Archi W. Bechlenberg / 06.07.2020 / 14:00 / 29 / Seite ausdrucken

Ennio Morricone - Un uomo da rispettare

Einundneunzig ist er geworden, ein Alter, das wohl keine Figur aus Filmen erreichte, für die er komponierte, sieht man einmal ab von John Hustons „Die Bibel“ (1964), in der Noah oder Abraham auf 950 Jahre beziehungsweise 175 Jahre kommen. Allerdings wurde sein Soundtrack für „Die Bibel“ dann am Ende wegen irgendwelcher Streitereien nicht genommen. Von daher ist es nicht angebracht, Noah und Abraham heran zu ziehen, um das Durchschnittsalter von Filmfiguren, die bei Morricones Klängen starben, anzuheben. Das lag dann doch eher deutlich unter 40.

Mein üppiger Morricone-Bildband vom Ausmaß 30 x 30 cm zählt mehr als 500 Filme auf, für die der 1928 bei Rom geborene Meisterkomponist die musikalische Untermalung geschrieben hat. Darunter befinden sich erstaunlicher Weise nur ein paar Dutzend Italo-Western. Dabei ist gerade mit diesem Filmgenre der Name Ennio Morricone für die meisten verbunden. Doch Morricone fand für viele Geschichten die passenden Klänge, sei es für „Ein Käfig voller Narren“, „Lolita“, „Die Unbestechlichen“„Cinema Paradiso“, für „Malena“, „Der Clan der Sizilianer“ oder „Die Mission“, „Der Profi“ oder „Es war einmal in Amerika“, darin das überirdisch schöne „Deborah's Theme“ (das ich mir, nur am Rande erwähnt, früher einmal als Soundtrack zu meiner eigenen Beerdigung gewünscht habe, inzwischen aber im Testament durch Henri Mancinis „Peter Gunn Theme“ ersetzte).

Bis ins hohe Alter ging Ennio Morricone auf Konzert-Tournee. Seine Werke eignen sich dank ihrer kompositorischen Komplexität auch für die Aufführung mit großem Orchester im klassischen Rahmen. Hier in einer konzertanten Aufnahme von „The Extasy of Gold“ aus Sergio Leones Klassiker „The Good, The Bad and The Ugly“ und hier mit den Bildern des Films.

Dass man Ennio Morricone vor allem mit Italo-Western verbindet, liegt ohne Frage daran, dass gerade dieses Genre in der Erzählweise seiner besten Regisseure wie Leone oder Corbucci einen opernhaften Charakter besitzt und die Musik dazu einen unverzichtbaren, dramaturgischen Beitrag leistet, ohne den „Laßt uns töten, Companeros“, „Il Mercenario“  oder „Todesmelodie“ heute vermutlich vergessen wären. Sergio Leone sah Morricone nicht alleine als Komponist, sondern auch als Drehbuchautor, der durch seine Musik die Handlung vorantreiben konnte, ohne dass der Regisseur alles in Bilder umsetzen musste.

Wie aus der Klaviatur geschnitten

Die Kongenialität Morricones mit den Visionen der großen Western-Regisseure lässt sich vor allem in den Anfangssequenzen und dem stets dramatischen Ende der Filme erkennen. So wie in dieser sowohl musikalisch, als auch dramaturgisch grandiosen Szene aus „Mein Name ist Nobody“, in welcher, Sie werden es erkennen, der Komponist einem großen Kollegen aus der Oper einen ironischen Tribut zollt. Auch die Anfangssequenz von „For a Few Dollars More“ ist visuell wie musikalisch ein Meisterwerk. Wenn sich damals, als diese Filme ins Kino kamen, nach der Langnesewerbung endlich der Vorhang ganz öffnete und die ersten Bilder und Töne zu vernehmen waren, schob man sich ganz tief in den plüschenen Kinosessel und wusste: Für die nächsten Stunden möchte ich nicht gestört werden.

Unter allen Western, für die Ennio Morricone die Musik schrieb, habe ich, bei harter Konkurrenz mit vielen anderen Epen, einen eindeutigen Favoriten. Sergio Corbucci drehte ihn 1968 in den italienischen Dolomiten. Wenn es etwas gibt, das mir zuverlässig Gänsehaut beim Zuschauen bereitet, ist es „Leichen pflastern seinen Weg“ (Il Grande Silencio). Der Film spielt durchgehend im tiefsten Winter, also in meterhohem Schnee. Und er hat, im Gegensatz zum üblichen Geschehen in vergleichbaren Filmen, kein Happy End. Das Böse siegt.

