Gastautor / 13.04.2019 / 06:25 / Foto: Pixabay / 74 / Seite ausdrucken

Einsam lernen: 30 Schüler und kein Lehrer

Von Luise Witt.

Frontal ausgerichtete Bankreihen, eine Kreidetafel, der allseits gefürchtete Lehrerkalender mit den Notenlisten – all diese Erinnerungen werden geweckt, wenn ich nach Jahren wieder einen Grundschulklassenraum betrete. Das dachte ich zumindest, als ich, Lehramtsstudentin, den ersten Schritt in meine Hospitationsklasse setzte. Doch in Wahrheit waren alle diese Dinge aus dem modernen Klassenzimmer verschwunden. Die Kreidetafel ist einer hochmodernen interaktiven Tafel gewichen. Noten gibt es in den ersten zwei Jahren auch keine mehr und die Schulbänke stehen nicht mehr frontal zur Tafel, sondern verteilt im Raum und heißen nun „Lernbüros“. 

Sofort werde ich von Lena angesprochen, die im gleichen Moment wie ich den Klassenraum betritt. Nach der Begrüßung geht sie zielstrebig zu ihrem Lernbüro. Aufmerksam beobachte ich, wie sie ihren Wochenplanhefter herausnimmt. „Hier sind alle Aufgaben drin, die ich diese Woche in Deutsch und Mathe machen muss“, erklärt sie mir geduldig. Timo am Nachbartisch setzt gerade einen dicken Haken hinter seine abgearbeitete Aufgabe im Arbeitsheft. Nachdem sie sich einen kurzen Überblick über den Wochenplan verschafft hat, fragt mich Lena, wo denn die Knetmasse sei. „Da musst du mal deine Lehrerin fragen!“, antworte ich dem Mädchen unbedarft. Zunächst ernte ich nichts weiter als einen überraschten, ungläubigen Blick. „Du meinst vielleicht unsere Lernbegleiterin?“, erhalte ich als selbstbewusste Antwort. Lernbegleiter? Obwohl ich einen Moment lang stutze, kommt mir wieder ins Gedächtnis, dass nicht nur die Schultische eine Umetikettierung erfahren haben.

Die früher selbstverständlichen Tätigkeiten des Lehrers, nämlich Lernbegeisterung und Wissen zu vermitteln, rücken durch dieses neue Selbstverständnis der Lehrkraft in den Hintergrund. Getreu der konstruktivistischen Sichtweise auf die Kindheit ist das erklärte Ziel, dass die Kinder zunehmend ihr Lernen selbst steuern sollen. Dies bedeutet, dass der Lernbegleiter im Gegensatz zum Lehrer eine vorrangig betreuende Funktion einnimmt. Er stellt für die Kinder eine Lernumgebung in Form von Materialien bereit, in der sich die Kinder vorwiegend selbst mit den Themen beschäftigen sollen. Nicht der Lernbegleiter gibt allumfassend vor, was im Unterricht gemacht werden soll, sondern er bespricht mit dem jeweiligen Kind die nächsten Schritte auf dem individuellen Lernweg.

Frontalunterricht, der Lehrer in seiner eigentlichen Funktion und am liebsten auch noch altershomogene Klassen und Noten sollen im modernen Unterricht der Vergangenheit angehören. Offener Unterricht, Wochenplanarbeit und Lernwerkstätten lauten die verheißungsvollen Elemente des individualisierten Unterrichts, der bereits die bundesdeutschen Klassenzimmer erobert. Dank dieser Unterrichtsform soll jedes Kind die Möglichkeit bekommen, auf seinem Niveau und in seinem Tempo die Aufgaben zu erledigen, ohne dabei dem Zwang und dem Druck des gemeinschaftlichen Klassenunterrichts ausgesetzt zu sein. Das Kind mit seinen individuellen Stärken und Schwächen soll verstärkt in den Vordergrund schulischen Lernens rücken. Genährt wird diese Entwicklung durch die zunehmende Heterogenität der Schulklassen, die angeblich nur durch eine Individualisierung des Lernprozesses zu bewältigen sei. Dass gerade diejenigen, die mit Migration und Inklusion diese Heterogenität erst so richtig in Schwung gebracht haben, am lautesten „Homogenität ist eine Fiktion“ tröten, zeigt uns, dass man uns diese Entwicklung als alternativlos verkaufen will. 

