Bertha Stein, Gastautorin / 31.07.2018 / 16:00 / Foto: Pixabay / 7 / Seite ausdrucken

Eine innerdeutsche Mauer aus Gefühlsruinen

Was haben moralische Argumente in politischen Debatten zu suchen? Nicht nur die Flüchtlingsproblematik emotionalisiert Deutschland. Die innerdeutsche Mauer ist „aus Gefühlsruinen auferstanden“. Sie teilt nicht mehr Ost von West, sondern moralischen Idealismus vom moralischen Realismus. Was hierbei übersehen wird: Moralische Argumente sind im politischen Diskurs grundlegend irreführend.

Aufschrei, Empörung, Skandal – nicht unüblich für politische Debatten. Es ist gefährliches Terrain, ein Terrain voller Emotionsminen, auf dem man sich bewegt. Unsere Dezenz verlangt ein Mindestmaß an Menschlichkeit und somit auch an Emotionalität. Luxuriöserweise können wir uns dieses leisten. Denn Deutschland ist ein reiches Land.

Doch in manch bürgerlichen Kreisen übertreibt man es gerne affektiert. Was früher die Hysterie war, sind heute die Diesel-Hysterie, die Klima-Hysterie oder die Flüchtlings-Hysterie. Oberflächliche, labile Affektivität, gepaart mit geltungssüchtigen Solidaritätskomplexen, könnte man auch sagen. Bei vielen bleibt die Vernunft hierbei unberücksichtigt – sowohl bei den Befürwortern als auch bei den Gegnern.

Hegel und seine Dialektik sollten für beide Lager zur Pflichtlektüre werden. Danach wird ihnen ersichtlich, warum ihr Gefühl als alleiniges Kriterium für Recht oder Moral scheitern muss. Es bedarf der Führung durch die Vernunft. „Denn es gibt ebenso gut unvernünftige wie vernünftige Gefühle und Neigungen“. Aber auch die Vernunft ist nicht von Gefühlen losgelöst.

Aufschreie der moralischen Sozialidealisten

So weit, so gut, so klar. Dennoch dominieren oft Gefühle politische Diskussionen. Wie sonst soll man die Aufschreie der moralischen Sozialidealisten zur Flüchtlingsdebatte verstehen? Die unzähligen Aufforderungen, Flüchtlinge aus den Meeren aufzusammeln und an die rettenden Ufer Europas zu bringen? Das ist honorig, humanitär, heroisch. Aber auch idealistisch. Denn was kommt nach der offenen See? Was kommt auf dem trockenen Land?

Die gefühlsbetonte Vernunft bleibt hier vergessen. Also diejenige Vernunft, die auch dringend nötig wäre für eine politische Grundsatzdebatte. Nämlich der irrsinnigen Vermengung vom Politik und Moral. Grundsätzlich schließen sich Politik und Moral aus, ja stoßen sich geradezu wie Magneten der gleichen Polung ab. Denn beide streben unterschiedliche Ziele an. In der Politik geht es um Machterhalt und Machtgewinnung, in der Moral hingegen um das Gute.

Menschliches Handeln bestimmt die Regeln und Gesetzte der Politik. Deswegen konstatierte bereits Rousseau, man solle die Menschen so nehmen, wie sie seien. Dazu gehört es, zu wissen, dass in der Politik jedes Mittel recht sei, um Macht zu gewinnen. Lug und Trug, Hinterlist und „Vorderlist“, Verkauf und Verrat werden als legitime Mittel angesehen. Allein der Erfolg zählt, zeigte schon Machiavelli in seinem „Il Principe“. Es bedeutet aber nicht, dass durchweg unmoralisch gehandelt werden muss.

Es zeigt, dass politisches Handeln nicht aus der Moral abgeleitet werden kann und dass idealistisches Sollen in der Politik des realen Handelns nichts zu suchen hat. Deswegen heißt es auch Realpolitik, nicht Idealpolitik. Trotzdem verwechseln einige Diskutanten die Sphärenbereiche der Moral und der Politik, die Bereiche des Privaten und des Öffentlichen. Denn stände moralisches, also gewohnheitsmäßiges Handeln auf der politischen Agenda, wären wir wohl nicht mit sich anhäufenden Problemen wie Wohnungsmangel, prekären Arbeitsbedingungen und einer maroden Infrastruktur konfrontiert.

Gemeinschaft, Freundschaft und Liebe? Nicht im Politischen!

Am Geldmangel kann es nicht liegen. Ständig wird gebetsmühlenartig propagiert, die Wirtschaft brumme, der Fiskus nehme jährlich mehr ein. Und der einfache Mann? Der bekommt davon nichts mit. Abgesehen von den paar sozialen Almosen, die ihm wohlwollend von oben zugeworfen werden, um die sozialen Missstände zu minimieren und nicht zu nivellieren. Die Schere zwischen arm und reich geht weiter auseinander. Aber andererseits weiß ein jeder: Eine Schere die zusammenschnappt, tut weh.

