Erinnern Sie sich an Horst Köhler? Das sollten Sie!

Unser neunter Bundespräsident war der Erste und Höchste, der angeblich allein einem shitstorm nachgab. Köhler war das traurige Menetekel der Sprach- und Gedankenregelung im Windschatten der veröffentlichten Meinung.

Ich habe mich an so manches gewöhnt. Selbst die Chronik des Irrsinns lese ich inzwischen mit einer Mischung aus Amusement, Ennui und Achselzucken. Neuerdings bin ich gezwungen, mich an noch ganz Anderslautendes zu gewöhnen. Die Kommentare im hiesigen Diskussionsforum sind offen und frei wie eh und je, aber ihr Ton wird schärfer, kontroverser, unversöhnlicher. Erstmals fallen in ihnen wie in Artikeln der Autoren Begriffe wie „Trolle“, also bezahlte Schreiberlinge oder gar elektronische Schreibmaschinen, die nichts als Ideologien verbreiten sollen. Und auch für so manche Meinung wird der Gegenwind schärfer, Vorwürfe des Mainstreamings gegen diesen Blog, gegen Diskutierende, und sogar latent oder gar offen Antisemitisches macht sich Luft. – Ja, Leute, was habt Ihr denn gedacht? Solche Zeiten polarisieren!

Nun schätze ich als Leser wie als Autor dieses offene Wort und das offene Visier. Das hat nostalgische Gründe. Im Nachhinein erhellend finde ich Talkshows, die lange her sind, wie jene denkwürdige mit dem Wortgefecht zwischen Willy Brandt und Helmut Kohl über Heiner Geißler. Sie waren Aufreger und reinigende Gewitter, die Positionen waren klarer und konturierter als zuvor – und man ging alsbald zur Tagesordnung über. Heute meint ein verhätscheltes Bürgertöchterchen wie Luisa Neubauer schon, der Kanzler ziehe – und verharmlose – Nazi-Vergleiche. Ich gewann nach und nach den Eindruck, dass meine, die alte Bundesrepublik, viel mehr innere Stärke und sogar Zusammenhalt über Parteigrenzen hinweg erlaubte, als die Schärfe der politischen Auseinandersetzung es vermuten ließ – und als es heute möglich ist.

Diese alte Bundesrepublik war imstande, sogar ehemalige Nazis und neue Achtundsechziger zusammenzuführen, zu integrieren und bei ausreichender Ehrlichkeit zu Demokraten werden zu lassen, 20 Jahre RAF-Terror zu überstehen, palästinensischen und rechtsradikalen Terror zu überleben und sogar das unverhoffte, von wenigen aufrechten Dissidenten eröffnete und erst danach zur breiten Bewegung gewordene Geschenk der nationalen Einheit zu meistern, mit allen Verwerfungen, die es auch durch Einigungsvertrag, Treuhand und falsche Milde gegen SED und Stasi gegeben hat. Auf dieses Land, so meinte ich, könne man durchaus schmerzlich stolz sein; dieses Land hatte nicht alles richtig gemacht, vor allem die Dissidenten der DDR mit Plätzen auf den Hinterbänken der Macht abgespeist und dafür die Mitläufer nach oben gespült, aber, sofern das der Preis für die Aussöhnung hätte sein sollen, bei ausreichender Ehrlichkeit und Weitsicht der derart Gewendeten, so war ich bereit, mich auch damit leidlich abzufinden.

1994: Alles war auf Versöhnung aus, nur ich nicht

Vielleicht war das der Fehler. Denn ungefähr zu der Zeit ging auch die Schärfe der Auseinandersetzung verloren. Es sah noch aus nach ihr, als Kohl von Schröder abgelöst wurde, und auf eher peinliche Weise auch, als Merkel Schröder ablöste. In der Quadriga Merkel-Merz-Meier-Müntefering kam mir das Folgende aber noch pragmatisch und hemdsärmelig vor, also irgendwie okay. Nun, auf das Abräumen Helmut Kohls durch sein „Mädchen“ hätte ich persönlich verzichten können; es ersetzte ja nur alte durch neue Seilschaften, mehr nicht. Immer noch zählte ich das zum Preis der Veränderung, obwohl ich auf solche ebenso fossilen wie zweifelhaften Erscheinungen wie Schäuble und Seehofer schon vor mehr als 20 Jahren hätte verzichten können; aber auch Kompromisse sind Teil der Politik, und so lernte ich sogar solche spitzen Gestalten wie Gysi ein klein wenig schätzen, als Belebung nur und Reibungsfläche zur Entzündung echten Streits; Scharfsinn, Chuzpe, Humor und glänzende Rhetorik sind dabei nicht die schlechtesten Eigenschaften, wenn auch noch keine Werte.

