Rainer Bonhorst / 28.06.2017 / 18:08 / Foto: Ralf Roletschek / 6 / Seite ausdrucken

Einen Opa mit Bart hätten wir auch, aber…

Nach dem biederen SPD-Parteitag darf man sich mal wieder fragen: Warum ist Deutschland (fast) das einzige Land, in dem die Parteienlandschaft nicht durcheinander gewirbelt wird? Warum muss man sagen: In Deutschland nichts Neues. Wo zur Zeit doch in den näheren und ferneren westlichen Nachbarländern so vieles auf den Kopf gestellt wird. Liegt es an der flächendeckenden Begeisterung für unsere Dauerkanzlerin? Bevor jemand in die Luft geht: Diese letzte Frage war rein rhetorisch. So sicher es scheint, dass Angela Merkel wiedergewählt wird, so wenig wird es daran liegen, dass sie in der Wählerschaft Flammen des Enthusiasmus entfacht. Was also ist los beziehungsweise nicht los? Woanders geht es doch auch. Und zwar in mehrfacher Hinsicht, mal links, mal rechts, mal mitten drin.

In Frankreich haben wir eine starke Frau, die allerdings in den klassischen Kreisen des Starke-Frauen-Kults Schock und Horror auslöst: Marine Le Pen ist mit ihren Frontnationalen so mächtig, dass sich nahezu die komplette politische Männerwelt Frankreichs zusammenraufen musste, um sie draußen zu halten. Und wer weiß, ob das überhaupt gelungen wäre, wenn da nicht dieser smarte und optisch hochwertige Monsieur Macron mehr oder weniger aus dem Nichts aufgetaucht wäre. Der hat die alten Parteien-Fesseln einfach durchgeschnitten, eine neue En-Marche-Kreation geschaffen, und fertig war die Revolution der Mitte, was immer das auch sein mag.

Also, in Frankreich sorgten eine harte Frau und ein smarter Newcomer für Wirbel. In Amerika und in England waren es Opa-Revolutionen. Die Opas sind Bernie Sanders und Jeremy Corbyn. Donald Trump auch, aber der ist beides: Opa und Newcomer. In dieser doppelten Eigenschaft hat er die Republikaner so sehr aufgemischt, dass ihnen Hören und Sehen verging. Und stellen wir uns nur mal vor, bei den Demokraten hätte sich nicht die starke und ebenso stark verhasste Frau Hillary Clinton durchgesetzt, sondern Bernie („Feel the Bern“) Sanders. Wer weiß, ob der ganz linke Opa den rechts-chaotischen Opa nicht geschlagen hätte. Immerhin hat auch der linke Opa seine demokratische Partei so sehr aus dem Gleichgewicht gebracht, dass sie bis heute nicht weiß, wo ihr der Kopf steht.

Auch England ist seit der Opa-Revolution des Jeremy Corbyn aus dem Gleichgewicht geraten. Programmatisch und im Erscheinungsbild ein Zwilling des Amerikaners Bernie Sanders, war Corbyn nach Einschätzung aller klugen Köpfe als Totengräber der Labour-Partei in den Wahlkampf gezogen. Und hat dann die gefühlte eiserne Lady Theresa May aus ihrer Siegessicherheit gerissen und an den Rand des politischen Grabes getrieben. Sie darf nur noch überleben, weil ihre Partei Angst hat, bei einem schnellen Führungswechsel Opfer der von Jeremy Corbyn losgetretenen Opa-Revolution zu werden.

Und ein Stück weiter links? Gibt's da irgendwen?

Nun, einen Opa mit Bart haben wir in Deutschland auch. Aber als Revolutionär war Martin Schulz nur ein Kurzstreckenläufer. Die Parteimaschine hat ihn ganz schnell wieder eingefangen, und aus ist der Traum von einer irgendwie links gearteten Revolte gegen die übliche Große Koalition.

Und ein Stück weiter links? Gibt's da einen kessen Opa? Oder eine smarte Power-Frau? In einer Parteimaschine, gegen die die SPD wie ein politisches Supermodel wirkt? In einem Laden voller DDR-Nostalgiker? Soll ich den Namen Sahra Wagenknecht wirklich in die Debatte werfen? Die ist zwar politisch das Gegenteil von Marine Le Pen, tritt aber nicht minder selbstbewusst auf. Und sie ist smart genug, um auch neben Emmanuel Macron gut im Zeug zu wirken. Aber lassen wir das. Mit dem Gepäck unserer Linken auf dem Rücken hätten selbst Corbyn und Sanders keine großen Schritte machen können. So reicht es bei Sahra Wagenknecht eben doch nur zur Talk-Show-Revolutionären.

