Der Ukraine-Krieg sorgt – wie seinerzeit in „Rick's Café“ in Casablanca – für eine wunderbare Freundschaft und – ganz ohne Rick – für eine wundersame Feindschaft. Die wunderbare Freundschaft ist zwischen Boris Johnson und Wolodymyr Selenskyj erblüht. Die wundersame Nichtfreundschaft hat sich zwischen Kiew und Berlin aufgetan.
Johnsons Innenministerin Priti Patel hält sich und ihrem Land zwar die ukrainischen Flüchtlinge vom Leib, dafür schickt der Premierminister seinem ukrainischen Freund all die schweren Waffen, die dieser sich wünscht. Deutschland macht es genau umgekehrt. Wir heißen – anders als die herzlose Britin – die ukrainischen Flüchtlinge willkommen, speisen ihren Präsidenten aber mit militärischen Petitessen ab.
So gemein ist das Leben. Da breiten wir Deutschen in schönster Willkommenskultur die Arme aus, herzen die Flüchtlinge und stehen doch als egoistische Hilfsverweigerer da. Dagegen macht Englands Priti Patel, selber eine Immigranten-Tochter, jeden Versuch der flüchtenden Ukrainer, den Weg auf die Insel zu finden, zu einem Hindernislauf. Derweil wird ihr Chef in der Ukraine als Retter in der Not gefeiert.
Da scheint irgendetwas schiefzulaufen. Die Schieflage ist in Berlin leicht auszumachen. Sie zeigt sich sogar auf ebenfalls wunderbare Weise in der Koalition. Während die von Hause aus pazifistischen Grünen den Kanzler bedrängen, endlich die militärische Hilfe zu liefern, die Selenskyj braucht, sitzt Olaf Scholz als trotziger Tunix hinter seinem Schreibtisch. Robert Habeck und Annalena Baerbock profilieren sich in der Krise, Olaf Scholz wird zum Mann ohne Eigenschaften, und seine Partei, die eigentlich führende in dem Dreier-Bund, wird zur unsichtbaren Dritten.
Genetisch verfestigte Abneigung gegen Amerika
Warum eigentlich? Scholz wäre doch gerne eine Art Flutkrisen-Helmut-Schmidt. Er hat zum Beginn des Krieges sogar von einer Zeitenwende gesprochen. Aber nun hockt er da und schiebt die Zeitenwende vor sich her. Was er tut beziehungsweise nicht tut, geschieht aus Sorge um unser schönes Russengas, von dem wir uns in einer Jahrzehnte währenden großen Russland-Koalition abhängig gemacht haben. Man kann also sagen: Die Sorge um Deutschlands warme Stuben drückt den Kanzler nieder auf seinen Sessel.
Aber dann ist da auch noch etwas anderes: die alte Liebe vieler Sozialdemokraten zu unseren russischen Nachbarn. Und eine alte Liebe stirbt nicht so schnell. Zumal es nicht nur eine Herzensliebe ist, sondern auch eine zutiefst politische Liebe. Wandel durch Annäherung heißt das von Willy Brandt entwickelte Prinzip, das sich auch Angela Merkel zu eigen gemacht hat. Indirekt unterstützt wurde und wird die Russlandliebe vieler Sozialdemokraten durch eine genetisch verfestigte Abneigung gegen den anderen Giganten, das kapitalistische Amerika.
Der Wandel durch Umarmung hatte seine Zeit und seine Erfolge. Er hat vielen Menschen in Ost und West das Zusammenleben erleichtert. Aber man sollte immer ein bisschen vorsichtig sein, wenn man einen Bären zu umarmen versucht. Man sollte immer nach einem Fluchtweg Ausschau halten, auch wenn der Bär lieb ist. Ob es schließlich die herzliche Umarmung war, die zum Kollaps der Sowjetunion führte, oder der sauteure Rüstungswettlauf, ist eine Frage der Religion. Ich neige zur Ökumene und sage: Es war ein bisschen von beidem.
