Jesko Matthes / 09.06.2019 / 12:30 / Foto: Deutsche Bundesbank / 3 / Seite ausdrucken

​​​​​​​Eine Liebeserklärung

Was folgt, ist eine Liebeserklärung. Klein und zierlich, das war sie wirklich, nicht einen Meter sechzig soll sie gemessen haben. Sie selbst schildert eine Szene, schreibt ein amüsantes Familiengedicht, in dem sie als junge Frau von zwanzig Jahren bäuchlings auf jenem Bett liegt, aus dem sie sich ungern vor den Mittagsstunden erhebt und von dem aus sie mit der Familie diskutiert. Offenbar tut sie es weltoffen, voller Charme, geistreich, heiter, selbstbewusst und frech – und stößt damit nicht nur auf Gegenliebe. Doch so ist sie, sie kann und will sich nicht ändern, die kleine, die große Annette von Droste-Hülshoff.

In mir hat sie einen treuen Fan, vielleicht gerade deshalb, weil ich sie nicht in der Schule kennenlernen musste. Das Verdienst gebührt vielmehr einem Stau auf der A1 vor zwei Jahren. Kurz vor dessen warnblinkendem Ende bog ich ab auf die Bundesstraße, und auf dem flachen, grünen Wege hieß es plötzlich: Burg Hülshoff. Es war ein warmer, sonniger Tag, und wir machten Rast. Ich kann mir nicht helfen, ich denke ritterlich. Ich liebe alte Burgen und junge, intelligente Frauen, meine eigene Frau liebt die starken, emanzipierten, unabhängigen, ihre nicht sehr geheimen geistigen Vorfahrinnen. In ihrem Schlafzimmer hängen die Bilder der Paula Modersohn-Becker. Solche Frauen sind aller Minne wert.

Burg Hülshoff ist ein kleines Idyll, auch schon ohne den Garten mit der weißen Büste der Dichterin, und war lange Jahre das behütete, erzkatholische Zuhause der jungen Annette, die schon früh musisches, vor allem dichterisches Talent bewies. Noch liebte die Familie die Gelegenheitsgedichte der Pubertierenden, ihre an Klopstock und Goethe geschulten Verse, und Annette bewies ein selbstironisches, alle erheiterndes Talent. Lustig und frech klingt es, wenn die Zwanzigjährige – man sieht sie förmlich bäuchlings auf dem Bette liegend, die schlanken Beine in der Luft – über sich schreibt:

Nenn sie Hexe und Kokette, aber niemals kleine Nette.

Kleine Nette, das scheint ihr Spitzname gewesen zu sein. Der flotte Vers mag die Familie erheitert haben. Der tiefe Ernst der für sich selbst gewählten Bezeichnungen mag ihr dabei entgangen sein: Hexe.

Konsequenz gegen Konventionen

Für die gläubige Katholikin, ein paar Jahre nach Ende der letzten Hexenverfolgungen, bedeute dieser Begriff mehr als den einer Grimm‘schen Märchenfigur; offen klingen Ketzerin, Heilerin, Weise, sogar Frauenrechtlerin an, wenn es denn diesen Begriff damals schon gegeben hätte. Hexe und Kokette. Das zielt zusätzlich in die Richtung des stürmisch erwachenden Eros – oder eher der zierlichen Aphrodite, die mit Eleganz und Esprit zu flirten versteht. Und der kleine, harmlose Vers steckt auch die Grenze dessen ab, was sie nicht mehr sein kann und will: das kleine nette Mädchen, das sich den vielfältigen Konventionen und Konformitäten eines staatstragend geprägten katholischen Landadels fügt.