Horizonterweiterung durch vereinzeltes Lernen?

Wenn ich mich umblicke und die ganz alleine mit unterschiedlichen Dingen beschäftigten Kinder betrachte, dann ist die Schlussfolgerung simpel, dass das individualisierte Lernen einen Unterricht im Klassenverband unmöglich macht. Vielmehr sollen die mit dem Lernbegleiter besprochenen Arbeitspläne erledigt werden. In der Realität führt der Weg konsequenterweise zu einem starren Abarbeiten von stupiden und auf das Nötigste reduzierten Arbeitsheften, Arbeitsblättern, Karteien und Spielchen. Es ist allerdings fraglich, ob solche für den Zweck der selbstständigen Bearbeitung nivellierten Materialien einen lebendigen Unterricht durch die Lehrkraft ersetzen können.

Wenn Kinder sich selbstständig mit dem zu erlernenden Stoff auseinandersetzen, werden sie dann größere Bezüge herstellen, als es ihr bisheriger Horizont zulässt? Werden die Arbeitsblätter zu kritischem Hinterfragen anleiten und ganz andere, abstrakte Horizonte eröffnen können? Ist es nicht der Lehrer, der durch seinen Wissensvorsprung und das Gespräch mit den Kindern in der Lage ist, den Stoff in einen viel breiteren Sinnkontext einzubetten, als es die Kinder je mit Hilfe der Arbeitsblätter können? Lehren bedeutet, sein Wissen zu nutzen, um Neues hervorzuheben, in neue Zusammenhänge und zur Diskussion zu stellen. Gerade diese Aufgaben des Lehrers wurden im Zuge der Umetikettierung zum Lernbegleiter wegrationalisiert!

Stellen Sie sich ein Kind vor, das sich mit dem Thema Umweltschutz auseinandersetzen soll. Selbst mit Hilfe des Materials wird das Kind sich vorrangig um seinen eigenen Erfahrungshorizont drehen, da es eben, im Gegensatz zu einem Erwachsenen, nicht über das nötige Vorwissen in anderen Bereichen verfügt. Gehen nötige Querverweise und Diskussionen nicht weit über das hinaus, was Arbeitsblätter leisten können und sollen? Selbst bei Gruppenarbeiten, die Abwechslung in das vorrangig stumme und vereinzelte Lernen bringen sollen, werden die Kinder auch nicht über ihren eigenen Horizont hinaus diskutieren können. Die Möglichkeit, ihren Horizont zu erweitern, bleibt dabei auf der Strecke. 

Lernunterschiede verstärken sich

Mein Blick fällt auf Julian, der nun schon seit gefühlten zehn Minuten resigniert sein Dasein vor seinem Arbeitsblatt fristet. Julian ist verzweifelt, denn er versteht das Arbeitsblatt nicht. Wenn er nicht weiter weiß, soll er sich an ein anderes Kind wenden, das diese Aufgabe schon gelöst hat. Doch das Kind konnte ihm auch nicht helfen. Nun sitzt er da und macht nichts. Die Lernbegleiterin scheint noch mit anderen Schülern beschäftigt zu sein.

„Jeden Schüler mit seinen eigenen Stärken und Schwächen wertschätzen, fordern und fördern“, heißt das chorische Narrativ der harmonischen Imagefilme, die für „individualisiertes Lernen“ werben. Die Frage drängt sich auf, ob dieses ambitionierte Ziel in Hinblick auf die äußerst große Heterogenität überhaupt erreichbar ist. Stimmt es wirklich, dass diese Art des Unterrichts, wie so oft behauptet, zu mehr Gerechtigkeit führt? Eher scheint es der Fall zu sein, dass sich die Leistungsunterschiede der Kinder immer weiter verstärken. Kinder, die über die nötige Selbstbeherrschung und Konzentration sowie Intelligenz zum Abarbeiten der Aufgaben verfügen, können deutlich mehr erreichen, als ein Kind mit Konzentrationsstörungen.

