René Zeyer, Gastautor / 12.07.2019 / 10:00 / Foto: Judge Georgi / 16 / Seite ausdrucken

Einspruch im Namen Büchners

Das hat Georg Büchner wirklich nicht verdient. Das wohl größte, aber unvollendete Genie der deutschen Literatur, das in seiner kurzen Lebensspanne mehr Werke schuf, die die Zeiten überdauern, als Schiller und Goethe zusammen. Der Revolutionär, der mit dem Schlachtruf „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“ lange vor dem Kommunistischen Manifest dem Aufbegehren der Erniedrigten und Entrechteten machtvoll seine Stimme lieh.

Und nun das. Der Schweizer Schriftsteller ist dem deutschen Publikum womöglich mit seinem „Warnruf“ in Erinnerung, als Lukas Bärfuss in der FAZ diagnostizierte: „Die Schweiz ist des Wahnsinns.“ Das war allerdings selbstreferenziell. Zudem bestätigte Bärfuss leider das deutsche Vorurteil, dass Schweizer der Schriftsprache, wie sie das nennen, nur begrenzt mächtig sind. Und dass er tatsächlich eine Meisterschaft entwickelt hat, allerdings die der schiefen Sprachbilder. Die Linke und die Gewerkschaften seien in der Schweiz vom Melker zur Kuh geworden, Europa sei „ein vergifteter Trank“, die Schweiz „transformiere“ sich „so schnell wie Ektoplasma aus Hollywood“, der SVP-Politiker Christoph Blocher sei ein „chemischer Industrieller“, der das Land mit seinen „obskuren Ideen inspiriert“?

Sprachliche Geröllbrocken, nicht mal Schweizer Dialekt, sondern schlichtweg ein Sprachverbrechen. In all diesem Durcheinandertal, zu dem Bärfuss das nicht anspruchslose Gefäß eines Essays denaturierte, gibt es aber Übleres als eine mangelhafte Beherrschung der Sprache. In den Schweizer Medien wollte Bärfuss einen „Durchmarsch der Rechten“ beobachten. Besondere Sorgen machte er sich um die „Neue Zürcher Zeitung“. Hier wurde er richtig bösartig und nahm sich den neuen Leiter des Feuilletons zur Brust, ohne Namen oder Zusammenhänge zu nennen. „Ein Schuft, der an seiner Haltung zweifelt“, beginnt er maliziös, weil der Feuilletonchef der NZZ, René Scheu, zuvor Chefredakteur der Zeitschrift „Schweizer Monat“ war. 

Diese Zeitschrift wurde 1921 gegründet und versammelt in ihrem Autorenverzeichnis schlichtweg so ziemlich alles, was seit fast hundert Jahren Rang und Namen hat. Außer Lukas Bärfuss. Der bezeichnet den „Schweizer Monat“ als „eine Publikation mit einschlägig faschistischer Vergangenheit“, ein „Familienstück der Reaktionäre“, deren Financiers „Hitler hofierten und den Faschismus mit Barschaft versorgten“. Wie es wirklich war, kann jeder beispielsweise auf Wikipedia nachlesen. Heute komme das Geld von einem „Privatbankier“, der seine Bank „unter dem Druck der amerikanischen Steuerbehörden verscherbeln musste“ und der nun seinen „Zögling“ in eine „der einflussreichsten Positionen“ gehievt habe.

Sippenhaft ist unredlich

Die größte Partei der Schweiz, gemeint ist die SVP, mache „mit Nazisymbolen Werbung“, überhaupt werde „der Populismus immer frecher, die Anwürfe immer primitiver“. Die Nazi-Keule zu schwingen, das ist zwar in der Schweiz auch immer mehr im Schwang. Aber einen Journalisten in Sippenhaftung zu nehmen und diese mit Ereignissen zu begründen, die weit vor seiner Geburt stattfanden, das ist schon des Wahnsinns.

Das alles ist wahrlich unredlich, schuftig und verlogen. Dem damaligen Chefredakteur des „Schweizer Monat“ eine mögliche geistige Nähe zum Faschismus zu unterstellen, nur weil dieses Organ in den Dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts den damaligen Chefredakteur entließ, weil der mit einer Schweizer Fröntler-Bewegung sympathisierte, ist unredlich. Eine Linie von damaligen Financiers zu einem heutigen Ex-Privatbankier zu ziehen, ist schuftig. Zu behaupten, die SVP mache mit Nazisymbolen Werbung, ist eine glatte Lüge. Die größte Schweizer Partei mag rechtskonservativ sein, vielleicht trifft auch das Schlagwort populistisch auf sie zu. Aber mit angebräuntem Gedankengut hat sie überhaupt nichts zu schaffen.