Stellenweise erinnert die Musik zu „Il Grande Silencio“ an zeitgenössische, „neue Musik“; so finden sich Passagen, die mich an György Ligetis Orchesterwerk „Atmosphères“ erinnern. Was gewiss kein Zufall ist – Ligetis Komposition fand weltweite Beachtung durch ihre Verwendung in Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“, und dieses Werk entstand zur gleichen Zeit wie Corbuccis Film. Anderswo kommt eine Sitar zum Klingen, und in „Mein Name ist Nobody“ erklingen einige Takte, die der Orgel in Iron Butterflys „In A Gadda da Vida“ wie aus der Klaviatur geschnitten sind.

Morricone war stets auf der Höhe der Zeit und ließ viele Einflüsse in seine Kompositionen einfließen. Was seine Genialität beweist: Alles aus seiner Feder hat auch heute noch Gültigkeit und kann bedenkenlos gehört werden. Naja, nicht alles. Auch er war einmal jung und brauchte das Geld, das er manchmal mit cineastischen Highlights wie „Als die Frauen noch Schwänze hatten“ machte. Senta Berger spielte, durchaus ansehnlich, eines der Schwanzwesen, zeigte sich anschließend empört über den darin offen verborgenen Sexismus und ließ sich nicht davon abhalten, zwei Jahre später den zu Recht vergessenen Sodbrenner „Toll trieben es die alten Germanen“ zu drehen. Ebenfalls mit Morricones klanglicher Untermalung, die er vermutlich zwischen zwei Gläschen Grappa auf einen Bierdeckel notierte.

Es ist natürlich unfair, einen Nachruf auf Ennio Morricone und sein Gesamtwerk, zu dem auch symphonische Werke gehören, mit den zuletzt genannten Verirrungen zu beenden. Der Maestro wird zu Recht von Musikkennern mit Mozart oder Rossini auf eine Stufe gestellt. Erinnern wir uns also lieber an „Spiel mir das Lied vom Tod“, seine dramatischen Werke, seine vielen wunderschönen, melancholischen Melodien und an den feinen Menschen, dessen Musik so unvergessen bleiben wird wie andere Weltkulturgüter. Den letzten Oscar – bei etlichen Nominierungen - erhielt er vor vier Jahren. Nicht den für das Lebenswerk, den gab es schon 2007, sondern als 87-Jähriger für die Musik zu „The Hateful Eight“ von Quentin Tarrantino, einem seiner größten Fans.

Vor wenigen Tagen erlitt Ennio Morricone, bis zuletzt musikalisch aktiv, bei einem Sturz einen Oberschenkelbruch. An dessen Folgen ist er heute in Rom verstorben.

Mille grazie, signore Morricone.

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P. Wedder / 06.07.2020

RIP

Frances Johnson / 06.07.2020

Und wo ist einer meiner Lieblingsfilme denn, der ohne Ennio Morricone niemals seine immense Wirkung entfaltet hätte?: 1900 von Bernado Bertolucci? Auch hat er die Musik zu “La Luna” gemacht, einem etwas seltsamen, aber dennoch sehenswerten Film von dem gleichen Regisseur, der sicherlich auch wegen seiner Musik einen gewissen Kultstatus erreichte. Ich hatte Ennio sogar in “Badlands” von Terence Mallick vermutet, aber dem ist nicht so. Mein zweitbester Freund ever, ein Amerikaner, ein Cineast, hat mich einst mit diesen drei Werken bekannt gemacht, und alle sind extrem sehenswert, aber man muss auch ein verdammter Romantiker und Liebhaber, weniger von action, sondern vielmehr von Licht, Musik und Landschaft zusammen sein. Wenn Sie die nicht kennen sollten, lieber Archi, und romantisch sind und aushalten, dass Frauen vielleicht in selten Fällen zu Übergriffigkeit neigen, oder dass Brutalos wie Nazis-Besatzer mal eine Katze totschleudern konnten - vielleicht - und danach ein Kind, weil es etwas beobachtet hat, gucken sie die drei. 1900 ist der beste. Er fängt so an: “Giuseppe Verdi è morte!” In 1900 verschmelzen zwei italienische Genies, 120 Jahre auseinander: Giuseppe Verdi und Ennio Morricone. Und Bertolucci ist iher größter Bewunderer. Eine Hommage von mir für Giuseppe Verdi (Va Pensiero), Ennio Morricone, Bernado Bertolucci und Italia insieme. Viva Italia.

Dr. Roland Mock / 06.07.2020

Danke für den angemessenen Nachruf. Mehrere der durch Morricone vertonten Klassiker, z.B. „Der Profi“ mit Belmondo und „“Clan der Sizialianer“ mit Delon, aventura und Gabin zählen zu meinen absoluten Lieblingsfilmen. Für mich gibt es nur einen, der als Filmkomponist mit Ennio Morricone vergleichbar ist: Nino Rota („Der Pate“).

