Volker Seitz / 23.05.2018 / 12:00 / Foto: Republic of Togo / 4 / Seite ausdrucken

Eine große Afrika-Aufklärung

Rainer Tetzlaff war bis zu seiner Emeritierung 2016 als Historiker und Politologe an der Universität Hamburg tätig. Sein neues Buch „Afrika – Eine Einführung in Geschichte, Politik und Gesellschaft“ (Springer VS 2018) ist in erster Linie für den universitären Gebrauch gedacht. Für den interessierten Laien ist es sachliche Bereicherung in einem Feld, auf dem man sonst meist mit Klischees zu tun hat. 

Manche Dinge lassen sich nur beurteilen, wenn man die Fakten und Zusammenhänge kennt. Rainer Tetlaffs Forschungsschwerpunkte: Politische und wirtschaftliche Entwicklung afrikanischer Staaten; Entwicklungspolitik der Europäischen Union, der Weltbank und von UN-Organisationen; Verschuldungskrise und die Rolle des IWF; Demokratisierungsprozesse in Entwicklungsländern; Menschenrechte und kulturelle Globalisierung. Feldforschung in Ghana, Mauritius, Südafrika, Namibia, Sambia, Tansania, Kenia, Sudan und Äthiopien.

In dreizehn Kapiteln behandelt das Buch Aspekte, die für das Verständnis der 55 Staaten Afrikas wichtig sind: Entwicklungstheorien, Das Erbe von Sklavenhandel und Kolonialismus; Die Phase der formellen Kolonisation (1880-1960), Deutschland als Kolonialmacht in Afrika; Dekolonisation als Befreiung – Kontinuitäten und Wandel; Afrikanischer Sozialismus; Staatsbildung und Staatszerfall; Demokratisierung: Demokratie unter Armutsbedingungen, Bevölkerungswachstum, Armut, Hunger; Rohstoffreichtum – Fluch oder Segen?; Krieg und Frieden: Kriegsursachen und Friedensbemühungen; Korruption und Bad Governance; Internationale Entwicklungskooperation in Afrika. Das Buch schließt mit einem für den Leser sehr hilfreichen Resümee und Ausblick.

Im Kapitel „Entwicklungstheorien“ befasst sich Rainer Tetzlaff mit der Frage, ob Afrika von Asiens Entwicklungserfolgen lernen kann. Er beschreibt, dass die vier kleinen Tiger  Hongkong, Singapur, Südkorea und Taiwan keine hilflosen Gefangenen struktureller Weltmarktzwänge waren. Er zitiert den kamerunischen Entwicklungsexperten Etounga-Manguelle, der behauptet, dass heute afrikanische Gesellschaften „den Kindern wenig Anreize bieten, ihre Fähigkeiten auszubauen, innovativ zu sein oder etwas besser zu machen als ihre Eltern".  

Die vielfältigen Facetten afrikanischer Wirklichkeit

In dem Kapitel „Demokratisierung“ werden die unterschiedlichen postkolonialen Entwicklungspfade der Länder Somalia, Simbabwe, Ruanda, Benin, Burkina Faso und Ghana nachgezeichnet. Dieses vorzügliche Kapitel zeigt die vielfältigen Facetten afrikanischer Wirklichkeit. Besonders lesenswert ist das Portrait des ermordeten Sozialreformers Thomas Sankara, der in seiner kurzen Amtszeit als Staatoberhaupt von Burkina Faso (1983-87) den Menschen deutlich vor Augen führte, dass sie selbst durch Eigeninitiativen und Konsumverzicht ihre Lage deutlich verbessern können.

Tetzlaff beschreibt im Kapitel „Kolonisation“, dass Afrika in Schutzgebiete, Protektorate, Kronkolonien, Überseegebiete und Kolonien aufgeteilt war, an denen sich sieben europäische Staaten beteiligten. Vielleicht ist nicht jedem bekannt, dass ein Großteil der afrikanischen Anführer der nationalen Unabhängigkeitsbewegungen nach 1945 ehemalige Missionsschüler wie zum Beispiel Julius Nyerere in Tansania, Jomo Kenyatta in Kenia, Kenneth Kaunda in Sambia oder Patrice Lumumba in Belgisch Kongo waren.

