Walter Krämer / 25.08.2020 / 16:00 / Foto: Pixabay / 19 / Seite ausdrucken

Einladung zum Betrogenwerden

Von Walter Krämer und Klaus Leciejewski.

Die Anti-Embargo- und Pro-Kuba-Petition von Hannes Wader und anderen gegen Handelsbeschränkungen durch die USA hat wieder einmal einen blinden Fleck im Auge unser linken Intelligenzia aufgezeigt: Die Genesis von Informationen über Werktätigen-Paradiese wird nicht gesehen; was totalitäre Diktaturen an Daten über ihre Grenzen lassen, wird kaum hinterfragt und nur zu gern geglaubt – eine unübersehbare Einladung zum Betrogenwerden. In freien Gesellschaften haben Daten einen Wert an sich; sie sind Leuchttürme, Leitplanken und Wegweiser, sie helfen den Bürgern und der Politik, sich in dieser Welt zurechtzufinden und unser aller Leben erträglicher zu gestalten. In totalitären Gesellschaften sind Daten ein Mittel zum Zweck. Man schätzt sie auf Seiten der Regierenden vor allem, und fälscht sie nötigenfalls auch mehr oder weniger stark, um die Schutzbefohlenen auf einen vermeintlich rechten Weg zu lenken. Daten sind Herrschaftswissen, und den Untertanen nur soweit zugänglich zu machen, wie es den höheren Interessen einer besseren Gesellschaft dient.

Wie schon Lenin im Umfeld der russischen Volkszählung 1919 dekretierte, muss Statistik „ein Organ des sozialistischen Aufbaus sein“: „Wir müssen die Statistik in die Massen tragen, so popularisieren, damit die Werktätigen allmählich selbst verstehen und sehen lernen, wie und wieviel man arbeiten muss.“ Als dann die 1937er Volkszählung Resultate erbrachte, die die Siegesmeldungen Stalins widerlegten, ließ er deren Organisatoren erschießen.

Das sollte, wenn man das Wesen totalitärer Herrschaftsformen kennt, auch niemanden überraschen. Überraschend und verstörend ist allein, wie bereitwillig sich freie Gesellschaften durch allerlei von totalitären Diktatoren errichtete Potemkinsche Dörfer in die Irre führen lassen. Nur zu bereitwillig werden Falschmeldungen aller Art, da aus ideologisch nahestehenden Quellen kommend, unkritisch verbreitet und als Wahrheiten verkauft.

Fallbeispiel DDR

Die amtliche Statistik in der DDR hatte vor allem dem Regime zu dienen, getreu der Maxime des Direktor des Zentralinstituts für sozialistische Wirtschaftsführung Helmuth Koziolek: „Kein Gebiet des gesellschaftlichen Lebens und kein Tätigkeitsbereich der Menschen kann im Sozialismus ohne politische Einstellung, ohne Bestimmung des politischen Inhalts oder ohne politische Maßnahmen wissenschaftlich geleitet werden. Die Politik der Partei durchdringt alle Sphären des Lebens und die Entwicklung unserer Gesellschaft." Oder, wie es der seinerzeitige Leiter des Staatlichen Statistischen Zentralamtes Heinz Rauch einmal formulierte: „Es gibt keine Statistik schlechthin, sondern nur eine bürgerliche und eine sozialistische Statistik." Es komme dabei darauf an, „daß wir allen unseren Mitarbeitern [der SZS] die führende Rolle der Partei der Arbeiterklasse klarmachen", und die Aufgabe der sozialistischen Statistik sei, "den Werktätigen (zu) helfen, die Überlegenheit unserer sozialistischen Gesellschaftsordnung auf allen Gebieten des Lebens gegenüber der kapitalistischen Ordnung zu erkennen."

Damit soll nicht bezweifelt werden, dass viele Kollegen der DDR-Amtsstatistik dennoch nach Kräften bemüht waren, die üblichen Standards einer seriösen Datenerhebung einzuhalten. Aber was nutzt alle Seriosität am Anfang einer statistischen Wertschöpfungskette, wenn dann das Endprodukt einer solchen Datenbeschaffung, wie etwa die DDR Außenhandelsstatistik, auf Anordnung des Politbüros der SED per Federstrich nach Gusto um einige 100 Millionen Valutamark nach unten oder oben abgeändert wird.

