Henryk M. Broder / 10.11.2017 / 12:31 / 1 / Seite ausdrucken

Eine schrecklich arme Familie und eine Reporterin voller Mitgefühl

Anfang November begab sich die RTL-Reporterin Raschel Blufarb von Tel Aviv  nach Gaza, wo "die Frauen weder verhüten noch abtreiben dürfen" und sich "nach Selbstbestimmung und Freiräumen sehnen", so die Moderatorin des RTL-Nachtjournals, Ilka Essmüller, in ihrer Anmoderation.

In Gaza, einer "der am dichtesten besiedelten Regionen der Welt" - eine Floskel, die in keinem Bericht aus Gaza fehlen darf -, besucht Raschel Blufarb eine leicht atypische Familie. Jamal, seine drei Frauen und insgesamt 34 Kinder. "Wir können sie schlicht nicht ernähren", sagt eine der drei Ehefrauen von Jamal, die mitnichten unterernährt oder verwahrlost aussieht, ganz im Gegenteil. Auch die beiden anderen Frauen machen einen properen Eindruck, ebenso wie die 34 Kinder der Großfamilie. Alle wohnen unter einem Dach, jede Frau hat eine Etage für sich und ihre Kinder. Vater Jamal pendelt, von einer Etage zur anderen, und weil es ihm langsam fad wird, wünscht er sich eine vierte Ehefrau, mit der er weitere Kinder haben möchte, sie müsste nur eine "dünnere und jüngere" sein als die drei, er er schon hat.

Kein Wunder, dass Jamal arbeitslos ist. Wer hätte unter diesen Umständen Zeit zum Arbeiten? Gut, dass er sich wenigstens ein paar Minuten freinimmt, um die RTL-Reporterin zu empfangen, nachdem er ein wenig auf dem Markt eingekauft hat. Für den Fall, dass ein Zuschauer an dieser Stelle stutzen und fragen sollte, womit oder wovon er die Einkäufe bezahlt, erklärt Raschel Blufarb, wie der 34-fache Vater das Versorgungsproblem löst: "Die Familie lebt haupstächlich von Spenden." Könnten es UNRWA-Zuwendungen sein? Oder hat sich womöglich eine der in Gaza wohltätigen deutschen NGOs der Famile angenommen?

Es ist ein Schmierenstück der Extraklasse, bei dem Bild und Ton auseinander laufen. Man sieht eine fröhliche Familie, die unter Umständen lebt, von denen die meisten Menschen in Ägypten, Syrien, Jordanien und dem Libanon nur träumen können, und hört, wie arm sie ist und welche Mühe die Mütter haben, ihre Kinder satt zu kriegen. Am Ende des Tages bleibt ihnen nur die Hoffnung, "dass sie den nächsten Tag überstehen werden und dass es irgendetwas zu essen gibt für ihre 34 Kinder". 

Das kann doch nicht wahr sein, dachte ich, nachdem ich den Bericht gesehen hatte, und schickte eine Email an Peter Kloeppel, den RTL-Nachrichtenchef, mit der Bitte um Aufklärung. Der reichte die Emal an seine Reporterin in Tel Aviv weiter. So kam es zum folgenden Notenwechsel:

Lieber Herr Broder, Peter Kloeppel leitete mir eine Mail von ihnen weiter.  Gern beantworte ich ihnen die Fragen zum Bericht aus Gaza. Bitte geben sie mir doch ihre Telefonnummer. Ich melde mich dann.

Herzliche Grüße, Raschel

liebe frau blufarb, ich gebe ihnen gerne meine tel-nummer. wir können uns auch in cafe mersand treffen oder die rehov sheinkin rauf- und runterflainieren. seien sie aber so nett, vorher die mail zu beantworten, die ich an herrn klöppel geschickt habe, der offenbar noch nie in gaza war.

dash, b.

liebe frau blufarb, kann ich noch mit einer antwort von ihnen auf die mail rechnen, die herr klöppel an sie weiter geleitet hat? die drei minuten werden sie doch zwischen zwei besuchen bei den armen von gaza wohl noch finden, oder?

shalom, b.