Das zeigt, dass sich moralisches Handeln nur im Bereich des Privaten vollends entfalten kann. Nur hier können Ideale der Gemeinschaft, der Freundschaft und der Liebe verwirklicht werden. Denn nur hier kann menschliches Handeln interesselos und zweckfrei stattfinden. Das Private bietet die ideale Bühne für theatralische Emotionalität. Diese ist in der Öffentlichkeit des Politischen vollkommen deplatziert.

Im Politischen haben Interessen und Machtansprüche das Sagen. Gemeinschaft, Freundschaft und Liebe? So etwas gibt es hier nicht. Denn das wäre das politische Todesurteil. Nur mit sehr viel Fantasie hat das etwas mit der aristotelischen Moral und ihren Grundtugenden der Gerechtigkeit, Freiheit, Großgeartetheit und Großgesinntheit zu tun. Und nur mit sehr viel Fantasie können Moral und Politik freundschaftlich nebeneinander Hand in Hand gehen.

Aus moralischen Grundsätzen lassen sich eingeschränkt realpolitische Handlungen ableiten – vor allem im emotional aufgeladenen politischen Diskurs. Deshalb haben Idealisten und Realisten mehr gemeinsam, als ihnen lieb ist: Fantasie und Gefühl. Das sind ihre treibende Kräfte. Quod erat demonstrandum.

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Wiebke Lenz / 31.07.2018

„Wer das Schwert trägt, der soll freundlich und fromm sein wie ein unschuldiges Kind, denn ich ward ihm umgürtet zum Schirm der Schwachen und zur Demütigung der Übermütigen. Darum ist in der Natur keine größere Schande, als ein Krieger, der die Wehrlosen misshandelt, die Schwachen nöthet, und die Niedergeschlagenen in den Staub tritt.“ Ernst Moritz Arndt. Auch wenn es sich hier um ein Zitat aus einem Katechismus des Krieges handelt, so gilt er meiner Ansicht nach auch für die Politik und das allgemeine Leben. Denn dafür haben wir den Verstand - dass wir auch Dinge, die eigentlich nicht in den Bereich gehören, auf andere Sachgebiete anwenden können. Und ich bin ganz sicher alles andere als ein gewalttägiger Mensch. Streit im positiven Sinne finde ich jedoch sehr befruchtend.

Dr. Günter Crecelius / 31.07.2018

Unsere - angeblich - so Gefühlsgeleiteten sind in der überwiegenden Mehrheit Heuchler, eben Gutmenschen der übelsten Sorte, wie sie täglich beweisen. Die wirkliche Flüchtlingsproblematik, ein paar Prozent der tatsächlich Ankommenden, könnte von den Aktivisten ja gelöst werden: da wir - und vor allem sie -  so reich sind,  ist das besagte Problem gelöst, wenn jeder privat für einen oder mehrere Flüchtlinge bürgt - mit allen Konsequenzen. Nicht wie diejenigen, z.B. einige Chefärzte, die vor den Kadi ziehen um der Heranziehung zu entgehen und die Kosten ihrer Menschlichkeit auf den Steuerzahler abzuwälzen,  wenn die Bürgschaft greift.

Dirk Jungnickel / 31.07.2018

Hier werden sehr einleuchtend die Grenzen der Moral und die Möglichkeiten der Realpolitik beschrieben. Mit diesen Absatz habe ich allerdings Probleme: “Die unzähligen Aufforderungen, Flüchtlinge aus den Meeren aufzusammeln und an die rettenden Ufer Europas zu bringen? Das ist honorig, humanitär, heroisch. Aber auch idealistisch. Denn was kommt nach der offenen See? Was kommt auf dem trockenen Land? “ Wenn man davon ausgeht, dass sich diese Flüchtlinge in Seenot befinden, ist die Formulierung nahezu zynisch, und die sich sofort anschließende Fragestellung irrelevant. Den Menschen, die in Seenot geraten sind,  muß zuerst und fraglos das Leben gerettet werden.  Egal woher sie kommen, egal wohin sie wollen. Kompliziert ist jedoch die Tatsache - und die wird zumeist ausgeklammert - , dass es sich um Menschen handelt, die sich und u.U. ihre Kinder und Kleinkinder bewusst in Gefahr gebracht haben.  Jeder denkende Mensch, der ein solches Schlauchboot besteigt, das zudem noch überladen wird,  muss sich darüber im Klaren sein, dass diese Boote nicht hochseetüchtig sein können. Kriminell sind natürlich die Schleuser, die anderes behaupten.  Auch das müsste sich inzwischen unter den Migrationswilligen herumgesprochen haben.  Spätestens wenn Kinder in Gefahr gebracht werden, ist das Elend, dem sie entfliehen wollen, kein Argument mehr.  Wer in Europa Kinder wissentlich dem Ertrinkungstod auslieferte, würde hart bestraft. Juristen sprechen von ” billigender Inkaufnahme” .  Das ist nämlich moralisch,  ideell und sozial absolut verwerflich !