Auch die Kriminalität in der DDR hatte per Order des Zentralkomitees niedriger zu sein als im Westen, Und so wurde sie es denn auch. Einmal durch glatte Fälschungen, oder indem man missliebige Zahlen einfach unterdrückte (als es 1971 zu einem deutlichen Anstieg der gemeldeten Straftaten kam, wurde deren Veröffentlichung auf Anweisung des DDR-Generalstaatsanwaltes bis 1977 ausgesetzt), dann durch Manipulation der Definition. So wurden etwa seit dem Inkrafttreten des neuen DDR-Strafgesetzbuches am 1. Juli 1968 bestimmte, im Westen als Straftat erfasste Delikte wie Bagatelldiebstähle, Beleidigung oder Hausfriedensbruch nicht mehr als Straftat gezählt.

Besonders weit von der Wahrheit entfernt waren jedoch die Statistiken zu Industrierobotern und fertiggestellten Wohnungen. Auf ihrem VIII. Parteitag 1971 hatte die SED beschlossen, bis 1990 drei Millionen neue Wohnungen zu bauen. Und tatsächlich wurde dann auch am 12. Oktober 1988 von Erich Honecker in der Erich-Correns-Straße (heute Vincent-van-Gogh-Straße) in Berlin-Neu-Hohenschönhausen die dreimillionste seit 1970 in der DDR gebaute Wohnung feierlich übergeben.

In Wahrheit waren es über eine Million Wohnungen weniger. „In den Veröffentlichungen der ehemaligen DDR zum Wohnungsbau waren bis 1989 in die Anzahl der fertiggestellten Wohnungen auch bereits vorhandene Wohnungen einbezogen, die durch die Erstausstattung mit Bad bzw. Dusche, Innen-WC oder durch Ausstattung mit einer anderen Heizungsart als der Ofenheizung modernisiert wurden“, resümiert das Statistische Bundesamt. „Außerdem umfaßten die Angaben zum Wohnungsneubau auch fertiggestellte Gemeinschaftsunterkünfte in Arbeiterwohnheimen und Plätze in Feierabend-und Pflegeheimen sowie Rekonstruktions-, Um- und Ausbauwohnungen. Daraus ergab sich in den DDR-Veröffentlichungen für den Zeitraum 1971 bis 1989 ein überhöhter Ausweis von insgesamt 1,2 Millionen fertiggestellter Wohnungen,“

Eine weiteres ehrgeiziges und dann durch Manipulation der Statistik auch erreichtes Ziel der DDR-Führung war, als weltweit führende Technologienation zu gelten. Dieser Status war in den 1980er Jahren eng mit der Anzahl von funktionsfähigen Industrierobotern verknüpft. So hatte dann der X. Parteitag der SED beschlossen, bis Ende 1985 rund 45.000 Industrieroboter einzusetzen. Und die wurden dann auch eingesetzt und stellten die einschlägigen Zahlen aus dem Westen deutlich in den Schatten. Die DDR als führende Hochtechnologienation.

Aber auch hier war der Erfolg nur Schein und ein reines Produkt einer geheimen Definition: „Zu den Robotern zählen nach der in der DDR inzwischen wohl gültigen Definition des Begriffes ‚Industrieroboter‘, die Gesamtheit von Grundmitteln, die der selbständigen Handhabung von Werkstücken, Werkzeugen und Materialien zur Automatisierung von Haupt- und Hilfsprozessen dienen‘. Eine in dieser Weise gefaßte Definition macht es möglich, als Roboter nunmehr auch einfache Handhabungsgeräte zu bezeichnen.“ So zu lesen in der Computerwoche 1982.

