„Die Energiewende wird ohne Kernkraft finanziell untragbar.“ So fasst die Nuclear Energy Agency (NEA) der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) das Ergebnis einer aktuellen Studie zusammen. Und interessanterweise kommt sie zum Schluss: In Deutschland könnten die zwischen 2019 und 2023 stillgelegten Atomkraftwerke (AKW) wieder instandgesetzt werden. Ein realistischer Energietraum?
Wohl kaum. Weniger der Milliardenkosten wegen: Sie wären angesichts jahrzehntelanger kostengünstiger und CO2-freier AKW-Stromproduktion eine lohnende Investition. Ganz im Gegensatz zu den horrenden Dauersubventionen für Wind-/Sonne-Strom von jetzt jährlich 30 Milliarden auf 90 Milliarden bis 2035 explodierend. Was übrigens nicht einmal sicherstellt, dass der weitere massive Windkraft-Zubau – als geplante Hauptsäule der Energiewende – eine entsprechende Steigerung der Stromerzeugung zeitigt: So brachte der starke Zubau zwischen 2020 und 2025 (+ 69 Prozent Nennleistung) nur eine minimal höhere Stromproduktion von 2,7 Prozent. Ursachen: Netzengpässe, Windenergie-Absorption in Windparks, Kannibalisierung Windkraft/Solarkraft.
Weitere Pferdefüße der Windkraft – belegte höhere Erkrankungsraten von Anwohnern durch weitreichenden Infraschall, ein nötiges redundantes, milliardenteures Reserve-Stromsystem aus Dutzenden Gaskraftwerken zur Blackout-Überbrückung („Backup“) – pervertieren den grünen Energiewende-Traum zu einem Albtraum aus eskalierender Energieverteuerung, Wirtschaftsniedergang und Arbeitsplatzabbau.
Der ewige Traum von der Kernfusion
Zurück zur AKW-Instandsetzung und warum sie unrealistisch ist: hauptsächlich wegen des breiten öffentlichen Widerstands bis hin zu den inzwischen üblichen Anschlagsexzessen und die – geschürten – Ängste vor Radioaktivität und Atomunfall. Hinzu kommen die gesetzlich-administrativen Blockaden sowohl auf Bundes- wie Länderebene, für deren Überwindung keine Mehrheit absehbar ist, auch nicht bei eventueller Erdrutsch-Bundestagswahl 2029.
Schwenk von der Kernspaltung, „Fission“, zur Kernverschmelzung, „Fusion“. Die Zähmung des Sonnenfeuers für irdische Zwecke ist der hundertjährige Traum von der idealen, unerschöpflichen Energie: Bei extremer Aufheizung verschmelzen Wasserstoffatome zu Helium, was eine enorme Energiemenge freisetzt. So wie in der Sonne, in deren Mitte ein 15 Millionen Grad heißer Fusionsofen brennt und sie zum Energiegiganten und unserem Lebensquell macht. Eine Kernreaktion wie im Prinzip auch in der Wasserstoffbombe: Die unkontrollierte Fusion hat der Mensch schnell geschafft, mit der kontrollierten allerdings tut er sich schwer. Denn schon seit acht Jahrzehnten wird daran geforscht und gearbeitet, in den letzten Jahrzehnten mit Milliardenaufwand in aller Welt von West bis Ost.
Die Fusionsreaktorentwicklung begann mit der sogenannten Magnetfusion: Einschließung eines Wasserstoffplasmas mittels gewaltiger Magnetkräfte und Aufheizung durch Mikrowellen bis zur Zündtemperatur von typisch 100 Millionen Grad – die Sonne braucht viel weniger wegen des ungeheuren Drucks im Zentrum. Wegen der gewaltigen Magnetkräfte sind die Magnete ebenso gewaltig. Gleiches gilt für die Stromstärke von bis zu 80.000 Ampere – geführt in tiefgekühlten Supraleitern. Gefordert ist auch eine extreme Präzision von Komponenten und Gesamtanlage.
Ergänzend zur Magnetfusion kam die Laserfusion auf: Eine kleine, hochkomplex aufgebaute Wasserstoff-Brennstoffkugel wird von Super-Lasern beschossen. Im Vergleich zur Magnetfusion ist der Bauaufwand drastisch geringer, dafür erfolgt die Fusion nur gepulst – also mit schlechterer Energiebilanz.