Gerade bei schwächeren oder langsameren Schülern besteht die Gefahr, dass sie bei selbstständiger Arbeit nicht motiviert werden, schneller oder mit größerer Bereitschaft zu arbeiten. Werden hier die Kinder nicht lediglich in Resignation geübt, um sie nicht zu überfordern oder gar unter Druck zu setzen? Kann die Resignation der Umgebung vor dem derzeitigen Leistungsvermögen des Kindes als unterlassene Hilfeleistung interpretiert werden? Zusätzlich mag ins Gewicht fallen, dass durch den Gruppenprozess andere Schüler sich an den Arbeitsweisen orientieren werden, die weniger Anstrengung kosten. Kann sich so das individualisierte Lernen wegen mangelnder Zuwendung und Druckes von außen in mancher Hinsicht als Grund für einen schleichender Sinkflug von Schülerleistungen enttarnen? 

Julian hat sich in der Zwischenzeit doch noch einmal an ein anderes Kind gewandt. Geduldig diktiert Fritz ihm nun die Lösungen. Ist es wirklich der beste Weg, dass Kinder in ihrer eigenen Lernzeit andere Kinder unterrichten? Die Leistungsspitze der Klasse wird beim eigenen Arbeiten gestört, weil sie in ihrer eigenen, dringend benötigten Lernzeit andere Schüler unterrichten muss. Desweiteren werden sie aufbewahrend beschäftigt, wenn sie ihr Aufgabenpensum erledigt haben. 

Leistungsstarke Schüler als Lehrerersatz

Gegenseitige Unterstützung kann und soll – dosiert eingesetzt – durchaus zur Vertiefung und Festigung eines Themas beitragen. Zu sehr scheint hier jedoch die systemimmanent notwendige Entlastung des Lernbegleiters sowie die Beschäftigung leistungsstarker Schüler im Fokus zu stehen. Ist es dann sogar möglich, dass unter dem Deckmantel der Förderung von angeblich so wichtigen sozialen Kompetenzen bei Gruppenarbeiten und Projekten eher versucht wird, die Leistungsunterschiede (besonders durch deren Benotung) wieder zu vereinheitlichen? 

Hier wird versucht, schwächere Schüler mithilfe des Umfelds an einen Durchschnitt anzunähern, der einen berufsqualifizierenden Abschluss mit sich bringt und somit Teilhabe verspricht. Wenn jedoch leistungsstarke Schüler Lehrer spielen oder noch mehr Arbeitsblätter bearbeiten müssen, dann sind dies allerdings Maßnahmen zur Langeweileprävention und keine Maßnahmen, um geistige Potenziale zu wecken. So ist es eine hohle Phrase, dass Gleichmacherei nicht stattfindet, und jeder gefördert wird, wenn es doch vor allem auf die Art der Förderung und deren intellektuellen Anspruch ankommt. Wenn es wirklich so praktiziert wird, dass leistungsstarke Schüler eher als eine Art Zugpferd und Lehrerersatz dienen, dann scheint eher der Traum vom Egalitarismus die Verbreitung dieser Unterrichtsform voranzutreiben als der Wunsch, individuelle Potenziale zu wecken.

Die freie Arbeitszeit neigt sich dem Ende zu, und die Kinder finden sich im Sitzkreis zusammen, um ihre Aufgaben zu präsentieren und über ihre Arbeit zu reflektieren. Während Lena stolz ihre Geschichte vorliest, ist Julian mit seinen Gedanken ganz woanders. Wie viel er wohl heute gelernt hat? 