Das statistische Trugbild, mit dem die DDR jahrzehntelang den Rest der Welt zum Narren hielt, ließ sich natürlich nur mit Hilfe williger Unterstützer im Westen aufrechterhalten. Eine besonders unrühmliche Rolle spielt dabei das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, wo eine Referatsleitung quasi im Alleingang das bundesrepublikanische Wirtschaftsbild der DDR definierte und sich hartnäckig weigerte, ihr nicht ins Weltbild passende Informationen zur Kenntnis zu nehmen oder gar zu verbreiten. Einer der Autoren dieses Textes hat sie nach seiner Ausweisung aus der DDR Anfang 1987 besucht und Aufklärung angeboten, nur um zu erfahren, dass an wahren Daten aus der DDR kein Interesse bestand. Dennoch wurde unter ihrer Leitung „das vom DIW Berlin herausgegebene DDR-Handbuch, das ein Gemeinschaftswerk ihrer Abteilung war und in vielen Auflagen – auch einer englischen – erschien, fortentwickelt. Es war eine weit verbreitete Informationsquelle, insbesondere in der politischen Bildung“ (O-Ton DIW). „Desinformationsquelle“ hätte die Wahrheit besser getroffen.

Fallstudie Kuba

Jetzt sollte man denken: Lektion gelernt, kommt nicht wieder vor. Aber das Bedürfnis unserer Linken, sich Illusionen hinzugeben und totalitären Regimen am Nasenring durch die Manege nachzufolgen, ist offenbar systemimmanent und nicht zu stillen. Der aktuelle Hauptdompteur ist Kuba. Anders als die DDR gilt Kuba vielen immer noch – wenn auch der Glanz zusehends verblasst – als Vorbild einer menschenwürdigen Gesellschaft. Zwar sehen sich unsere Leitmedien gezwungen, auch die Schwachstellen des Systems zu benennen, aber diese ohnehin nur zaghafte und sozusagen pflichtgemäß vorgetragene Kritik wird geradezu ertränkt von einer Welle der Bewunderung und Sympathie für eine vermeintlich große soziale Leistung.

Die wichtigste Basis dieses Trugbilds ist auch hier ein systematischer Missbrauch der Statistik. So wie in allen sozialistischen Staaten hat auch die kubanische Statistik dabei zwei Aufgaben zu erfüllen: Steuerung und Propaganda. Beide Aufgaben sind nicht kongruent. Der Propagandateil besteht aus den offiziellen, von den Vereinten Nationen und bis vor kurzem auch vom Statistischen Bundesamt ungeprüft übernommenen Statistiken des kubanischen statistischen Amtes ONEI (Oficina Nacional Estadística e Información). In einem Briefwechsel mit einem der Autoren bestätigte ein Mitarbeiter des Bundesamtes, dass auch aus dessen Sicht diese Zahlen nicht valide seien und zumindest – so wie das inzwischen auch geschieht – mit einem entsprechenden Hinweis versehen werden müssten.

Gelingt es, in persönlichen Kontakten Vertrauen zu Kubanern aufzubauen, die über interne Kenntnisse der Entstehung kubanischer Statistiken verfügen, dann geben diese unumwunden zu, dass fast jede kubanische statistische Angabe gefälscht ist. Und kaum jemand in der kubanischen Bevölkerung glaubt diesen Statistiken, niemand nimmt sie ernst. Wer könnte dies denn auch, nach sechs Jahrzehnten unentwegter Jubelmeldungen, nach bis in die Gegenwart hinein großartigen Zahlen über Ernteergebnisse und zugleich leeren Märkten. Der Gegensatz zu den staatlichen Meldungen und den alltäglichen Erfahrungen ist einfach zu groß. Als Propaganda sind die kubanischen Statistiken heute in Kuba wirkungslos. Die Kubaner wissen um die Lüge, die westlichen Analysten glauben sie.

Diese Fälschungen der kubanischen Statistik haben drei aus der DDR bekannte Ursachen. Zuerst liefert jeder kubanische Betriebsdirektor Zahlen an seine übergeordnete Wirtschaftseinheit ab, die nicht den realen Ergebnissen entsprechen; er hat Vorgaben erhalten, von deren Einhaltung seine persönliche Stellung abhängt. Genauso gehen seine Vorgesetzten vor, gleichfalls die Minister, bis die Zahlen bei der zuständigen Abteilung des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei landen. Hier wird ein Abgleich der gesamten Zahlen in Abstimmung mit der obersten Führung Kubas vorgenommen. Diese letzte „Justierung“ wird dann zur Frei- und Weitergabe an das statistische Zentralamt weitergeleitet. 