Fällt mir sonst noch jemand ein? Die Grünen hätten einen, der einen ziemlich überzeugenden, mild-revolutionären Opa-Stil pflegt. Aber den haben sie in Baden-Württemberg eingesperrt und lassen ihn nicht raus, damit er ihre Berliner Gemütlichkeit nicht stört.

Wär's das? Oder ist da noch irgendwo ein versteckter Corbyn-Sanders-Drilling, der die Jugend mitreißt und an die Wahlurnen bringt wie die beiden Grauhaarigen in England und Amerika? Nein, ich sehe keinen. Und wo keiner ist, da geschieht auch nichts. Warum sollte es auch. Wir haben schließlich, was die anderen nicht haben: unsere Angela.

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Leserpost (6)
Wolfgang Richter / 29.06.2017

Der medial und links-grün ausgerichte Jubel der europäischen selbst ernannten Eliten bezüglich des fulminanten Wahlsiegers Macron und seiner angeblichen “Revolution aus der Mitte” nimmt nicht zur Kenntnis, daß seine “neue” Partei nur ein Sammelbecken der alten Eliten ist, zur Täuschung der wenigen Wähler, die sich vom Ruf zur Wahlurne haben locken lassen, versehen mit einem neuen Etikett, letzter Wechsler der Ex-Sozialist Vaals. man darf gespannt sein, wie lange dieser Etikettenschwindel hält, bzw. wann in Frankreich die Macht der Straße das Etikett von der Flasche reißt, um sodann über den dahinter versteckten korkigen Wein zu lamentieren.

Torsten Bengtsch / 29.06.2017

Es gäbe ja noch eine Alternative, die diese Bezeichnung auch im Parteinamen trägt und vor kurzer Zeit noch lt. Umfragen drittstärkste Kraft im Bund werden konnte. In einer Mischung aus “innerparteilichen Querelen” und “von den Medien totgeschrieben” lässt sie derzeit aber leider ordentlich Federn. Dabei hätte sie als einzige Partei echte Alternativen zur Einheitsbrei-Politik der etablierten zu bieten.

Volker Brandt / 28.06.2017

Die Antwort auf die eingangs gestellte Frage ist einfach: Noch produziert Deutschland ökonomischen Wohlstand, getrieben von künstlich niedrigen Zinsen und einem krass unterbewerteten Euro. Das genügt einstweilen, um dem herrschenden Politikbetrieb die Massenloyalität zu sichern. Ändern wird sich das erst, wenn die Wirtschaftsblase platzt und die ungeheuren Lasten freigelegt werden, die CDU, SPD und Grüne dem Land aufgebürdet haben. “Wenn die Ebbe kommt, sieht man, wer ohne Hosen gebadet hat.”

B.Klebelsberg / 28.06.2017

Eigentlich bin ich der Meinung dass wir keinen Führer brauchen sollten, Opa hin oder her. Der mündige, freie, sogar wohlhabende Bürger sollte es doch selber richten können. Warum lässt sich dieser mit Ehe für Alle beschäftigen, während hunderttausende Goldstücke aus afroasiatischen Slums die Städte kapern?  Warum lässt der Bürger sich von einer absurdischen Energiewende schröpfen, obwohl die Anwendung eines Dreisatzes zur Entlarvung genügt? Warum lässt er sich bei jedem, aber auch jedem Kleinkram von staatlichen Besserwissern fremdsteuern? Warum lässt er sich von griechischen und italienischen Finanzschwindlern aussaugen und fühlt sich auch noch gut bei alldem? Keine Ahnung, da hilft auch kein führender Opa mehr. Ich glaube die Nachbarn sollten bald wieder die Deutschen vor sich selbst retten und die Bunte Republik Deutschland schnellst möglich auflösen!

Rainer Küper / 28.06.2017

Begrenzen wir die Amtszeit des Bundeskanzlers auf 2 Wahlperioden. Führen wir das Mehrheitswahlrecht für das Bundesparlament ein. Wählen wir den Bundespräsidenten direkt. Drei kleine Änderungen, und auch in Deutschland gäbe es eine lebendige Demokratie.

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