Ich nutze die Zeit, um meine Eindrücke zu verarbeiten. So richtig wohl fühle ich mich in meiner neuen Rolle als Mini-Lernbegleiter nicht. Immer mehr ertappe ich mich dabei, ein Bereitschaftswächter zu werden, der sicherstellt, dass die Kinder sich ohne Widerspruch dem Sachzwang der Arbeitsblätter unterwerfen. Begeisterung und Leidenschaft sind nur störend in der Kompetenzarena, in der es vorrangig auf die einmalig geleistete Handlung ankommt. Dass dieses Können nicht nachhaltig gelernt ist, scheint in einer Welt, in der alles Wissen im Internet verfügbar ist, nicht zu stören. Wissen ist überall – auf den Charakter kommt es an. Sich Wissen zu eigen machen, Emotionen und Leidenschaft damit zu verbinden, all das stört die trostlose Welt der Output-Orientierung. Gefragt sind sozial kompetente Wesen, die sich anpassungsfähig und hoch motiviert, jedoch ohne Reflexion, auf die ihnen auferlegten Aufgaben stürzen. Weshalb beschäftige ich mich mit diesem Gegenstand? Mit welchem Ziel? Wahrscheinlich wird hier nicht der gelernte Inhalt für die Kinder zum Ziel, sondern das abgearbeitete Arbeitsblatt. 

Von der Autoritätsperson zum Arbeitsblatt

Das eigentliche Ziel von Schule sollte es sein, den Menschen zum selbstständigen Denken und Handeln zu befähigen. Doch auch hier liegt der Teufel im Detail. Selbstständigkeit wird bei dieser Form des Lernens in gewissem Maße vorausgesetzt. Individuelles Lernen verlangt Selbstregulation und das Treffen von Entscheidungen. Die Frage bleibt, ob die Kinder in diesem Alter dazu schon in der Lage sind. Können die Kinder entscheiden, wann sie ein Thema verstanden haben? Werden den Kindern selbst Details auffallen, und werden sie diese hinterfragen? 

Lehren bedeutet für mich unter anderem, mein Wissen zu nutzen, um anleitend Neues hervorzuheben, auf Details aufmerksam zu machen, Widersprüche aufzuzeigen und Kinder zum Nachdenken anzuregen. Wurden nicht gerade diese Aufgaben des Lehrers im Zuge der Umetikettierung zum Lernbegleiter wegrationalisiert? Und dies vor allem deswegen, weil der Lehrer als Autoritätsperson verschwinden soll? Doch wurde die Autorität nicht ausgelöscht, sondern einfach nur verlagert? Weg von einer greifbaren, realen Person, einem Vorbild, hin zu einem neutralen, versteckten Zwang von Arbeitsblatt und Wochenplan? 

Frei und selbstständig sind die Kinder kaum mehr als früher, denn anstatt den Anweisungen der Lehrer zu folgen, folgen sie nun den Anweisungen der Arbeitsblätter, die wertneutral und ohne Vorbildfunktion daherkommen. Unterricht lebt von Anspannung und Entspannung, von Staunen und Üben sowie Anleitung und Selbstständigkeit. Es ist dieses Wechselspiel, das Unterricht spannend und bedeutsam macht. Kann man einfach so ein Element aus dem Gefüge nehmen, ohne dass dem Unterricht eine wichtige Säule genommen wird? Schule sollte jungen Menschen „die Augen für das [öffnen], was sie noch nicht sehen“ (Hans Schmid). Wird die Schule dieser Aufgabe nicht mehr gerecht, dann verliert sie erst recht an Bedeutung für die junge Generation.

Mir hat diese Reflexion gezeigt, dass ich für meine Schüler eine Identifikationsfigur werden möchte, die nachhaltig Sachinteresse, Faszination und Begeisterung wecken kann, aber auch Halt und Orientierung vermittelt. Ich möchte Lehrerin werden – kein Lernbegleiter.

Luise Witt ist 20 Jahre alt und studiert Grundschullehramt.

