Claudio Casula / 21.02.2018 / 06:25 / Foto: Liam Daniel / 16 / Seite ausdrucken

Entebbe im Kino: Hurra, doch noch ein Unentschieden!

„7 Tage in Entebbe“, heißt ein neuer Spielfilm, der die spektakuläre Geiselbefreiung in Uganda durch ein israelisches Kommando im Jahre 1976 zum Thema hat. Er wurde bereits auf der Berlinale gezeigt und wird am 3. Mai in den deutschen Kinos anlaufen. Daniel Brühl spielt die Rolle des deutschen Terroristen Wilfried Böse.

Eigentlich ein Grund zur Vorfreude. Allein, die Pressemtteilung der Agentur, die die Pressebetreuung des Films übernommen hat, ist doch sehr wunderlich: 

Begeisterung für das packende Thriller-Drama bei seiner Weltpremiere auf der Berlinale 2018“. 

Nanu, denkt sich da der misstrauische Beobachter, der von der inländischen Wahrnehmung Israels alles andere als Begeisterung gewohnt ist. Kann das sein? Entweder ist da ganz plötzlich und unerwartet die Unterstützung für den israelischen Antiterrorkampf ausgebrochen – oder der Film macht die deutschen und palästinensischen Terroristen zu Helden. Beziehungsweise er sieht das Ganze durch die heute übliche, gleichwohl immer noch leidige Brille der „Gewaltspirale“. Bingo! Die Journalistin Esther Schapira meldet bei Twitter: 

„Roter Teppich und Stars für den Propagandafilm '7 Tage Entebbe' bei der Berlinale 2018. Grauenvoller Revolutionskitsch und Geschichtsklitterung. Reinwaschung der Terroristen. Böse alias Brühl als Held. Israel ist an allem schuld. Jetzt auch an Entebbe.“

Und bei Spiegel-Online freut sich Andreas Borcholte:

„Beim Flugzeug-Geiseldrama in Entebbe im Sommer 1976 gab es keine Gewinner: Faktenreich zerlegt Regisseur José Padilha im Polit-Thriller israelische und links-ideologische Mythen.“

Hurra, doch noch ein Unentschieden! Wenigstens in der cineastischen Retrospektive. In der Realität gab es natürlich Verlierer und Gewinner: Zu ersteren zählte der internationale Terrorismus, ebenso, wie der mit ihm paktierende, blutrünstige Diktator Idi Amin, zu letzteren die befreiten Geiseln sowie der Staat Israel, der bewiesen hatte, dass er nichts unversucht lassen würde, bedrohte Juden zu retten, und sei es am fernen Victoriasee.

Welchen israelischen Entebbe-Mythos José Padilha hier zerlegt haben soll, geht aus Borcholtes Artikel nicht hervor, aber so ist das heute: Auf die Haltung kommt es an! Und die ist bestenfalls äquidistant. Deshalb lobt Borcholte auch den „neutralen Blick (Padilhas) auf die erhitzte Nahost-Debatte“, denn, bitte sehr, warum sollte man sich, wenn Terroristen Geiseln nehmen und ein Kommando sich anschickt, die Geiseln zu befreien, auf eine der beiden Seiten schlagen?

„Es gibt kein Gut, es gibt kein Böse“

„Aber so leicht, die Welt in Gut und Böse, richtig oder falsch zu unterteilen, macht es sich dieser kluge, aufklärerisch motivierte Zeitgeschichtsthriller eben auch nicht.“, meint Borcholte, der die Welt so sieht wie Herbert Grönemeyer in seinem Lied „Kinder an die Macht“:

„Es gibt kein Gut, es gibt kein Böse / Es gibt kein Schwarz, es gibt kein Weiß / Es gibt Zahnlücken / Statt zu unterdrücken / Gibt's Erdbeereis auf Lebenszeit“.

Klar, dass es in einer solchen Welt keine echten Helden gibt. Nicht einmal Yoni Netanyahu, der ältere Bruder des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin „Bibi“ Netanyahu, ist einer, obwohl er in Israel bis heute als solcher in Erinnerung geblieben ist – schließlich gab er sein Leben, um die Geiseln zu retten –, sondern nur ein „heroisierter Befehlshaber des Angriffstrupps“, er „spielt nur eine Nebenrolle“. Wäre ja noch schöner, wenn er im Mittelpunkt stünde statt Wilfried Böse, als Linksterrorist Mitglied der RAF-nahen Revolutionären Zellen. Hierzulande sind die Täter ja schon lange interessanter als die Opfer (und erst recht als deren Befreier). Terror ist nicht schön, das sieht Borcholte gewiss auch so, aber die Bekämpfung des Terrors behagt ihm auch nicht:

„Peres, der Falke, plädiert für den Militäreinsatz, auch wenn er tödlich enden kann und diplomatische Verwicklungen nach sich zieht; Rabin weiß, dass es eigentlich klüger wäre, zu verhandeln, um den Kreislauf der Gewalt zu beenden.“

Und da haben wir ihn schon: den „Kreislauf der Gewalt“, eine der Phrasen, die am häufigsten bemüht werden, wenn es um den Nahostkonflikt geht. Davon abgesehen, dass es im Nachhinein interessant ist, Peres als „Falken“ zu erleben und Rabin als „Taube“, ist dieser Satz selbstredend völliger Unfug. Ein Militäreinsatz kann „tödlich enden“? No shit, Sherlock. Nichts zu tun hätte allerdings noch mehr Menschenleben gekostet. Es sei denn, man hätte die Lösung favorisiert, die Borcholte vorschwebt: „verhandeln“, vulgo: nachgeben.

