Gunnar Heinsohn / 04.02.2017 / 20:00 / Foto: Jonathunder / 0 / Seite ausdrucken

Eine Rede für den nächsten Bundeskanzler

Liebe Mitbürger!

Mit Stolz hören wir die Ermutigungen über deutsche Wirtschaftsmacht und globale Führerschaft. Doch die Welt weiß nicht, wie schnell unsere Mittel schwinden. Wer von mir erwartet, Europa zusammenzuhalten und auf der Weltbühne nach dem Zepter Amerikas zu greifen, muss wissen, dass wir nicht können, was wir sollen, selbst wenn wir es wollen. Durch die Offenbarung unserer Überforderung will ich auch der Europäischen Union klarmachen, dass sie zumindest das nicht bleiben kann, was sie durch unsere Zahlungen ist.

Demografisch nämlich bedeutet das Weggehen Großbritanniens so viel wie das Ausscheiden von Malta, Luxemburg, Zypern, Estland, Lettland, Litauen, Kroatien, Finnland, Dänemark, Bulgarien, Österreich, Schweden und Portugal. Wenn die noch von London nach Brüssel gezahlten fünf bis zehn Nettomilliarden jährlich entfallen, werden im Zweifelsfall wir dafür einspringen müssen. Dabei sind wir schon jetzt mit netto rund fünfzehn Milliarden Euro jährlich der Hauptgarant für europäische Träume, obwohl wir beim Geldvermögen nur auf dem achten Platz liegen  Immer mehr solcher Zusagen bringen uns an den Punkt, da deutsche Staatspapiere ihr Triple-A-Ranking verlieren. Wenn unsere Obligationen aber nicht mehr mündelsicher sind, gefährden wir alle, die sie als Reserven oder Eigenkapital halten. Der Euro verlöre jeden Halt.

Zugleich besteht plötzlich Washington darauf, dass wir die versprochenen zwei Prozent unseres Bruttoinlandsprodukts für die Bundeswehr auch endlich einsetzen. Wenn wir Amerikas nuklearen Schutzschild behalten wollen, müssen wir jährlich rund 25 Milliarden Euro zusätzlich aufbringen. Das wird nicht einfach, wenn allein meine Hilfe für die seit 2015 gekommenen und bis 2020 noch erwarteten Flüchtlinge langfristig 1,5 Billionen Euro kosten könnte. Wir hatten ja Ende 2015 schon 979.000 Ausländer auf Hartz-IV nach nur 130.000 im Jahre 2010. Solche Zuwächse halten wir nicht durch.

Das Bewahren unserer äußeren Sicherheit fällt aber nicht nur finanziell schwer, sondern stößt auch beim Personal auf Engpässe. Bei unverändertem Gebärverhalten fällt die Zahl unserer 20- bis 65-jährigen Bürger zwischen 2015 und 2060 von 48 auf 28 Millionen. Kein großes Land der Welt hat eine schlechtere Relation zwischen Nachwuchs und Ausscheidenden. Auf 1.000 Ältere zwischen 55 und 59 Jahren folgen bei uns nur noch 650 Junge im Alter von 15 bis 19 Jahren. In den USA oder in Großbritannien sind es 960, beim ostasiatischen Konkurrenten China sogar 990.

Könner werden mit dem zweithöchsten Steuersatz abgeschreckt

Gerade unsere hochmobilen Könner belasten wir mit dem zweithöchsten Steuersatz der Welt, um überhaupt noch Transferzahlungen leisten zu können. 140.000 unserer Besten verlassen auch deshalb jährlich das Land. Wir können nicht mehr wie früher sicher sein, dass eine Mehrheit davon zurückkommt. Wir wissen mittlerweile, dass 52 Prozent unserer aktuell 37 Millionen abhängig Beschäftigten altersarm enden werden, also auf eine Grundsicherung von weniger als 800 Euro monatlich zurückfallen. Welcher Könner will in so ein Land heimkehren oder einwandern?

Die wenigen Kinder, die unter den 60 Millionen Altdeutschen und ihren Millionen Migrationsbürgern überhaupt noch geboren werden, fallen bei den Leistungen immer weiter zurück. Beim Schülervergleichstest in Mathematik (TIMSS) erreichen sie 2007 einen gerade noch akzeptablen 12. Platz. 2015 dagegen enden unsere Viertklässler auf Rang 24. Frankreich, nach uns die Hauptstütze der EU, ist auf Platz 35 praktisch nur noch als Amateur dabei. Am stärksten bedroht uns der geringe Anteil an exzellenten Schülern. Von ihnen müssen die Innovationen kommen, ohne die wir als Exportnation nicht überstehen werden; denn „ein Topingenieur ist dreihundertmal so viel wert wie ein gewöhnlicher“  wie uns der Personalchef von Google ins Stammbuch schreibt (L. Bock, Work Rules! Insights from Inside Google that will Transform How You Live and Lead, New York & Boston: Twelve, 2015).

In Singapur, dem TIMSS-Gesamtsieger von 2015, gehören von 1000 Schülern 501 in die Gruppe der Asse. Selbst in Amerika mit seinem Extremanteil sehr schlechter Schüler sind es noch 140. Bei uns aber gelangen nur 53 von 1000 in dieses Schlüsselsegment. Japaner, die mit 46.9 Jahren das deutsche Durchschnittsalter noch übertreffen, erringen auf eine Million Einwohner 2014 mehr als doppelt so viele internationale Patente wie wir. Das liegt auch daran, dass Tokio auf Einwanderer verzichtet und seine Kinder TIMSS 2015 mit einem Gesamtergebnis von 593 Punkten gegen unsere 522 beenden.

Geht dieser alarmierende Kompetenzverlust weiter, könnte nach unseren längst verlorenen Industrien – Kameras, Computer, Telefone, Fernseher, Tonträger, Schiffbau, Atomreaktoren und so weiter – auch der Maschinen- und Autobau ins Wanken geraten. Um das wenigstens zu verzögern, werde ich zwar niemals „Deutschland zuerst“ intonieren, obwohl wir schlechter dastehen als die USA. Meine Politik wird ab sofort allerdings auf das Kümmern ums Eigene abzielen.  

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