Am Schluss seiner ungelenken, bedenklich wirren und gelegentlich hinterfotzig bösartigen Auslassungen vergreift sich Bärfuss dann noch an Goyas Capricho „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“. So sei das in der Schweiz, man müsse aber den Monstern trotzen, sonst warte ein böses Erwachen. Schreibt Schlafwandler Bärfuss, der sich einmal mehr rettungslos in ein schiefes Bild verirrt.

Kleiner hat er’s nicht

Schreiben kann er nicht wirklich verständlich, formulieren kann er schlecht, aber etwas kann er sehr gut. Gehabe zur Haltung machen. Immer ein strenger Blick auf das Elend der Welt gerichtet. Immer die Imitation eines getragenen Orgeltons: „Für mich sind Bootsflüchtlinge Helden.“ Immer mit vorschnellen Vorurteilen zur Hand. Als es bei der Verleihung des Schweizer Buchpreises etwas Rabatz gab, beklagte Bärfuss auch in der FAZ gleich einen „zivilisatorischen Niedergang“. Kleiner hat er’s nicht. Im Abstimmungskampf, ob in der Schweiz weiterhin eine obligatorische Abgabe für das staatliche Fernsehangebot erhoben werden soll, dräute ihm der Ausbruch von „Anarchie“, sollte diese Zwangsabgabe abgelehnt werden.

Die FAZ, die die Geröllfelder von Barfuss veröffentlicht, lehnte diesen Wutanfall hier ab, weil der Büchner-Preis schließlich das literarische Werk ehre, nicht die ruppigen Einmischungen von Bärfuss in die Politik. Ich halte da allerdings zu Gnaden: Wir sind heute leider wieder im Zeitalter von „anything goes“ angelangt. Alles ist möglich, nichts ist unmöglich. Wenn einer die vermeintlich richtige Haltung hat, gerät das Feuilleton in Wallungen:

„In einer distinkten und dennoch rätselhaften Bildersprache, karg, klar und trennscharf, durchdringen sich nervöses politisches Krisenbewusstsein und die Fähigkeit zur Gesellschaftsanalyse am exemplarischen Einzelfall, psychologische Sensibilität und der Wille zur Wahrhaftigkeit.“ Über wen schreibt da die Jury der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung? Über Büchner? Ja, das kann passen, wenn es auch vielleicht deutlich zu verschwurbelt daherkommt. Moment, nein, das ist die Begründung für den Fehlentscheid, einem dauererregten Krakeeler, einer über sich selbst, über ihre Haltung, über ihre Bilder, über ihre Worte stolpernden Karikatur eines Schriftstellers den Georg-Büchner-Preis zu verleihen.

Das hat Büchner wirklich nicht verdient

Ein literarisches Werk setzt einen Literaten voraus. Literat, Dramatiker, Schriftsteller, Essayist, Dichter, das sind alles keine geschützten Berufsbezeichnungen. Kann sich jeder so nennen. Ich halte aber dafür, dass die Beherrschung der deutschen Sprache eine unabdingbare Voraussetzung ist, wenn man über Literatur sprechen will. Oder wenn man etwas herstellt, das den Namen Literatur verdient. Die FAZ urteilt, dass der Sprachstolperer und Hersteller von Geholpertem Bärfuss den Büchner-Preis „zu recht“ bekommen habe. Schließlich sei er „stilistisch brillant“. Mit der gleichen Begründung, entsprechende Realitätsferne vorausgesetzt, könnte man auch einem Asylanten, Pardon, einem Flüchtling, nein, einem Mitbürger mit Migrationshintergrund, den Büchner-Preis verleihen, wenn der „mir sein langweilig, mir haben Handy geklaut“ stammeln würde. Um damit ein Zeichen für die Unterstützung der Assimilation zu setzen.

Das hat Büchner wirklich nicht verdient. Das haben auch Gottfried Benn, Erich Kästner, Max Frisch, Hans Magnus Enzensberger, Heinrich Böll, Friedrich Dürrenmatt und alle anderen bisherigen Preisträger nicht verdient. Das ist schändlich, entwürdigend und zeugt von fehlendem Respekt vor dem Namensgeber des Preises und vor allen anderen Preisträgern. Das entwertet nicht nur den Preis als Auszeichnung für eine brillante Beherrschung der deutschen Sprache. Das entwertet ihn auch, weil Bärfuss nun nichts, aber auch gar nichts mit der Haltung, mit dem revolutionären Geist Büchners zu tun hat. Außer einer billigen Imitation. Es ist leider zu befürchten, dass Bärfuss nicht den Anstand hat, angesichts der drohenden Gefahr der Verzwergung des Andenkens eines großen deutschen Dichters diesen Preis abzulehnen.