Doppelwährung und Definition

Die zweite Fälschung ist keine bewusste. Sie ergibt sich aus dem System der kubanischen Doppelwährung. Zwar erfolgen die offiziellen Angaben in Peso (Währungskürzel CUP), aber die Preise in den zentralen Geschäften, in den Hotels oder in den Mietwagenstationen sind sämtlich in CUC (binnenkonvertible Währung, eins zu eins zum Dollar) angegeben. In der Bank kostet ein CUC 25 CUP. In Kiosken oder Cafeterien weichen diese Relationen teilweise erheblich zuungunsten des CUP ab, da dort der Markt bestimmt. Diese Doppelwährung verhindert auch nur annähernd zutreffende Angaben über Produktionsumfänge und verzerrt bei Importen und Exporten die tatsächlichen Marktrelationen. Zudem gibt es Hinweise, dass etliche statistische Angaben auch andere Umrechnungen verwenden.

Diese Lage hat sich inzwischen nochmals verschärft. Seit August 2020 kann kein Kubaner überhaupt mehr höherwertige Konsumgüter (Elektronische Haushaltsgeräte, Möbel, Autoersatzteile, Hygieneartikel, Werkzeuge sowie normale westliche Lebensmittel) für eine der beiden kubanischen Währungen kaufen. Diese Konsumgüter sind nur in sogenannten „Dollarläden“ zu beziehen. Bei einer kubanischen Bank müssen Devisen eingezahlt werden, dafür erhält der Einzahler eine Bankkarte, mit der er in einem Dollarladen einkaufen kann.

Die dritte Fälschung ist eine indirekte. Viele Statistiken sind Gefangene ihrer Definition, siehe die Industrieroboter der DDR. Für die meisten gibt es internationale Vereinbarungen. Kuba ist keiner dieser Vereinbarungen beigetreten. In der kubanischen Statistik werden zahlreiche Begriffe nicht erläutert, auch nicht in den beigefügten Legenden. Zumeist sind dies keine Kleinigkeiten oder Unachtsamkeiten, sondern zielgerichtete Absichten. Beispielswiese werden die landwirtschaftlichen Unternehmen zwischen Staat und den drei „nichtstaatlichen“ Formen aufgegliedert, aber dann folgt eine Kategorie „andere“. Diese betrifft 12 Prozent aller Unternehmen und bleibt unerklärt. Bei dem „kultivierten“ Land gib es eine Zahl „Brache“, ohne Erklärung. Das ist verständlich, denn eine Zahl zum Bewuchs von „Marabú“ (tropisches Unterholz) fehlt auch, sie ist politisch brisant und deshalb unerwünscht. In der Statistik des Außenhandels sind die üblichen Zahlen vorhanden: Export, Import, Saldo. Aber dazwischen befindet sich die Zahlenreihe „Donaciones“ (Geschenke), die in der Legende nicht erklärt wird. Derartige Vagheiten tauchen in fast allen Statistiken auf. 

Auch auf dem Wohnungsmarkt ist, ähnlich wie in der DDR, den Statistiken nicht zu trauen. Amtlich gemeldet werden fertigstellte „Häuser“, ohne Informationen, ob neu oder renoviert, wie viele Wohnungen usw. Die gröbsten Falschmeldungen betreffen aber den Alphabetisierungsgrad und die Säuglingssterblichkeit. In der DDR-Statistik etwa lag die Säuglingssterblichkeit stets unter der der Bundesrepublik, bis nach der Wende bekannt wurde, dass diese Zahl ganz anders als im Westen ermittelt wurde. So musste etwa ein Säugling, damit er „legal“ sterben kann, zunächst einmal lebend geboren sein. Aber wann ist ein Säugling lebend geboren? Diese Unterscheidung von Lebend- und Totgeborenen wurde und wird in Deutschland-West durch die „Verordnung zur Ausführung des Personenstandsgesetzes“ (PStV) geregelt. Danach sind Lebendgeborene Kinder, bei denen entweder das Herz geschlagen oder die Nabelschnur pulsiert oder die natürliche Lungenatmung eingesetzt hat.