Wie in so vielen jungen Leuten gärt es in der Hochbegabten, und tatsächlich fasziniert die gar nicht so Unscheinbare, die schöne junge Frau des alten Zwanzigmarkscheins auch die intelligenten jungen Männer aus ihrem Umfeld. Sie schätzen sie, unterschätzen sie nicht. Sie erkennen sie. Im Jahre 1820, das zum Jahr der Katastrophe werden soll, sind es gleich zwei. Am Ende sind beide gekränkt, und einer lanciert einen Brief, der den so harmlos klingenden Reim der jungen Frau zu einer alptraumhaften Wirklichkeit werden lässt. Sie soll Annettes Ansehen in der Familie und der Öffentlichkeit für immer beschädigen; denn tatsächlich wirft man Annette vor, sie habe gleich zwei Männer behext und dabei stets nur kokettiert.

Inzwischen hat sich die Familie mit den Chancen und Risiken der einen wie der anderen Liaison längst beschäftigt, lehnt den einen jungen Mann ab, obwohl er der Talentiertere ist, hätte den anderen vorgezogen, der sie verrät. Der Brief zerstört alles. Nie wieder wird Annette eine Ehe in Betracht ziehen, und was von eigener Verstrickung bestanden haben mag, bleibt ein Geheimnis. Sie selbst oder die Familie vernichten alle Spuren.

Gegen alle Widerstände, auch die einer bald resultierenden, schwerwiegenden psychosomatischen Erkrankung aus Depression, Panikattacken und einer Vielzahl körperlicher Beschwerden und Schmerzen, verfolgt Annette konsequent ihren eigenen Weg als Schriftstellerin. Und der unauflösliche Zusammenhang zwischen Gesellschaft und Individuum, Normen und Freiheit, lässt die junge Dichterin nicht los. In dieser Hinsicht bleibt sie der uralten Familientradition treu, denn die Droste sind nicht Träger eines Namens von Adel allein, die Droste sind die Träger der lokalen Administration und Landgerichtsbarkeit.

Es ist ihre Aufgabe, über die Widersprüche zwischen Individuums und Gesellschaft gründlich nachzudenken, am Ende gerecht zu urteilen im Sinne des einzelnen Falls und des gesellschaftlichen Friedens. Nach den eigenen dramatischen Erfahrungen ist es Annettes Freiheit und Frechheit als Frau, sich gerade diesen Teil der Familientradition auf emanzipatorische Weise anzueignen, dabei zurückgeworfen auf die Position des anachronistischen Edelfräuleins. Annette schreibt, dichtet, kränkelt, konsultiert Heiler. Ärzte wollen ihr das Schreiben verbieten, es rege sie zu sehr auf; dabei ist es das Einzige, was ihr bleibt, und was sie noch befreien kann, und das ist es, was sie mit jeder Zeile tut, am liebsten zwischen Tradition, Moral und jenem Konflikt, in den die persönliche Freiheit den Einzelnen gegenüber den offiziösen Ansprüchen einer sich wandelnden Gesellschaft stürzt.

Abgründe der westfälischen Parallelgesellschaft

Die Zeiten begünstigen solche Gedanken. Der späte Kaiser der französischen Revolution ist in Annettes Kindheit mächtig geworden und in ihren jungen Erwachsenenjahren gescheitert, ein Scheitern, das die deutschen Fürstentümer in jener gesamteuropäischen Anstrengung herbeiführen, die man die Befreiungskriege nennen wird. Deren Soldaten, gerade die Bürger, spüren heftig aufkeimenden Nationalstolz, fordern zunehmend ihre Teilhabe an der Nation im Gegenzug für ihr Verdienst der Befreiung vom Bonaparte, und sie übernehmen dennoch viele Ideen, die der Revolutionskaiser mit seinem Feldzug, neben aller Gewalt, über Europa verbreitet und hinterlassen hat. Sie kuscheln sich noch eine Weile in die romantische Ironie und Beschaulichkeit des Biedermeier, aber nur kurz – vor allem, weil ihre vermeintliche Befreiung nur in eine Restauration absolutistischer Verhältnisse mündet. Hardenberg und Stein in Preußen haben das lange vorausgesehen, und sie versuchen ihre ebenso vorbildlichen wie vorsichtigen Reformen, die das zusammengebrochene Preußen erneut an die Spitze der deutschen Staaten führen werden, auch an die Spitze einer stürmischen Beschleunigung und Industrialisierung, nicht sehr lange nach dem Tod des siechen, alten römischen Kaiserreichs deutscher Nation. Auch Annette trägt das in sich, kränkelt, wird nicht sehr alt, und sie stirbt im Frühjahr 1848 auf einer anderen Burg, im Jahre des Vormärz und der gescheiterten deutschen Revolution.

