Der russisch-jüdische Historiker Alexander Nekrich war ein mutiger Mann. 1965 veröffentlichte er in Moskau das Buch 22. Juni 1941, in dem er Stalin für die katastrophalen Niederlagen der sowjetischen Armee zu Kriegsbeginn verantwortlich machte. Die Veröffentlichung markierte Höhepunkt und Ende der sogenannten „Tauwetter-Periode“, einer versuchsweisen Aufarbeitung der Verbrechen und Massenmorde der Stalinzeit. Die Öffnung wurde schnell zurückgenommen, schon 1966 musste sich Nekrich in einem Tribunal im Moskauer Institut für Marxismus-Leninismus für die Thesen seines Buches verantworten, 1967 wurde er aus der Partei ausgeschlossen und gesellschaftlich demontiert. Wenige Jahre später konnte er in die Vereinigten Staaten emigrieren, wo er bis zu seinem Tod in Harvard forschte und lehrte.
Dort veröffentlichte er neben anderen Büchern seine Autobiographie unter dem Titel Entsage der Angst (Forsake Fear). Der Titel summiert Nekrichs Lebenserfahrung, dass ein freies, kreatives Leben erst möglich ist, wenn wir uns aus der Umklammerung unserer Ängste befreien. Seine These war, dass eine totalitäre Herrschaft so lange funktioniert, wie die unter ihr Lebenden aus Angst mit sich machen lassen, was die Machthaber wollen. Furcht ist das Fundament jeder Diktatur. Es war seine Essenz der am eigenen Leib erfahrenen Gewaltherrschaft des Stalinismus. Aus Angst ließen sich die Menschen ihre Rechte und Freiheiten nehmen, aus Angst schwiegen sie, statt ihre Meinung zu sagen, aus Angst akzeptierten sie noch die absurdeste Willkür eines ihr Leben regulierenden, gewalttätigen Apparats.
Das Gefühl einer bis dahin nie erlebten Panik
Auch wir leben dieser Tage in Angst. Auch unser Leben wird zunehmend von Angst paralysiert und zerstört. Ich behaupte nicht, dass der Covid-19-Erreger nicht existiert, ich leugne nicht, dass die Erkrankung in vielen Fällen bösartig und tödlich verläuft. Ich bin auch nicht ohne beängstigende Erfahrung, was lebensgefährliche Viren betrifft. Im November 2017 infizierte ich mich mit dem Virus der damals umgehenden Grippewelle, binnen weniger Stunden befiel mich eine Art Lähmung, verbunden mit schwerer Atemnot, ich erinnere mich an das Gefühl einer bis dahin nie erlebten Panik. Eine Nacht verbrachte ich sitzend, nach Luft schnappend, bis mich mein Schwiegersohn am folgenden Morgen zur örtlichen Poliklinik fuhr, wo man mich an ein Sauerstoffgerät anschloss. Ich bin damals glimpflich davon gekommen, doch viele Tausende sind im Winter 2017/18 an diesem Virus gestorben.
In Deutschland waren es 25.100 Tote, wie das Robert-Koch-Institut ein Jahr später mitteilte. Zum Vergleich: Bisher sind 9.800 Menschen in Deutschland am Corona-Virus gestorben. Ähnlich die Zahl der Erkrankungen: 182.000 meldete das RKI für die Virus-Grippe 2017/18 in Deutschland, etwa dreimal so viele wie die nach neuesten Miedenberichten 65.000 an Covid-19 Erkrankten. Doch im Winter 2017/18 wurde, trotz mehr als doppelt so hoher Letalität, dreimal so hoher Krankenzahl, keine einzige der bedrückenden, entwürdigenden Maßnahmen verhängt, die heute das öffentliche Leben verkrüppeln. Keine Masken, Mindestabstände, Sperrstunden, Quarantänen, Begegnungs- und Beherbergungsverbote. Was ist diesmal anders? Was ist geschehen, dass Millionen Menschen geduldig, sogar zustimmend hinnehmen, wie ängstliche, dilettantische, machthungrige Politiker und Verwaltungsbeamte vor ihren Augen alle die Rechte und Freiheiten demontieren, die uns bisher unverzichtbar schienen?
Erstens: Das Virus war angeblich bisher unbekannt, es gibt keinen wirksamen Impfstoff. Aber den gab es, genau genommen, auch nicht bei der Virus-Gruppe 2017/18. Es wurde zwar geimpft – auch ich hatte mich impfen lassen –, doch später eingestanden, dass die Impfung weitgehend wirkungslos blieb, da der Impfstoff am Muster früherer Grippe-Viren orientiert war, welches auf das Virus von 2017/18 nicht zutraf. Zweitens: Man hat diesmal erfolgreich Angst verbreitet. Im großen Maßstab, weltweit. Zunächst die WHO mit der Erklärung der Corona-Infektion zur „Pandemie“. Dann – bis auf den heutigen Tag – die regierungstreuen Medien. Ein grandioser Test: Wie weit lässt sich durch tägliches Schüren von Angst eine allgemeine Hinnahmebereitschaft für autoritäre Maßnahmen erreichen? Gibt es so etwas wie Massen-Angst und wie lässt sie sich ausnutzen? Können Millionen Menschen mit einer übertriebenen bis sinnlosen Furcht infiziert werden, die sie zu willfährigen Objekten der Regierenden macht?
