ein dörflicher Tennisverein will einen Grill für Bratwürste anschaffen. Doch der Verein hat mit Erol ein muslimisches Mitglied.

Wenn der Tennisverein des örtlichen Marktfleckens einen Grill anschaffen will, dann kann das in einer Komödie oder einem Drama oder eben – wie in der Werbung für das Stück „Extrawurst“ bezeichnet – „Dramödie“ enden. Mit diesem Boulevard-Schauspiel tourt das EURO-Studio-Theater gerade durch Deutschland, ich habe eine Vorstellung in Aschaffenburg gesehen (Termine siehe unten). Getragen vom guten Willen aller Akteure mündet die Diskussion um die Anschaffung des Grills in einer Eskalation und letztlich in einer Schlägerei. Denn der Verein hat mit Erol ein muslimisches Mitglied. Ein junger Mann, der gemeinsam mit der Ehefrau eines anderen Vereinsmitglieds im „Gemischten Doppel“ das Paradepferd und erfolgreiche Aushängeschild des Vereins ist. Und ausgerechnet der wird von dem neuen Mega-Grill nicht profitieren können, weil sein Grillgut nicht mit dem Schweinegrillgut seiner nicht-muslimischen Vereinskameraden kompatibel ist.

Erols Beteuerungen, dass ihm das egal sei und für ihn kein Problem darstelle, er würde dann einfach nichts vom Grill essen, werden von seiner Doppelpartnerin unterminiert, die für seine Rechte kämpft, weil sie ihn für zu höflich hält, dies selbst zu tun. Die daraus resultierende Diskussion, inwieweit die Mehrheit sich der Minderheit anzupassen hat oder die Minderheit der Mehrheit oder ob alles egal ist, führt schließlich zur ausufernden Betrachtung über Religion, Ernährungsgewohnheiten, Beziehungen, verletzten Eitelkeiten, Geschlechterkampf, und es tauchen in flotten Wortgefechten sämtliche Argumente von ganz rechts bis ganz links auf, werden entkräftet, bekräftigt, verdreht, pervertiert, zu rhetorischen Strohmännern umgebaut, bis endlich jeder „irgendwie Nazi“ ist.

Die Realität fast punktgenau abgebildet

Für mich lautete der Schlüsselsatz, ziemlich am Anfang des Stücks, die Bekräftigung durch den jovialen Vorsitzenden: „Erol ist einer von uns.“ Genau dieser Satz stellt Erol plötzlich außerhalb des Vereins – denn wäre er „einer von uns“, müsste das nicht extra betont werden.

Im Grunde meint es jeder Protagonist gut und, verblüffend, jeder hat aus seiner Sicht recht. Ich persönlich habe mich in dem Ehemann Matthias von Erols Doppelpartnerin wiedergefunden. Liberal und sarkastisch, bis hin zur Selbstverleugnung. Ein knallharter Liberaler und Atheist, der zwischen den Seiten und Argumenten schwankt und sich auf diese Weise sowohl die Fraktion der abendländischen Verteidiger als auch die Willkommensunkulturer zum Feind macht und sich plötzlich zwischen allen Stühlen bewegen muss.

Den Autoren des Stücks, Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob, ist mit „Extrawurst“ ein Bühnenstück der Sonderklasse gelungen. Kein Wunder, haben die beiden doch auch schon für „Stromberg“ geschrieben und da den Beweis für ihr komödiantisches Talent und ihre genaue Beobachtungsgabe erbracht – und unter uns: Ich war im Innendienst einer Versicherung. Die beiden Autoren haben keine Satire geschrieben, sondern die Realität fast punktgenau abgebildet. Das ist ihnen mit „Extrawurst“ ebenso grandios gelungen.

Nur noch verkrampft miteinander umgehen

Das Ensemble um Gerd Silberbauer zeigt eine hohe Spielfreude und regelrecht Spaß bei der Arbeit. Silberbauer bekommt sogar einen knallroten Kopf, wenn er sich in seiner Rolle als Vereinsvorsitzender aufregt. Die Charaktere sind tatsächlich auch hervorragend gewählt und besetzt: Hier der sarkastische Liberale, der eben dabei ist, weil es seine Frau auch ist, da der „eigentlich“ integrierte Türke, dessen anfängliche Gelassenheit ihn verlässt, als ihm die Opferrolle von der wiederum engagierten Doppelpartnerin aufgedrückt wird, die ihn ja nur verteidigen will, dort der joviale Vereinsvorsitzende, der schon seit Ewigkeiten Vereinsvorsitzender ist und seine Zugänglichkeit aus seiner Machtposition heraus wie ein Fürst lebt.

Und letztlich der zweite Vorsitzende, der Gneisenau des vorsitzenden Blücher, der sich ehrenamtlich in Zahlen, Daten und Fakten verliert und unheimlich viel Freizeit in sein Ehrenamt investiert, satzungssicher und moralisch gefestigt ist. Einer muss es ja tun. All diese Charaktere dürften sich tatsächlich in jeder Partei und jedem Verein wiederfinden, und sie dürften ziemlich exakt genauso wie ihre Doubles auf der Bühne argumentieren.