Und so bemerkte ich auf einer Wahlveranstaltung der damaligen PDS auch, dass dieser Mann mit einigen wenigen gezielten Zwischenfragen der offen-hinterhältigen Art sehr leicht nervös zu machen war. Ich fragte ihn („Keinem Ex-DDR-Bürger darf seine Vergangenheit vorgeworfen werden… ich stehe auch für die Reinigung und die Erneuerung meiner Partei.“) schlicht, wie er diese beiden Kernaussagen denn unter einen Hut bringen wolle, und nach zwei kurzen Nachfragen geriet er in Rage.

Meine damalige linksgrün-bürgerliche Freundin versuchte von vornherein, mich zurückzuhalten; wir schrieben das Jahr 1994, und alles war auf Versöhnung aus, nur ich nicht. Warum sollte ein so glänzender Rhetoriker den Streit scheuen, und warum gab er sich solche Blößen? Die trockene Nüchternheit eines Lothar Bisky, Gott habe ihn selig, war mir deutlich lieber als Gysis widersprüchliche Salonrhetorik; so Bisky über Wagenknecht: „Sie wird Rosa Luxemburg immer ähnlicher. Demnächst wird sie noch anfangen zu hinken.“

Das Land ohne Eigenschaften

Kurz: Ich hatte immer noch Spaß an der Schärfe der Auseinandersetzung, am Humor und am anschließenden Weiterarbeiten der Akteure in der Politik, doch dann drehte sich die Sache. Sie tat es langsam, atmosphärisch – wie ein Barometer, das langsam fällt. Und dennoch wurde ich misstrauisch, immer dann, wenn die Auseinandersetzung durch den vorschnellen Kompromiss oder die diktierte Lösung ersetzt wurde, und kein Name steht dafür so deutlich und prägnant wie der Name Angela Merkel. Und deshalb bin ich mit meiner alten Lieblingspartei, der CDU/CSU, noch lange nicht fertig.

Solange sie nicht den Bruch mit Merkel so vollzogen hat wie den weniger bedeutsamen mit Helmut Kohl, misstraue ich ihr zutiefst, tiefer als der Linkspartei oder der SPD, bei denen ich halbwegs weiß, woran ich bin. Die Linkspartei ist der bucklige Erbe der SED. Die SPD hat große Kanzler hervorgebracht; und am Ende sind Kanzler immer glücklos, wie wir alle es am Ende sind; ihnen das vorzuwerfen wäre albern. Man kann sich aber auch freiwillig verstricken und dumm dastehen, und in der Disziplin waren und sind auch SPD-Kanzler nicht ohne; vor allem, wenn es um die Interessen des eigenen Landes ging. Geschenkt, Angela Merkel ist mehr des Lobes dieser Torheit wert.

Zu ehrlich fürs Amt?

Doch die Sache drehte sich an anderer Stelle, noch weiter oben, zumindest dem Titel nach, denn es begann mit einem Bundespräsidenten: Horst Köhler. Während der von mir als eine der ehrlichsten Häute der SPD hochgeschätzte Peter Struck, auch so ein Freund der deutlichen Aussprache, ungestraft behaupten konnte, unsere Sicherheit werde nicht nur, aber auch am Hindukusch verteidigt, zog Horst Köhler sich sozusagen im Flug vom höchsten Staatsamt zurück, wohl weil er deutsche Wirtschaftsinteressen ins Spiel gebracht hatte. Das jedenfalls ist die offizielle Lesart; eher eine Spekulation, denn zu den eigentlichen Verwerfungen hinter den Kulissen, die zu Köhlers Rücktritt führten, erfuhr ich nichts. Inzwischen haben wir einen Bundespräsidenten, der auch schon einen Kranz am Grab eines Terroristen niedergelegt und eine linksradikale Band gepusht hat, und es passiert nichts, außer seiner glanzlosen Wiederwahl mit ausdrücklicher Zustimmung der frischgebackenen Opposition von CDU und CSU.

