Seit einer Woche ist eine neue Zeitung online und auf Papier erhältlich: Die Ostdeutsche Allgemeine. Ein neues Medium geht an den Start, das ist in diesen Tagen eigentlich kaum eine Meldung wert, gibt es doch seit einigen Jahren Medienstartups in größerer Zahl. Doch hier geht es tatsächlich um eine richtige Zeitung. Eine Tageszeitung mit Meldungen, Politik, Wirtschaft und Kultur. Die Rubrik Stil ist dann am ehesten das, was ein Feuilleton sein könnte, doch das gleich voraus, feuilletonistisch ist noch Luft nach oben. Sport fehlt nicht ganz, man muss dazu weit nach unten scrollen, den Sportmuffel freut es, nicht schon oben mit Fußball belästigt zu werden, das dürfte allerdings eine Minderheitsmeinung sein.
Ableger der Berliner Zeitung
Ins Werk gesetzt hat das Projekt der Unternehmer Holger Friedrich, der schon einmal mit einem Mediencoup von sich reden machte. Im Jahr 2019 kaufte das Ehepaar Silke und Holger Friedrich dem bisherigen Betreiber DuMont die Berliner Zeitung ab. Der Unternehmer und seine Frau waren zu der Zeit Eigentümer des E-Werk, Betreiber der Berlin Metropolitan School und einer Technologieberatung mit dem Namen Core. Die neuen Eigentümer erklärten in einem Essay, sie betrachteten den Kauf der Zeitung als einen „Beitrag bürgerlichen Engagements“ und bezeichneten dies als „einen Beitrag zur außerparlamentarischen Opposition in neuem Format, auch im Sinne bürgerlicher Selbstermächtigung“. Ganz gleich, wie man die Berliner Zeitung sieht, nach dem Kauf wurde sie von einem typischen Mainstream-Produkt aus dem Hause DuMont zu einem interessanten Medium, das die Themen auch mal gegen den Strich bürstete.
Im Prinzip folgt auch die Ostdeutsche Allgemeine, soweit man das nach einer Woche beurteilen kann, diesem Weg. Auch hier haben sich die Eigentümer gemeinsam zu Beginn geäußert. 35 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung komme mit der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung (OAZ) eine neue Zeitung aus dem Osten auf den Markt, so Silke und Holger Friedrich. Die beiden erwähnen die gescheiterte Ost-Taz als letzten Versuch eines eigenen Ost-Mediums, ignorieren aber die „Neue Zeit“ die nach Übernahme durch die FAZ ebenfalls bis 1994 als eigenes Ost-Blatt erschienen war. Das Projekt „reine Ost-Zeitung“ ist also nicht ohne. Neben der Frage, ob es sich etablieren kann, ist auch noch die Frage, ob sich OAZ und die Berliner Zeitung nicht gegenseitig kannibalisieren. In Internet ist Dresden auch nur einen Klick von Berlin entfernt. Die Frage der ostdeutschen Identität stellt sich zudem. Der Mecklenburger ist dem Sachsen in etwa so ähnlich wie im Westen der Holsteiner dem Bayern. Die Grenze zwischen Ost und West, auch wenn sie sich gerade über die Farben Schwarz und Blau versucht neu zu etablieren, ist künstlich. Die Farben sind nicht statisch.
Etwas neues wagen
Der Unternehmer Holger Friedrich zeigt sich immer wieder mutig und innovativ. Doch Licht und Schatten liegen wie so oft nahe beieinander. Im November 2019 hatte die Welt Friedrichs Tätigkeit als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) bei der Stasi offengelegt. Der Unternehmer hatte die Vorwürfe daraufhin im eigenen Blatt bestätigt und erklärt, er habe nach versuchter Republikflucht und damit Fahnenflucht während seines Wehrdienstes in der NVA das Angebot der Stasi zur „Wiedergutmachung“ angenommen. Nach einer sogenannten Verpflichtungserklärung hätte er einige Berichte über sein Umfeld verfasst. Die Berliner Zeitung hatte damals die Stasi-Vergangenheit ihres Eigentümers offensiv aufgearbeitet, ohne allerdings ein Urteil zu fällen.
In ihrem Essay zur Übernahme der Berliner Zeitung (BZ) hatte das Ehepaar Friedrich damals Verständnis für Wladimir Putins Politik geäußert. Ferner zeigten sie in dem Text eine vehemente EU-Skepsis. Für Irritationen hatte die Forderung nach Dankbarkeit gegenüber Egon Krenz gesorgt, „weil er damals, als die Mauer fiel, nicht habe schießen lassen“. Der kurzzeitige Honecker-Nachfolger Krenz war aber mitnichten der friedfertige gute Genosse in der SED-Führung. 1983 wurde er zum Mitglied des Politbüros und Sekretär des ZK der SED für Sicherheitsfragen sowie Staats- und Rechtsfragen ernannt. Somit war er direkt verantwortlich für den Repressionsapparat der SED-Diktatur und die Verfolgung von den DDR-Bewohnern, die sich gegen das Regime auflehnten. Doch das ist für den OAZ-Herausgeber anscheinend nicht so wichtig. Ist das nun eine gezielte Verharmlosung der kommunistischen Diktatur oder nur das Bedürfnis, steile Thesen rauszulassen und auf passende Antworten zu warten? In jedem Fall scheinen BZ ebenso wie die OAZ keine Angst vor Debatten zu haben.