Was aber tun, wenn der umarmte Bär unruhig wird und Anzeichen von Hunger zeigt? Weiter Honig um den Bart schmieren? Oder versuchen, sich aus der unangenehm werden Umarmung zu befreien? Vor allem in der SPD gibt es genügend Leute, die an der Umarmung festhalten, auch wenn sie nach und nach einen sado-masochistischen Charakter annimmt. Und die alte, inzwischen schmerzhafte Russland-Liebe bewirkt, dass man mit allen Tricks versucht, den Ukrainern so wenig wie möglich zu helfen, damit man den Moskauer Ex(?)-Freund so wenig wie möglich verärgert.
Stramm, aber auf dem Zahnfleisch
Erschwerend kommt hinzu, dass man einer nackten Verteidigungsministerin nicht in die Taschen greifen kann. Und die Bundeswehr steht nun mal ziemlich entblößt da. Stramm, aber auf dem Zahnfleisch.
So weit, so blöd. Und dann geschieht Folgendes: Die ukrainischen Kriegspolitiker drehen in ihrer Nervosität ein bisschen durch, vergreifen sich im Ton gegenüber dem deutschen Führungspersonal und laden sogar unseren Bundespräsidenten aus. Der wäre gerne auch mal in die Ukraine gekommen, nachdem die halbe Welt schon da war. Aber den Frank-Walter Steinmeier wollen sie nicht, weil der Olaf Scholz nicht kommt. So kindisch kann Politik sein. Und plötzlich haben wir sie, die wunderbare Unfreundschaft auf höchster deutsch-ukrainischer Ebene.
Eine alte politische Regel lautet: Wenn einer kindisch ist, wird der nächste es auch. So wird der Spieß nun umgedreht: Wer unseren Bundespräsidenten beleidigt, der kriegt unseren Kanzler erst recht nicht. Wie sagte man früher bei der SPD? Ätschibätschi. Ein zweiter Kriegsschauplatz mit allen Zügen einer Farce ist entstanden. Und Selenskyj hat mit dem Bodycheck in Richtung Steinmeier dem Bundeskanzler die perfekte Ausrede geliefert, um die Finger von der heißen Kartoffel namens Ukraine zu lassen.
Derweil helfen deutsche Normalbürger geflüchteten ukrainischen Normalbürgern zu überleben. Unter den deutschen Helfern, die sich um die Ukrainer kümmern, befinden sich auch etliche mit russischem Migrationshintergrund. Normalbürger handeln nun mal gerne normal und nicht im erhöhten Erregungszustand, der zuweilen die Politik plagt. Die Russlanddeutschen können besonders gut helfen, weil sie fast die gleiche Sprache wie die Ukrainer sprechen. Also eine vernünftige Sache.
Dass jetzt mancher Russlanddeutsche von deutschen Ureinwohnern beschimpft und mit Eiern beworfen wird, liegt daran, dass nicht jeder Normalbürger die hellste Kerze am Weihnachtsbaum ist, wenn dieses Bild zur Osterzeit gestattet ist. Dass wiederum manche Russlanddeutsche weiter für Putin und seinen Krieg schwärmen, liegt ebenfalls daran, dass auch in ihren Kreisen manche Kerze nur dünn schimmert.
Nach diesem Ausflug in die Welt des normalen Menschenverstandes wird es Zeit, wieder zur Politik und zu unserem deutsch-englischen Ausgangspunkt zurückzukehren. Hier lautet das Fazit: kluges (schlaues?) England, konfuses Deutschland. Das einwanderungsfeindliche Brexit-Land wird geliebt, unser Willkommenskultur-Land wird verachtet. Tja: Wer dem Kunden gibt, was er wünscht, gewinnt ihn. Wer ihn vertröstet, verliert ihn. So wurde Boris Johnson für die Ukraine zum Superman und Olaf Scholz zum Hobbit.
