Thomas Rietzschel / 11.02.2019 / 14:00 / Foto: Pixabay / 22 / Seite ausdrucken

Elbphilharmonie: Wer hinten sitzt, bekommt wenig mit

Seit jeher haben sich die Oberhäupter, Kaiser und Könige, Präsidenten und Bürgermeister, gern als Bauherren verewigt. Der Beständigkeit von Stein und Beton vertrauten sie mehr als der ihrer politischen Hinterlassenschaft. Aufgegangen ist die Rechnung nicht immer, aber doch oft genug, um Nachahmer auf den Plan zu rufen.

Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhundert scheuten große Teile des deutschen Adels keine Verschuldung, um es dem König von Frankreich nachzutun. Die prachtvollen Anlagen von Versailles werden für immer mit dem Namen von Ludwig XIV. verbunden bleiben. Die Architektur steht im Rang eines Denkmals. Gleiches gilt für das Pariser Centre Pompidou, benannt nach dem Präsidenten, der die Errichtung des konstruktivistisches Bauwerks 1969/70, noch im ersten Jahr seiner Amtszeit, veranlasste.

Sich in einem vergleichbaren Ruhm zu sonnen ist den Deutschen selten gelungen, nicht in der jüngeren Vergangenheit. Seit Jahren wird vor den Toren Berlins an einem Flughafen gewerkelt, von dem Klaus Wowereit einmal gehofft haben mag, er würde seinen Namen neben dem von Willy Brandt in die Zukunft tragen. Bereits 2011und schließlich 2012 sollte der Airport eröffnet werden, hätte man im Rausch der Vorfreude auf die große Sause zu Einweihung nicht vergessen, hinter die Fassaden zu schauen. Weil es dort keinen funktionierenden Brandschutz gab, musste die Party ins Wasser fallen, die Schampus wieder vom Eis genommen werden.

Wesentlich besser lief es da schon bei Ole von Beust in Hamburg. Zwar kostete sein Prestigeobjekt, die Elbphilharmonie, am Ende die stolze Summe von 866 Millionen Euro, mehr als das Zehnfache der anfangs veranschlagten Kosten, doch konnte das Konzerthaus 2017 wenigstens eröffnet werden, wenn auch provisorisch, wie jetzt herauskommt. Dabei hatte der Erste Bürgermeister der Stadt bis zu seinem Rücktritt 2010 stets auf die Qualität der Ausstattung gesehen. Auf der Anschaffungsliste standen zum Beispiel Klobürsten, das Stück für 291,97 Euro; jeweils 651,00 pro Stück sollten die Klorollen-Halter kosten.

Hier hört man nichts!

Ästhetisch weniger anspruchsvolle Beamte haben diese Pläne nachher durchkreuzt. Abgesenkt wurde der Glamour in den Toiletten. Insgesamt aber blieb es bei dem Konzept der architektonischen Gigantomanie. Der Konzertsaal misst gute dreißig Meter in der Höhe - mehr als der Akustik und damit dem eigentlichen Zweck des Hauses zuträglich ist.

Ein einmaliges, ganz eigenes Musikerlebnis bietet es nur denen, die auf den verschachtelten Ebenen des Saales weiter hinten sitzen, dort, wo es stiller und stiller wird, weil die Stimmen der Sänger nicht mehr zu hören sind, der Klang der Instrumente eher vereinzelt als im Zusammenspiel durchdringt. „Hier hört man nichts“ schallte es erst unlängst Jonas Kaufmann aus der Tiefe des Raums entgegen. „Fragen sie den Architekten“, donnerte der Tenor zurück, seinerseits genervt von der Enge der Bühne, die er sich mit dem Orchester teilen musste.

Bei einem nächsten Konzert gingen die Sänger dann kurzerhand hinter dem Orchester in Stellung, damit ihre Stimmen auch jene erreichten, die sonst nichts zu hören bekommen. Not macht erfinderische; Provisorien kaschieren den Mangel. „Ist die Elbphilharmonie noch zu retten“ titelte der FAZ am vergangenen Samstag.

Hatte Joachim Gauck bei der Eröffnung der „Elphi“ noch von einem „Amphitheater der Tonkunst“ geschwärmt, zeigt sich nun, nach dem Abschwellen des befeuerten Jubels, dass sie kaum mehr ist als ein dilettantischer Versuch politischer Bauherren, sich architektonisch zu verewigen: hübsch anzuschauen und äußerlich beeindruckend, aber denkbar ungeeignet für den vorgeschoben Zweck.

Als Potemkinsche Kulisse ist sie für den Stil bundesdeutscher Prestigebauten so beispielhaft wie der ewig unfertige Berliner Airport oder Stuttgart 21, wenn das Projekt denn jemals zu Ende geführt werden sollten. Allesamt Blendwerke, die keinem Vergleich standhalten mit Bauten, wie sie Ludwig XIV. oder Georges Pompidou ihrem Land hinterließen.