Foto: Pixabay

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Leserpost

netiquette:

klaus blankenhagel / 13.04.2019

Wichtig scheint zu sein, dass die Kinder spaeter die Wahlbenachrichtigung richtig lesen, und natuerlich vor allem die richtigen Kreuze an der verlangten Stelle machen.

B.Kröger / 13.04.2019

Nicht nur das Lernen an sich leidet ganz erheblich, auch das Sozialverhalten soll anscheinend abtrainiert werden. Jeder gegen jeden.  Schöne neue Schulwelt in der “Lernbegleitanstalt”?

Ann-Katrin Singer / 13.04.2019

@ Karsten Dörre So ein Schmarren! Ihnen fällt bei diesem Bildungssystem die “sanfte Heranführung an Weiterentwicklung persönlicher Eigenschaften (z.B. Hilfsbereitschaft),....” ein. Wo leben Sie denn? Im Taka Tuka Land? Die Kids gehen heute mit Fäusten und Messern aufeinander los. Deutsche Kinder sind z.T. in der Minderzahl und sehen sich gewaltbereiten Migranten-Kids gegenüber. Lesen Sie doch einfach mal die Berichte der Lehrer vor Ort und kommen Sie von Ihrer Traumwolke runter! Es gibt im Ausland genug erfolgreiche Bildungssysteme, da muss Deutschland nicht das Rad neu erfinden.

Peter Groepper / 13.04.2019

Ich stelle mir gerade vor, wie das lernbegleitete Kind später als erwachsener Mensch in einer begleiteten Selbstverwirklichungsumgebung (Arbeitsplatz) mit seinem Verwirklichungsbegleiter/in/* (Vorgesetzter) Vorschläge zur Erledigung unbestimmter Erfüllungziele (Arbeit) konstruktiv, ergebnisoffen und achtsam diskutiert. Der Unternehmenserfolg (schwarze vs rote Zahlen) wird nicht mehr aufgeschrieben und die Bank verrechnet Kontostände des Unternehmens großzügig mit einer “Bad Bank”, deren rote Zahlen beliebig viele Stellen aufweisen dürfen. Gute Nacht, Deutschland!

Detlef Rogge / 13.04.2019

Einschulung 1960 in West-Berlin, altes Einschulungsfoto zeigt 42 noch quietschvergnügte Kinder. Das änderte sich rasch, Grundschulpädagogik incl. Ohrfeigen und sadistischem Malträtieren ausgestreckter Finger mit Lineal. Trotz Empfehlung für die Realschule, Besuch eines Gymnasiums, auf dem nicht mehr geprügelt wurde. Es traten etwa 90 Schüler in drei Klassen an, zum Abitur verblieben nach gnadenloser Selektion zwei Klassen à 18 Schüler, von denen noch etliche durchfielen. Ohne Wahlmöglichkeit 4 harte schriftliche Prüfungsfächer: Deutsch, Mathematik, Physik und Fremdsprache, obendrauf, der besonderen Schulform wegen, hammerhartes Sportabitur - Leichtathletik und Turnen -, alle Schülerinnen und Schüler mit der Körperlichkeit gut durchtrainierter Zehnkämpfer, Übergewicht undenkbar. Meine Schulzeit war eine einzige Tortur, die schlimmste Zeit meines Lebens. Das sich anschließende Studium nahm sich dagegen aus wie ein Sanatoriumsaufenthalt. Die im Artikel beschriebene Pädagogik von heute liegt außerhalb meiner Vorstellungskraft; was wäre mir erspart geblieben, hätte man sich meiner derart angenommen?