Doch was sie produziert, was sie dichtet und schreibt, das legt so reiches Zeugnis ab von diesen persönlichen und politischen Umbrüchen. Man meint, es nicht zu glauben, welche Abgründe sich in einer biederen westfälischen Bauerngesellschaft auftun, einer Parallelgesellschaft, die sich ihre eigenen, brutalen Regeln macht, und deren Opfer und Täter an der Judenbuche enden. Annette spürt und warnt, die alte Gesellschaftsordnung werde zusammenbrechen, denn im Grunde ist sie es längst, sie hat sich aufgelöst in Partikularinteressen, die allen Rücksichtslosigkeiten ihrer Parallelgesellschaften Tür und Tor öffnen. Hier ist sie ganz und gar „die Droste“, eine Frau, die spürt, dass Rechtssicherheit und sozialer Zusammenhalt nötig sind, damit nicht die übelsten Machtmanipulationen erst die Minderheiten und dann eine ganze Gesellschaft zu Opfern werden lassen; eine Mahnung zur Wehrhaftigkeit gegen das Unrecht und eine Warnung vor der zweiten, der unästhetischen Natur des Menschen, die bis heute ihre Gültigkeit bewahren – und das aus dem Munde einer Poetin, die so berückend ästhetisch zu formulieren weiß.

Parallel zeugen ihre Briefe von tiefer Selbsterkenntnis und treuer Fürsorge für ihren eigenen, kleinen Freundeskreis. Freunde hat die Droste behalten, auch lange nach ihrem Tod, ganz so wie sie sich sehnte: Nach hundert Jahren möchte ich gelesen werden. Georg Trakl muss sie gelesen haben. Den expressionistischen Reihungsstil nimmt sie um annähernd einhundert Jahre vorweg, wenn sie über ihre eigene seelische Not schreibt:

Hinauf schallt’s wie Gesang und Loben,

Und um die Blumen spielt der Strahl,

Die Menschen wohnen still im Tal,

Die dunklen Geier horsten droben.

Einen solchen Schatz birgt heute das Internet. So war sie und so bleibt sie, die kleine, die große, die gar nicht Nette, die bezaubernde, die unvergessliche Annette von Droste-Hülshoff. 

Foto: Deutsche Bundesbank Link">via Wikimedia Commons

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S.Niemeyer / 09.06.2019

Danke für diese großartige, wunderbare Würdigung!

Peter Wachter / 09.06.2019

Ja, es hieß(!) nicht umsonst, Deutschland, das Land der Denker und Dichter, obwohl es Menschen gibt, die keine deutsche Kultur sehen (oder so ähnlich und wer hats gesagt?). Auch gab(!) es immer so gute und starke Frauen in Deutschland. Danke Herr Matthes für die Erinnerung.

Uta Buhr / 09.06.2019

Herzlichen Dank für Ihre warmherzige Laudatio. lieber Dr. Matthes,  auf die größte deutsche Dichterin Annette von Droste-Hülshoff, deren Gedichte ich als Kind auswendig lernen musste und die ich heute noch rezitieren kann. Besonders beeindruckt hat mich die “Judenbuche”, eine Novelle, die ich vor kurzer Zeit einmal wieder mit Genuss gelesen habe.

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