Gertraude Wenz / 31.07.2018

Das findet sich doch schon viel klarer in Max Webers Unterscheidung zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik. Ich habe auch eine Verantwortung gegenüber meinem Land, meinem Volk und meinen Kindern und Enkelkindern. Flüchtlinge aus dem Mittelmeer aufzusammeln und an die rettenden Ufer Europas zu bringen, halte ich weder für honorig, noch humanitär und schon gar nicht für heroisch, sondern nur für ausgesprochen dumm, bigott und verantwortungslos! Aufsammeln ja, aber zurückbringen in den Hafen, von dem aus sie aufgebrochen sind. Wenn dieser Fluchtweg verschlossen wird, wird es auch keine Ertrinkenden mehr geben. Politik muss IMMER mit Vernunft gemacht werden, und Vernunft - finde ich - schließt auch ethisches Handeln mit ein. Frau Stein, Sie schreiben, dass nur im Privaten menschliches Handeln interesselos und zweckfrei stattfinden kann. Menschliches Handeln ist nie interesselos und zweckfrei! Auch wenn ich mich für meine Familie aufopfere, verfolge ich damit einen Zweck. Es ist in meinem Sinne, wenn es meiner Familie gut geht und die Kinder (meine Brut) gedeihen. Das sind uralte evolutionäre Verhaltensmuster, die der menschlichen Gesellschaft zum Erfolg verholfen haben. Ich habe auch etwas von Zusammenhalt und Harmonie. In der Not wird auch mir von meinen Angehörigen/Freunden geholfen. Die Liebe, die wir geben, kehrt bekanntlich (meistens) zu uns zurück. Das allerdings funktioniert wohl wirklich nur in überschaubaren Gemeinschaften. Rolf Peter Sieferle macht in seinem Buch: “Das Migrationsproblem” (sehr zu empfehlen) auf den Unterschied zwischen “empirischer Moral” (gruppenbezogen, Hilfe auf Gegenseitigkeit, Loyalität, Opferbereitschaft) und “humanitär-universalistischer Ethik” (“Menschenrechte”, “Menschenwürde”) aufmerksam. Gegen jede Vernunft und “im Gegensatz zur Realität stehend”, so schreibt er, “ist der humanitäre Universalismus heute zur dominanten Ideologie in den westlichen Ländern - vor allem in Deutschland - geworden.” Quo vadis, Deutschland?

Werner Arning / 31.07.2018

Seit ein paar Jahren ist von Gefühlen geleitete Politik in Deutschland „eingeführt“ worden. Wer heute nicht mehr mit Gefühlen argumentiert, gilt als kalt, ja gar als rechts. Gefühle sind in. Sie sind hip. Langweilige Vernunft hat ausgedient. Ist etwas für Rechte. Gilt als unbarmherzig. Das tut uns Deutschen ja so gut, wo wir doch früher immer so grausam vernünftig waren. Jetzt dürfen wir, ja sollen wir Herz zeigen. Aber bitte nicht gegenüber jedem. Wenn möglich, bitte nur gegenüber den Flüchtlingen. Und wenn sie von ganz weit weg herkommen, ist unser Herz am größten. Angela hat uns das Fühlen gelehrt. Danke Angela. Das hatten wir in unseren kühnsten Träumen nicht erwarten können.

Rudi Hoffmann / 31.07.2018

Moral ist das Gefühl , das vom Verstand für   gut erklärt wird !  Es findet sich meist   bei den Übersatten !

Bernhard Freiling / 31.07.2018

Das, Frau Stein, wird zukünftig nicht besser werden. Unser hoffnungsvoller Nachwuchs wird seit etlichen Jahrzehnten in allen Bildungseinrichtungen darauf getrimmt, Glaube, Liebe und Hoffnung einen größeren Stellenwert beizumessen als Daten, Zahlen und Fakten. Wenn es für 5.-Klässler wichtiger ist den Namen tanzen zu können, den sicheren Umgang mit Dildo und Kondom zu beherrschen und mindestens 10 von ungefähr 59 Geschlechtern im Schlaf dahersagen zu können, als einfache Additionen und Subtraktionen auszuführen oder auf der Europakarte Portugal zu finden, dann werden die zwar eine starke Meinung äussern können - leider wird dahinter nur heisse Luft zu finden sein. Und häufig noch nicht mal die.

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