Mit dem vor Jahren einsetzenden weltweiten Wettlauf – angesichts KI-Stromhunger und All-electric-Visionen – haben sich die Akteure vervielfacht: Neben staatlichen Fusionsprojekten sind weltweit inzwischen Dutzende private Fusionsunternehmen am Werk. Mit Kapital bestens ausgestattet: Das von Google unterstützte US-Unternehmen TAE Technologies führt mit 1,8 Milliarden Dollar. Vielleicht auch, weil es einen kommerziellen Reaktor schon für 2030 verspricht? Die optimistischen Versprechungen auch der anderen Fusionsakteure haben in den USA einen gold rush ausgelöst. Allerdings kenne ich aus eigener Entwicklungszusammenarbeit mit US-Kollegen deren Über-Optimismus: Hyper-ambitionierte deadlines werden stracks wieder kassiert und durch neue Ambitionen ersetzt.
Was bleibt da Realos noch zum Träumen?
Meine Skepsis gegenüber baldiger Verfügbarkeit von bezahlbarem Fusionsstrom speist sich auch aus deren beispielloser Komplexität. Bedingt durch völlig neuartige technisch-physikalische Probleme. An oder gar jenseits der Machbarkeitsgrenze. So etwa der magnetische Einschluss des chaotisch tobenden 100 Millionen Grad-Plasmas. Der europäische Forschungsreaktor ITER ist ein Memento gegen übertriebenen Optimismus: Seit 2010 im Bau, soll er nach zahlreichen Verzögerungen um 2035 in Betrieb gehen. Nur für Forschungszwecke …
Was bleibt da Realos noch zum Träumen? Vielleicht die Small Modular Reactors? Das Zauberwort SMR bringt ja viele schon zum Schwärmen. Die EU-Kommission gründete für diese 4. Generation AKWs eigens eine Industrieallianz: 12 EU-Staaten, führend Frankreich, das allein 300 Millionen EU-Entwicklungsgelder dafür kassierte. Deutschland, wiewohl Hauptfinanzier, steht schmollend abseits: Atomkraft ist ja sowas von totes Pferd! International führend die USA, getrieben durch Tech-Konzerne wie Amazon, Google und Microsoft: SMRs sollen den enormen Strombedarf von KI-Rechenzentren liefern. Serienziel: Anfang der 2030er.
Taugen die SMRs zum Traum deutscher Realos? Kaum. Jedenfalls die hier zitierten Konzepte, nämlich verkleinerte und dadurch vereinfachte, modulare Klone der konventionellen 3. Generation-Druckwasser-AKWs. Will heißen: radioaktiver Atommüll und Endlagerproblematik wie gehabt. Vorausschauend hat sich schon mal eine Initiative „Mütter gegen Atomkraft“ gegen solche „strahlenden Mini-Kraftwerke“ in Stellung gebracht. Fazit wie eingangs bei der AKW-Wiederinstandsetzung: in Deutschland nicht durchsetzbar, zumal angesichts multiplizierter Sicherheitsrisiken bei multiplizierter Zahl solcher Kleinkraftwerke.
Der Dual Fluid-Reaktor: ein Allesfresser
Letzte Hoffnung: das revolutionäre 5. Generation AKW-Konzept „Dual Fluid“ des gleichnamigen deutsch-kanadischen Startups, gegründet 2021 in Vancouver. Kanada zeigte sich für das Projekt offen, die deutsche Politik nicht. Grundprinzip: kein fester Kernspaltstoff in Form von Uranbrennstäben wie bisher, sondern ein Flüssigmetall-Gemisch: billiges Natururan, Thorium (praktisch unerschöpflich) und sogar Atommüll von konventionellen AKWs.
Der Dual Fluid-Reaktor: ein Allesfresser. Weil er als „Schneller Brüter“ dank energiereicher, „schneller“ Neutronen aus schwer spaltbaren Aktinoiden-Metallen wie Natururan oder Thorium leicht spaltbare „erbrütet“ (Transmutation). Deshalb kann er das Atommüll-Uran aus konventionellen AKWs (dort nur ca. ein Prozent des Urans gespalten) vollständig spalten. Ein immenser Recycling-Gewinn: Kostensenkung und drastische Entschärfung des Endlagerproblems (der verbleibende Müll fällt nach nur 300 Jahren auf Umgebungsradioaktivität).
Die enorm hohe Arbeitstemperatur des Spalt-Fluids von typisch 1.000 Grad wird abgeführt durch zirkulierendes flüssiges Blei („Dual Fluid“) und außerhalb des Reaktorkerns auf den Stromgeneratorkreislauf übertragen. Der flüssige Spaltstoff ermöglicht intrinsische Eigensicherheit: selbstregulierend durch Negativrückkopplung der Spalteffizienz bei Temperaturanstieg, und zusätzlich bei Grenztemperaturüberschreitung die selbsttätige Entleerung des Fluids in ein Auffangbecken mittels Schmelzsicherung, was die Kernreaktion augenblicklich stoppt.
