Jesko Matthes / 07.07.2019 / 13:00 / Foto: Erich Salomon / 6 / Seite ausdrucken

Erich Salomon, ein großer Fotoreporter

Politik wird hinter verschlossenen Türen gemacht. Journalisten sind auf Pressekonferenzen und Interviews angewiesen, oder auf jene „zuverlässigen Quellen“, die in der Regel anonym bleiben und geschützt werden. So diskutierte man die EU-Posten. Hätte der als EU-Kommissionspräsident gescheiterte Manfred Weber nicht einfach vom EU-Parlament zu dessen Präsidenten gewählt werden können? Hat nicht geklappt. Okay, dann wird eben eine ziemlich gescheiterte Bundesverteidigungsministerin nach Brüssel weggelobt und mit dem Posten der EU-Kommissionspräsidentin versorgt. Die NZZ nennt die Dinge beim Namen: Postenschacher. Von der Kanzlerin erfährt man zu dieser Form der Demokratur nur Kryptisches. Sie sei optimistisch und fröhlich, was immer das bei ihr heißen mag. Dagegen gibt ihr sichtbares öffentliches Auftreten eher Anlass zur Sorge um ihre Gesundheit. Politik ist ein konfliktreiches, anstrengendes, zuweilen nervenaufreibendes Geschäft. Und die Öffentlichkeit lechzt nach Ehrlichkeit, nach Informationen aus erster Hand – und nach Fotos.  

Das ist schon lange so. Die Ermüdung der eigenen Politik steht den Politikern zuweilen ins Gesicht geschrieben. In einer Sequenz von Aufnahmen aus einer Nachtsitzung beim Völkerbund, dem Vorläufer der UN, im Jahre 1930 kann man es allzu deutlich sehen. Es ging allerdings nicht um eher banale Postenfragen, sondern um das brandheiße Thema der deutschen Reparationen, an dem sich wenig später das Schicksal der Weimarer Republik entscheiden sollte. Stresemann war schon tot, Brünings Anfangserfolge wurden immer drängender und katastrophaler von der Weltwirtschaftskrise überschattet, und Hitler stand bereits in den Startlöchern. Alle düsteren Prophezeiungen des John Maynard Keynes sollten sich bewahrheiten, und noch Schlimmeres sollte folgen.  

Jener, der die Bilder von der besagten Nachtsitzung schoss, war ein Mann, der mit den Mitteln der Bildreportage tief eintauchte in die geheimnisumwitterte Atmosphäre jener ebenso gefährlichen, verlockenden wie ermüdenden Macht, und er tat es mit Empathie, gar Sympathie. Er feierte in diesem Jahr seinen 133. Geburtstag, und wir begehen am 7. Juli den 75. Jahrestag seiner Ermordung. Die Rede ist von Erich Salomon.

Dokumentarische Menschenfreundlichkeit

Der Berliner Jude Salomon war längst Soldat des Ersten Weltkriegs gewesen, Ingenieur und Doktor der Jurisprudenz, Börsenmakler und Transportunternehmer geworden. Launig, geschäftstüchtig und humorvoll warb er während der Hyperinflation in der Vossischen Zeitung für sich: Dr. der Jurisprudenz gibt Ihnen während der Beförderung Instruktionen über die Regierungsmaßnahmen zur Währungsumstellung von der Deutschen Mark zur Rentenmark.

Bald aber entdeckte er, der Einfallsreiche, der Parkettsichere, ein ganz anderes Metier für sich, das ihn bis in höchste Kreise bringen und bis heute berühmt machen sollte. War es eine Tugend aus der Not? Auf jeden Fall war es ein riesiges, doppeltes Talent, das sich da plötzlich Bahn brach, ein künstlerisches des Blickes und ein journalistisches der Diskretion in der Indiskretion. Es handelt sich um die Fotografie. Salomon hatte das unnachahmliche Talent, sich in Frack oder Cut unsichtbar zu machen.

Erst mit der Plattenkamera, seiner geliebten Ermanox mit dem ersten wirklich lichtstarken Objektiv, später mit der Leica, näherte er sich so der hohen Politik bis auf wenige Meter und schaffte es, mehr oder minder heimliche Aufnahmen zu machen. Sie sind dennoch nicht von Voyeurismus gekennzeichnet, sondern von Einfühlung und dokumentarischer Menschenfreundlichkeit. Sie waren vorzeigbar, und auch die Politiker und Prominenten selbst sollen sie geschätzt haben, gar geliebt.

Sehr verschiedene Typen sieht man hier, von Aristide Briand über Edvard Beneš, Albert Einstein, die Dietrich, Pablo Casals und Max Schmeling bis hin zum glücklosen deutschen Außenminister Julius Curtius und zum späteren französischen Nazi-Kollaborateur Pierre Laval. Wie fern und doch persönlich nah sind auch dem heutigen Auge die Prominenten und Mächtigen von damals, und wie freundlich lichtet Salomon sie ab! Dass Salomon weder sich noch seine Arbeit dabei allzu ernst nahm, sieht man deutlich in dem, was wir heute ein „Selfie“ nennen würden. Es zeigt Salomon mit seinem Sohn und späteren Nachlassverwalter Otto – Peter Hunter, selbst Fotograf – beim Herumalbern in London, nebeneinander im Abendanzug im Bett, absichtlich gähnend, parkettmüde.