Sinkende Sterblickkeit

Das war zu anderen Zeiten und ist immer noch an andern Orten anders. Bis 1957 kam es nur auf die natürliche Lungenatmung an. Und in der DDR mussten alle obigen Kriterien gelten, damit ein Kind als lebend geboren zählte. Ein Säugling, dessen Lunge funktionierte, das Herz aber nicht, war in Frankfurt/Main lebend geboren und konnte dann auch sterben, in Frankfurt/Oder aber nicht. Und fand damit auch keinen Eingang in die Statistik der Säuglingssterblichkeit.

Unter anderem auch mit dergleichen Definitionstricks erreicht Kuba eine der weltweit niedrigsten Raten für Säuglingssterblichkeit (4,76 Promille, Deutschland 3,3) und damit wirbt sie eifrig für ihr Gesellschaftssystem. Wie wird sie gemessen, und wer hat diese Messung jemals überprüft? Und wer bestimmt die Risikopopulation? „Es ist eine Vorgabe des Gesundheitsministeriums an die Gynäkologen und Geburtshelfer, dass auf Kuba weniger werdende Mütter – oder Neugeborene im ersten Jahr – sterben dürfen als sonst irgendwo auf der Welt“, schreibt der Kuba-Kenner Carlos Widmann. „Dieses Ziel ist keineswegs unerreichbar, wenn die Mediziner in den pränatalen Untersuchungen extrem strenge Maßstäbe anlegen und beim geringsten Zweifel an der Gebärfähigkeit der Mutter oder an der Gesundheit ihrer Leibesfrucht eine Abtreibung anordnen – nicht etwa nur empfehlen. Gegen eine solche Anweisung hat die kubanische Patientin kein Einspruchsrecht.“

Damit soll nicht angezweifelt werden, dass Kuba zu den Staaten mit einer niedrigen Kinder- oder Säuglingssterblichkeit gehört, aber es gibt diese Ziffer als einen Vorteil ihres sozialistischen Systems aus und lässt keine Überprüfung zu.

Ähnlich ist es mit ihrer Alphabetenrate, die bei 99,8 Prozent (älter als 15 Jahre) liegen soll. Kuba gehört damit zu den zehn Ländern mit der weltweit höchsten Rate an Alphabeten. Zu diesen zehn gehören auch Andorra, Grönland, Nordkorea (da beträgt die Alphabetenrate 100%), Kasachstan und Usbekistan.

Ohne Hintergrundwissen sagen solche Zahlen nicht viel aus. In jedem Land gibt es Kinder, die zwar bildungs-, aber nicht lernfähig sind. In Deutschland sollen es ca. 2 Millionen Menschen sein, die weder lesen noch schreiben können. Andere Angaben gehen von 7,5 Mio. „funktionaler Analphabeten“ aus. Dabei kommt es natürlich auf die Kriterien und auf die Art und Weise der Erfassung an. In Deutschland kann dies zumeist herausgefunden werden, wenngleich zuweilen nur durch mühsames Recherchieren. In Kuba entfällt diese Möglichkeit (und wie Nordkorea auf seine 100% Alphabeten kommt, weiß nur der liebe Gott allein). Es gibt überall in Kuba Schulen, häufig als Internat, in denen lernunfähige Kinder betreut werden und ein begrenztes Wissen vermittelt erhalten. Wenn ein Kind nach Abschluss dieser Schule seinen Namen schreiben kann, aber sonst nicht viel mehr, ist er in der kubanischen Statistik ein Alphabet.

Auch andere Überschlagsrechnungen entlarvt die kubanische Alphabetenrate als grobe Fälschung. So besuchen nur 92% aller kubanischen Kinder eine Grundschule, von denen wiederum 96% den Schulabschluss erreichen. Dann wieder gaben acht Prozent aller Kubaner in der Volkszählung von 2012 an, über keine Schulbildung zu verfügen. Realistischer wäre also eine Alphabetenrate von etwas über 85%. Vergleichen mit 76 Prozent vor der Revolution ist das kein besonders sensationeller Erfolg. Die Revolution hätte zwar eine Steigerung erreicht, die aber in zahlreichen anderen lateinamerikanischen Staaten ohne eine sozialistische Revolution ebenfalls erreicht wurde. Die kubanische Erfolgsgeschichte erweist sich auch hier zum guten Teil als Propagandalüge.