Doch zurück zu Köhler. Merkel schaffte es, ihren damals glanzvollsten Konkurrenten, Christian Wulff, an sich selbst geschickt vorbei ins höchste Staatsamt zu hieven. Der geschickte Schachzug dieser Entmachtung Wulffs wurde am Rande notiert, mehr auch nicht. Zu einer politischen Auseinandersetzung über diese Form der diskussionslosen Hinterzimmereleganz kam es nicht. Und ähnlich danach im Falle seines Nachfolgers Gauck; auch hier schien der Konsens der Notlösung eine hinter den Kulissen ausgemachte Sache mit dem Geschmäckle der Inhaltslosigkeit. Und so färbte Angela Merkel, die Frau ohne Eigenschaften, nach oben durch wie eine langweilige Blaupause. 

Würdelose parlamentarische Spielchen

Zeitgleich entmannte sich nach und nach das Parlament. Alle fragwürdigen Beschlüsse der Kabinette Merkel, von der „Rettung“ Griechenlands und der EU, dem Krieg, der angeblich ausbräche, wenn die EU Schwäche zeige – und der nun auch deshalb ausgebrochen ist, aber nicht wegen ihrer Währung, wie beteuert, sondern wegen ihrer außenpolitischen und militärischen Bedeutungslosigkeit – über die Abschaffung der Wehrpflicht durch einen Parvenú bis hin zu einer rückhaltlosen Energiewende und zur unkontrollierten Einwanderung, es wurde alles kopfnickend durchgewinkt.

Dementsprechend tauchte die AfD auf, erstarkt und schwächelt seither je nach Lage, wie alle Parteien, doch Merkels Kartell der angeblichen Demokraten zog es vor, gegen jegliche Kritik die Nazikeule zu schwingen, um der inhaltlichen Auseinandersetzung mit der Kritik an der Regierungslinie auszuweichen, bis hin zu würdelosen parlamentarischen Spielchen, um einen Alterspräsidenten oder einen stellvertretenden Bundestagspräsidenten der AfD zu verhindern; feine, feige Demokraten!

Im Namen der Energiewende schloss Frau Merkel alsdann sogar ganz gern Bekanntschaft mit Wladimir Putins Hund, und ihr Vorgänger Schröder rutschte die Rentnerleiter empor auf einen seiner oligarchischen, postzaristischen Aufsichtsratsposten; Merkel betonte mit ihrem Freund Obama, dem Friedensnobelpreisträger und eigentlichen Verlierer der Kriege von Syrien und Afghanistan, den Multilateralismus und zuletzt die Rettung des Klimas durch achtzig Millionen Deutsche gegenüber acht Milliarden Planetenbewohnern. 

Die Werte des freien Westens und die Wende Horst Köhlers

Gleichzeitig betonten alle Demokraten die Werte des freien Westens. Nun bin ich Westberliner, von Geburt, ich weiß also, was die Blockade und die Luftbrücke, der Mauerbau, auch, was Bautzen, Hoheneck, der Schießbefehl und die Selbstschussanlagen sind; und durch Freunde in Kleinmachnow, damals DDR, was man hinter vorgehaltener Hand sagte und ansonsten verschwieg, und auch, wie der äußere Druck den Zusammenhalt ebenso stärkt wie die Vorsicht und das Misstrauen, während im freien Westen alles auf sehr kontroverse Art erlaubt war. Es war ja so leicht, damals ein lupenreiner Demokrat zu sein.

Wie seltsam also, dass es sich nach Horst Köhlers schweigsamem Abgang alles so drehte. Für mich ist seine Causa, sein Fall, der eigentliche Wendepunkt; er war der Erste und Höchste, der angeblich allein einem shitstorm nachgab, siehe oben. Köhler war das traurige Menetekel der Sprach- und Gedankenregelung im Windschatten der veröffentlichten Meinung, so sehr, dass eine Kritik am Kurs der Merkeljahre seither gar nicht mehr möglich erschien, ohne ins angebliche Fahrwasser der Rechtsradikalen, gar Rechtsextremen abzudriften, so enorm, dass selbst Sahra Wagenknecht, Biskys Wiedergängerin der Rosa Luxemburg, drohte, in den hufeisigen Verdacht zu geraten, ins Gauland umziehen zu wollen.