Wenn die Angst zur zweiten Natur wird
Jeder, der in einem totalitäres System gelebt hat, wird antworten: Ja. Wir haben erlebt, was es bedeutet, wenn Angst verinnerlicht wird, wenn sie das tägliche Leben bestimmt, die psychologische Struktur der Menschen, wenn sie, wie es so schön heißt, „zur zweiten Natur wird“. Dann setzt das kritische Denken aus, es entsteht eine Kultur der Unterwerfung, des glücklichen Mitläufertums, man beginnt, um der neuen Übereinstimmung willen, die Wenigen zu hassen, die noch Widerstand leisten, man entfernt sie aus der Öffentlichkeit, man verleumdet sie, macht sie mundtot. Zugleich fördert die Regierung massiv die im Sinn der Regierungspropaganda tätigen Medien, die öffentlich-rechtlichen, auch die unter Auflagenschwund leidenden angeblich freien, man unterstützt sie finanziell und macht sie abhängig: 220 Millionen Euro Steuergelder will die Regierung Merkel nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung in den nächsten Jahren linientreuen Printmedien an finanzieller Unterstützung zukommen lassen, „zur Förderung des Absatzes und der Verbreitung von Abonnementzeitungen“.
Denn die somit staatlich beeinflussten Medien sind von zentraler Bedeutung beim systematischen Infizieren der Staatsbürger mit lähmender Angst. Man ist sich dessen auch bewusst: „Angst ist ein Virus, der sich leicht verbreiten lässt“, erkannte etwa Der Spiegel 2014 anlässlich einer Rezension des Buches „Gesellschaft der Angst“ des deutschen Soziologen Heinz Bude. Ich bin kein „Corona-Leugner“, weit davon entfernt, die Existenz des Virus zu ignorieren und die Opfer, die es gefordert hat. Doch was uns wirklich zerstört, ist ein anderes Virus: die Angst. In ihrem Bann leben wir wie Sklaven und Untertanen, statt als freie Menschen wie bisher. Und ehe wir das Virus Angst nicht überwinden, haben wir auch keine Chance gegen Corona.
Beitragsbild: Pixabay

Zum Stichwort "Corona-Leugner": Gibt es eigentlich überhaupt Menschen, die die Existenz des Corona-Virus leugnen. Mir ist noch kein einziger solcher begegnet, und ich habe den Verdacht, dass die bloße Existenz von Corona-Leugnern schon eine Propagandalüge ist. Eine von vielen.
@ Herrn Berthold: Ich habe Herrn Noll nicht so verstanden, dass er behaupten will, es gäbe eine Verschwörung. Dass viele - nicht alle - Regierungen weltweit ähnliche Methoden einsetzen, um "die Pandemie" zu "bekämpfen", heisst aber noch lange nicht, dass diese Methoden auch richtig sind. Und es kann einfach nicht sein, dass ein Herr Söder sich einer Rhetorik bedient, die man nur von Diktatoren kennt, etwa wenn er von der Zahl der "Infizierten" als der "Mutter aller Zahlen" spricht oder von einem "Charaktertest" für das Volk (Hitler im Bunker sinngemäß: Die Deutschen hätten den Charaktertest nicht bestanden und hätten versagt). Wenn Merkel von einem "Unheil" salbadert und Macron gar von einem "Krieg". Das sind alles Zeichen, die weit über Corona hinaus weisen. Sie spiegeln sich in der "Klimakrise", bei der es ja auch hieß, wir müssten lernen, "Verzicht" zu üben und so weiter. Es spiegelt sich in der "Willkommenseuphorie" 2015, wo sich die Kanzlerin daran freute, dass ihr eklatanter Rechtsbruch von den Medien und den Menschen, die schon länger hier leben, gefeiert wurde. Wir erleben, dass sich Vernunft, Verhältnismäßigkeit und Rechtstaatlichkeit sich aus der Politik verabschiedet und sogar aus dem gesellschaftlichen Diskurs. Wenn zum Beispiel ein Witz nur noch dann erlaubt ist, wenn ihn auch der Dümmste als solchen versteht, gibt es keine Witze mehr. Wenn die Angst der Bevölkerung dazu genutzt wird, sinnwidrige Gesetze und Verordnungen zu erlassen, die elementarste Grundrechte beseitigen, dann ist das unvernünftig und gefährlich. Selbst der Kollege Prof. Dr. Mayen warnt davor, dass der derzeit verfassungswidrige Zustand sich perpetuieren könnte und zum Präzedenzfall werden. Und Spahn will NOCH MEHR Befugnisse, bestehende (Parlaments-) Gesetze ändern zu dürfen. Was also der Verweis aufs Ausland soll, weiß ich nicht. Wenn so besonnene Menschen wie Dr. Mayen die Demokratie bei uns in Gefahr sehen, sollten bei jedermann die Alarmglocken läuten.
