Burkhard Schwarzkopf
Der erste Satz dieses Essays vergewissert sich der Selbstverständlichkeit, dass „Pathologie“, die Kunde der Krankheiten, von „páthos“ kommt – Leiden, Schmerz, übertriebener Gefühlsäußerung, Leidenschaft – und vom „logos“, dem (hier, in diesem Fall) über ein Pathos sprechenden Wort – über ein bestimmtes, ein historisch gewachsenes und national spezifisches „Pathos“, wohlgemerkt, das in dieser Symptomatik bei auffallend vielen Deutschen erscheint.
Aber wie kann der Autor dieser Zeilen, ein Deutscher aus einer Generation der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, so vermessen sein, eine spezifisch deutsche Krankheit zu diagnostizieren? Wie kann er hier von einer „Pathologie“ als einem Ort der Obduktion von Leichen reden, während die Symptome, von denen hier die Rede sein wird, so quicklebendig, so unsterblich wie Zombis durch die Erzeugnisse in deutscher Sprache geistern? – Nun, dem Autor reicht, was er gehört und gelesen hat, und angesichts eines sogenannten „Gedichtes“, das derzeit einiges Aufsehen in der Welt erregt, reicht es ihm wieder einmal, sodass er diesem sogenannten „Gedicht“ entgegnen möchte, „was gesagt werden muss“. Es ist nämlich ein Dokument einer Krankheit, die dringend behandelt werden sollte. Bei diesen Worten ist sich dieser Autor durchaus bewusst, dass ihn ein jenem Pathos entgegengesetztes, sozusagen ein Anti-Pathos dazu treibt, dieses angebliche „Gedicht“ hier auf den Obduktionstisch zu legen:
Was gesagt werden muss
“Warum schweige ich, verschweige zu lange, was offensichtlich ist und in Planspielen geübt wurde, an deren Ende als Überlebende wir allenfalls Fußnoten sind.
Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag, der das von einem Maulhelden unterjochte und zum organisierten Jubel gelenkte iranische Volk auslöschen könnte, weil in dessen Machtbereich der Bau einer Atombombe vermutet wird.
Doch warum untersage ich mir, jenes andere Land beim Namen zu nennen, in dem seit Jahren - wenn auch geheimgehalten - ein wachsend nukleares Potential verfügbar aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung zugänglich ist?
Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes, dem sich mein Schweigen untergeordnet hat, empfinde ich als belastende Lüge und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt, sobald er mißachtet wird; das Verdikt “Antisemitismus” ist geläufig.
Jetzt aber, weil aus meinem Land, das von ureigenen Verbrechen, die ohne Vergleich sind, Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird, wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert, ein weiteres U-Boot nach Israel geliefert werden soll, dessen Spezialität darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe dorthin lenken zu können, wo die Existenz einer einzigen Atombombe unbewiesen ist, doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will, sage ich, was gesagt werden muß.
Warum aber schwieg ich bislang? Weil ich meinte, meine Herkunft, die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist, verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit dem Land Israel, dem ich verbunden bin und bleiben will, zuzumuten.
Warum sage ich jetzt erst, gealtert und mit letzter Tinte: Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden? Weil gesagt werden muß, was schon morgen zu spät sein könnte; auch weil wir - als Deutsche belastet genug - Zulieferer eines Verbrechens werden könnten, das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld durch keine der üblichen Ausreden zu tilgen wäre.
Und zugegeben: ich schweige nicht mehr, weil ich der Heuchelei des Westens überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen, es mögen sich viele vom Schweigen befreien, den Verursacher der erkennbaren Gefahr zum Verzicht auf Gewalt auffordern und gleichfalls darauf bestehen, daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle des israelischen atomaren Potentials und der iranischen Atomanlagen durch eine internationale Instanz von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.
Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern, mehr noch, allen Menschen, die in dieser vom Wahn okkupierten Region dicht bei dicht verfeindet leben und letztlich auch uns zu helfen.”
kuz/dpa
Was, bitte, macht diesen Text überhaupt zu einem „Gedicht“? Kommt dieser Text in irgendeiner ungewöhnlichen Form, außer in kurzen Zeilen (die ich nicht als „Verse“ bezeichnen kann) daher? Ist darin irgendetwas sprachlich auffällig, außer dem wiederkehrenden Motiv des Schweigens, und dem eines angeblich ethisch motivierten Dranges dies zu brechen? Gehen in diesem Text wenigstens zwei Worte eine neue Verbindung zueinander ein – leuchtet irgendwo eine Bedeutungsveränderung auf ? Gibt es darin ein Wort, das man in einer Schule oder einer Universität als „Metapher“ besprechen würde , oder irgendeine andere rhetorische Besonderheit? Gibt dieser Text irgendein Rätsel auf, außer vielleicht dem, wie ein Mensch mit der Aufmerksamkeit des Günter Grass so derart blind verwechseln kann, wer im Nahen Osten wessen Volkes Existenz bedroht – und somit die Gefahr des nächsten Weltkrieges heraufbeschwört?
Damit wären wir bereits beim Inhalt. Nein, dieser Text ist kein Gedicht. Er verdichtet bestenfalls die Symptome einer Krankheit in einer kunstfernen Prosa, von der viele Deutschen befallen sind: die Unfähigkeit so vieler (nichtjüdischen) Deutschen, mit der Schuld ihrer Vorfahren an der Schoah umzugehen – oder mit ihrer eigenen Mitschuld – und die daraus folgende Unfähigkeit, in ein psychisch, ja menschlich gesundes Verhältnis zu Juden und zu Israelis insbesondere zu treten. Das heißt, dieses emotional überladene politische Pamphlet könnte von irgendjemandem geschrieben worden sein, von einem x-beliebigen Deutschen, der an einem patho-logischen Verhältnis zu Juden und zu Israel leidet. Und das heißt, der zitierte Text trägt noch nicht einmal im ernsthaften Sinne des Wortes, den „Namen“ Günter Grass, keinen „Namen“ wie Walter Benjamin es gemeint hat, keinen „Namen“ wie Paul Celan ihn in vielen seiner Gedichte gefunden hat, und keinen „Namen“ wie ihn Jaques Derrida in seinem Buch „Schibboleth. Für Paul Celan“ umschrieben hat.
Vorläufiges Fazit: Dem zitierten Text sind nicht einmal in einer stilistischen Eigenart oder Einzigartigkeit die Worte Günter Grass eintätowiert – er ist eine deutsche Leiche, weil er keinen inhärenten „Namen“ trägt. Nur die Tatsache, dass Günter Grass, und kein anderer, diesen Text veröffentlicht hat, heftet seinen Namen daran; äußerlich, aber dem Text nicht innewohnend – was ihn zu einem Stück Literatur als Kunst, das heißt sprachlich lebendig gemacht hätte.
Die zweite Selbstverständlichkeit: Aber gewiss doch, natürlich darf Günter Grass sein allzu langes Schweigen brechen, um uns allen zu sagen, wie er über Israel denkt. Natürlich darf er seinen zwar gründlich misslungenen, aber als Meinungsäußerung berechtigten, Versuch einer Kritik an der gegenwärtigen Regierung Israels veröffentlichen – wobei Grass in seinem Text nicht im geringsten zwischen „Israel“ als Staat und Volk einerseits und dessen Regierenden, allen voran Benjamin Netanjahu, unterscheidet, gegen den er laut nachgeschobenen Aussagen hauptsächlich gesprochen haben will.