Damals dachte ich erstmals: Ich lebe in Absurdistan. Absurdistan ist das Land, in dem die Führung jene Spaltung der Gesellschaft bejammert, die sie selbst am schärfsten betreibt, indem sie sogar die extremen Ränder zusammentreibt. Die luftige Kontroverse der alten Bundesrepublik war endgültig der Treibhausatmosphäre eines muffigen Gewächshauses gewichen, das darauf aus ist, die Blumen des Bösen zu züchten; feuchte, dicke Luft unter künstlichem Hochdruck, jedes politische Gespräch erstickend. Das ist die eigentliche Klimakatastrophe.

Freier Westen oder Tanz um goldene Kälber?

Doch die Sache spitzt sich noch weiter zu. Dieses Land, mein Land, denke ich noch zuweilen im Zustand nostalgischer Umnachtung, macht sich trotz Brexit, importiertem Terror und Antisemitismus, staatlich provozierter Energiekrise, Wirtschaftskrise, Inflation und Bundeswehrkrise zuallererst Gedanken über Gendersternchen und -toiletten, vollzieht feige den neuen Rassismus der angeblich Benachteiligten gegen den alten Rassismus der weißen Männer und rettet nebenbei im Alleingang das Klima, es macht die sachliche Kritik an Corona-„Maßnahmen“ und auf lächerliche Weise pseudowissenschaftlich begleiteten Impfkampagnen durch sich selbst bestätigende, regierungsnahe „Faktenchecker“ mundtot, es betont brav internationale Verflechtungen und Verpflichtungen, nach Belieben heute so und morgen anders.

Es straft die Oligarchen Bezos und Musk ab und hofiert den Oligarchen Gates, es sanktioniert verbal Trump und materiell Putin, den es gestern noch hofierte, und es entfacht und enttäuscht nebenbei in der Ukraine echte Hoffnungen; es übt den Kotau vor den neuen Kaisern von China – und erstarrt vor allen zusammen in durchaus berechtigter Angst. Nach wessen Pfeife wird dieses Land tanzen? Welche Lasten wird es seinen Bürgern noch aufbürden, dieses seltsame 'schland, Meinland, Meineidland, meine Heimat, und wie wird es mich überwachen und auf Linie und zum Schweigen bringen? Was kocht da hoch, auf Seiten der Mächtigen und ihrer Schreiberlinge wie auf Seiten der Regierten?

Die Regierung der woken, globalistischen Schneeflöckchen mit solch – berechtigter wie in ihrer Erstarrung selbsterfüllender – Angst vor der Zukunft ist dabei nicht weniger als ein Albtraum, eine pseudodemokratische, autoritäre Alternative zu noch Schlimmerem, mehr nicht; so denke ich nun auch zuweilen, wenn Politiker mir ohne jede Verteidigung der freiheitlichen westlichen Werte von einer „Zeitenwende" angesichts äußerer Kriege und innerer Kämpfe zur Rettung von irgendwem und irgendwas schwadronieren, an denen ich mich auch noch beteiligen soll, mit meinem Geld, mit meinem Denken, mit „Opfern“, die ich zu bringen habe. Welchen? Wofür?

Ein Land ohne Grenzen, ohne Werte und ohne Interessen

Dagegen die inneren Grundlagen, die Werte des freien Westens hochzuhalten, es wird schwieriger. Ich aber gebe mich nicht gern ab mit Ideologien, Utopien und Visionen, dem Vaudeville des politischen Illusionstheaters; da halte ich es weiter mit Helmut Schmidt, denn ich bin Arzt. Politiker verdienen weder meinen Neid noch meine Bewunderung, denn auch ich muss mich täglich in der Kunst des Möglichen üben, wie auch alle Regierten in ihren Berufen, Ämtern, Familien. Das ist nichts Besonderes.

Aber, Vorsicht: Money's too tight to mention. Gutes Handeln muss am Ende bezahlbar sein, auch das gehört zu den westlichen Werten; und auch da hakt es schon gewaltig. Wer seine Grenzen und seine Werte ebenso leichtfertig aufzugeben bereit ist wie seine Interessen und sein Geld, für den wird es richtig teuer, auf allen Ebenen, bis zum bitteren Ende. Horst Köhler wusste das. Ich vermute, das war der eigentliche Grund für seinen Rücktritt, der für mich alles verändert hat, zum Unguten. Denn ein Land ohne Grenzen, ohne Werte und ohne Interessen ist tot, ohne es zu wissen.