Chr. Kühn / 06.07.2020

@Herr Kronberg: >Hat er auch die Musik zu “Shattos Land ” komponiert ?< Nein, das war Jerry Fielding.

Manni Meier / 06.07.2020

Kennen und, in dem Maße, wie das unter alten weisen Männern noch schicklich ist, lieben gelernt, habe ich Sie ja durch ihre regelmäßigen nicht medikamentösen “Intidepressiva zum Sonntag”. Dann kam die Zitterzeit ihrer sporadischen Auftritte: Schreibt der Archi W. - oder schreibt er nicht!? Und nun sind wir also scheinbar schon, Kinder, wie die Zeit vergeht, in der Phase der kontinuierlichen Nekrologe angelangt. Wenn ich richtig mit gezählt habe allein sechs an der Zahl in diesem Jahr: Ennio Morricone , Dave Greenfield, Albert Uderzo, McCoy Tyners, Das Deutsche Fernsehballett, Terry Jones. Und zum Glück sendeten Sie   Eric Idle nur Geburtstagswünsche, denn da hatten Sie ja auch schon wieder angesetzt: “Ich liebe es, Nachrufe zu schreiben.” Kriegten aber glücklicherweise noch rechtzeitig die Kurve. “Wenn dieser Text hier kein Nekrolog ist, sondern ein Geburtstagsständchen, muss es dafür gewichtige Gründe geben.” Richtig, der Mann lebt nämlich noch, das nenne ich nun echt mal einen guten Grund. Zugegeben, heute also ein gelungener Nachruf auf den Meister der Filmmusik (was hätte der aus Chaplis Filmen machen können ; ) ), sogar mit leicht frivolen Anspielungen (Senta Berger und ihr Schwanz, hihihi) und keine pastoral triefende Erinnerung. Was nehme ich nun mit? Sie haben sich als Abschiedhymne gegen sein „Deborah’s Theme“ und für Henri Mancinis „Peter Gunn Theme“ entschieden. Gute Wahl, klingt irgendwie viel mehr nach Auferstehung. (Dies Melodie bildete übrigens den ermunternden Auftackt zum Ringelpitz mit Anfassen für die 16igen “Männer” in unserer Tanzschuldisco). Ich selbst habe mich für Gary Moore (R.I.P.) live in London - “Still Got the Blues” entschieden. Da schiebe ich mich dann ganz tief in den plüschenen “Liegesessel”: Und für die nächsten Stunden möchte ich dann nicht gestört werden.

Wolfgang Nirada / 06.07.2020

Ein altes weisses unersetzliches Genie weniger. Spiel mir das Lied vom Tod… Ich bin sehr sehr dankbar (auch) mit dieser Musik die immer einen großen Teil meines Lebens ausgemacht hat aufgewachsen zu sein. Auch wenn das hier weiss Gott nicht der richtige Anlass ist - trotzdem: künftig wird die Musik wohl auf arabisch oder von “black life” gespielt. Auch wenn für einen “richtigen Islamisten” Musik verboten ist.. Freut euch drauf!!!

Bechlenberg Archi W. / 06.07.2020

Herr Kronberg, ich nehme an, sie meinen “Chatos Land” mit Charles Bronson. Diese Musik stammt von Jerry Fielding (1922 - 1980). Aber vielleicht interessant: Charles Bronson wurde erst durch seine Rolle in “Spiel mir das Lied vom Tod” zum Weltstar, da Sergio Leone gegen allerlei Widerstände auf ihn als einen der beiden Hauptprotagonisten seines Filmes bestand. Das ebnete Bronson den Weg zu späteren Hauptrollen wie in Chatos Land.

Bechlenberg Archi W. / 06.07.2020

Lieber Werner Schiemann, die “Hells Bells” Geschichte gefällt mir ungemein! Gut möglich, dass ich im Testament noch eine Ergänzung hinterlasse… Wo wir gerade bei Särgen sind: Ich erinnere an die Szene, in der Clint Eastwood zu einer Schießerei unterwegs ist und im Vorbeigehen beim Schreiner “three coffins” bestellt. Minuten später kommt er wieder zurück, streckt vier Finger in die Höhe und murmelt: “My fault. Four.” Da sage doch niemand, Eastwood sei nicht in der Lage, auch mal einen Fehler einzugestehen.

Ridley Banks / 06.07.2020

Ich bin einfach nur begeistert, ob Ihren Ausfuehrungen, und zuvorderst von der Musik Ennio Morricones. Mit dieser Musik bin ich gross geworden, mein Elternhaus hat mir die Tueren geoeffnet.

Werner Arning / 06.07.2020

Diese Szene: Gänsehaut pur. Der Western aller Western. Ohne die Musik nicht denkbar. Wahnsinn.

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