Rainer Bonhorst / 15.01.2016 / 19:00 / 3 / Seite ausdrucken

Elois an den Anglo-Unis

Bisher habe ich meine politisch überkorrekten Mitbürger eher amüsant gefunden. Leute, die sich aufregen, wenn sie ein Buch sehen, in dem der weiße Neger Wumbaba vorkommt. Allmählich scheint die Sache aber doch ernst zu werden. Warum? Weil sich, wie ich lese, immer mehr Studenten an englischen und amerikanischen Universitäten in scheinfrohe Lebewesen verwandeln, die in Schutzzonen vor unangenehmen Wirklichkeiten leben. Sie verwandeln sich also in eine Art Elois.

Die bedrohlichen Morlocks der modernen Elois sind all jene Menschen, die als Professoren, Dozenten oder Gastredner ihr niedliches, politisch lupenreines Weltbild in Frage stellen. Von denen wollen sie nichts wissen. Die lassen sie nicht rein. Oder sie schreien sie nieder und halten sich die Ohren zu, damit sie nicht hören, was sie nicht hören wollen.

An englischen Universitäten spricht man quasi offiziell von Schutzräumen, auf die die Studenten angeblich Anspruch haben. Also Schutzräume vor herausfordernden Debatten. Und die Schutzwürdigkeit ist superschnell erreicht.

Das hat sogar die angesehene Altfeministin Germaine Greer, Autorin des weiblichen Eunuchen, erleben müssen. Sie hat sich in der Gender-Frage als politisch nicht korrekt genug erwiesen, weshalb man ihr an der Universität von Cardiff den Zugang zum Redepult verweigert hat. Was hat sie getan? Sie hat in einem Interview gesagt, viele Frauen meinen, dass Männer, die sich in Frauen haben umoperieren lassen, oft nicht wie Frauen aussehen und nicht wie Frauen klingen. Das ist natürlich eine ungeheuerliche Feststellung, die auf politisch völlig unkorrekte Weise den Tatsachen entspricht. Jedenfalls war das Interview Grund genug, die Studenten von Cardiff vor den frauenfeindlichen Worten der großen alten Feministin zu schützen. Ende der Debatte.

Kein Einzelfall, nur eine besonders prominente Affäre und eine besonders absurde dazu. Solche Debatten-Verbote durch die Brigade der politisch Superkorrekten kommt natürlich aus den Vereinigten Staaten. In der Zeit ist gerade unter dem Titel „Die Debattenpolizei“ zu lesen, welche Ausmaße dieser Kulturkampf an amerikanischen Universitäten inzwischen angenommen hat. Der Autor des Artikels hat auf Anonymität bestanden, weil er nicht auch noch Opfer der Debattenpolizei werden will.

Es gibt viele schlechte Gründe, die freie Rede zu unterbinden. Aber die Idee, man müsse junge Intellektuelle vor intellektuellen Herausforderungen schützen, ist wunderbar verkorkst. Sie erinnert an die universitären Verrücktheiten der Achtundsechziger, als Professoren und Dozenten niedergeschrien wurden, weil sie nicht glauben wollten, dass Ho Ho Ho Chi Minh der neue Jesus war. Jetzt ist die political correctness offenbar der neue Ho Chi Minh. Der Lackmus-Test vor der Redeerlaubnis. Neuer Stuss in alten Schläuchen. Oder ist es alter Stuss in neuen Schläuchen? Egal. Auf jeden Fall ist es gefährlicher Stuss.

Wenn Glaubensrituale die Lernbereitschaft bestimmen, ist es bald aus mit dem Lernen. Dann entsteht eine schöne neue Welt im Stil der Zeitmaschine von H.G. Wells. Eine Eloiisierung der Studenten. Lernfreies Leben in einer wirklichkeitsfernen Scheinwelt. Schutzraum Universität fern aller Morlockschen Gefahren. Doch früher oder später tauchen die Morlocks der Realität wieder auf. Dann gibt es für die in Schutzräumen aufgezogenen Elois ein böses Erwachen.

Der Weg solcher Verrücktheiten schwappt üblicherweise von Amerika zum kleinen angelsächsischen Bruder England hinüber und von dort zu uns auf den europäischen Kontinent. Mal sehen, wie weit sich der Schutz vor unangenehmen Gedanken an deutschen Universitäten ausbreitet.

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Leserpost

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Marc Janssen / 15.01.2016

Sie könnten ja einmal versuchen zu ergründen, lieber ironischer Herr Bonhorst, wo der Ursprung jenes Phänomens das Sie in den USA, England und Deutschland beobachten tatsächlich stammt?! Es existiert leider auch in Schweden, Frankreich, Holland - Ländern mit äußerst unterschiedlicher Geschichte und Geschichts*ballast*, und in abgeschwächter Form auch in Kanada, Australien und Neuseeland…. Sie irren nämlich gewaltig, lieber schmunzelnder Rainer Bonhorst, es startete NICHT in den USA, und Sie könnten ja einfach mal “Cultural Marxism” oder “Frankfurt School” googlen und sich schlau machen…?

Carl Schurz / 15.01.2016

Das beobachtete ich auch. Was mich wundert und hier mit keiner Silbe erwähnt wird. Wie passt das mit der Tradition der angelsächsischen Redefreiheit und der amerikanischen Redefreiheit zusammen?

Dr. Ralph Buitoni / 15.01.2016

Werter Herr Bonhorst… wieso “herüberschwappt”? Er ist doch längst da! Und teilweise noch schlimmer weil flächendeckender als in den USA! Dort können bestimmte Debatten institutsabhängig durchaus noch geführt werden die hierzulande längst unmöglich sind! So wie es in den USA durchaus in der Mainstreampresse wenigstens ab und an vernünftige Artikel gibt, die hier schon lange verboten sind. Tatsächlich sind die USA gar nicht so sehr oder so ausschließlich der Ursprung des “politisch korrekten” Neudenk - genausowenig wie die Hippie-Bewegung ur-amerikanisch war. Vielmehr handelt es sich jeweils um zeitlich stark versetzte Übernahmen aus good old Germany! Vom Wandervogel, den völkischen Lebensreformern und dem Bauhaus ging es via virtuellem Ideentransfer bzw. Exilantentransfer direkt an die amerikanischen Hochschulen der dreißiger und vierziger Jahre, die dann, wie ein amerikanischer Zeitgenosse in den 1950er Jahren wutschnaubend konstatierte, einer Art verspäteter (und selbstverständlich amerikanisch-pragmatisch simplifizierter) existenzialistischer Weimarer-Republik-Philosophie nachhingen - und noch etwas später wurde Heidegger über Leo Strauß durch die Neo-Cons ähnlich simplifiziert rezipiert, die aktuelle amerikanische Geo-Politik erinnert ja nicht zufällig an Carl-Schmittianische und Karl-Haushofersche Kulturraums- und Lebensraumsphantasien zur Neuordnung des Planeten… Die Amerikaner sind eben noch immer kein Kulturvolk und müssen sich ihre Ideologien wie ihre Architektur nach wie vor von Anderen entleihen… allerdings immer in etwas kruder Form, und außerdem fehlt ihren think-tanks dieser unnachahmliche philosophisch-raunende germanische Sound…

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