PS. Unterdessen sind bereits innenarchitektonische Nachbesserungen, Umbauten der Elbphilharmonie zur Verbesserung der Akustik im Gespräch. Doch selbst davon, dämpfen Fachleute die Erwartungen, wäre nicht mehr als eine durchschnittliche Klangqualität zu erwarten. Die Hoffnung, dass die „Elphi“ unter die Top ten der Konzertsäle aufrücken könnte, haben international erfahrene Musiker wie Marek Janowski oder Peter Ruzicka längst aufgegeben. Was sich dagegen mit Sicherheit erreichen ließe, wäre das akustische Niveau von Honeckers „Palast der Republik“, einem mittlerweile entsorgten Baudenkmal des real existierenden Sozialismus. Doch selbst dafür müssten wohl weitere Millionen aufgewendet werden. Am Ende könnte sich der Gesamtaufwand der Milliardengrenze nähern. Viel Geld für wenig Kultur.

Foto: Pixabay

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Hermann Neuburg / 11.02.2019

Sorry, aber es stimmt vorne und hinten nicht - und zwar mit dem Artikel hier auf der Achse, der Kritik von Jonas Kaufmann und der Kritik in der FAZ, die nur von neidischen und befangenen Kritikastern lebt. Wenn man das Programm und die Aufführungsanordnung auf die Gegebenheiten des Saales anpasst, ist alles an der Elphi, inkl. der Akustik super. Sie hat eben einen Saal des 21. Jahrhunderts, bei dem das visuelle Konzerterlebnis im Besonderen zur Geltung kommt. Alle Musiker sehen, von den meisten Plätzen aus, und präzise hören, das macht den besonderen Reiz aus. Als ständiger Gast in der Elphi bin ich als Hamburger, wie auch der Intendant aus Wien, oder der Opernintendant aus der Schweiz, mehr als zufrieden, ja geradezu glücklich.  Die Elphi eignet sich nicht als Beispiel, was in Deutschland schief läuft, sie gerade eben nicht.

Klaus Sebaldt / 11.02.2019

Ahm….wie viele und welche Konzerte haben Sie denn schon in der Elbphilharmonie gehört? Ich bin ja fast schon Stammgast in diesem Haus und habe schon fast alle Varianten durch - vorm Orchester, hinter dem Orchester, ganz oben, ganz vorne, ganz hinten, ganz teuer, ganz billig. Und das inhaltlich mit den großen Bruckner- und Mahlersinfonien, Orgelmusik, moderner Musik mit kleinen Ensembles (mein persönliches Highlight immer noch: Steve Reich “Music for 18 Musicians” und auch schon mal Pop. Mein Fazit: Für Pop ist die Elbphi eher nicht gebaut, alles andere funktioniert sehr gut - auch und gerade auf den “billigen” Plätzen. Aber: Ganz klar abhängig von der Form der Protagonisten. Bruckners 8. mit Christoph von Dohnany - 15-Euro-Karte hinter dem Orchester direkt über Blech und Pauke….geht bei Bruckner eigentlich gar nicht, weil man dann nur das Blech hört. War aber wunderbar abgestimmt. Der Mann versteht sein Handwerk. Bruckners 8. mit Nagano von einem “Premiumplatz” - hat mir überhaupt nicht gefallen. Akkustisch war jetzt auch nix groß auszusetzen, aber es fehlte die Seele - und dann ist die Elbphilharmonie besonders unbarmherzig. In Summe werden wir im Großen Saal noch viele grandiose Konzerte und auch das ein oder andere Debakel erleben. Wie es in anderen großen Konzertsäälen dieser Welt ganz genauso passiert.

Joachim Lucas / 11.02.2019

Was würde eigentlich ein Abbruch kosten?

Karla Kuhn / 11.02.2019

So ein schönes altes Radio hatte mein Vater 1952 gekauft. Am besten haben mir die goldfarbenen Leisten gefallen, die das Radio geschmückt haben.  Ich hab den Ton damals toll gefunden und als ich älter und der Kasten noch immer intakt war ( im Gegenteil zu vielen heutigen E Artikeln, die ja z.T. anscheinend nur auf drei bis fünf Jahre Haltbarkeit programmiert sind), hat uns der Rock´n Roll aus den Sesseln gehoben. So ist das mit manchen Prestigeobjekten heute, außen hui innen pfui ?? Erichs Lampenladen war auch so ein seltsames Ding. Wurde eigentlich mal aufgelistet WIE VIEL “Umweltsünden” dieser Elphi- Kasten hat ?? Zumal auch auch der Zugang nicht ganz unproblematisch sein soll.  WARUM wurde das Ding eigentlich gebaut, wo doch die 1908 eingeweihte Laeiszhalle, mit 2025 Sitzplätzen genug Musik begeisterten Menschen Platz bietet ?? Kaufmann möchte ja in Zukunft nur noch dort auftreten. Ob BER oder Elphi macht doch nichts, der /die Durchsetzer dieser Projekte müssen sie doch nicht aus eigener Tasche bezahlen !!  Ich schlage vor, JEDER, der sich so ein Denkmal setze möchte, MUß es auch ganz alleine bezahlen. Wir hätten wahrscheinlich wesentlich mehr Baugrund übrig für die Wohnungsnot leidenden Menschen !

R. Nicolaisen / 11.02.2019

Ach der Gauckler, der weiß doch nicht mal, wie ein echtes Amphitheater aussieht. Und schön? Finde ich nicht: lauter Blendwerk.

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