Die Kirchen verabschieden sich von ihrem Kerngeschäft und wundern sich, dass ihr die Gläubigen den Rücken zukehren. Statt sinnvollen Kurswechsels gibt es klerikales Erklärungs- und Ursachen-Geschwätz.
In Massen flüchten die Gläubigen aus ihren Kirchen. Dabei müssten Austrittswillige oder „Zwangsmitglieder“ (durch Taufe oder Elternhaus) doch schon längst weg sein. Die Zahlen waren bereits in den letzten Jahren dramatisch hoch. Doch jetzt geht es an die Substanz. Diesmal ist es so, als würden die Bundesländer Bremen und Saarland geschlossen ausgetreten sein oder die Metropole München, wenn man nämlich Kinder und Muslime etc. abzieht: insgesamt 441.000 Mitglieder kehrten beiden Großkirchen im Jahr 2020 den Rücken zu.
Fast zu gleichen Teilen Katholiken und Protestanten. Das überrascht, versteckte sich die EKD doch immer gern hinter dem Argument, der katholische Missbrauchsskandal sei Hauptursache der Austritte. Nun ist es gerade der ach so fortschrittliche und moderne Protestantismus mit seinen Bischöfinnen, Pastorinnen, Flüchtlings-Rettungsschiffen, Bibeln „in gerechter Sprache“ und dergleichen, der nicht weniger zur Ader gelassen wird als ein Katholizismus, der ja gerade erst beginnt, die EKD links zu überholen.
Nein, die WELT bringt es auf den Punkt: „Nicht einmal Not lehrt noch beten!“ Und gibt dem vernichtenden Kommentar die Überschrift: „Die Kirche selbst hat das Signal gesendet, man brauche sie nicht mehr.“ Genau das ist das Dilemma, und darüber wird all das klerikale Erklärungs- und Ursachengeschwätz für das Drama zu Makulatur.
Lächerlich die katholische Beruhigungs-Variante, den Leuten gingen die Reformen nicht schnell genug. Ach, dann müsste die EKD ja Zulauf haben, so kommentiert auch die FAZ. Oder die evangelische Version, es seien ja weniger Austritte als erwartet. Nein, Kirche war einfach nicht da, als sie am nötigsten gebraucht wurde.
Eine Christmette wie ein Abend bei den Jusos bzw. der Grünen Jugend
„Wenn das Christentum nicht einmal in einer Zeit der Pandemie wieder mehr (!) Menschen existenziell zu berühren vermag, wann denn dann?“, fragt die WELT. Ja, die Menschen suchten noch, heißt es richtig, „aber sie werden in ihrer Kirche nicht mehr fündig.“ Das erkannte übrigens schon Verleger Axel Springer, als er in den 1970er-Jahren die EKD verließ und der selbstständig-lutherischen SELK beitrat.
Unvergessen der Tweet des liberalen WELT-Chefs Ulf Poschardt nach dem Besuch eines Berliner Weihnachtsgottesdienstes 2017: „Wer soll eigentlich noch freiwillig in eine Christmette gehen, wenn er am Ende der Predigt denkt, er hat einen Abend bei den #Jusos bzw. der Grünen Jugend verbracht?"
Inzwischen hat sich dieses Phänomen in einer Weise beschleunigt, dass einem schwindlig wird: Regenbogen-Pfarrer und Gender-Bischöfe heißen alles gut, was der Zeitgeist gebietet, der Heilige Geist jedoch verbietet. Wer meint, die Grundurkunde des christlichen Glaubens, das Evangelium, nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich der Mode anpassen zu müssen, verliert jegliche Attraktivität und Glaubwürdigkeit. Wozu eine Kirche, die in einer schwedischen Schulschwänzerin eine neue Heilige sieht?!
Mir ist noch in Erinnerung, wie der damalige Linken-Chef Gregor Gysi mir einmal sagte: „Wenn ich in die Kirche gehe, erwarte ich, dass man über Sünde redet und mir die Leviten liest.“ Weil das eben sonst niemand kann. Doch Sünde ist heute reduziert, pervertiert und minimiert auf Klimasünder, Coronasünder, Dieselsünder oder AfD-Wahlsünder und Anti-Impf- und Anti-Regenbogensünder. Für das alles braucht man im Sinne des Kollegen Poschardt keine Kirche, das kann man bei Grünen und Jusos billiger haben.