Unfreiwillige Propaganda-Helfer

Eher unfreiwillige Mithelfer sind bei der Verbreitung dieser Propagandalügen sind die statischen Ämter vieler Staaten und der Vereinten Nationen, ja sogar der amerikanische CIA. „In der Tat hat das Land die niedrigste Säuglingssterblichkeit und die höchste Lebenserwartung unter den großen Staaten Lateinamerikas, wie eine unverdächtige Quelle bestätigt: das World-Factbook des US-Geheimdienstes CIA“, liest man in der Süddeutschen Zeitung. Weiß die Süddeutsche Zeitung, dass der CIA sein World Factbook zum großen Teil mit Daten der UN bestückt, die diese wiederum ungeprüft von den nationalen Statistikämtern übernimmt? So wird etwa im CIA Factbook auch die 100% Alphabetenrate Nordkoreas publiziert. Auf diese Weise kommen auch dreiste Lügen direkt vom Postausgang eines kommunistischen Parteifunktionärs in Havanna auf den Frühstückstisch eines deutschen Oberstudienrats.

Etwa die folgende aus der Zeit: „Heute wird in Kuba jeder satt, gibt es keine Obdachlosen mehr, bietet der Staat Bildung kostenlos für jedermann. Er hat das beste Gesundheitssystem in ganz Lateinamerika aufgebaut.“ Laut Stern hat Kuba sogar eines der besten Gesundheitssysteme der ganzen Welt.

Warum dann ließ sich Castro, als er ernsthaft erkrankte, Ärzte aus Madrid einfliegen?

Auch der Grünen-Politiker Tom Koenigs, in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau, wünscht sich „das kubanische Gesundheitssystem … für alle lateinamerikanischen Staaten, nein: für alle amerikanischen Staaten.“

Vermutlich hat er noch nie ein kubanisches Krankenhaus von innen gesehen.

Auf einer höheren Organisationsebene tut sich vor allem die Friedrich-Ebert-Stiftung als Desinformationszentrum zu Kuba hervor. Ihr kürzliches Diskussionspapier in spanischer Sprache mit dem Titel „Blick auf die Wirtschaft Kubas“ („Mirandas a la economía cubana“) entspricht in Blauäugigkeit und Realitätsverweigerung den entsprechenden Schriften des DIW zur DDR. Fünfzehn kubanische Wissenschaftler sämtlich an der Universität von Havanna tätig, legen hier eine Analyse der kubanischen Wirtschaft vor. Weiß denn die Ebert-Stiftung nicht, dass kein Angestellter einer Universität in Kuba, ohne seinen Arbeitsplatz zu gefährden, an einem Papier mitarbeiten darf, das die eigene Wirtschaft mit westlichen Instrumentarien neutral analysiert und vielleicht sogar kritisiert?

Völlig unkritisch basieren die Analysen weitgehend auf der offiziellen kubanischen Statistik. Gleiches gilt für die verwendete Literatur. Träfen die dort getätigten Angaben zu den Steigerungsraten der kubanischen Wirtschaft (BIP) zu, wäre Kuba heute eine prosperierende Gesellschaft. In keinem sozialistischen Staat wurden jemals die Ziele auch nur eines einzigen Jahresplanes erreicht, die der Fünf-Jahrespläne wurden permanent angepasst, also nach unten korrigiert, ohne dies offenzulegen. Längerfristige Ziele, wie ein in dem Ebert-Papier gefeierter kubanische Plan über 15 Jahre, gab es gelegentlich auch. So sollte ja bekanntlich die DDR in zwei Siebenjahresplänen die Wirtschaft der Bundesrepublik pro Kopf zu überholen (ohne sie einzuholen, nach einem bekannten Bonmot von Walter Ulbricht aus den 1960ern).