Beitragsbild: President.gov.ua CC BY 4.0 via Wikimedia Commons

Deutschland hat nach Bismarck und 1914 irgendwie immer nur falsche Entscheidungen getroffen. Von wegen Land der Dichter und Denker, eher Land der Vollidioten und zwar heute mehr denn je. Aber auch Sie, Herr Bonhorst fallen mal wieder mit schlechten Bildern und Vergleichen auf… Wer bitte will sich eine nackte Christine Lambrecht vorstellen, ohne für Jahre sexuell traumatisiert zu werden?! Und was den Hobbit betrifft, da sollten Sie wissen, dass die Hobbits am Ende der Ringe-Saga, die großen Helden sind. Ganz im Gegensatz zu Deutschland, dass immer von der Rolle des großen Verlierers zum Pausenclown bis zum Dorfidioten wechselt.
Herr Bonhorst, Sie schreiben:
„Die ukrainischen Kriegspolitiker drehen in ihrer Nervosität ein bisschen durch, vergreifen sich im Ton gegenüber dem deutschen Führungspersonal und laden sogar unseren Bundespräsidenten aus. Der wäre gerne auch mal in die Ukraine gekommen, nachdem die halbe Welt schon da war. Aber den Frank-Walter Steinmeier wollen sie nicht, weil der Olaf Scholz nicht kommt.“ – - –
Zunächst einmal: Steinmeier war ja als Dudas Reisekoffer eingecheckt worden.
Erinnern Sie sich noch daran, was Merkel tat, als Trump Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt hatte und die Botschaft verlegte.
Sie griff hinterfotzig zum Telefon und redete den Führern der EU-Staaten einzeln aus, es Trump nachtun zu wollen.
Jetzt stellen wir uns einmal vor, Zelensky sitzt da mit seinen engsten Verbündeten zusammen am Tisch und die stimmen sich ab über ihr weiteres Vorgehen. Und da sitzt ein fünftes Rad am Wagen und lauscht mit? Und greift womöglich nachher zum Telefon und tauscht ein paar „Zärtlichkeiten“ mit Lawrow aus? Kann nicht sein! Darf nicht sein. Hier war die ukrainische Seite logistisch also nicht vorbereitet! Steinmeier ist de facto ein potenzielles Sicherheitsrisiko für die Ukraine und muss also entsprechend gesondert empfangen werden.
Aber vielleicht wollte Duda ja auch, dass es knallt, weil ihm die deutsche Politik gegenüber Polen schon lange auf den Senkel geht?
Fakt ist, die Ukraine hat Steinmeier nicht eingeladen. Aber hat sie ihn wirklich auch ausgeladen? Die einzige entsprechende offizielle Verlautbarung kam doch von Steinmeier selbst! Er hat den Skandal doch dadurch selbst ausgelöst, hätte doch genauso gut die Klappe halten können und runterspielen, also den Ball einfach flach halten. Dann wäre gar nichts gewesen. Steinmeier hat hier der Ukraine vorsätzlich maximalen Schaden zugefügt. Absichtlich.
Irgendwie kommt es mir so vor, als ob der Boris ähnlich erratisch drauf ist wie Trump. Soll er machen und uns dabei in Ruhe lassen. Wäre ich Dipp-ein-Depp- ein Diplomat, dann täte ich dem Wolodymyr sagen: I understand, du willst dem Russen auf die Fresse hauen, ein Herzenswunsch von dir. Was brauchst du? Die brauchen schon lange ein Abreibung, wie meine Kinder früher, die manchmal förmlich nach Schlägen bettelten. Habe ich ihnen dann großmütig gegeben – in aller Verhältnismäßigkeit, versteht sich. Kindgerecht. Eine riesen Gaudi war das immer. Wenn die West- und die Ostslawen dann müde von der Walstatt wanken, dann sehen wir weiter. Pack schlägt sich, Pack verträgt sich. Basta. Soll sich Boris mit denen herumschlagen, WIR haben die Schnauze voll von denen. Nochmal müssen die nicht Auschwitz, Bergen-Belsen, was weiß ich noch befreien. Sollen zeigen, dass sie besser sind als wir. Jetzt haben sie die Chance. Ich denke, wir haben unseren Beitrag zur menschlichen Geschichte ausgiebig geleistet, jetzt sind andere dran. Und der Moslem schaut verwundert und lauert. Wie 1453 (Ende des 100-Jährigen), 1683 (Ende des 30-Jährigen 1.0), 1945 (Ende des 30-Jährigen 2.0). Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Es lebe die Blödsichtigkeit nach Georg Christoph Lichtenberg: Jeder sieht’s, kaum einer begreift es – im Hirn. (Ist vielleicht nicht von GChL, vielleicht eher von GBS – George Bernard – auf Karl Popper täte es auch passen. Aber wenn es keiner auf seine Kappe nimmt, ich bin breit, dann eben nach GG). Salve.