Ulrich Wegner ist dieser Film zum Glück erspart geblieben

Womit man den „Kreislauf der Gewalt“ eben nicht beendet, sondern weitere Terrorakte in Kauf genommen hätte. Wer sich einmal erpressen lässt, der wird von Terroristen noch oft erpresst werden, soviel ist sicher, insofern ist ein Nachgeben nicht „klüger“, sondern selbstmörderisch. Offenbar empfiehlt Borcholte das den Israelis, denn die Spielregeln des Terrors haben Menschen wie er bis zum heutigen Tag nicht begriffen.

Außer den Geiseln kommt im Film fast niemand gut weg, frohlockt der SPIEGEL-Autor. Denn: Juden als Opfer, das mag ja noch angehen, aber Juden, die sich ihre Peiniger zur Brust nehmen, die dürfen nicht gut wegkommen, so sieht man das im Deutschland des Jahres 2018. Ulrich Wegener, der erste Chef der GSG9, die 1977 die Geiseln in Mogadischu befreite und übrigens in Entebbe als Beobachter dabei war, starb kurz vor Jahresende. Immerhin sind ihm dieser Film und Kritiken wie die im SPIEGEL erspart geblieben.

Anmerkung: Hier habe ich mir vor über zehn Jahren mal ausgemalt, wie die Presse reagieren würde, wenn die Befreiungsaktion von Entebbe in unseren Tagen geschehen wäre: Das Stück ist – leider – offenbar ganz gut gelungen.

Foto: Liam Daniel

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Leserpost (16)
Andreas Rochow / 21.02.2018

Allein der Aspekt, dass die Rolle des Terroristen Böse mit Daniel Brühl, dem Inbegriff des Wunschschwiegersohns, besetzt wurde, zeigt die provokatorische Absicht der Macher: Der Terror soll als im Ursprung gute Absicht oder, wie ich mich belehren lassen musste, als “Reaktion auf die allgegenwärtige ‘strukturelle Gewalt’” dargestellt werden. Was der Regisseur nicht wahrhaben will: Heute bestimmt eine handvoll Terroristen mit dem Geld einer handvoll betuchter grauer Eminenzen, wann, wo und gegen wen Krieg geführt wird. Da kann er seine “strukturelle Gewalt” stecken lassen. Frage: Hat die deutsche Filmförderung, die ja lt. Koalitionsvertrag “Verstetigung” erfahren soll, auch Zugriff auf den 100-Millionen-Euro-Topf “Gegen rechts”? Ein “Nazi” sollte sich doch in Entebbe mit Leichtigkeit finden lassen.

Burghard Gust / 21.02.2018

1977 brachte Bertelsmann Uri Dans und William Stevensons ´90 Minuten in Entebbe` heraus-etwas was der Verlag heute nicht mehr tun würde,nach wie vor mehr als lesenswert. Ein hervorragender Bericht über die damaligen Vorkommnisse mit entlarvenden Psychogrammen der Mordbuben von damals. Das Gedankengut der heutigen Antifa dürfte sich in nichts von dem der damaligen Killer entscheiden- Sie sind zum töten bereit-Hamburg läßt mahnen…

Belo Zibé / 21.02.2018

Beim Lesen von Borcholtes Aussagen fiel mir spontan ein Karl Kraus Zitat ein: »In der deutschen Bildung(Medienlandschaft) nimmt den ersten Platz die Bescheidwissenschaft ein.«

Thomas Rießinger / 21.02.2018

Presse, öffentlich-rechtliche Sender, Filmemacher - einfach nur noch erbärmlich.

Werner Arning / 21.02.2018

Es scheint ein menschliches Bedürfnis zu sein, Menschen, die in der Vergangenheit etwas geleistet haben, zu heroisieren, sich mit ihnen und ihren Taten zu identifizieren. Auf Seiten der Linken in Deutschland scheint eine Tendenz sichtbar zu werden, sich mit den Vertretern des Linksterrorismus der 70er Jahre zu identifizieren, sie heimlich zu verstehen, sie zu bewundern. Es ist nicht ungefährlich, die Vergangenheit zu verklären, denn es werden teilweise falsche Schlüsse gezogen. Die Linke, die ja ansonsten ihre Vorfahren, ihre Vorgängergenerationen aus bekannten Gründen rundweg ablehnen, scheinen das entstandene Vakuum mit Böse, Baader und Co füllen zu wollen. Da kann man nur warnen, falsche Wahl. Diese Leute sind keine Helden, aber wohl eher würdige Nachfolger ihrer faschistoiden Eltern. An Brutalität und Geringschätzung des Wertes des menschlichen Lebens stehen sie ihnen in Nichts nach. Im Gegenteil, sie sind sogar schlimmer, weil sie ohne Zwang Menschen vernichteten. Ihre Herzen dürften ebenso schwarz sein, wie die der Wächter der Konzentrationslager. Also, kein Grund sie irgendwie sexy zu finden. Interessant sind da schon eher Menschen wie Wegener. Aber den finden Linke nicht sexy. Er ist ihnen zu „deutsch“. Was den Linken fehlt, ist unterscheiden zu können zwischen tatsächlichem heldenhaftem Verhalten, denn das gibt es, und einem eher von Film und Fernsehen geprägten Bild von Scheinhelden.

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