Alles in allem, aber auch im Einzelnen, ein wirklich vergnüglicher Theaterabend mit der etwas bitteren Erkenntnis, dass jeder von uns da oben auf der Bühne steht und wir alle ab irgendeinem Punkt nur noch verkrampft miteinander umgehen, weil wir das Unverkrampfte verlernt haben. So bleibt als Aufforderung eigentlich nur der Schlusssatz freischwebend im Raum: „Seid glücklich.“

Das Einzige, was mich an diesem Abend wirklich enttäuscht hat, war die lächerlich geringe Zuschauerzahl. Bestenfalls 30 Zuschauer wollten sich in Aschaffenburg diese „Extrawurst“ gönnen, davon ganze zwei, die nach 1982 geboren wurden. Dieses Stück müsste Pflichtbesuch für sämtliche Politiker und Schulklassen sein und hätte ein ausverkauftes Haus mehr als verdient gehabt. Und das finde ich wirklich schade.

 

Von Thilo Schneider ist in der Achgut-Edition erschienen: The Dark Side of the Mittelschicht, Achgut-Edition, 224 Seiten, 22 Euro.   

 

Weitere Termine:

Samstag, 7. Mai 2022, 20 Uhr, Kamen, Konzertaula Kamen, Tickets hier.

Sonntag, 8. Mai 2022, 17 Uhr, Lingen, Theater an der Wilhelmshöhe, Infos hier.

Montag, 9. Mai 2022, 19.45 Uhr, Stade, Stadeum. Tickets hier.

Dienstag, 10. Mai 2022, 20 Uhr, Beverungen, Stadthalle Beverungen, Tickets hier.

Mittwoch, 11. Mai 2022, 20 Uhr, Nienburg, Theater auf dem Hornwerk, Tickets hier.

Donnerstag, 12. Mai 2022, 20 Uhr, Langen, Stadthalle Langen, Tickets hier.

Freitag, 13. Mai 2022, 20 Uhr, Villingen, Theater am Ring, Tickets hier.

Samstag, 14. Mai 2022, 20 Uhr, Rodgau, Bürgerhaus, Tickets hier.

Sonntag, 15. Mai 2022, 18 Uhr, Neu Isenburg, Hugenottenhalle, Tickets hier.

Dienstag, 17. Mai 2022, 19:30 Uhr, Wolfenbüttel, Lessingtheater, Ausverkauft.

Mittwoch, 18. Mai 2022, 20 Uhr, Alfeld, Aula des Gymnasiums, Tickets hier.

Donnerstag, 19. Mai 2022, 19.30 Uhr, Bergisch Gladbach, Bürgerhaus Bergischer Löwe, Tickets hier.

Foto: Ryan Lintelman CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

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Leserpost

netiquette:

Robert Ballhaus / 07.05.2022

Nach ‘muslimisches’ habe ich aufgehört zu lesen. Mir ist es ziemlich egal, was Erol isst - er kann gerne hungern oder sich einen Taschengrill mitbeingen. Ich habe auf diesen Mainstream-Müll in jedem Fall keine Lust mehr, sorry.

Be Kopania / 07.05.2022

@Stefan Hofmeister Ich beneide Sie… Seit unserer Reise vor gut 2 Jahren in ihr Land, sind wir jeden Tag virtuell und in Gedanken dort. Leider gibt es noch ein paar Hindernisse! Aber ich freue mich jedes Mal, wenn sie schreiben.

Ludwig Luhmann / 07.05.2022

@ Hans Kloss / 07.05.2022 - “@Ludwig Luhmann musste man Maske tragen und Abstand halten? So was akzeptiere ich nur wenn ich muss. Sonst können mich die gute und schlechte Theater nicht beeindrucken - ich gehe nicht mehr hin.”—- Ich denke, wir alle haben sehr viel überraschend Unangenehmes über unsere Mitmenschen gelernt. Zu den wichtigsten Tatsachen, die ich als Deutscher seit Februar 2020 beobachtet habe, gehört die persönliche Erfahrung, wie Hitler passieren konnte. Ich befürchte, dass diese Erfahrungen bereits wieder langsam vergessen werden bzw. nie gemacht wurden ...

Frank Box / 07.05.2022

@ Bernd Ackermann & Manni Meier - In dem Theaterstück geht es um eine EINZELPERSON! Wenn sie in Rudeln auftreten, sieht die Sache natürlich anders aus. Dann fühlen sie sich stark, sind aggressiv und beißen um sich.

Hans-Peter Dollhopf / 07.05.2022

Ich erinnere mit klammheimlicher Genugtuung an Ihre Besprechung von “Makita – Sonne über den Weiden”. Oijoi, sie sind also real, die Abgründe zwischen den Welten, unüberbrückt. “Erols” Machern viel Erfolg.

