Ist Intelligenz genetisch bedingt oder bildet sie sich aufgrund von Umwelteinflüssen und Erziehung? Wenn in Familien der Unterschicht, insbesondere in denen mit Migrationshintergrund, mehr Kinder geboren werden als in Akademiker-Haushalten – ist dies für die Gesellschaft der Zukunft von Nachteil? Diese beiden Fragen bestimmen seit vielen Monaten weite Teile der Feuilletons vergangenen Jahres. Die Achse des Guten bringt einen ganz neuen Aspekt in die Debatte: Ein Rückblick darüber, wie ausgerechnet in der DDR darüber gedacht wurde, und vor allem wie damals dort die Politik damit umging, fördert erstaunliches zu Tage und lässt den Standpunkt des linken Spektrums in diesen Fragen in einem ganz neuen Licht erscheinen.
Die Achse des Guten veröffentlicht zu dieser brisanten wie bisher unbekannten Seite der sogenannten „Sarrazin-Debatte“ eine dreiteilige Serie von Ulli Kulke
Teil 1 (01.03.2011): Wie die DDR ihre Familienpolitik darauf ausrichtete, dass besonders Studenten viele Kinder bekommen.
Teil 2 (03.03.2011): Was in der DDR hinter den Kulissen in der Intelligenz-Forschung zur Frage „vererbt oder anerzogen?“ ablief.
Teil 3 (heute): Der Stand der Intelligenz-Forschung heute: Gene versus Umwelt?
Von Ulli Kulke
Die Frage, in welchem Ausmaß die Intelligenz eines Menschen vom Erbgut der Eltern abhängt oder von seiner Ausbildung und anderen Umwelt-Einflüssen, gehört zu den am heftigsten umstrittenen im Land – wenn sie denn einmal hoch kocht, wie im vergangenen Spätsommer. Ansonsten wird sie nur selten wirklich offen geführt. Zu groß ist bei vielen die Angst, ungewollt in bestimmte politische und gesellschaftliche Zusammenhänge gebracht zu werden.
Die eine Seite, die die Intelligenz allein der Vererbung zuschreibt, ist seit dem Rassenwahn im Dritten Reich diskreditiert. Die andere Seite, die Vertreter der strengen Millieutheorie, deren Anhänger jeden genetischen Einfluss ablehnten und nach der Devise „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“ meinten, durch die Erziehung ihren neuen Menschen schaffen zu können, brachte es im Realsozialismus zu menschenverachtenden Blüten. Bei der Diskussion über Thilo Sarrazins Buch fiel auf, dass die wissenschaftlichen Experten sich eher zurück hielten, Journalisten und Politiker dagegen sich umso lauter zu Wort meldeten – bisweilen allerdings auch mit dem Hinweis, es ließe sich nicht mal klären, was Intelligenz überhaupt sei. Als Ausdruck des Versuches, die Debatte damit ad absurdum zu führen.
Neurologen, Intelligenzforscher, Psychologen – die meisten einschlägigen Wissenschaftler gehen heute nüchterner an die Frage heran und postulieren, dass die Intelligenz sowohl durch die Gene als auch durch die Umwelt beeinflusst wird. Wobei nach herrschender Lehre die Vererbung die etwas größere Rolle spielt, die meisten gehen von einem Anteil von 50 bis 80 Prozent aus.
Einige Forscher versuchen freilich, den naheliegenden gesellschaftlichen Implikationen dieser Erkenntnis gleich wieder aus dem Wege zu gehen mit dem Hinweis, dass nicht die Intelligenz selbst vererbt werde, sondern deren „Varianz“, also die Abweichung vom Mittelwert. Mit der Begründung, die Intelligenz sei keine absolute Größe. Sie werde vielmehr – etwa beim IQ-Test – stets nur im Vergleich zum gesellschaftlichen Durchschnitt ermittelt. Was grundsätzlich stimmt, weil die durchschnittliche Intelligenz über den Verlauf der Generationen starken Schwankungen (im letzten Jahrhundert und bis vor wenigen Jahren waren dies durchweg starke Steigungen) unterliegt. Was aber ebenso grundsätzlich nichts daran ändert, dass die Einordnung in der Intelligenzskala auch ererbten Faktoren geschuldet ist. Und zwar überwiegend, nach Meinung der meisten Experten. Andererseits: Die Tatsache, dass die Intelligenz seit dem 19. Jahrhundert anstieg, veranschaulicht die Bedeutung auch der Umweltweinflüsse, der Ausbildung, Erziehung, der besseren Nahrung und medizinischen Versorgung – insoweit alles beeinflussbare Größen.