Elke Schmidt / 13.04.2019

In meiner Kindheit der 50iger/60iger Jahre im Osten habe ich eine straff organisierten Unterricht erlebt mit zum großen Teil ambitionierten Lehrern, Frontalunterricht und Leistungskontrollen. Zu Hause hatte ich Eltern und Großeltern, die aus dem Proletariat stammend, sich aus eigenem Antrieb ständig weitergebildet haben, belesen waren und mir Zugang zu ihrem, zugegeben leinen Bücherschrank ermöglicht und mich in der Kinderbibliothek angemeldet haben. Ich habe in Brehms Tieleben ebenso gestöbert wie in Reiseberichten aus anderen Kontinenten und bin mit dem Lexikon aufs Klo gegangen. Auch 30 cm Schiller, 50 cm Goethe und 1 m Marx, Engels und Lenin fehlten nicht. Hat mich aber mit 10 Jahren nicht so interessiert. Die Lehrer haben damals mit den Eltern zusammen gearbeitet. Kleine Lerngruppen außerhalb des Unterrichts gab es ebenfalls, in denen gute Schüler den Schwächeren geholfen haben. Bei einem Klassentreffen mit den GrundschulkameradInnen (es war wirklich eine reine Mädchenklasse) stellten wir fest, dass alle ihren Weg gemacht haben, selbst ehemals schwächere Schülerinnen konnten zeigen, dass sie nach nach Berufsausbildung und Wendeumorientierung einen festen Stand im Berufsleben erreicht haben und erfolgreich waren. Eltern und Lehrer haben Anregungen gegeben und Neugierde geweckt, Leistung eingefordert und relativ gerecht benotet. Warum man so ein Erfolskonzept verlassen hat, wird mir wohl ewig ein Rätsel bleiben.

Sabine Schönfeld / 13.04.2019

Jegliche Schulform hat ihre Nachteile. Das Problem der Schulen mit Frontalunterricht war schon von jeher und ist bis heute das, dass sich je nach Unterricht die Schüler in drei Gruppen einteilen. Die einen sind diejenigen Schüler, denen der Stoff im entsprechenden Fach sehr leicht fällt, sie langweilen sich und sind unterfordert. Für die zweite Gruppe passt das Lerntempo, während die dritte Gruppe irgendwann hoffnungslos abgehängt ist. Und je nach Begabung sind das durchaus nicht immer die gleichen Schüler in verschiedenen Fächern. Das führt dann dazu, dass ein erheblicher Teil der Schüler tatsächlich frustriert ist, wegen Unter- oder Überforderung und die Eltern zu Hause ausgleichen müssen, was die Schulform nicht leisten kann. Die von Ihnen beschriebene Schulform, die Gemeinschaftsschule, fängt tatsächlich durch Individualisierung die beschriebene Problematik auf, die es übrigens schon immer gab, schon lange vor der Massenmigration. Die Gemeinschaftsschulen schaffen im Ergebnis Schüler, die tatsächlich in jedem Fach an ihrer oberen Leistungsgrenze sind und in der Lage sind, sich Materialien selbständig zu erarbeiten. Das ist absolut wünschenswert! Was ich nicht verstehe ist, warum Sie, Frau Witt den erwähnten Julian nicht einfach unterstützt haben, als er offenbar Hilfe brauchte? Offenbar war es ja so gedacht, dass Sie als Lehramtsstudentin vor Ort praktische Erfahrung sammeln sollten, anstatt Däumchen zu drehen und nachher abwertende Artikel über etwas zu schreiben, was Sie ganz offensichtlich nicht wirklich verstehen? Natürlich könnte man Gemeinschaftsschulen mit mehr Personal ausstatten, dann würde das Konzept nochmals erheblich effektiver sein, aber dazu wende man sich bitte an die Politik!