Zeit, sich das Medium einmal genauer anzusehen. Gut eine Woche ist es online, da konnte man schon mal den einen oder anderen Text lesen. Das neue Projekt des Unternehmerpaares kommt mit einer gut aufgeräumten und übersichtlichen Webseite daher. Im Innern steckt Wordpress, das macht die Bedienung für die Mitarbeiter leicht und übersichtlich. Auch für die IT-Leute wird die Arbeit so einfach. Die mobile Ansicht, die Wordpress schon serienmäßig liefert, ist gut zu konfigurieren. Die mobile Ansicht der OAZ korreliert gut mit der Desktopversion. Beide sind leicht zu bedienen.
Natürlich geht es nicht ohne Werbung, diese ist allerdings bis jetzt nicht aufdringlicher als anderswo. Die Startseite auf dem Desktop bietet fünf bis sechs Artikel, nach denen man allerdings erst einmal über Werbung und Eigenwerbung hinweg scrollen muss, bis man zu einem Auswahlbalken kommt, unter dem die fünf Bundesländerportale auswählbar sind: Sachsen grün, Brandenburg rot, Mecklenburg-Vorpommern blau, Sachsen-Anhalt orange, Thüringen dunkelrot. Jeweils drei Artikel pro Land sind sofort ersichtlich. Ein Klick führt auf die Unterseite des Bundeslandes. Auch diese zeigen sich aufgeräumt und übersichtlich. Die Landesthemen sind, wie ein erster Blick zeigt, gut recherchiert, die Artikel lesen sich leicht, auch wenn man nicht mit der Region vertraut ist, erhält man die Information, den Text verstehen zu können.
Guter Themenmix
Eine Zeitung kommt heute kaum ohne Abos über die Runden. Hat das Portal allerdings zu wenig freie Inhalte springen die Nutzer wieder ab. Die OAZ bietet derzeit ein ausgewogenes Verhältnis von frei lesbar zu Paid-Content. Die allermeisten Artikel, selbst die Meldungen, sind von externen Autoren oder der Redaktion verfasst. Man verwendet eigenen Gehirnschmalz, das tut der Qualität gut. Wer regelmäßig mit Agenturen arbeitet, weiß, dass diese weit weg von Objektivität sind. Also besser selbst schreiben.
Dabei ist der Themenmix wirklich anschaulich. Das Portal ist ganz sicher kein glatt geschliffenes Mainstream-Portal. Nationale wie auch internationale Meldungen bilden ein breites Spektrum ab, es ist für jeden was dabei. Die Bebilderung ist anschaulich und macht Lust die Artikel anzuklicken. Die Sprache ist angenehm lesbar und flüssig. Der Stil ist nüchtern, verzichtet auf Schnörkel und geht sehr sparsam mit Adjektiven um. Außerordentlich spannend ist die Tatsache, dass alle Meinungsartikel in der Rubrik Debatte hinter der Paywall sind, während die News, also die Meldungen, komplett frei zugänglich sind. Wer also hier den reinen Überblick über das sucht, was so tagesaktuell passiert, wird im News-Teil des Portals schnell und umfassend fündig.
Scrollt man tiefer, tiefer und noch tiefer, die Seite ist lang, aber nicht endlos, findet man ein breites Angebot von Food über Lifestyle-Themen und den Sport. Sehr ungewöhnlich ist der Open-Source-Bereich, den auch die BZ hat. Hier kann jeder seine Texte anbieten, wenn sie inhaltlich und qualitativ geeignet sind. Die OAZ bietet zwei profilscharfe Newsletter, das gehört heute dazu. In den sozialen Medien ist das Blatt umfassend vertreten, junge Menschen werden über Instagram und Tiktok angesprochen. Crossmediales Arbeiten ist der Normalfall. Der YouTube-Kanal bietet – Stand heute – 15 Videos an. Das ist für eine Woche nicht wenig. Bleiben noch die toten Bäume. Die OAZ gibt es, ganz Oldschool auf Papier. Einmal in der Woche kann man die gedruckte Version in den Briefkasten bekommen. Dieses Modell verfolgen inzwischen viele Zeitungen und es scheint sich zu bewähren.
Das Projekt ist professionell aufgestellt und wirkt durchdacht. Die Redaktion hat ihren Sitz in Dresden in dem Haus, in dem einst das Pentacon-Werk war und Kamerageschichte geschrieben wurde. Dort arbeitet jetzt die Redaktion der OAZ. Das atmet Geschichte und passt zum Konzept, Lokalkolorit zu verbreiten. Ob es gelingen kann, wird man in ein bis zwei Jahren wissen.
Beitragsbild: Bundesarchiv, Bild 145-P061246 / o.Ang. / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, via Wikimedia Commons
Zeitung auf Papier ist immer gut. Schließlich können wir uns noch erinnern, da war das Klopapier plötzlich knapp, und Fisch kommt auch mal auf den Tisch.
Die selben Leute, die von einer ostdeutschen Identität schwafeln, vertreten aktiv, dass Ostdeutschland in Schleseien liegt. Das wird nichts! Wieder nur der Versuch, den Ostdeutschen eine Geschichte aufzubinden., die nicht stimmt. Und insgesamt ist die Idee, heute eine ZEITUNG zu gründen, außerhalb meiner Vorstellungskraft. Das kommt daher, wenn man ÜBERHAUPT keine andere IDEE hat. Ich kaufe auch die Obdachlosenzeitung BISS nicht, so wie ich die BLÖD und die WORLD nicht kaufe. Und den SPIEHEL, da schweigt des Sängers Höflichkeit!