@Franz K.: Wir beide sollten wirklich mal eine Ethanolwirtschaft eröffnen. Wäre bestimmt lustig. Gruß G. Giesemann.
Franz Klar :
„Nicht nur die Sozen lieben innig Großrußland . Es ist eine bekennende Kreuzundquerfront aus AfD , Linkspartei“ – - -
So schaut’s aus. Die Schnittmenge aus AfD, SPD und LINKE heißt Putin. Wobei die „Wer hat uns verraten“ an den Gazprom-Milliarden teilhaben, während die AfD sich freuen tut, dass wer mit ihr redet.
Vermutlich sind einige Trolle hier sehr SPD-nah. Und der AfD-Freund glaubt, das wären seine Leute. Putin spielt sie alle gegeneinander aus.
Ich mein, die AfDler blicken Politik eh nicht.
Hätten in Südthüringen nur Maaßern ihre Erststimmen geben müssen und die CDU-Wähler im Gegenzug alle Zweitstimmen der AfD, dann wär der Radfahrer nie rein gekommen, aber Maaßen und ein weiterer oder sogar mehrere von der AfD-Landesliste. Win-win statt Totalschaden. Aber „nähäh, wir sind beldeidigt“.
Die sind wie zugebrettert. Da ist es eigentlich schon egal, ob man sie wählt oder nicht. Aus Schaden werden die nicht klüger. Komische Leute.
Ich hatte ja gestern, zu dem Gastkommentar von Michael Lind, hier einige wirtschaftliche Gedanken beschrieben. GB und Boris Johnson kann noch ne Weile mit Selenskyj, auf virtuellen Bühnen den politischen Helden spielen, dem an Beliebtheit die Westmedien, Lorbeer Kränze winden, bis ihm Zuhause seine GB-Bürger, an der Tankstelle, den Supermärkte und bei den Heiz- und Strom-kosten an die Hammelbeine gehen. Die Briten tun so als seien sie immer die Sieger, deren Glorie&Empire; ging ja nie zu Bruch. Die Deutschen sind immer Verlierer, seit Versailles und jetzt schon mal wieder an der Reihe, ihre Industrien herauszurücken, keine Widerworte zu geben, ihre Vermögenswerte abzugeben, hängen halt im Euro, es herrscht eben Kriegsrecht und da gelten die Regeln der Besatzung. Wer nicht rechtzeitig auf der richtigen Parteiseite mitmacht, ist für die eigenen Karrierefolgen selbst verantwortlich. Ok, ich hab schlechte Karten, Null anonyme Privat-Millionen auf Steuerparadies-Inseln gebunkert, nie Politstar gegen Spitzengagen, in Palästen und auf Klima-Festivals eingenommen. Warum hätte ich mich denn, Abhängig wie ein hübscher Hund, machen sollen?
So ist das mit dem normalen Menschenverstand, am meisten davon haben wohl diejenigen, die damit protzen, Sie haben die Übersicht, den Blick von der hohen Warte der westlichen Werte auf den Abschaum der Menschheit. Aus sapere aude wird schnell sapere ade, wenn es der eigenen Bequemlichkeit und den eigenen Interessen dient.