Und so stelle ich es einfach zur Diskussion und bitte Sie: Nehmen Sie diese Frage nicht zu leicht. In ihr allein liegt der Schlüssel zur Lösung der Frage, warum die Kommentare an Schärfe zunehmen (was sie müssen!), denn sie ist zugleich auch der Schlüssel zu unserer Zukunft, nämlich, ob wir noch eine vor uns haben oder nicht. Also: Haben wir noch Interessen als Deutsche und Europäer und Zugehörige zum freien Westen, oder markiert der Abgang Horst Köhlers tatsächlich den Wendepunkt hin zur Interessenlosigkeit Deutschlands? Vielmehr und schlimmer noch und schärfer: Existiert nur noch der „Faktencheck“, der mal trollige, mal maliziöse, mal offizöse shitstorm, vor dem es zu kapitulieren gilt  oder existiert auch er noch, der freie Westen? Und wenn ja, wo?

Foto: International Monetary Fund CC BY 3.0 via Wikimedia Commons

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Reinhard Benditte / 04.06.2022

@Hr. Karl Meier und Hr. IMO Sennewald: Ich lese morgens neben den üblichen Artikeln des Medienzirkus immer die Artikel auf Achgut, aber ganz besonders die Kommentare der Leser, die oft viele zusätzliche Aspekte und Informationen beisteuern. Auch der heutige Artikel, tlw. über Horst Köhler, den ich als Bundespräsident sehr geschätzt hatte, bildet dazu keine Aussage. Und ganz besonders hervorragend geschrieben sind die Kommentare von Hr. Karl Meier und Hr. IMO Sennewald.!

Werner Arning / 04.06.2022

Ich weiß nicht, ob es Ihnen ähnlich ergeht, aber bei mir macht sich derzeit so ein Gefühl der Müdigkeit breit. Eine Art Apathie, Desinteresse, Gleichgültigkeit. Weiterhin verfolge ich die Ereignisse, jedoch mit einer merkwürdigen Distanz. So als habe ich einen bestimmten Glauben verloren. Als sei ich desillusioniert. Mir fallen die Augen zu. Schläfrig registriere ich „die Neuigkeiten“. Nichts Neues unter der Sonne. Weckt mich, wenn etwas passiert. Veränderungen ausgeschlossen. Keine Experimente. Es ist alles gesagt. Das Feuer auf Sparflamme. Ich hab irgendwie einen Glauben verloren. Nein, nicht DEN. Depression? Nein, das nicht. Aber der Wunsch, sich anderen Themen zuzuwenden.

Lutz Serwuschok / 04.06.2022

Ein Artikel mit viel nachdenkenswertem zur jüngsten Geschichte. Gestolpert bin ich bei dem Namen Bisky. Lothar Bisky, ein Fettauge, auch wenn er ruht. Das sehen Ossi-Augen vielleicht anders als West-Berliner. Er war der Maximal-Pigmentierte - Namen müsste ich jetzt nachschlagen, ist schon etwas her - aus Huxleys Brave New World. Der Typus, der wider besseren Wissens handelt(e). Kleiner Einwurf am Rande.

Arne Ausländer / 04.06.2022

An Köhler erinnere ich mich recht gut, auch weil er über sein Zitieren aus den “verteidigungspolitischen Richtlinien” stolperte, in denen es seit 1992 kaum verändert heißt, daß zu den Aufgaben der Bundeswehr der Zugang zu Rohstoffen und die Sicherung des freien Welthandels gehören. Ich erinnere mich auch deshalb so gut, weil ich mich eben darüber schon Jahre zuvor mit jemandem gestritten hatte, der partout nicht glauben wollte, daß solche “linken Unterstellungen” tatsächlich zur offiziellen Doktrin gehören könnten. (Das war noch in einer Zeit, als man noch nicht einfach einen Link zur entsprechenden amtlichen Webseite als Beleg zur Hand hatte.) Ex-IWF-Banker Köhler war es da wohl schlicht zu blöd, nicht mal annähernd frei reden zu dürfen, wo er es doch gewohnt war, reale Entscheidungen zu treffen. Aber daß die Verhältnisse hier grundsätzlich andere wären, wenn Köhler bis heute im Amt wäre, halte ich für unwahrscheinlich. Auch der IWF war immer nur ein Instrument der wirklich Mächtigen. Wenn Köhler damit klar kam, hätte er auch seinen Job als Bundespräsident brav weitergemacht, mit etwas mehr standesgemäßer Behandlung durch den Rest des Politikbetriebs.