Ludwig Luhmann / 07.05.2022

@Kai Nissen / 07.05.2022 - “@Ludwig Luhmann: Das sind zu radikale Ansichten. Der Qur’an muss nicht zwingend als ganzer abgelehnt werden, wenn Muslime bereit sind, die darin enthaltenen bestimmten Ansichten wie Intoleranz, Gewalt, Antisemitismus, Menschenfeindlichkeit gegenüber “Ungläubigen” abzulehnen. Ansonsten, nehme an, die meisten Muslime dieser Welt möchten auch nur in Frieden und Freiheit gut leben und Geschäften nachgehen. Mich stört es allerdings massiv, dass dieser friedliche Part der Muslime nicht öffentlich ihre Stimmen gegen das Unrecht und das Leid, dass manch andere Muslime anderen unschuldigen Menschen dieser Welt gebracht haben, erheben. (...) Ihre Sicht auf den Qur’ an ist eine typisch westlich suizidal tolerante Sicht auf dieses halale Machwerk. Dass die meisten Mohammedaner ” auch nur in Frieden und Freiheit gut leben und Geschäften nachgehen” ist ebenfalls eine Ansicht, die von vielen Nichtkennern der Materie vertreten wird. Tatsächlich stellen die Massen an sogannnten “moderaten Muslimen” für jede nicht-islamische Gesellschaft die größte Gefahr dar. Recherchieren sie mal die Entwicklungen der Zahlenverhältnisse zwischen Ungläubigen und Mohamedanern in islamischen Ländern und fragen Sie sich, warum die Zahl der Ungläubigen stetig abnimmt, aber niemals zunimmt. Betrachten Sie auch den Libanon seit den 60er Jahren und den Iran seit den 70ern. Schauen sie sich Bilder Afghanistans aus den Jahren vor 1979 an. Überhaupt: Recherchieren Sie mal, wie viele Menschen weltweit in Namen von Allah in den etzten 1400 abgeschlachtet wurden. Suchen Sie Infos zu den Hunderten von Kriegen, die diese Schlächter gegen Ungläubige geführt haben. Gehen Sie mal der Frage nach dem islamischen Sklavenhandel nach (Egon Flaig). Und so weiter ...

R. Reger / 07.05.2022

Wer viel herumreist wird sich sofort in Erinnerung rufen, dass es immer er war, der sich an die Gebräuche des jeweiligen Landes angepasst hat. Zumindest ging mir das so. Andersrum habe ich es nie erlebt, dass dies von der einheimischen Bevölkerung überhaupt anders erwogen wurde. Das ist einfach so. Und da das national sein in jedem Land auftritt, relativiert sich das auch. Ist ja auch klar. Die Leute ändern doch wegen mir nicht ihre Volkstänze oder Liedergeschmack. Genau so wenig kommen wegen mir in China Kartoffeln auf den Tisch.  Die sprechen durchweg nicht mal eine andere Sprache. Ausser es geht um Geld. Es sind offenbar nur Deutsche, die eine gesunde Ignoranz dieses “Problems” im Zusammenhang mit Zugereisten, nicht aufbringen.

Richard Loewe / 07.05.2022

die wollten alle keine extra Wurst mehr - die gabs doch schon für den Pieks.

Stefan Hofmeister / 07.05.2022

Bei uns bekäme der Erol seinen eigenen Grill und dürfte auf diesem dann seine Extrawürstchen braten. Aber ich lebe ja auch in einem liberalen Land ...

Bernd Ackermann / 07.05.2022

@Frank Box -  Einen Teil des Grillrosts? Aber nicht im richtigen Leben. Geschehen vor wenigen Jahren: Grillabend, Grundschule, 3. Klasse, die indigenen Elter1 und Elter2 planen und organisieren das Event, die gut integrierten noch nicht so lange hier lebenden Mihigruler*Innen sind nicht am Start. Am Veranstaltungstag erscheinen sie dann doch mit ihren Sprößlingen und belegen sofort komplett den Grill mit den mitgebrachten Sachen. Schweinswurst darf nicht drauf, hat Allah verboten. Die teutonischen Schwanzeinzieher lassen sie gewähren, wahrscheinlich aus Angst als Nazi zu gelten. Lange Gesichter bei den eingeborenen Kindern. Ein paar Wochen später Wiederholung der Aktion, diesmal 4. Klasse. In weiser Vorbedacht wurden diesmal zwei Grills aufgestellt. Guess what? Beide Grills wurden von den Söhnen und Töchtern Allahs okkupiert. Der ungläubige Schweinefresser hat gefälligst das Maul zu halten und sich hinten anzustellen. Gib dem Rechtgläubigen den kleinen Finger und er nimmt die ganze Hand. Ist schließlich sein Vorrecht. “Lasst euch nicht mit den Deutschen ein, die Deutschen essen Schwein und sind Schweine”, sagte vor vielen Jahren schon an der hiesigen Grundschule der türkische Lehrer zu seinen Schülern.

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