Die in dieser Studie zum Ausdruck kommende Opportunität der deutschen Linken hat ein Autor dieses Textes auch persönlich erfahren. Anfang 1989 erhielt er von der Friedrich-Ebert-Stiftung den Auftrag, im Rahmen einer größeren Serie eine Broschüre über das Geldsystem der DDR zu verfassen. Als er sie nach einigen Wochen ablieferte, verweigerte die Stiftung den Abdruck und die Auszahlung des Honorars. Der Text würde das Geld in der DDR falsch darstellen und damit die Politik der friedlichen Annäherung der beiden deutschen Staaten konterkarieren. Ein halbes Jahr darauf war die DDR obsolet und ihr Geldsystem dort, wo es in der nichtgedruckten Broschüre beschrieben war. Eine Entschuldigung von den Verantwortlichen der Ebert-Stiftung erfolgte nicht.

Foto: Pixabay

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Helmut Kassner / 25.08.2020

Hauptproblem der soz. Statistik war/ist die Planwirtschaft. Da alles bis ins kleinste „geplant“ wurde, brachten selbst Bagatellen das System durcheinander. Dabei wurde nach der Planfestlegung die Planübererfüllung gefordert, ein Widerspruch in sich. Kommt der LPG Vorsitzende zum Parteisekretär und beichtet; wir schaffen den Plan von 50 Schlachtschweinen nicht, es werden nur 45. Der PS ist entsetzt und legt fest; 5 Schweine mehr nimmt die LPG auf Ihre Kappe, 5 Schweine nimmt der PS auf seine Kappe, wir melden 55 Schweine an den Bezirk. Dort verfährt man genauso und meldet 65 Schweine an die nächste Instanz. Die wiederum meldet nach gleichem Muster an das Ministerium 75 Schweine. Das Ministerium meldet dem ZK der SED die Großtat der Werktätigen in der Landwirtschaft selbstverständlich mit einem Aufschlag (85 Schweine) wie gehabt. Erich Honecker ist begeistert und legt fest: 50 Schweine gehen in den Export und 35 Schweine verbleiben der Bevölkerung. Aber mal etwas anderes: Ich bin gespannt wie die „Corona“ Statistik zum Jahresende aussieht.

Rudhart M.H. / 25.08.2020

Ach Herr Krämer, wenn man gar keine Probleme mehr hat, dann kann man sich über solche Sachen unterhalten . Glauben Sie wirklich, daß es momentan gerade hier, bei uns , opportun ist über Fälschungen und Weglassungen und Mißdeutungen in der DDR und Cuba zu diskutieren? Unsere Probleme sind Corona, Einwanderung , Bildung und, und, und ! Da haben wir vor unserer Haustüre erstmal genug zu tun, aber das mag man aus dem Elfenbeinturm der theoretischen Wissenschften wahrscheinlich weder sehen noch glauben. Aber bitte, machen Sie ruhig weiter, das kommt mir vor , wie weiland die Theoretiker der DDR , die wolten, konnten und durften nämlich den eigenen Unrat vor der Tür auch nicht sehen. Genau das machen Sie aber jetzt. Das ist schon ein starkes Stück versuchte Manipulation! Eigentlich sollten Sie beim Spiegel oder der Zeit veröffentlichen ! Und auch wenn Sie in allen Punkten recht hätten, es ist für uns in unserer jetzigen Situation weder von Interesse noch Notwendig, weil es eben um ganz andere Sachen geht, zum Beispiel um die Einschränkung von Grundrechten , das sind Notstandsgesetze ohne Notstand. Das ist relevant und nicht Fehler , Unwahrheiten und Lügen von Regimen , die hier und jetzt gar nicht zur Debatte stehen !Jetzt und heute geht es in erster Linie um Lügen , die uns unsere Regierung momentan auftischt. Das ist zehnmal relevanter und auch von größerer Bedeutung als Lügen von weit entfernten oder sogar untergegangenen Staaten. Wo und in welcher Zeit leben Sie eigentlich ?

Claudius Pappe / 25.08.2020

Das Who is Who unserer sogenannten Künstler. Wecker und Lindenzwerg. Mehr darf ich nicht schreiben, denn sonst muss eine Staatsanwaltschaft wieder Überstunden machen.