Mit der aktuellen Diskussion über die afrikanischen Artefakte in deutschen Museen, die während der Kolonialzeit nach Deutschland gelangt sind, beschäftigt Tetzlaff sich im Kapitel „Deutschland als Kolonialmacht in Afrika“. Überzeugend seine Analyse der Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Kolonialpolitik von Großbritannien, Frankreich und Deutschland.

Im Kapitel „Dekolonisation“ schreibt er: „Mit wenigen Ausnahmen (Mauritius, Botswana, Tansania, Burkina Faso) ist es im Verlaufe der knapp sechs Jahrzehnte... nirgends gelungen, volksnahe, selbstbestimmte Volkswirtschaften aufzubauen."

Afrikanischer Sozialismus: Frantz Fanon (Schriftsteller und Vordenker der Entkolonialisierung) wird mit seinem vernichtenden Urteil über die Ignoranz, Inkompetenz und Selbstherrlichkeit der afrikanischen Befreiungsführer aus seinem berühmten Hauptwerk „Die Verdammten dieser Erde“ ausführlich zitiert. Über den tansanischen Präsidenten Julius Nyerere schreibt Rainer Tetzlaff: „Gescheitert ist er wegen der irrigen Annahme, dass in einer Welt der kapitalistischen Marktverlockungen eine egalitäre sozialistische Mentalität bei Menschen entstehen könnte, die mehrheitlich in ländlicher Armut leben.“

Paternalistisches Amtsverständnis tief verwurzelt

Im Kapitel „Staatsbildung und Staatszerfall“ hat Tetzlaff die Fälle Somalia, Simbabwe und Ruanda primär im Blick: „Wer die afrikanische Geschichte verstehen will, muss sich vor allem auch mit den Mechanismen, Entstehungszusammenhängen und Folgen der politisierten Ethnizität beschäftigen – einer oftmals unterschätzen Realität.“

„Demokratisierung“: Afrikanische Beispiele bestätigen die Erkenntnis, dass die liberale Demokratie von kulturellen Voraussetzungen lebt, die sie selbst nicht schaffen kann, wenigstens nicht kurzfristig. Bei Staatspräsidenten der ersten Generation nach Erlangung der Unabhängigkeit war ein paternalistisches Amtsverständnis tief verwurzelt. In der Tradition des Neo-Patrimonialismus betrachteten sie sich, oftmals darin unterstützt von eine Clique von Höflingen, als vom Schicksal erwählte Herrscher auf Lebenszeit, als Inkarnation und Schutzherr der werdenden Nation und nicht etwa als Träger eines politischen Mandats auf Zeit. 

Das gilt, nach meinen Beobachtungen, für einige Präsidenten, die sich für unabkömmlich haltennoch heute, zum Beispiel Paul Biya (Kamerun), Yoweri Museweni (Uganda) oder Idriss Déby Itno (Tschad). Wer deren Machterhaltung gefährlich werden könnte, endet rasch im Gefängnis. Diese Staaten sind keine demokratischen Rechtsstaaten.

Weiter schreibt Tetzlaff: Afrika-typisch ist wohl die Parteienbildung durch politische ‚Dissidenten‘; das sind Politiker, die zuvor Mitglieder der herrschenden Staatspartei gewesen waren, dann in Ungnade fielen und schließlich durch Abspaltung eine neue Partei gründeten, um so weiterhin am lukrativen Kampf um die staatlichen Pfründe teilnehmen zu können. 

Dem nächsten Kapitel liegt die Frage zugrunde: „Gibt es einen kausalen Zusammenhang zwischen Entwicklungsfortschritt und Bevölkerungswachstum?“ und „Welchen Sinn und Nutzen hat die Entwicklungshilfepolitik der Industrieländer, wenn jeglicher Produktionsfortschritt durch ein überproportional hohes Bevölkerungswachstum zunichte gemacht wird?“ Hoch interessant ist die Analyse der unterschiedlichen Ursachen von Hunger und Elend in Niger und Äthiopien.

Auf den Aspekt der Wirkung von Rohstoffvorkommen weist Tetzlaff im Kapitel „Rohstoffreichtum – Fluch oder Segen?“ hin. 