Andreas Mertens / 04.06.2022

Ich habe es letztens schon einmal geschrieben, dieses Trümmerland mit seiner Trümmerbevölkerung hatte niemals eine geschichtliche Wertebasis auf die sie hätte verweisen mögen. Es hatte auch niemals eine rechtsstaatliche/demokratische Tradition die seinem Tun ein Fundament hätte geben können. Und schon gar nicht gab es einen (erlaubten) Stolz auf diese Republik, an den .. wer auch immer ... hätte appellieren dürfen/mögen. Es hatte stets nur ein einziges einendes Element ... das Verfassungsgericht.  Das Verfassungsgericht dieser Republik war mehr als nur ein oberstes Gericht (im scharfen Kontrast zu anderen Nationen). Es war Religion. Das GG die dazugehörigen Gebote. Die Präsidenten waren (zumeist) gestandene und altersweise Herren, ohne viel Einfluss aber mit umso mehr Lebenserfahrung. Sie genossen und verbreiteten Vertrauen. Keiner wäre je auf die Idee gekommen die eigene Bevölkerung als Pack, Pöbel, Abschaum, Problem, Dunkeldeutsche etc. zu verunglimpfen. Sie achteten die Hand die sie füttert. Heute möchte man glauben eine politische Tollwut habe das Land infiziert.

Hansjörg Schrade / 04.06.2022

Ging Köhler wirklich wegen des Interviews im Flugzeug? In meiner Blase galt das als der vorgeschobene Grund. Für uns der wahre Grund war die erste Griechenrettung, die zeitgleich über die Bühne ging und die der ehemalige IWF-Direktor als Bundespräsi unterschreiben musste. Wider alles bessere Wissen als ehemaliger Direktor des IWF. Dieser Rücktrittsgrund nach der aus Staatsraison zwangsweise geleisteten Unterschrift macht für mich viel mehr Sinn. Beeindruckend die Liste seiner Tätigkeiten und Funktionen als Staatssekretär in Sachen Wiedervereiniging und internationale Finanzfragen (bei Wikipedia) und sein mindestens verbaler Einsatz zur Armutsbekämpfung während der IWF-Zeir.

Gottfried Meier / 04.06.2022

Das Problem ist eigentlich ganz einfach: Wir werden von schlechten Politikern regiert und es sind auch weit und breit keine guten auszumachen, herausragende schon gar nicht. Echte Realpolitiker gibt es heute kaum mehr und daher konnten linksgrüne Ideologen in der Politik und in den Medien die Macht an sich reißen. Die Liberalkonservativen haben auf der ganzen Linie versagt. Köhler hat das einzig Richtige gemacht. Er kann sein Leben seit seinem Rücktritt genießen und muss sich nicht mehr mit unfähigen Möchtegernpolitikern herumschlagen.

Johann-Thomas Trattner / 04.06.2022

Nur zu einer Beobachtung des Autors: Eine einseitig polarisierende und zugleich Leute mit abweichender Meinung herabwürdigende oder generell verunglimpfende Haltung habe ich im Lauf der Jahre bei den Achse-Autoren immer häufiger gelesen. In der Causa Trump noch erträglich. In der Causa Ukraine an propagandistischen Totschlags- und Verunglimpfungstiraden gegen jeglichen kritischen Einwand kaum noch zu steigern. Es sollte also nicht wundern, dass - soweit Leser nicht einfach abwandern - die Verbliebenen manchmal mit ebensolcher Schärfe in den Kommentaren reagieren, oder, wie ebenfalls zu beobachten, andere den jeweiligen Autorentext verbal - häufig nicht argumentativ - noch an Schärfe und herabwürdigenden Anwürfen zu steigern versuchen. Dieser Aspekt (die Achse betreffend) der Klage des Autors scheint mir eher einer schlechten, weil einseitigen, Redaktionspolitik der Achse bei der Autorenauswahl geschuldet als einem allgemeinen Niedergang der Argumentations- und Diskussionskultur.

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