Eine Frage sei hierzu erlaubt: Hat Netanjahu jemals laut über einen atomaren „Erstschlag“ nachgedacht, der „das iranische Volk auslöschen könnte“, oder hat er die gezielte Zerstörung bestimmter iranischer Atomanlagen mit konventionellen Waffen in Erwägung gezogen, und zwar zu einem Zeitpunkt, bevor deren Zerstörung das ganze Land Iran verseucht? Von ersterem ist mir nichts bekannt, und wurde meines Wissens nach nichts veröffentlicht. Aber woher nimmt Günter Grass eine derart infame Behauptung? Das sagt er im dritten Absatz seines Pamphletes indirekt selbst: Da will er bestens informiert sein über ein „wenn auch geheim gehalten – […] wachsend nukleares Potential verfügbar aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung zugänglich“.
Über die Seite des Irans, dessen Machthaber sowie große Teile der Bevölkerung keinen Hehl aus ihren Genozidphantasien gegen ganz Israel machen, will Meisterspion Grass uns hingegen versichern können, dass deren Avancements in den Besitz langstreckenfähiger Atomsprengköpfe zu kommen, nur „vermutet“ und „unbewiesen“ seien. Bewiesen sind sie nicht, aber Irans Weigerungen, internationale Gutachter zuzulassen, sprechen eine deutliche Sprache. Das ficht Grass nicht weiter an, sondern er beschuldigt Israel ganz im Stil beliebiger links-autonomer Gazetten, zuerst hinter scheinbar vorgehaltener Hand, dann ausbrechend in ungebremsten Agit-Prop: „Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden.“ – Achso! Der Verteidiger ist derjenige, der uns alle so brandheiß gefährdet, nicht der Angreifer. Die armen Mullahs sind also bloß harmlose „Maulhelden“? Und Israel sei der wahre „Verursacher der erkennbaren Gefahr“ ?
Da sind wieder jene unausrottbaren Zombiworte, jene quicklebendigen Wiedergänger, die man bereits aus dem deutschsprachigen Mittelalter kennt, diesmal bloß in neuem Larvengewand. Machen wir es deutlich: In der Formulierung „Doch warum untersage ich mir, jenes andere Land beim Namen zu nennen“ im Zusammenhang mit dem im Text folgenden, und zugleich vorweggenommenen „Verdikt ‚Antisemitismus‘ will uns Grass nicht nur weiß machen, er breche ein Tabu (was es garnicht ist – liest der Mann keine Zeitungen, keine deutschen Online-Foren?); nein, er benutzt viel mehr eine Formel, mit der man vor Jahrhunderten über den Teufel sprach, ohne ihn „beim Namen zu nennen“. Das heißt, er verteufelt das „Land“ Israel – wobei ihm zugestanden sei, dass er dies nicht wissentlich tut.
An der zitierten Stelle hat sich der alte Literaturnobelpreisträger unversehens von seinen griesgrämig dahergegrummelten Schuldgefühlen – „von nie zu tilgendem Makel behaftet“ – in ein altbekanntes Schlammloch manövriert: „Israel“ soll wieder einmal Schuld am Untergang der Welt sein. Und böse Ironie der Geschichte (nach Grassschem Verständnis) sei, dass wir „als Deutsche belastet genug“ – welch anrührendes Selbstmitleid – „Zulieferer eines Verbrechens werden könnten, das voraussehbar ist“ – dass wir als die nunmehr (spätestens seit gewissen nachgereichten biografischen Offenbarungs-eiden) moralisch Geläuterten allerdringenst sagen müssten, „was schon morgen zu spät sein könnte“ […] „weshalb unsere Mitschuld durch keine der üblichen Ausreden zu tilgen wäre.“ Ach, vorher war sie das?
