Volker Seitz / 13.12.2017 / 12:04 / Foto: Seitz / 4 / Seite ausdrucken

Entwicklungshilfe – ein Aussteiger berichtet

Die Erfahrungen der Entwicklungshilfe für Afrika sind ernüchternd, manchmal erschreckend. Jeder, der mit Entwicklungshilfe vertraut ist, kennt zahlreiche trostlose Geschichten. Verteidiger der Entwicklungshilfe wehren sich gegen den "Hilfs-Pessimismus". Aber kein Kontinent erhält mehr Geld als Afrika, doch Not und Elend hat das viele Geld nicht aus der Welt schaffen können.

Was wir in Afrika erleben ist das Versagen der afrikanischen Regierungen und der von konsequenter Selbstüberschätzung getragene Versuch der Entwicklungshilfe, das auszugleichen. "Mzungu – der Weiße oder Fremde" beschreibt auf Swahili, denjenigen, der ziellos umherrirrt. Sehr anschaulich ist der Bericht der F.A.Z. vom 8. Dezember "Unbestechlich" von Tim Kanning und Johannes Pennekamp, nachzulesen auch beim Bonner Aufruf.

Ganzseitig wird über die Vergeblichkeit von Entwicklungshilfe in Afrika geschrieben. Hier ein paar Kernsätze aus dem Artikel: "Ein erheblicher Teil der Entwicklungsgelder in Westafrika fließt in korrupte Kanäle", behauptet Marc. "Daran lassen meine Erfahrungen vor Ort überhaupt keine Zweifel." (Marc war bis September 2017 Projektmanager der KfW. In dem Bericht wird er nur "Marc" genannt, weil in seinem Arbeitsvertrag steht, dass er über seine Erlebnisse nicht reden darf.)

"Vor allem bei Bauauschreibungen durch Ministerien und öffentliche Einrichtungen, mit denen die KfW vor Ort zusammen arbeitet, vermutet er systematisch Unregelmäßigkeiten. [...] Das Fatale daran sei nicht in erster Linie die Verschwendung von Steuergeld, oder dass irgendein Minister Oberklassewagen fahre, sondern die zerstörerische Kraft der Hilfen: 'Die bittere Realität ist doch, dass wir die korrupten Strukturen am Leben halten, weil wir den Kleptokraten ständig neues Geld geben.'"

"7,3 Milliarden Euro hat die Entwicklungsbank im vergangenen Jahr bereitgestellt. [...] Ein altgedienter KfW-Mitarbeiter, der sich dem Rentenalter nähert, wird in der F.A.Z. zitiert: Die große Konkurrenz der Geldgeber begünstige die Korruption sogar: Es gibt viele Mittel zu vergeben, aber zugleich einen Mangel an unterstützenswerten Projekten. Die Organisationen stünden zudem unter Druck, dass die Mittel möglichst schnell abfließen. Wenn einem Empfängerstaat die deutschen Standards zu hoch sind, muss er nach Alternativen nicht lange suchen. Die erfahrenen Entwicklungshelfer prangern zudem einen Etikettenschwindel an, der mit den Slogans wie "Klimawandel stoppen" oder "Fluchtursachen bekämpfen" betrieben werde. 'Wir machen dieselben Sachen wie immer, verkaufen sie aber unter diesen Labeln', sagt der KfW-Mitarbeiter."

Der in der F.A.Z. zitierte KfW-Mitarbeiter weiter:

"Denkt man da ans Hinschmeißen? [...]  Am Ende geben sie sich [...] damit zufrieden, dass irgendwo eine neue Schule, ein Brunnen oder eine Straße entsteht."

Gesamtkontext und Nebenwirkungen würden von den Entwicklungshelfern ausgeblendet.

"Die Altbauwohnung, das gute Gehalt, teure Dienstreisen, die Familie, die Anerkennung der Freunde – das alles hindert sie daran, aus dem 'goldenen Käfig' auszubrechen."

Von Entwicklungshelfern bzw. deren Organisationen höre ich häufig, dass sich die Entwicklungshilfe in den vergangen 60 Jahre stark verändert habe. Mit Hilfe der Geber sei zum Beispiel die Korruptionsverfolgung gestärkt und die Armut vermindert worden. Aber ich erkenne keine grundsätzliche Änderung der Grundeinstellung hin zu einer Wirkungstransparenz, damit meine ich, dass etwa der Rechnungshof endlich prüfen darf, wie wirkungsorientiert eine Organisation vorgeht. Warum geschieht das nicht? Weil wir uns nie wieder entbehrlich machen wollen.

Die Entwicklungshelfer haben lange so getan, als könnten sie immer alle Probleme lösen. Dadurch verloren viele Menschen den Sinn für Eigenverantwortung, und der vielfach abgenutzte Slogan „Hilfe zur Selbsthilfe“ wird zur hohlen Phrase. Welche Hilfsorganisation hat sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, in einem überschaubaren Zeitraum nicht mehr zu existieren?

Seit Jahrzehnten wird Entwicklungspolitik mit einem gigantischem Personal- und Finanzeinsatz betrieben. Trotzdem werden die Minimalziele nicht einmal annähernd erreicht. Länder wie Ruanda, Botswana, Mauritius oder Ghana zeigen, dass sie ganz oder weitgehend mit eigener Kraft vorankommen. Dauerhilfe aus dem Ausland dagegen zementiert die Abhängigkeit der Regierungen und verlangsamt eine nachhaltige Entwicklung. Warum reden wir den Afrikanern immer wieder ein, dass sie ihre Probleme nicht selbst lösen können?