Lieber Herr Broder, ich rede gern und ausführlich mit ihnen über das Thema, und beantworte gern alle Fragen. Warum das schriftlich stattfinden soll, erschließt sich mir nicht. Wenn sie also Zeit finden für ein persönliches Gespräch unter Journalisten, sehr gern. Die zwei Minuten werden sie doch haben, nahon? :)

Lg, R.

lo nahon. es geht nicht um ein gespräch "unter Journalisten". ich will mit ihnen auch nicht ins separee. sie teilen sich ihren zuschauern öffentlich mit und sollten in der lage sein, fragen zu ihrem auftreten auch öffentlich zu beantworten. haben sie das auf der reporterschule nicht gelernt?

b.

"Nahon?" bedeutet "stimmt?" Und "lo nahon" bedeutet "stimmt nicht!". Jetzt warte ich  auf den nächsten Tearjerker von Raschel Blufarb, über den sie nur unter vier Augen sprechen möchte.

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

B.Klingemann / 10.11.2017

In jedem staatlichen Kindergarten in Deutschland herrschen schlechtere Zustände als in dieser Familie. Was hat die Journalistin dort gemacht? Urlaub? Auf dem Markt eingekauft? Beim Kochen geholfen? Es fehlte nur noch der Hinweis, dass Israel die 34-köpfige Familie quasi verhungern lässt… - Peter Klöppel ist übrigens gelernter Agrar-Ingenieur.

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Henryk M. Broder / 16.05.2022 / 16:00 / 59

Eine Diktatur ist kein Ein-Mann-Betrieb

Man soll die Russen nicht für ihre Führung in Sippenhaft nehmen. Aber ohne  Mitläufer kann sich keine Diktatur entfalten. Der Apparat muss bespielt und jeder…/ mehr

Henryk M. Broder / 01.05.2022 / 12:00 / 88

Schröder macht den Putin

Ein Interview, das Gerhard Schröder der New York Times gegeben hat, brachte den Ex-Kanzler der Bundesrepublik über Nacht zurück in die mediale Öffentlichkeit. Obwohl er…/ mehr

Henryk M. Broder / 24.04.2022 / 11:00 / 78

Alice Schwarzer und die maximale menschliche Hilfe

Die Verlegerin und Chefredakteurin der Zeitschrift Emma hat in einem Online-Beitrag die frühere Bundeskanzlerin Merkel und den jetzigen Bundespräsidenten und früheren Außenminister Frank-Walter Steinmeier gegen Vorwürfe verteidigt,…/ mehr

Henryk M. Broder / 16.04.2022 / 06:25 / 200

Hier irrt Roger Koeppel

Bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung gilt die „Unschuldsvermutung". Auch im Falle von Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, meint Roger Koeppel. Henryk Broder widerspricht. Roger…/ mehr

Henryk M. Broder / 18.02.2022 / 10:00 / 110

Und jetzt auch der Martenstein

Am 6. Februar erschien im Tagesspiegel, laut SZ „Berlins führender Regionalzeitung“, eine Kolumne von Harald Martenstein zum Thema „Nazi-Vergleiche“. Darin ging es um „Impfgegner“, die…/ mehr

Henryk M. Broder / 10.02.2022 / 10:00 / 70

Ein wenig Scharia ins Grundgesetz

Im Netz macht derzeit ein kurzer Video-Clip die Runde, in dem Omid Nouripour, der neue Co-Vorsitzende der Grünen, zu sehen und zu hören ist, der…/ mehr

Henryk M. Broder / 09.02.2022 / 11:00 / 153

Die Hohe Schule der Desinformation

Am vergangenen Montag berichtete die Tagesschau in ihrer 17:00-Uhr-Ausgabe über die Besetzung der kanadischen Hauptstadt Ottawa durch wütende Trucker. Die Situation sei „völlig außer Kontrolle"…/ mehr

Henryk M. Broder / 10.01.2022 / 10:00 / 80

Bedeutende Denkerinnen und Denker des 21. Jahrhunderts: S. L.

Letzten Mittwoch erschien in der NZZ ein Artikel von Oliver Maksan darüber, wie „die Pandemie das Verhältnis der Deutschen zum Staat derzeit bunt durcheinander" würfelt. Der…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com