Detlef Dechant / 13.04.2019

Liebe Frau Witt, bleiben Sie in dem Beruf und machen Sie das, was ich auch unserer Tochter geraten habe. Passe dich an bis zur Verbeamtung, aber ändere dich nicht. Und danach ziehe deinen Stil durch. Es erfordert allerdings ein gewisses emotionales Stehvermögen, um die dabei erfolgenden Anpssungsversuche durch Schulleitung und Kolleginnen auszuhalten. Leistungsvergleich am Ende jeden Schuljahres wird dann zeigen, welcher Unterrichtsstil der erfolgreichere ist. Untersuchungen stehen jedenfalls auf Ihrer Seite. Diese zeigten nämlich zwei Dinge: Je höher der Migrationsanteil, desto besser funktioniert Frontalunterricht. Und diese jetzt oft praktizierte Form des Unterrichts, Schüler helfen Schülern, führt zu etwas bessern Leistungen bei den schlechten, aber verhindert eine Förderung der leistungsstarken Schüler. Diese Angleichung ist zwar ideologisch gewollt, aber dadurch zukünftig fehlende Eliten verhindern den Fortschritt. Wohin das führt, wird uns immer wieder durch die sozialistischen Menschenversuche vorgeführt.

Gritt Kutscher / 13.04.2019

Liebe Luise, unser Sohn ist an einer freien Schule in Sachsen, die weitgehend nach diesem System unterrichtet. In der Sekundarstufe 1 kommt Frontalunterricht hinzu, als Input sozusagen, aber großen Freiarbeitsanteilen mit eben diesen Arbeitsblättern. In den höheren Klassen bis zum Abitur - wir haben alle Abschlüsse im Angebot - nimmt das selbständige Lernen wieder zu. 32 Schüler je Altersgruppe, 2 Gruppen. An der GS 2 Lehrern je Gruppe. Ab 5. Klasse zunehmend Fachlehrerprinzip, 1 Lehrer a 16 Schüler. Ich habe ein sehr differenziertes Bild vom Erfolg dieser Lernform gewonnen. Wir haben wie freie Schulen in Sachsen häufig viele Integrationsschüler. Unser Kind ist diagnostizierter Asperger, dh wir kämpfen sowieso an allen Fronten und so auch Vollzeit-Integrationslehrer (Unterrichtsbegleitung, eigene I-Stunden) erkämpft. Unser Sohn benötigt nun in der 8. Klasse keinen Schulbegleiter mehr. Wir und andere Eltern haben einen wahren Horror hinter uns. Vor der Aspergerdiagnose in der 3.Kl. und Anlaufen der Schulbegleitung hat unser Sohn praktisch nichts gelernt. Totalrückzug bis hin zur Depression. Notbremse, Klinik, Diagnose. Anderen Kindern, die dann manchmal einen I-Status bekommen haben, weil sie nicht aufmerksam, motivierbar, fleißig und unkreativ (!) genug sind, ist dieses System haben es ähnlich schwer. Wir haben unseren Sohn mit 5 Mitschülern mit und ohne I-Status die 4.Kl. wiederholen lassen, wo ein Integrationslehrer ihnen Lesen, Schreiben, Rechnen beigebracht hat. Dank guten Klassenlehrern in der S1 hat der Übergang geklappt. Der Erfolg ist stark Lehrer-und elternabhängig. Aus der GS bleiben unaufholbare Lücken. Im Ergebnis können wir sagen: Das System klappt in homogenen, kleinen Klassen und vorallem hervorragenden Lehrern. Wurden wir etwas anders machen? Fakt ist, an der staatl. Schule mit Frontalunterricht wäre unser Sohn als Asperger an der Förderschule S. Kinder, die nicht dem oben beschriebenen Muster entsprechen, fallen so und so durchs Raster.

Dieter Kief / 13.04.2019

Karsten Dörre - “definieren” Sie bitte Vor- und Nachteile des Artikels von Luise Witt, bevor Sie den kritisieren. Danke. Frau Witt hat doch einen guten Einblick in die neue Lernwelt gegeben. Ich stelle mir jetzt noch vor, dass diese Lernwelt angereichert wird, durch vielerlei Herkunftssprachen - ha: Und schon wird mir schlecht, wie ich nun sagen muss. Also hat Frau Witt einen Top-Artikel geschrieben. So einen guten Artikel gabs heute im Konstanzer Südkurier z. B. nicht, muss ich sagen. Auch gestern nicht.

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