Es scheint schwer zu sein, die Menschen einfach ihren eigenen Ideen zu überlassen. Immer nimmt sie jemand bei der Hand. Der "White Savior Industrial Complex" (Teju Cole) macht die Afrikaner zu ewigen Opfern.

Das Thema Entwicklungspolitik wie auch die personelle Besetzung des Ministeriums (BMZ) gehört nach meinen Erfahrungen bei Koalitionsverhandlungen zu den "Restgrößen" unter "Sonstiges" der Vereinbarungen. Deshalb bleiben meine Erwartungen an die zukünftige Entwicklungspolitik sehr bescheiden.

Volker Seitz war von 1965 bis 2008 in verschiedenen Funktionen für das deutsche Auswärtige Amt tätig, zuletzt als Botschafter in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik und Äquatorialguinea mit Sitz in Jaunde. Er gehört zum Initiativ-Kreis des Bonner Aufrufs zur Reform der Entwicklungshilfe und ist Autor des Buches „Afrika wird armregiert“, das im Herbst 2014 in erweiterter siebter Auflage bei dtv erschienen ist. Volker Seitz publiziert regelmäßig zum Thema Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika und hält Vorträge.

Foto: Seitz

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Leserpost (4)
Dirk Jungnickel / 14.12.2017

Der Text läßt nur einen Schluß zu:  Entwicklungshilfen sind vor allem Beruhigungspillen, die wir angesichts von Armut und Not schlucken.  Dass sie in eine Sackgasse geführt hat, ist nach der Flüchtlingskrise auch vom engagiertesten Entwicklungshelfer nicht mehr zu leugnen. (Ich habe im Kongo welche kennen gelernt, vor deren Idealismus und Engagement ich den Hut ziehe.) An einzelnen Aspekten ist zu Recht Kritik zu üben.  Übersehen wird allerdings zumeist die Mentalität, die der unseren diametral entgegen steht, vor allem was die Einstellung zur Arbeit betrifft. Es mag zynisch klingen, aber salopp formuliert könnte man sagen : Wenn mir die Bananen ohne mein Zutun ins Maul wachsen, dann muss ich mir keine Gedanken um den nächsten Tag oder um das Anlegen von Vorräten machen.  Auch meine Bekleidung ist in den Tropen Nebensache.  Das sind die Grundursachen für Strukturen und Einstellungen. Nun werden allerdings im Zeitalter der Globalisierung neue Bedürfnisse geweckt. Ein TV - Gerät oder wenigsten ein Radio steht in der einfachsten Hütte.  Der Umgang mit Technik bedeutet aber noch nicht die Fähigkeit zur Herstellung derselben, Es ist richtig, dass Europa mit Billigpreisen die Landwirtschaft in Afrika stranguliert.  Dagegen steht eine andere “Überreproduktion” , d.h. die Bevölkerungsexplosion, die leider auch der obige Text nicht anspricht.  Sie ist die Hauptursache für das afrikanische Dilemma. Und sie ist ausschließlich mit einer höheren Bildung zu stoppen.  Hier sollten die Hauptakzente von Entwicklungshilfe liegen. Wenn sich allerdings korrupte Diktatoren die Mittel in die eigene Tasche stecken, dann wird sich an dem Teufelskreis nichts ändern ....

Stefan Bley / 13.12.2017

Ich sehe schwarz. Richtig ist, das man Fluchtursachen am effektivsten und günstigsten vor Ort bekämpfen kann. Was aber, wenn wie hier berichtet, nun auch die Entwicklungshilfe nicht vor Ort ankommt? Wahrscheinlich ist jedoch, dass niemand mehr wirklich helfen will. Es geht allenorts immerzu nur darum sich irgendwie die Taschen voll zu hauen.

Walter Raum / 13.12.2017

Schon 1985 wurde die Entwicklungshilfe in dem Buch “Tödliche Hilfe” von Brigitte Erler auf den Punkt gebracht.  Seitdem hat sich nichts geändert. Nur die Entlohnung der Helfer hat sich erhöht und die unsinnigen Etiketten wurden geändert.

Petra Wilhelmi / 13.12.2017

Durch unsere “Entwicklungshilfe/Hungerhilfe” ermöglichen wir auch immer weitere kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den Stämmen. Wir kümmern uns um die vertriebenen Menschen und verköstigen sie und die Stammesfürsten können deshalb munter weiter abschlachten. Kein afrikanischer Potentat muss sich bei seinen kriegerischen Taten von solchen “Lapalien”, wie das nicht säen und nicht ernten, bremsen lassen, da wir seine Bevölkerung ernähren. Mit dem Verköstigen der Menschen und der Sogwirkung von Lagern lähmen wir die Eigeninitiative der Menschen. Das Überleben ist gesichert, ohne dass ein Finger gekrümmt werden muss. Dann wird der stärkste Sohn ausgeguckt und der “flieht” nach Europa, vornehmlich nach Deutschland um Geld - was er ohne einen Finger krumm machen zu müssen auch erhält - nach Hause schicken zu können. Niemals wird so ein Kontinent auf eigenen Füßen stehen können. Was die Entwicklungshilfe und die Gutmenschen tun, ist ein Verbrechen an den Menschen in Afrika und raubt ihnen die Zukunft. Es sind keine gute Taten, die man sich an die Brust heften kann, um sich als besserer Mensch gerieren zu können.

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