Wie kommen die Intelligenzforscher zu ihren Angaben, wie lässt sich überhaupt der Einfluss der Gene von dem der Umwelt unterscheiden?
Die aussagekräftigsten Studienergebnisse stammen aus der Zwillingsforschung. Und die am besten geeigneten Studienobjekte hierfür sind eineiige – also genetisch identisch ausgestattete – Zwillinge, die nicht zusammen aufgewachsen sind, sondern unmittelbar nach der Geburt von verschiedenen Elternpaaren adoptiert und als Erwachsene untersucht wurden.
Die meisten Studien ergaben eine frappante Ähnlichkeit bei eineiigen Zwillingen, was die Intelligenzleistung angeht, aber auch die Berufswahl und andere Präferenzen. Die Ähnlichkeit war deutlich höher als bei zufällig verglichenen Personen. Dennoch unterlagen die einschlägigen Untersuchungen regelmäßig der Kritik. Sie würden außer Acht lassen, so hieß es, dass die Prägung bereits im Mutterleib stattgefunden haben könne. Auch seien die Vergleiche fragwürdig, weil Adoptiveltern einen bestimmten gesellschaftlichen Typus repräsentierten, der eine ähnliche Umwelt für die Entwicklung der Kinder herstelle. Und so weiter. Andere Kritiker erhoben auch Fälschungsvorwürfe, die sich zumindest in einem Fall erhärteten. Auch musste sich eines der berühmtesten Forscherteams, Charles Murray und Richard Herrnstein von der Harvard University nach dem Erscheinen seines Buches „The Bell Curve“ des Rassismus bezichtigen lassen. Die Beiden hatten nicht nur ermittelt, dass Intelligenz zum großen Teil erblich bedingt sei, sondern auch noch den Schwarzen Amerikanern eine unterdurchschnittliche Intelligenz diagnostiziert. Die Zwillingsforschung steht – keineswegs von der Mehrheit der Intelligenzforscher aber von einem lautstarken Anteil – unter Dauerfeuer. Abgesehen von berechtigten Vorwürfen im Einzelfall scheint indes manche Kritik von der Haltung getrieben, dass im Sinne der politischen Korrektheit nicht sein kann, was nicht sein darf.
Immer wieder waren Forscher darum bemüht, die kritisierten methodischen Unzulänglichkeiten beim nächsten Mal auszuschalten. Aussagekräftig waren schließlich die Vergleiche von adoptierten eineiigen Zwillingspaaren mit zweieiigen. Sie konnten die verfälschende Beeinflussung der Daten durch etwaige Prägungen schon im Mutterleib ausschließen wie auch durch die Besonderheiten der Adoptiveltern. Nach und nach verdichtete sich die Aussage: Intelligenz ist zu einem großen Anteil erblich.
Auf den ersten Blick kurios ist ein Ergebnis, das Zwillingsforschern immer wieder auffällt: Die mentale Ähnlichkeit zwischen verwandten Personen – insbesondere bei eineiigen Zwillingen – wächst mit zunehmendem Alter. Eigentlich wäre doch das Gegenteil zu erwarten, weil der Faktor Umwelt im Vergleich zu den Genen mit der Zeit doch wachsen sollte. Die Wissenschaftler fanden aber auch dafür eine Erklärung, eine positive Rückkoppelung beider Einflussgrößen: Da die Menschen im Laufe ihres Lebens immer stärker für sich diejenige Umgebung, die Partner, die Tätigkeiten suchen, die ihren genetischen Vorgaben entsprechen, geht der Umwelteinfluss zunehmend in die selbe Richtung und verstärkt so die Wirkmacht der Erbanlagen.
Interessant sind die Weiterungen der Hirn- und Zwillingsforschung, die Paul Thomson von der Universität von Kalifornien vornahm und die über die rein statistischen Erhebungen hinausgehen. Durch Kernspintomographie konnte er bildlich dokumentieren, dass die Form und Größe einiger der für die Intelligenz wesentlichen Teile des Gehirns bei eineiigen Zwillingen identisch, und auch bei zweieiigen immer noch sehr ähnlich sind im Vergleich zur breiten Streuung in der Durchschnittsbevölkerung. Entsprechendes gilt für das Hirnvolumen. Seine Erkenntnisse untermauerte er, indem er sie obendrein noch mit Genanalysen und mit Intelligenztests kombinierte.
Thomson fand, wenn man so will, nicht mehr und nicht weniger als das Scharnier zwischen den anerkannten und für Jeden offensichtlichen genetischen Einflüssen beim Körperbau einerseits und den umstrittenen Erbanlagen bei der Intelligenz andererseits. Auch das Gehirn ist Teil des Körperbaus.
Ende der Serie