Sehr geehrter Herr Noll. So ist es, einerseits wird Angst & Panik als Herschaftsinstrument mißbraucht, andererseits soll mit Verschweigen von Tatsachen die "Schonlängerhierlebenden" nicht verunsichert werden? Was denn nu? Nebenbei bemerkt, Prof. Bhakdi sprach in -> Servus-TV davon, daß 2-3(?) Kinder wegen des Tragens von aufoktruierten "Masken" möglicherweise infolge des Trigeminokardialen Reflexes -> B. Schaller ua.; verstorben sein könnten? Also, wenn da was drann sein sollte, da hätten Eltern von kleinen, und/oder zB. herz-, lungenerkrankten Kindern wirklich Grund zur Angst! Und auch ältere Menschen mit entsprechenden Erkrankungen und Medikationsbehandlungen. Weiß, da jemand ad mitlesenden Kollegenkreis was konkretes darüber, HNO, Augenärzte, Kinderärzte, Kardiologen, Neurologen, Notärzte, Geriater, Dr. Frank? Hat darüber vllt. auch Dr. Stephan Kohn als "Kollateralschaden" der Corona-Maßnahmen recherchiert?
Ein sehr guter Text, Herr Noll. Dass die Angstmacherei mit den heutigen Kenntnissen bezüglich der Gefährlichkeit des Virus weiter geführt wird, lässt darauf schliessen, dass die Verantwortlichen selber Angst haben, das Gesicht zu verlieren, oder schlimmer, diese für ihre Zwecken nutzen. @Georg Schäfer dieses Ansinnen von Herrn Lauterbach ist eine unglaubliche Frechheit. Dieser Mann platzt fast im Wohlgefühl der eigenen Überlegenheit und Rechtschaffenheit . Was ihm wohl blüht, wenn die Realität sich einmal durchsetzt?
Die einzige Angst, die ich derzeit verspüre, ist die vor der Unzurechnungsfähigkeit von ca. 80 bis 90 Prozent meiner hirnlosen, unreflektierten, angstzerfressenen 'Mitmenschen', die offensichtlich wieder zu Denunziation und Gewalt bereit sind, um ihren eigenen Dämon zu beschwichtigen. Sowie Angst vor einer staatlichen Willkür, die mich ohne Rechtsgrundlage (und ohne Rechtsbeistand) jederzeit bei der Wahrnehmung meiner grundgesetzlichen Freiheitsrechte auf unabsehbare Zeit einknasten und sanktionieren kann. Wegen DIESER Angst trau ich mich kaum noch auf die Straße!
So, wie extrem viele Leute heute leben, wundert mich diese Unterwerfung unter die Panikmache eigentlich gar nicht. Endlich ist mal was los in ihrem langweiligen Leben! So pervers das klingt und auch ist (echt tragisch): diese Leute fühlen sich dadurch lebendiger, sie fühlen sich und überhaupt mal etwas (Angst ist besser als gar nichts) und sie haben das Gefühl, irgendwo dazuzugehören statt ein anonymes Nichts zu sein. Sie werden gebraucht, in einem totalen Krieg gegen das Virus und jeden Häretiker. Das zieht sich im übrigen quer durch die Generationen. Unsere Politgangster wissen das ganz genau, bewußt oder unbewußt und agieren mit ihrem selbstüberhöhenden Größenwahn in Symbiose - so hat jeder, was er ganz dringend will. PS: wieso wird sich eigentlich vor Leuten gerechtfertigt, die selbst nix hatten, aber mit dem Totschlagargument "Sie wissen ja gar nicht, wovon Sie reden" kommen? Ich muß keinen Autounfall bei 180km/h gehabt haben, um zu wissen, daß das keine erstrebenswerte Angelegenheit ist. Das Problem sind nicht irgendwelche Party-Teenies, sondern immer die Leute, die sich selbst überschätzen wie die, die glauben, sie könnten das Klima "retten", das Leben auf diesem Planeten endgültig auslöschen oder eine Virusdiktatur errichten. PS: ich kann auch wichtigtun, ich hatte schon mal eine üble Lungenentzündung, reicht das? Nix für ungut und laßt uns das Leben feiern! Gleich jetzt, gleich heute.
„ Seine These war, dass eine totalitäre Herrschaft so lange funktioniert, wie die unter ihr Lebenden aus Angst mit sich machen lassen, was die Machthaber wollen. Furcht ist das Fundament jeder Diktatur. Es war seine Essenz der am eigenen Leib erfahrenen Gewaltherrschaft des Stalinismus. Aus Angst ließen sich die Menschen ihre Rechte und Freiheiten nehmen, aus Angst schwiegen sie, statt ihre Meinung zu sagen, aus Angst akzeptierten sie noch die absurdeste Willkür eines ihr Leben regulierenden, gewalttätigen Apparats.“