Von Rocco Burggraf.
Für einen Neubau der Dresdener Carolabrücke gibt es drei Möglichkeiten. Ein reiner Zweckbau, eine restaurative Retrobrücke und ein selbstbewusstes, das Stadtbild prägendes Bauwerk. Welche Lösung ist die wahrscheinlichste?
Noch sind die Gutachten über die Tragfähigkeit der beiden noch stehenden Brückenzüge nicht abgeschlossen. Ich wage zu prognostizieren, dass es sich auch bei einer ermittelten und haftungsrechtlich verantwortbaren Restlaufzeit der verbliebenen Brückenteile nicht als sinnvoll erweisen wird, diese zu erhalten.
Der Einsturz sollte als Chance begriffen werden, Dresden mit einer neuen Brücke einigermaßen zukunftssicher und möglicherweise auch attraktiver zu machen. Es handelt sich um die zentrale verkehrstechnische Verbindung der rechts- mit der linkselbischen Stadthälfte, von Altstadt und Neustadt, Hauptbahnhof und Flughafen. Um einen Aussichtsbalkon an der Dresdner Altstadt, den Zigtausende am Tag überqueren. Für einen Brückenneubau gibt es drei grundsätzliche Möglichkeiten.
Wiederaufbau in der bisherigen Form
Der Wiederaufbau der Spannbetonbrücke bildet zweifellos den naheliegendsten und auch schnellsten Weg zur Wiederherstellung der verkehrlichen Verbindung. Die Straßenanschlüsse, die Grundidee nur eines im Fluss befindlichen Pfeilers und wesentliche genehmigungsrechtliche Grundlagen könnten übernommen werden.
Die Herstellung von Spannbeton ist inzwischen so weit entwickelt, dass mit einer Lebensdauer von mindestens 200 Jahren gerechnet werden kann. Im (unwahrscheinlichen) Optimalfall steht eine solche Brücke in drei Jahren.
Die Brücke in der bisherigen Gestalt ist keine Schönheit, hat aber auch als nüchternes, ingenieurtechnisches Bauwerk eine gewisse Akzeptanz unter Dresdnern erlangt. Die Baukosten lägen bei 120 Millionen, zuzüglich der Kosten für die verkehrlichen und stadttechnischen Anbindungen.
Wiederaufbau der historischen Carolabrücke
Es ist nicht schwer vorauszusagen, dass ein Wiederaufbau der historischen, am letzten Tag vor Kriegsende gesprengten Carolabrücke als steinerne Bogenbrücke mit reichen Schmuckelementen nicht nur unter Dresdnern einige Vorfreude auslösen dürfte. Man wird die Bilder in Kürze sehnsüchtig aus den Archiven kramen. Die Vervollständigung des Stadtbildes wäre gewiss, die Dresdner, Touristen und Fotografen hätten ein Gimmick mehr.
Diese Variante wird allein deshalb diskutiert werden müssen. Zur Wahrheit einer solchen nostalgischen Rückbesinnung gehört aber auch, dass derlei Brücken kaum irgendwo auf der Welt noch gebaut werden. Der planerische und logistische Aufwand wäre enorm, die Planungs- und Bauzeit würde mit Sicherheit mehr als fünfzehn Jahre in Anspruch nehmen und wäre durchaus vergleichbar mit dem Aufwand, der bei der Frauenkirche betrieben wurde.
Die Baukosten würden sich gegenüber einem reinen Ingenieurbauwerk mit Betonelementen vervielfachen. Allerdings wäre – ähnlich wie bei der Frauenkirche – damit zu rechnen, dass sich Mäzene finden, die sich für ein solches Projekt ideell und finanziell eher einsetzen als für eine Brücke, die im architektonisch Beliebigen verbleibt und deren Finanzierung dem Gezerre von Stadt, Land und Bund überlassen ist. Ich halte einen solchen restaurativen Wiederaufbau aus pragmatischen Gründen für wenig wahrscheinlich.
Eine neue moderne Brücke
Die am schwersten vorstellbare Variante. Zwar zählen Brücken international zu den herausforderndsten und beliebtesten Aufgaben für Architekten und Tragwerksplaner, aber nach ersten Überlegungen finden sich international kaum Beispiele, die neben einer barocken Stadtsilhouette wie der oberhalb der Brühlschen Terrasse bestehen würden. Das jahrzehntelange Gezerre um die Gestaltung der Waldschlösschenbrücke hat bereits eindrücklich gezeigt, wie schwierig Brückenneubauten in der Dresdner Stadtlandschaft sind.
Dabei wäre im Elbbogen durchaus ein mutiges, modernes, stadtbildprägendes Bauwerk, beispielsweise in Form einer innovativen Hängebrücke, denkbar gewesen, eine selbstbewusste Zutat, wie sie etwa das benachbarte, zur Entstehungszeit natürlich heftigst umstrittene Blaue Wunder darstellt; aber man entschied sich nicht für einen der zahlreich eingereichten (freilich nach restriktiver Ausschreibung auch nicht sonderlich überzeugenden) Wettbewerbsbeiträge, sondern für das dünnste Brett. Eine verhuschte, sich abduckende Banalität mit statisch merkwürdigem Erscheinungsbild, die niemals irgendwo als nennenswerter Beitrag zur Stadtbaukultur genannt werden wird. Der Weg des geringsten Widerstands, der am Ende dann doch den Entzug des Weltkulturerbe-Titels zur Folge hatte.