Dieter Kief / 25.08.2020

Der Hannes Wader ist ok - aber er hat nicht viel politischen und/oder gesellschaftlichen Verstand. - Hannes Wader über Politik zu befragen - das bringt mich auf die Idee, die Säuglinge zu befragen über die Qualität von Säuglingsstationen. - Vermutlich deswegen war er nahe am Terrorismus (Terroristen logierten in einer seiner Wohnugnen - der Hannes wusste freilich von nichts) und nahe bei der DKP - von deren schrecklichen staatsgefährdenden Umtrieben er natürlich auch nichts wusste. Der Hannes ist naiv udn kreativ. Es ist wunderschön, dass es solche Leute gibt, aber bitte: Nicht in der Politik oder auch nur in deren Nähe. Würde er nach Kuba ziehen, wäre das was anderes…

Hansgeorg Voigt / 25.08.2020

Kuba gehört zu den technischen „Lost Places“. Es ist nahezu unmöglich brauchbare Internetverbindungen in dieses Land herzustellen. Es ist noch nicht einmal mehr strategisch für Russland relevant und so dämmert es am Rande der Zivilisation. Wenn über Kuba berichtet wird, geht es nur noch um Zigarren und Folklore. Die Bilder dazu sind eher erbärmlich. Aber wir sollten den Blick nicht so weit schweifen lassen. Corona, Energieversorgung, Landwirtschaft, Klima, Diesel Fahrverbote, Kriminalität, Extremismus, ... die Liste der statistischen Halbwahrheiten und Lügen ist mittlerweile lang. Und wer kennt sie nicht, die tägliche Umfrage zum Pegelstand der Parteien. Desinformation ist Bestandteil der asymetrischen Kriegführung gegen Fremde und im Sozialismus gegen das eigene Volk. Immer noch pendeln die Corona Kranken bei 250 auf den Intensivstationen und trotzdem liegt das Volk in Agonie. Wenn morgen Merkel sagt, springt in den Rhein, gibt es in Köln und Düsseldorf einen Flashmob und tausende springen in den Rhein. Wahrscheinlich sollten mehr Menschen nach Kuba in Urlaub fahren, auch die Sozialisten und mal drei Wochen dort leben und krank werden. Vielleicht hilft das. Reisen außer nach Malle bildet ungemein.

Volker Kleinophorst / 25.08.2020

@ R. Bauer. Das dachte ich auch. Warum in die Ferne schweifen. Zu Migration, Ausländerkriminalität, Islam, Wirtschaft, Bildung… ist jede Statistik in Clownsland geschönt. Staatswissenschaftler haben wir ebenfalls. Den Text @ W. Krämer finde ich sehr interessant, besonders weil dieser Vergleich zwischen den Zeilen mitschwingt.

Franz Klar / 25.08.2020

Ein irrlichternder Aufsatz . Der verlinkte Aufruf glorifiziert an keiner Stelle das kubanische Gesellschaftsmodell . Im Gegenteil wird die Verarmung beklagt . Lt. Wikipedia lebt der Coautor mit seiner kubanischen Ehefrau zeitweise auf der Insel . Warum ? Und soll dieser Artikel jetzt das Embargo als ” Strafe ” rechtfertigen ? Wer als Tourist schon einmal dort war , kann das nur als schäbig und niederträchtig empfinden . Sorry ! Auf den prowestlichen Nachbarinseln ist die Bevölkerung fast genau so arm . Kuba ist nicht Nordkorea und bedroht nicht seine Nachbarn .

Marcel Seiler / 25.08.2020

Sehr schöner, sehr informativer Artikel. Danke!

Dr. Günter Crecelius / 25.08.2020

Niemand muß an die Verhältnisse in der seligen DDR oder im Arbeiterparadies Kuba erinnert werden, um sich in ein wohliges Grausen über die Verhältnisse anderswo versetzen zu lassen. Vor einiger Zeit wurde in einer WDR5 Sendung über eine Statistik der Arbeitsagentur berichtet: danach hatte von den Flüchtlingen 56000 eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Am Abend waren in den Fernsehnachrichten daraus 56 Prozent geworden. Noch Fragen?

Helmut Driesel / 25.08.2020

  So einen statistisch erhellenden Bericht würde ich gerne mal über Afghanistan lesen, dem seit vielen Jahren angeblich “ärmste Land der Welt”. Die hatten doch stetige Einnahmen aus dem Drogenhandel, die weit über den Haushalten mancher anderer, gefühlt “führenden Industrienationen” lagen.

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