Wolfgang Röhl / 20.05.2010 / 21:21 / 0 / Seite ausdrucken

Erneuerbare Kohle. Warum Journalisten Windstrom lieben

Stromerzeugung mittels Windrädern, so spottete der Sozialökonom Thomas Heinzow von der Forschungsstelle für nachhaltige Umweltentwicklung an der Uni Hamburg mal in einem Vortrag, sei die kostspieligste Art, Landschaften zu verschandeln, noch dazu eine energieerzeugungstechnisch hoffnungslos veraltete Art. Doch die Windkraftindustrie kann auch überaus modern sein. Vor allem bei PR-Strategien. Die funktionieren perfekt. Kaum ein anderes Big Business wird von den Medien derart hoch gejazzt. Besonders von Medienschaffenden, die sich ansonsten ungemein kritisch vorkommen. Leicht durchschaubare Hütchenspielertricks der Windbranche - zum Beispiel, die niemals auch nur annährend erreichten „Nennleistungen“ der WK-Anlagen als realen Output vorzugaukeln („...dieser Windpark kann eine Kleinstadt mit 5000 Haushalten versorgen“) - werden ungefiltert und unhinterfragt an das Publikum weitergereicht…

Wer zumal in nördlichen Regionen über die Funkfrequenzen surft, dem plappern NDR-Redakteure unablässig die Ohren voll mit Lobeshymnen auf die klimaretterischen und arbeitsplatzsichernden Effekte der Windkraft. Wie eine Agentur der Rotorenindustrie hört sich etwa das NDR-„Nordwestradio“ an. Ganz selten wird dort auch mal eine zweite Meinung ausgestrahlt. Radio Pjöngjang ist dagegen vermutlich ausgewogen.

Wie Karrieren publizistischer Windkraftpartisanen mitunter verlaufen, kann man an einem schönen Beispiel verfolgen. Olaf Preuss, Jahrgang ´62, Wirtschaftsredakteur bei „Hamburger Abendblatt“, schreibt seinen Lesern die Wind- und Solarenergieerzeugung konsequent schön. „Politische Weitsicht verband sich hier rechtzeitig mit dem Genie von Ingenieuren und dem Aufbaudrang von Managern“ jauchzt Preuss, als habe er seine Schreibe in den 60-er Jahren bei einem SED-Blatt in Ost-Berlin erlernt.

Windkraft werde zur „Schlüsselbranche“ und sei vergleichweise überhaupt nicht teuer. Ihre Kritiker, so suggeriert er in einem Abendblatt-Kommentar, seien nur reiche Asoziale, die „keine Schlagschatten auf den gepflegten Feldsteinmauern ihrer Landhäuser sehen wollen.“ Preuss weiß, wie man Ressentiments säht. Sein aggressiver Tonfall passt zwar nicht so gut zu dem liberalen, im Norden weit verbreiteten Springer-Blatt, welches seit 1948 das Motto „Seid nett zueinander“ pflegt. Aber für die segensreiche Windindustrie greift Preuss gern mal eine Oktave daneben.

Drei Jahre war der Mann im Wirtschaftsressort des „Spiegel“, später stellvertretender Chefredakteur des „Greenpeace Magazin“, dann als Freier Journalist und Redakteur tätig, unter anderem bei der 2002 eingestellten „Woche“. Einige Jahre arbeitete er bei der „Financial Times Deutschland“. Grünes Ideologen-Magazin und lachsrosafarbenes Finanzblatt, ein biografischer Bruch? Im Gegenteil. Auch die lohasigen FTD-Redakteure empfehlen gern mal fett verzinste Öko-Fonds, für deren risikoloses Wohlergehen Steuerzahler und Stromkunden aufkommen müssen.

2008 ging Preuss zum Abendblatt. Nebenher hält er Vorträge. Die Münchener Referentenagentur „Econ“, bei der er zu buchen ist, beschreibt seine Kompetenzen wie folgt: „Unternehmen greifen bei Veranstaltungen gerne auf die Wirtschaftsexpertise von Olaf Preuss als Redner zurück: in faktenreichen, klar gegliederten und gut nachvollziehbaren Vorträgen beleuchtet er die Stärken der deutschen Wirtschaft und die Chancen der Solarenergie.“

Letzteres hat Preuss mit einem anderen gestandenen Sonnenanbeter gemein, dem immer noch fleissig missionierenden Wind- und Solarstromapostel Franz Alt. Den heiligen Franz der Windspargelfelder kann ebenfalls bei Econ mieten, wem es darum geht, Stimmung für die „Erneuerbaren“ und gegen deren Kritiker zu machen. Wie praktisch, dass bei Econ auch der sympathische Klimapanikmacher Mojib Latif an Bord ist, sowie die Energieökonomin Claudia Kemfert vom DIW, die als Gutachterin dem letzthin etwas angeschlagenen Katastrophen-Orakel IPCC zuarbeitet. Noch praktischer, dass auch Stefan Rahmstorf vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung bei Econ zu buchen ist, eine der fanatischsten Figuren in der Riege der Klima-Bußprediger. Ein anderer Potsdam-Mitarbeiter, der “Chefökonom” Ottmar Edenhofer, steht ebenfalls auf der Rednerliste von Econ.

Wohlgemerkt: die Firma vermittelt auch viele andere Medienarbeiter und Wissenschaftler, die nicht im Geschäft mit der Klimaangst mitmischen. Aber interessant ist er schon, der Blick auf Netzwerke, die sich da in aller Stille gebildet haben. Der aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) gespeiste ökologisch-industrielle Komplex hat offenbar viel Geld zu verbraten. Er kann es sich leisten, die Puppen tanzen zu lassen. Sogar stinknormale Ölkonzerne haben ja inzwischen ihr Image listig grün übermalt.

Man sollte sich also durchaus nicht wundern, wenn fast jeder öffentlich-rechtliche Sender und viele Printmedien immerfort verbreiten, Wind- und Solarstrom würden schon jetzt einen substanziellen Beitrag zur Stromversorgung leisten. Und so tun, als könnten die „Erneuerbaren“ in 20 Jahren Gas-, Kohle- oder Atomstrom weitgehend ersetzen. Dabei spielt natürlich auch das in journalistischen Kreisen weit verbreitete Gutmenschentum - wishful thinking, manchmal gepaart mit erstaunlicher Ignoranz gegenüber technischen Zusammenhängen – eine Rolle.

Auch, aber wohl nicht nur.

http://www.econ-referenten.de/themen/klima-und-nachhaltigkeit

http://www.abendblatt.de/wirtschaft/article1493603/Windkraftbranche-setzt-auf-kraeftigen-Zuwachs.html

 

 

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