Es tut dem Autor dieses Essays leid, aber dieser Grassschen Textleiche ist beim besten Willen nicht mehr zu helfen, sie ist eklatant antisemitisch. Da verkommt jede (wahrscheinlich durchaus vorhandene) Besorgnis zu einer krampfhaft verdrehten Groteske. Sie folgt einem typischen Muster, indem sie die unverarbeitete Schuld an der Schoah – sei es eine tatsächliche oder eine imaginierte – auf das Volk der ehemaligen Opfer projiziert, und dieses eines beabsichtigten Völkermords bezichtigt. In der jubilarischen Bejahung dieser pathologischen Verirrung – in den Ausrufen „es mögen sich viele vom Schweigen befreien“ und „Nur so ist allen […] und letztlich auch uns zu helfen“ – feiert die Neurose des Antisemitismus hemmungslos sich selbst, greift das von altersher mit ihr verbundene Motiv einer religiös verquasten Allheilslehre wieder auf, und vernichtet so jegliche eigene politische Argumen-tation. Auch insofern ist der hier obduzierte Text eine Leiche.
Somit erübrigt sich hier auch jegliche politische Gegenargumentation. Es geht diesem Text [sic! Von einem souveränen Autor kann man in diesem Fall nicht ernsthaft reden] nicht wirklich um Politik. Dennoch hat Benjamin Netanjahu Recht, wenn er sagt: “Die schändliche moralische Gleichstellung Israels mit Iran - einem Regime, das den Holocaust leugnet und mit der Vernichtung Israels droht - sagt wenig über Israel, aber viel über Herrn Grass aus.” Aber wie können wir sagen, diese Kritik an Günter Grass sei richtig, wenn wir zuvor konstatiert haben, dass er nicht der souveräne Autor seines Textes sei, und dass diesem nicht der „Name“ Günter Grass innewohne? – Indem Grass sagt, was er meint sagen zu müssen, schreibt er sich ein in ein unheilvolles deutsches Kollektiv. Somit analysiert man mit dem Text zugleich die Psyche desjenigen, der ihn als „Autor“ veröffentlicht, und zugleich jenes Kollektiv.
Aufgrund seiner Verstrickung mit den alten Mustern der Resentiments bis hin zu Hasspredigen gegen Juden richtet sich der besagte Text auch nicht nur gegen Israel, sondern gegen „Israel“: alle Juden. Und Grass weiß es im Grunde selbst – was uns jeder kompetente Analytiker bestätigen würde – denn er erwartet bereits „das Verdikt ‚Antisemitismus‘ „. Leider lassen die Geister sich nicht bannen, indem man sie vorauseilend beim Namen nennt, und andere bezichtigt, sie wohlfeil heraufzubeschwören. Die Psychoanalyse ordnet diesen Trick der vorwegnehmenden Zurückweisung eines erwarteten Vorwurfs zu den bekannten Techniken des Widerstands eines Patienten gegen seine Kur. Und, dass ein alter Mensch, vor allem ein Neurotiker, dazu neigt, wieder in seine Kindheitsmuster zu regredieren, ist ebenfalls bekannt.
Damit sind wir bei der dritten und letzten Selbstverständlichkeit angelangt, an die uns dieser Essay erinnert: Neurotiker sind gegen Argumente immun, und bekanntlich helfen gegen Antisemitismus keine Argumente. Sie müssten im Grunde selbst die pathogene Wirkung ihrer Phantasien erkennen. Deshalb würde es auch überhaupt nicht helfen, Günter Grass zum Schweigen aufzufordern. Seine schwarze Tinte wird weiter in die Öffentlichkeit sickern, sei es durch seine Hand oder die anderer. Und ihr krankhaftes Pathos wird weiterhin sein Unwesen treiben in dieser Sprache, in der auch wir schreiben und leben müssen, und mit dem wir uns befassen müssen wie ein Analytiker mit seinen Patienten. Dies ist ein unausweichliches Phänomen dieser deutschen Pathologie. Sich aufzuregen ist nicht wirklich nötig, denn letztlich ist dieser Grasssche Text im Gewimmel dieser deutschen Kollektivneurose namens „Antisemitismus“ nicht mehr als eine überflüssige „Fußnote“.
Burkhard Schwarzkopf, 54, Journalist im Ruhestand