Aufmüpfigen Pfarrern wird die Hölle heißgemacht
Und das ist das nächste Problem: Die Kirchensteuer wird einem Volk, dem gerade das Geld aus allen vorhandenen Taschen gezogen wird, einfach zu viel. Die Urlaubskosten haben sich dieses Jahr nahezu verdreifacht, so gerade das Vergleichsportal „Check24“. Die Energiepreise explodieren. Die kommenden Winter werden unbezahlbar. Und die Kirchen beteiligen sich ja an der Preistreiberei, nimmt man nur das Klima-Allotria von den Kanzeln oder das Herbeischiffen junger „Flüchtlinge“ ins soziale Netz Deutschlands.
Dazu kommen Gender-Sprachrichtlinien, die alles staatlich Verordnete weit in den Schatten stellen. Der kämpferische Vorsitzende des Vereins deutsche Sprache (VDS), Prof. Walter Krämer, hat gegenüber dem Bischof von Hildesheim seinen Kirchenaustritt zum Jahresende angekündigt – „wegen der kirchlich angeordneten Vergewaltigung der deutschen Sprache.“ Er weiß damit bekanntlich mehr als zwei Drittel der Bürger auf seiner Seite.
Ich könnte Listen von Pfarrern nennen, die ihre Posten verloren haben oder denen die Hölle heiß gemacht wird aus den himmlischen Sphären der Kirchenleitungen, weil sie sich (mit der Bibel in der Hand oder mit Luthers „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ auf den Lippen) all dem modischen Irrsinn zu widersetzen wagen.
Nur, dass CDU und CSU erstmals in ihrer Geschichte das christliche Herzensthema „Lebensschutz und Abtreibung“ mit keiner Silbe im Wahlprogramm erwähnen, juckt die zeitgeistlichen Oberhirten nicht im Geringsten. Im Gegenteil, der Rubel rollt doch (noch).
Die Kirche schafft sich ab
„Geld erstickt den Glauben,“ dieser Schlüsselsatz von Papst Benedikt XVI. bringt das ganze Dilemma auf den Punkt. Der Selbstbedienungsladen einer vom staatlichen Finanzamt eingezogenen Kirchensteuer lässt die klerikale Kaste so lange auf ihren synodalen Irrwegen wandeln, bis der Letzte das Licht ausmacht.
Nur aus dieser Position heraus konnte man ungerührt den obrigkeitlichen Corona-Verordnungen vorbehaltlos zustimmen. Die einsamen und hilfsbedürftigen Gläubigen in Seniorenheimen, Kliniken oder den Trauerhäusern waren piep-egal, und nun kommt die Quittung. Das war gerade jetzt zu sehen, „als Bischöfe öffentliche Gottesdienste allzu klaglos absagten und manche Pfarrer ihre Kirchen allzu lange geschlossen ließen“ (WELT). Jetzt, wenn alles vorbei ist, braucht man Kirche tatsächlich nicht mehr.
Und wenn es noch eines Beweises bedarf, wie selbstzerstörerisch sich die Kirchen ihrer eigenen Substanz berauben: Der Leitartikel der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ) fordert hellsichtig und spitzfindig, kirchliche Privilegien unter die Lupe zu nehmen. Wenn immer weniger Eltern Mitglied einer christlichen Kirche sind, „gehört der konfessionell gebundene Religionsunterricht auf den Prüfstand.“ Das kann man nahtlos erweitern auf die immer noch selbstverständlich erachtete Seelsorge in Bundeswehr, Gefängnissen oder Krankenhäusern.
Was soll eine Kirche, die sich in Corona-Zeiten auf die Empfehlung reduzierte, auf Balkonen „für die Helden“ zu singen oder das Internet zu nutzen, und mitnichten daran dachte, auf „Systemrelevanz“ zu klagen? Die Zeit ist reif für einen neuen Bestseller: Kirche schafft sich ab.