Fatale Rückkehr aus Pflichtgefühl

Fast zwanzig Jahre seines Lebens widmete der geniale Autodidakt Erich Salomon der Fotografie, die ihm und damit uns die Prominenten und Mächtigen seiner Zeit ganz nahe brachte, sie geradezu persönlich menschlich werden ließ. Diese Eigenschaften, sein Humor, die Verweigerung des tiefsten Ernstes, seine schon gewohnheitsmäßige Nähe zur Macht, seine liberale Grundhaltung, sicher auch sein Pflichtgefühl, seine Verbundenheit zu Deutschland und seiner Heimatstadt Berlin, vor allem aber sein hautnaher, unablässig menschenfreundlicher Blick auf die politische Kampfzone, mögen ihn vielleicht getäuscht haben über die Gefahr, die ihm selbst längst drohte. Sein scharfes Auge befand sich längst selbst im trügerisch ruhigen Auge eines politischen Orkans. Trotz eines frühen Angebots, in den USA zu bleiben, kehrte Salomon nach Deutschland zurück, befand sich bei Machtergreifung Hitlers in den Niederlanden, arbeitete dort erfolgreich weiter, ging beim Überfall Deutschlands ins Versteck wie Anne Frank und wurde an die nationalsozialistischen Besatzer verraten wie sie.

Am 7. Juli 1944 ermordeten Deutsche den Deutschen Dr. Erich Salomon, den Familienvater, das Multitalent, den genialen, weltgewandten Fotografen und Pionier der politischen Fotoreportage, gemeinsam mit einem Großteil seiner Familie in Auschwitz.

Ein Nachwort:

Wieder einmal sind Erich Salomons Foto-Bildbände nur antiquarisch zu beziehen. Eine Auswahl von Dokumenten und Fotos finden Sie hier, hier und hier.

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netiquette:

Jana Molsner / 07.07.2019

Die Nazis haben mit millionenfacher Vertreibung und Morden nicht zuletzt dafür gesorgt, dass die deutsche (und europäische) Kultur schlagartig zutiefst verarmt ist. Davon haben wir uns bis heute nicht erholt und werden uns auch nicht davon erholen. Wer die vor 1933 herrschende geistige Vielfalt und Fülle in Presse, Literatur, Musik, Kabarett, Film, Fotografie und bildender Kunst usw. auch nur ansatzweise kennt und schätzt, kann kaum anders, als sich des schmerzlichen Verlusts immer wieder bewusst zu werden.

Gabriele Schulze / 07.07.2019

Ja, das gibt zu denken - der Humor, die Verweigerung des tiefen Ernstes, die liberale Grundhaltung, der menschenfreundliche Blick - alles hochsympathische Eigenschaften, die geradewegs ins eigene Verderben führen können!! Danke für diesen Artikel.

Timm Koppentrath / 07.07.2019

Spannende Brücke geschlagen zu einem verdienten Nachruf eines eher Unbekannten und gespickt mit interessanten Links, dazu noch eine gute Wikipedia Alternative für dt. Biographien.

Dr. Gerhard Giesemann / 07.07.2019

Herzlichen Dank für diese Erinnerung an Erich Salomon, aber auch an John Maynard Keynes etwa, der die Konferenz von Versailles verließ mit den Worten: Ich beteilige mich nicht an der ökonomischen Zerstörung Europas. Wie recht er hatte, konnte er noch selbst sehen, er starb 1946. Dies war Salomon nicht vergönnt.  Er hätte weiter fort gehen müssen.

Sabine Schönfelder / 07.07.2019

Wenn eines der vielen Opfer Hitlers, ein Faschistenopfer, erzählerisch ein Antlitz bekommt, fühlt man den Schmerz dieses menschlichen Verlustes, die Empörung über die rohe, willkürliche Gewalt irrer Politik ganz besonders intensiv. Danke, daß Sie uns Herrn Salomon etwas näher vorstellten. Wir sollten uns anhand seines Schicksals vor Augen halten, wie schnell sich Faschismus innerhalb der gruppenspezifischen Gattung Mensch ausbreitet, jenseits der menschlichen Vernunft und des klaren Verstands. Den faschistoiden Machtmenschen erkennt man immer daran,  daß er das Alleinstellungsmerkmal der einzig richtigen Ideologie für sich beansprucht und den Andersdenker diffamiert. Er ist ganz einfach zu erkennen, wenn man will!

K.H. Münter / 07.07.2019

Als jemand der sich seit dem Jahr 1963 intensiv in Photographie und Dunkelkammertechnik betätigt und seinerzeit gleich den ersten Bildband zum Werk von Salomon gekauft hat kann ich nur Hochachtung empfinden für diesen Mann und seine Fähigkeiten trotz der Widrigkeiten und auch Einschränkungen der damaliger Kamera- und Filmtechnik derart eindrucksvolle Bilder der Nachwelt zu hinterlassen. Sein Werk verdient es vor dem Vergessen bewahrt zu werden, gerade in unserer schnell-lebigen Zeit! Was allein könnte man mit den modernen Reproduktionstechniken aus seinen Negativen noch alles an Details entlocken? Und, nur als Anregung: Welche Möglichkeiten böten sich dann parallel für moderne Colorierungsverfahren?

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