Die Vorteile zusammengefasst: Eigensicherheit, Recycling Alt-Atommüll, Entschärfung Endlagerproblem, hohe Arbeitstemperatur ermöglicht geringe Baugröße/Baukosten sowie Wärmeauskopplung für Fern- und Prozess-Wärme (Blockkraftwerke), keine Physik-Terra Incognita wie bei Fusion, flexible Skalierbarkeit von Klein- bis zu Großkraftwerk (300 MW – 1.500 MW), niedrige Stromkosten erwartbar, geeignet auch für Wasserstoffelektrolyse. Sehr herausfordernd allerdings besonders die Werkstoffprobleme für die hohen Temperaturen. Geplant ist ein erster Prototyp in 2031 und Serie ab 2033.
Der erwartbare deutsche Anti-Atomkraft-Widerstand dürfte dann durch den Mehrheitswillen eindämmbar sein – angesichts eskalierter Energiekrise, Arbeitslosigkeit, sozialer Instabilität. Und besonders auch durch die eklatanten Vorteile und Chancen, die die neue Energiequelle bietet. Jedenfalls ist dies mein Traum und meine Hoffnung. Deutschland sollte sich schnellstens an der Entwicklung beteiligen!
Dr. Werner Huber ist Physiker und lernte durch seine berufliche Tätigkeit Länder und Lebenswelten in West und Ost kennen. Seine Bücher umfassen ein Themenspektrum von Kulturgeschichte bis zur Zukunft unserer Gesellschaft. Sein aktuelles Buch heißt „Klima-Wahrheit“, hier im Achgut-Shop bestellbar.
Mit dem immer sinkenden Niveau der Schulbildung, gepaart mit dem blinden, fanatischen Vertrauen in die „Wissenschaft“ (besser „unser Wissenschaft“ oder „Forschendinnen“) und Entscheidungsträgern aus politologischen und theologischen Kreisen will man doch nicht von so einer komplexen Materie, wie Kernenergie träumen?
Atomkraftwerke wird es auf deutschem Boden in den nächsten Jahrzehnten nicht mehr geben.
Strom wird zugekauft wie viele andere Rohstoffe und Halbfertiggüter auch.
Die ehemaligen Spitzenplätze in Wirtschaft und Technik sind damit auch nicht mehr erreichbar. Deutschland am Ende. Wir schaffen das.
Das Kind muß immer erst in den Brunnen gefallen sein, bevor der Deckel drauf gelegt wird. Kernenergie wird in Deutschland wieder zurückkommen. Das ist nur eine Frage der Zeit, der wachsenden wirtschaftlichen und sozialen Schmerzen.
Dem Dual-Fluid Reaktor kann man nur gutes Gelingen wünschen. Möge hoffentlich bald ein erster Prototyp, evtl. in Afrika ?, in Betrieb gehen.
Dr. Huber irrt in vielfacher hinsicht.
Zuallererst wird man in Deutschland erst wieder zurück zur Kernenergie finden, wenn das Land total zusammengebrochen ist. Das Zauberwort der woken GRÜN-Faschisten ist und bleibt „Verstrahlung“. Auch 300 Jahre sind mehr als ein Menschenleben. Und wer will schon die Gesundheit von Kindern gefährden?
2. Vergessen wir mal bitte nicht das Wesen des DEUTSCHEN. Er wendet die Energie, bis zum totalen CO2-Zusammenbruch. Erst wenn „Auferstanden aus Ruinen“ angestimmt werden kann, ist der Deutsche bereit den Weg aller anderen Nationen einzuschlagen, nämlich der Bau von KKW der Generation III. Günstiger kann man keinen Stom erzeugen.
3. Warum der Dual-Fluid jetzt kein Gen IV. Reaktor mehr sein soll erschließt sich mir nicht. Am Ende ist es ein Schneller Brüter, den wir hier schonmal vor 40 Jahren hatten. Die zwei Flüssigkeiten bringen erst die technischen Probleme mit sich. Permanent muss die Brennstoff-Flüssigkeit aufbereitet, Spaltprodukte extrahiert, Brennstoff nachgeliefert werden. Ein komplexe Chemieanlage unter strahlenschutztechischer Randbedingungen. Dazu flüssiges Blei, das ja perse erstmal flüssig gemafcht werden muss, es muss also min jeder Leitung Heizelemente verbaut werden. Letzlich wird der Strom um ein Vielfaches teurer als mit herkömmlichen KKW.
und damit wären wir bei 4. Das Wort Atommüll ist eine Erfindung der Gegner der Kernkraft. Tatsächlich gib es den Müll nur, weil wir per Gesetz die Wiederaufbereitung verboten haben.
Wo ich die Meinung des Autors teile ist seine Enschätzung zur Fusion. Es wird auch die nächsten 100 Jahre kein stromproduzierendes Kraftwerk geben.