Gäbe es eine ABSOLUTE Trennung von Kirche und Staat, müsste es diesen Artikel nicht geben. Soweit ich weiß, ist Deutschland das einzige Land, in dem der Staat die Kirchensteuerzwangs-eintreibung vollzieht. Die Kirchen wiederum sind zu politischen Sprachrohren geworden, was sie selbst ins Aus katapultiert hat. Das ist eine Seite der Medaille. Die andere Seite wäre eine klare Distanzierung der Kirchen von den übergriffigen und gesetzeswidrigen Corona-Maßnahmen der Regierung gewesen bzw. die Weigerung diese mitzutragen. Diese Chance ist vertan und kommt nicht wieder. Das Vertrauen ist verspielt. Geistige, seelische Unterstützung und Beistand in einer schwierigen Zeit IST Aufgabe einer Kirche. Diese ist stattdessen kleinlaut vor dem Staat in die Knie gegangen. Mich wundern daher die vielen Kirchenaustritte überhaupt nicht.
Nur am Rande: Ich persönlich (katholisch) spende nicht einen Cent für kirchliche Zwecke, während der Vatikan auf Milliarden sitzt oder Kirchen aktiv in der Seenotrettung tätig sind. Geht gar nicht!
Dafür kann man bei denen aber jetzt Vulven malen. Ist doch geiler als zuvor der Ledan
@ Peter Thomas: „Ihr seid das Salz der Erde.“ (Matth. 5, 13). Ich habe des öfteren bei evangelischen Bediensteten bemerkt, dass sie meinen, sie wären selbst damit gemeint. Gewisse Missverständnisse bei „Ihr Kinderlein kommet, Macht hoch die Tür oder Lasset die Kindlein zu mir kommen“ meine ich auch bemerkt zu haben. Die Evangelen kaschieren es nur besser und leben ihre dreckigen Phantasien meist mit ihren Frauen aus.„ Sätze aus der Bibel können leider erotisch ausgelegt werden. Da war Salomo ehrlicher, knackige Hochzeitsmystik, das mit den Kitzlein. Das Verklemmte ekelt mich an, das Biedermeier auch. Alles politisch mitmachen, aber in den Fünfzigern steckenbleiben. Ein paar Ausnahmen gibt es, aber die kriegen den Mund nicht auf. Den Teufel haben sie weitgehend abgeschafft, weil sie sich sonst des öfteren mit ihrem zukünftigen Dasein in der Hölle beschäftigen müssten.
@Rudolf Dietze: Auch wenn diese Vorstellung graust, ich teile Ihre Zukunftsbeschreibung. In 25 Jahren wäre ich 100, vielleicht lasse ich mich nun doch impfen, um der theoretischen Gefahr zu entgehen, es erleben zu MÜSSEN.
Irgendwo stand geschrieben, dass die Kirche(n) 2019 oder 2020 so viel Geld wie niemals zuvor eingenommen haben. Das ist die neue Zeit: Fußballvereine brauchen keine Zuschauer in den Stadien mehr, die Politik braucht keine Wähler mehr, Kirchen brauchen keine Gläubigen mehr. Nur noch Doofe, die zahlen, alles durch Umlage. Ich finde das gut, zu retten gibt es eh nichts mehr, also lasst es uns kaputtmachen und bis dahin abzocken. Selbst der Ablass wird durch Umlage bezahlt (EEG- + CO2-Sch…)
@Dieter Kief: Jesus muss sich nicht die Ohren zuhalten, wenn er die Beiträge von Herrn Hahne nicht lesen möchte. Er muss nur die Augen schließen oder schnell weiterscrollen, so wie ich es ab sofort tue, wenn Ihre Kommentare in mein Blickfeld geraten. Ich behaupte, Sie sind für die Achse-Mitglieder das, was Marx und Bettvorleger-Strom für überzeugte Christen sind, zum Glück aber ohne nennenswerten Einfluss. Sonst würden hier auch eine Austrittswelle drohen.
@ Renee LaClerc: Die Kreuzchen in ihrem Kommentar sind treffend.