„In Afrika gibt es kaum ein Land, in dem nicht die Exporterlöse von einem Rohstoff oder von mehreren ganz wesentlich zum Staatshaushalt beitragen. Da Grund und Boden in aller Regel zum Staatseigentum erklärt worden sind, fließen die Einnahmen aus den Rohstoffexporten denen zu, die die Staatsmacht verkörpern... Das Thema Fluch oder Segen der Rohstoffe wird in Zukunft für Afrika eine noch größere Rolle spielen als bisher, da zu erwarten steht, dass nicht weniger als zwölf Länder zur Gruppe der Erdöl und Erdgas produzierenden Länder neu dazustoßen werden: sechs in Ostafrika (Äthiopien, Kenia, Uganda, Tansania, Malawi und Mauritius) und sechs in Westafrika (Gambia, Ghana, Liberia, Sao Tomé und Principe, Senegal und Sierra Leone)."

Der Fluch wertvoller und leicht zu plündernder Ressourcen

Als klassisches Beispiel für den sogenannten Ressourcenfluch nennt Tetzlaff Nigeria, das die Bevölkerung in eine winzige Minderheit von Profiteuren aufteilt und eine Mehrheit, die ärmer als am Ende der Kolonialzeit ist. Botswana hingegen widerlege die These vom Ressourcenfluch durch „eine intelligente Führung, eine verantwortungsvolle Verwaltung und funktionierende Verfassungsorgane“.

Zu den Kriegsursachen zitiert der Autor in dem entsprechenden Kapitel Paul Collier und Anke Hoeffler, die auf die Bedeutung von ‚opportunities‘ hingewiesen haben: Die schwache interne Sicherheitsarchitektur des Staates und die Leichtigkeit des Aufwands, sich in den Besitz wertvoller (leicht zu plündernder) Ressourcen zu bringen, würden einen Anreiz für begrenzte Kriege darstellen.

Das Kapitel „Korruption und Bad Governance“ befasst sich mit den großen Schäden, die durch Korruption und Verantwortungslosigkeit der Machteliten entstehen. Korruption zementiert Machtverhältnisse und Abhängigkeiten, wo Initiative und Engagement gefordert wären. Korruption reduziert öffentliche Einnahmen zugunsten privater Gewinne, Korruption schafft Unsicherheit und Misstrauen statt Berechenbarkeit und Verlässlichkeit, Korruption stellt die staatliche Legitimation in Frage, Korruption untergräbt die Voraussetzungen für wirtschaftliches Wachstum. Der Sinn von Korruption ist es, Politik zu pervertieren, also falsche Entscheidungen zu kaufen. Projekte werden mit dem Hintergedanken ausgesucht, wie viele Korruptionsgelder man verdienen kann.

Im letzten Kapitel „Internationale Entwicklungskooperation“ legt Tetzlaff den Schwerpunkt auf Chinas vielgestaltige AfrikapolitikEr schreibt: „Chinas Image als wohlwollender Hegemon Afrikas im Geiste internationaler Solidarität wird nicht zuletzt durch Gipfeltreffen und Konferenzen gepflegt, die seit der Jahrtausendwende regelmäßig alle drei Jahre, mal in Peking, mal in Afrika stattfinden.“

China braucht langfristige Lieferverträge für Rohstoffe und Energiequellen. Große Mengen Erdöl kommen aus Angola, Sudan und Südsudan. Eisenerz und Kupfer aus Südafrika, dem Kongo und Sambia. Holz aus Kamerun. Kohle, Platin, Gold, Diamanten und Tabak aus Simbabwe. Etwa zwei Millionen Chinesen leben und arbeiten in den 55 Staaten Afrikas. In Angola leben mehr Chinesen als Portugiesen. China ist seit Jahren der größte Investor und Handelspartner Afrikas. Chinesen konzentrieren sich auf die großen Länder und die rohstoffreichen Regionen. Entscheidend ist für sie die politische Stabilität und nicht Rechtsstaatlichkeit. China vergibt Milliarden-Kredite für Industrieparks, Infrastruktur, Häfen, Schienen – nicht aus Wohltätigkeit, sondern bekommt dafür Rohstofflieferungen und Abbaulizenzen. Zur politischen Einflussnahme: Prof. Axel Dreher, Heidelberg, hat festgestellt, dass sich chinesische Entwicklungsprojekte in Afrika oft auf Gegenden konzentrieren, wo wichtige Politiker und Führungspersönlichkeiten ihre Wohnsitze haben.

