Man kann ja viel entschuldigen, wenn man selbst in seiner Jugend so blöde Parolen skandiert hat wie „Kapitalismus führt zum Faschismus. Kapitalismus – muss – weg“ – und erst recht, wenn man sich auch noch den superblöden Spruch „USA-SA-SS“ zu verzeihen hat. Insofern hat die „Occupy“-Jugend von heute bei mir vieles gut. Sogar, dass die meisten dort gar nicht zu wissen scheinen, wogegen und worum es eigentlich geht, ist irgendwie nachzuvollziehen.
Exemplarisch die Frankfurter, die ausgerechnet vor der Europäischen Zentralbank lagern, dem Fels in der Brandung gegen die Anmaßungen der Staatenlenker. Gut, das Ding heißt „Bank“, also ist man da schon irgendwie richtig, oder? Nun ja…
Doch warum sollen junge Leute verstehen, was ein Großteil der Bevölkerung nicht begreift? Schlauer sind die Politiker, auch bei der CDU, die sich solidarisch an die Seite der Bewegung stellen. Denen kann es nur recht sein, wenn das Volk die Sündenböcke bei den Banken oder beim „System“ sucht. Sonst würde man ja womöglich über falsche politische Entscheidungen zu reden haben - und über die Bedürfnisse der Bürger nach Rundumversorgung, die Politiker glauben befriedigen zu müssen.
Die „Occupy“-Bewegung bellt vor dem falschen Baum und glaubt den falschen Parolen vom „Raubtierkapitalismus“ und dem „Finanzkapital“. Aber hört man das nicht täglich? Im Rundfunk oder im Fernsehen? Steht das nicht so in der Zeitung (wenngleich nicht im Wirtschaftsteil)?
Stimmt. Auch in den Feuilletons der Qualitätsmedien wird wieder mit schlichten Wahrheiten gehandelt. Der Geist steht links und feiert die Rückkehr zur guten alten Kapitalismuskritik. Die einen glauben offenbar, damit den Zeitgeist zu bedienen. Die anderen kehren, nach gerade mal zehn Jahren „unter Rechten“, zu ihren Wurzeln zurück, zu 68ff, als man noch wusste, wer schuld ist: Die Großindustrie und ihre Büttel.
Wer derlei liest, möchte die Jungen in Schutz nehmen und ihnen zurufen: Glaubt ihnen nicht, den angegrauten Männern, die sich über euch beugen, Verständnis heucheln und doch nur die eigenen Jugendträume verwirklicht sehen wollen. Es ist das Recht der Jungen, auch mal radikalen Schwachsinn zu erzählen. Aber lasst es euch nicht von alten Männern vorsagen – oder von all den lieben Medienmenschen, die sich karitativ über euch beugen, um euch zu soufflieren, was sie für die richtigen Erkenntnisse halten.
Glaubt ihnen nicht, den Trittbrettfahrern, die Ladenhüter als frische Einsichten verkaufen, oder den Frustrierten, die endlich, endlich hören möchten, dass sie schon vor vierzig Jahren, ach was: vor hundert Jahren Recht gehabt haben. Seid misstrauisch, wenn es gegen „das Finanzkapital“ geht und das Adjektiv „jüdisch“ dabei mitschwingt. Und vergesst nicht: immer, wenn „Jugend“ zu rebellieren scheint, sind Lobbyisten unterwegs, die Gefolgschaft suchen – ob sie sich „Attac“ nennen, die Gewerkschaften oder die Kirchen sind.
Und doch: Die Jüngeren habt natürlich völlig recht, wenn sie sich Sorgen machen. Wer würde sich nicht verschaukelt fühlen, dessen Erbe aus gigantischen Schulden besteht, die der Staat in den letzten Jahrzehnten angesammelt hat, plus den noch gigantischeren, die er noch zu machen gedenkt. Woher dieses Geld kommt? In der Tat: von den Banken, die an der Kreditwürdigkeit der Staaten zu spät gezweifelt haben. Auch wenn sie profitiert haben: Sie sind nicht „schuld“ an den politischen Entscheidungen, die dem Schuldenmachen zugrunde liegen.
Politische Entscheidungen, insbesondere zu Wahlzeiten getroffen, von denen (fast) jeder etwas hatte: Studenten, Rentner, Pendler. Auch die sozial Schwachen, gewiss, vor allem aber jene, die sie verwalten. Jede gute Gabe mündet im Aufblähen der Sozialbürokratie. Es ist das Gutgemeinte, jener „Ammenstaat“, den viele Bürger so gern bemühen, der hinter der jetzigen Krise steckt. Darin unterscheiden sich auch die Deutschen nicht von anderen. „Die Banken“ sind nur Sündenböcke. Man kann sich ruhig auch mal an die eigene Nase fassen.
Also: Empört euch mal nicht, lernt lieber dazu. Klar ist das einfacher, das Pamphlet eines zornigen alten Mannes wie Stephane Hessel lesen, der so schön bestätigt, was insbesondere junge Menschen gerne glauben: dass alles immer schlimmer und ungerechter wird. Als vor vierzig Jahren Marx angesagt war, wenn man den Kapitalismus kritisieren wollte, musste man sich wenigstens mit anspruchsvoller Lektüre beschäftigen. Es hat sich gelohnt: Nach einer gründlichen Auseinandersetzung mit dem Marxismus fällt man auf Parolen nicht mehr herein.
Ach, ich wiederhole nur ungern, was 1968ff. meine Eltern zu mir sagten: Euch geht’s noch viel zu gut. Aber es ist was dran. Eine Episode aus Frankfurt mag das illustrieren: Die Frankfurter Innenstadt ist abgesperrt, überall Polizisten in voller Montur. Endlich nähert sich ein Häuflein Demonstranten mitsamt Lautsprecherwagen und den abgenutzten Requisiten aus 40 Jahren Demonstrationstradition. Vorneweg feixende Studis mit einem großen Transparent. Und darauf steht: „Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht.“ Mich hat’s schier umgehauen. Nicht nur, weil dieser Spruch auch schon mal bei der NPD oder beim Bund der Steuerzahler Dienst verrichtet haben soll. Sondern weil er so unfassbar unangemessen ist. Denn worum ging es wohl? Genau: Man leistete pflichtgemäßen Widerstand gegen – Studiengebühren.
Was sich als links versteht und im juste milieu gut ankommt, ist, wie nicht nur dieses Beispiel zeigt, ebenso gut „rechts“ denkbar – der Affekt gegen das (jüdische?) Finanzkapital wie das Hochrechnen eigener Interessen zum Gattungsanliegen. Der Kampf gegen Studiengebühren ist dafür übrigens ein gutes Beispiel. Die Debatte darüber ist geradezu exemplarisch für verzerrte Wahrnehmung.
Zukunftsorientierte Parolen müssten ganz anders lauten: „Her mit den Studiengebühren!“ Damit die Allgemeinheit nicht für künftig Besserverdienende einstehen muss. „Weg mit der Rentengarantie!“ Weil sie die jetzige Rentnergeneration gegenüber den zukünftigen begünstigt. Und Schluss mit dem Kindergeld für Reiche, dem Ehegattensplitting, der Pendlerpauschale. Weg mit allen Steuerprivilegien, bei allen. Her mit der Kirchhof-Reform! Und ein Ende den kostspieligen Wahlgeschenken.
Wenn ich Studenten, Steuerzahler, Rentner und Eltern mit diesen Parolen auf der Straße sehe, weiß ich, dass wir eine Zukunft haben.
Siehe die Welt vom 1. 11. 2011 sowie Blogisch