Foto: Judge Georgi via Wikimedia Commons

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Andreas Rochow / 12.07.2019

Der vordergründig politisch Korrekte, so es ihm gelingt, sich Gehör zu verschaffen, ist für Preise und Ehrungen anderen Mitbewerbern vorzuziehen und kann gegebenenfalls auch für die Heiligsprechung vorgemerkt werden. Dabei spielt es keine Rolle, ob der Kandidat Kulturschaffender oder hypermoralischer Friedenskrieger ist. Er muss in die aktuellen ideologischen Attacken passen, die von den Staatsmedien gegen bäse Kritiker und Nazis geritten werden. Das Genie Büchner und alle bisher in seinem Namen Geehrten werden keinen Schaden nehmen, wenn der linke Stümpergrantler Bärfuss in die Reihe der Büchner-Preisträger aufgenommen wird. Es ist nur ein fatales Zeichen für den Zustand, in den Kunst und Gesellschaft mit massivster linker Staatspropaganda versetzt werden sollen. Eine Rüge an die Juror*innen ist überfällig, denn auch für eine sprachlose Moraldiktatur wäre Büchner nie zu haben gewesen!

Bettina Reese / 12.07.2019

Ich denke die Jury , die FAZ und alle Beifallsklatscher verzwergen nicht Georg Büchner. Sie verzwergen den Büchner-Preis , sie verzwergen ihre Zeitung, sie verzwergen die Sprache , die Literatur , das Denken , die Freiheit und sich selbst. Die wirklich Großen, Freien , Denker , ” Riesen ” werden den Preis nicht mehr annehmen wollen.  Die FAZ wird weitere Leser und Abonnenten verlieren. Gäste werden ausbleiben, weil jeder denkt, selbst schlafend auf dem Sofa verbringe ich meine Zeit besser als bei dieser Veranstaltung . Es bleibt ein Häufchen Gleichgesinnter, die die geistige Langeweile und Ödnis nicht spüren, oder wenigstens nicht wahrhaben wollen. Sie werden noch kräftiger nach Zuschüssen aus dem Topf der Öffentlich Rechtlichen Sendeanstalten rufen, damit sie mit ihrem immer gleichen Mist überleben. Sie stehen nicht für Qualität , aber für die richtige Haltung. Alle, die anderer Meinung sind und ihre Meinung qualitativ um Längen besser im neuen Medium Internet verbreiten, werden verunglimpft und kriminalisiert. Peter Frey , ZDF Chef , hat dieser Tage auf Phönix in einer Runde Journalisten sogenannter “etablierter ” Medien unverhohlen staatliche Regulierung verlangt. Für mich heißt das ” Zensur “.

Florian Bode / 12.07.2019

Da dieser Niemand außerhalb der Literatenclique gänzlich unbekannt ist, kann ihm noch nicht einmal die Ehre des Vergessenwerdens zuteil werden.

Klaus Plöger / 12.07.2019

DARMSTADT Unbestechlich ist nur, wer sich teuer bezahlen läßt! Braucht es dafür einen Beweis? - Wer Büchners Worte beherzigt, der bekommt hier den nach ihm benannten Preis.

Ulv J. Hjort / 12.07.2019

Es wird immer kurioser in D . Der lange marsch in die zweite Weimarer Republik . Es wird nicht mehr miteinander geredet ,sondern nur noch uebereinander . Geziehlte geschichtsverdrehung war in der vergangenheit immer ein zeichen aufkeimender diktatur . Die frage ist im augenblick nur , wirds eine rechts oder links schielende werden . Die demokratie ist unter druck ! Sie hat die pflicht und das recht ,sich gegen undemokratische kræfte zu wehren . Aber davon ist nichts zu merken . Traurige gruesse nach Deutschland ...

beat schaller / 12.07.2019

Dieser Typ ist doch nur zum Fremdschämen. Der sollte dringend zum Magendarmspezialist und zum Urologen gehen, weil bei ihm doch alles gemischt nur noch oben raus kommt . Der ist flüssiger als Wasser, der ist überflüssig. Zudem produziert er CO2. Noch Fragen? b.schaller

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