Fundgrube von Erkenntnissen über den afrikanischen Alltag

Am Ende des Buches finden sich einige zentrale Erkenntnisse der behandelten Themen zur postkolonialen Entwicklung, die in zehn Punkten zusammengefasst sind.

Das Buch ist äußerst informativ im Blick auf die Vergangenheit und Gegenwart. Es nimmt auf aktuelle Themen Bezug und besitzt eine hinreichende Tiefe. Das Buch bietet eine Fundgrube von Erkenntnissen über den afrikanischen Alltag. Rainer Tetzlaffs neues Werk regt zum Nachdenken an, weil es gekennzeichnet ist durch Sachverstand, Erfahrung und Analysekraft, zum Beispiel auch zur Flüchtlingsproblematik.

Europäische Gesellschaften wissen in aller Regel nicht viel über Kultur und Gesellschaft derjenigen, die aus afrikanischen Ländern zu ihnen kommen. Aus afrikanischer Perspektive wird Migration als willkommenes Ventil für eine unruhige, arbeitslose Jugend gesehen. (Der Migrationsdruck ist sehr hoch. Jedes Jahr wächst die Bevölkerung um etwa 25 bis 30 Millionen Menschen. Eine Pew-Umfrage (Pew Research Center, Washington) in sechs afrikanischen Ländern ergab vor kurzem, dass rund die Hälfte der Afrikaner gerne emigrieren würden.)

Ein wichtiges Buch, durch und durch nachvollziehbar und einleuchtend geschrieben, hebt es sich damit deutlich von vielen Sachbüchern ab. Nicht nur Studenten, politischen Entscheidungsträgern, Journalisten und allen, die sich für Afrika interessieren, wünsche ich die Lektüre. Insgesamt ein überzeugendes Buch, in dem der Leser die zuverlässigen Fakten erläutert bekommt. Es erweitert den Horizont, und gleichzeitig macht die Lektüre noch Spaß. Denn das komplexe Thema Afrika wird in sehr anschaulich beschriebenen Zusammenhängen erläutert; das wissenschaftlich anspruchsvolle Werk ist dennoch gut verständlich geschrieben. Eine Stärke des Buches ist, dass auch Afrikaner selbst zu Wort kommen. Das ist sonst nämlich leider viel zu selten der Fall. Es könnte ein neues Standardwerk zur Aneignung von Grundwissen über den Kontinent, der kaum voran kommt, werden.

Leider fehlt ein Sachregister. Es würde zweifelsohne helfen, wenn man das Buch als Nachschlagewerk nutzen möchte. Der Verlag sollte dies unbedingt in der nächsten Auflage nachbessern.

Volker Seitz war von 1965 bis 2008 in verschiedenen Funktionen für das deutsche Auswärtige Amt tätig, zuletzt als Botschafter in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik und Äquatorialguinea mit Sitz in Jaunde. Er gehört zum Initiativ-Kreis des Bonner Aufrufs zur Reform der Entwicklungshilfe und ist Autor des Buches „Afrika wird armregiert“. Das Buch ist beim Verlag vergriffen. Die aktualisierte und erweiterte Taschenbuchausgabe wird im September 2018 bei dtv erscheinen. Volker Seitz publiziert regelmäßig zum Thema Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika und hält Vorträge.

Foto: Republic of Togo

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Heiner Hardschmidt / 23.05.2018

Toller Artikel. Eine Frage aus dem Buch möchte ich hier kurz beantworten:  „Welchen Sinn und Nutzen hat die Entwicklungshilfepolitik der Industrieländer, wenn jeglicher Produktionsfortschritt durch ein überproportional hohes Bevölkerungswachstum zunichte gemacht wird?“ Na, das ist gut, weil auf diese Weise endlich ein revolutionär gesinntes Proletariat entsteht mit einheitlichem Klassenbewusstsein und ohne Skrupel, die Köpfe seine Unterdrücker auf Lanzen aufzuspießen.

Andreas Horn / 23.05.2018

Danke für die Empfehlung, bis auf den Thomas aus Mali !

joami Milz / 23.05.2018

Sankara war in Obervolta, heutiges Burkina Faso Präsident nicht in Mali!

Rolf Menzen / 23.05.2018

Thomas Sankara war Staatschef von Burkina Faso, nicht von Mali.

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