Eine neue Brücke also müsste sich als selbstbewusste Zutat zu Dresden mit höchstem gestalterischen Anspruch begreifen und den Kontext des Dresdner Stadtbilds weiterführen. So wie alle stadtbildprägenden Bauten, vom Eiffelturm bis zum Zwinger, treffen Bauwerke dieser Qualität auf massive Widerstände. Oft genug zu Recht, zu viele Experimente gehen schief. Hin und wieder aber auch zu Unrecht, wie sich viele Jahre später erweist. Ich kann mir eine solche Brücke für Dresden als eine Bereicherung vorstellen. Möglicherweise wäre die Verwendung von Sandsteinpfeilern – in Verbindung mit einem innovativen Stahltragwerk – eine Möglichkeit, den Brückenschlag vom Gestern zum Heute zu bewältigen und Dresden ein neues Wahrzeichen für alle folgenden Generationen hinzuzufügen.
Dipl.-Ing. arch Rocco Burggraf, Jahrgang 1963, ist freier Architekt und Stadtplaner. Er lebt und arbeitet in Dresden. Diesen Beitrag veröffentlichte er zuerst auf seinem Facebook-Account.
Sachsen schlägt Alarm: 86 Brücken in schlechterem Zustand als Carolabrücke. Laut der Landesregierung Sachsen besteht dringender Sanierungsbedarf von zahlreichen Brücken im Freistaat. Dabei sollen 86 dieser Konstruktionen noch maroder sein als die in der vergangenen Woche eingestürzte Carolabrücke.
Nun ist der Versuch für die Fahrradspur ins Wasser gefallen.
Aber im Ernst, eine Hinguckerbrücke braucht es nicht, zumindest nicht an der Stelle. Wäre zu viel. Würde den Bauwerken rundherum was nehmen. Carolabrücke 2? Wäre gut. Schnell, technisch ausgereift, finanzierbar. (An der Frauenkirche hat man nicht mal Fensterform oder Sprossung geändert, hatten wenig Plâne und gilt als gelungen. Warum die DDR-Zeugnisse verschwinden lassen?) Nun stellt Euch vor, die Waldschlösschenbrücke gäbe es nicht… Jeder erinnert sich an die Diskussionen darüber. Und noch kein Ende! Rein rechtlich ist sie nicht in trockenen Tüchern, ein Schwarzbau. Vergesst nicht, die Loschwitzer Brücke. Die ist an der Lebensgrenze. 2 Brücken nicht da,… ? Und noch mit auf den Weg. Aus meiner Sicht, wenn Carola funktioniert, das Blaue Wunder in den Schrott und mit neuen Baumaterial 1:1 ersetzen. (Ich höre den Aufschrei!) Man könnte sie nachbauen, hätte noch das Vorbild beim Bau, könnte Radwege vorsehen. Die Endmontage wäre sicher kein Hexenwerk und müsste sogar in Dresden unter dem Stadtrat klappen. Und da meine ich nicht die Zeitschiene.
Was würde gegen einen Tunnel unter der Elbe sprechen?
Mit moderner Technik, und wenn man das Bauen erfahrenen Tunnelbauern überläßt, sollte sowohl Bauzeit als auch Finanzierung im überschaubaren Rahmen liegen.
Um Gottes Himmels Willen nicht von der Stadt, dem Land, oder dem Bund bauen lassen.
Das würde 1000 Jahre dauern und mehrere Fantastrillionen € kosten.
Die beste Lösung wurde nicht besprochen: gar keine Brücke. Es gibt keinen Grund, dem freiwillig herbeigewählten Kalifat irgendetwas Brauchbares zu hinterlassen.
Herr Burggraf. Ich habe da eine ganz blöde Befürchtung. Die Entscheidung was und wie gebaut wird, muss ja recht bald fallen. Damit es vorwärts geht und um zu zeigen, wir packen an. Die einfachste und fairste Variante wäre, den geschundenen und seines Stolzes auf seine Stadt beraubten Bürgers zu befragen. Was aber in diesem Land nicht mehr als zeitgemäß betrachtet wird. Also wird der Stadtrat entscheiden. Und das könnte noch in die selbe Legislaturperiode fallen, von genau den linksrotgrünen Banausen, die die Untersuchungen der Brücke, inklusive Oberbürgermeister, verhindert haben. Das wäre doch der Treppenwitz schlechthin. Und das dann die Variante einer architektonisch besonderen Brücke, ein Wahrzeichen, nicht zum Zuge kommt ist auch klar. Weil, dann muss man ja sparen. Und zum großen Denken hat es bei Günen bis Piraten noch nie gereicht!
Im ersten Moment habe ich linkslesbische Statthälfte, statt linkselbische gelesen.
@Jürgen Fischer: „Eine neue Brücke?“ Ja warum denn auch? Ein gewisser Lars Knüpfer von Dresden-Information auf MDR: „Zahlreiche Touristen besuchen den Ort des Einsturzes. Die Carolabrücke ist zu einer Attrraktion geworden.“ Was will man mehr. Wenn dieser tolle Touri-Ansturm am Abebben ist, sollte man daran gehen, die nächste Brücke in der Elbe zu versenken. Darüber hinaus wäre es angebracht, anstelle über Ermittlungen gegen rotgrüne Politiker über eine Auszeichnung der Verantwortlichen wegen außerordentlicher Verdienste um den Tourismus nachzudenken.