Rainer Bonhorst / 13.07.2018 / 11:30 / 26 / Seite ausdrucken

Eine Afghanen-Tragödie

Es ist, wie Horst Seehofer zu Recht gesagt hat, zutiefst bedauerlich, dass sich ein 23-jähriger Afghane nach seiner Abschiebung aus Deutschland in seine alte Heimat umgebracht hat. Wer Selbstmord begeht, hat Mitgefühl verdient und sollte es auch bekommen. Allerdings muss man aufpassen, dass die Ursachenforschung nicht in die falsche Richtung läuft.

Für mich lässt sich der Hintergrund dieser Tragödie in einem Wort zusammenfassen: acht Jahre. So ist es: Fast acht Jahre hat es gedauert, bis die Abschiebung erfolgt ist. Zu dem Zeitpunkt war der Mann 23 Jahre alt. Als er kam, war er zwischen 15 und 16 Jahre alt. Er verbrachte entscheidende Jahre in Deutschland. Viel zu lange und viel zu wichtige Jahre, um ein geeigneter Kandidat für einen Rückflug in sein Geburtsland zu sein, das ihm zweifellos fremd geworden war. Das konnte gar nicht gut gehen.

In der Sache aber war seine Abschiebung zu hundert Prozent gerechtfertigt. Mehrmals straffällig geworden, Schlägerei, Drogen, Diebstahl, Widerstand. Dazu eine abgebrochene Ausbildung. Keine vielversprechende Bilanz. Integration ist etwas anderes.

Mit anderen Worten: Der junge Mann hätte schon viel früher nach Afghanistan zurückgeschickt werden sollen. Unsere Abschiebeverhinderungsindustrie, um Dobrindt zu zitieren, hat dafür gesorgt, dass dies nicht geschah. Und unsere schlaffe Politik, die es nicht schafft, Recht und Ordnung in einem angemessenen Zeitrahmen durchzusetzen.

Zögerlichkeit schlägt um in Gnadenlosigkeit

Mit anderen Worten: Nicht eine irgendwie geartete Gnadenlosigkeit ist der eigentliche Hintergrund dieser Tragödie, sondern eine völlig falsch verstandene Zögerlichkeit. Die dann allerdings in eine Gnadenlosigkeit umschlägt.

Mit der Abschiebepraxis hat das überhaupt so seine Bewandtnis. Die Politik spricht von Obergrenzen oder gar von einem Masterplan. Die Bürokratie aber scheint mir ein sicheres Händchen dafür zu haben, immer wieder die Falschen abzuschieben. Der Ehrliche ist in diesem Spiel meist der Dumme. Auch ein Afghane, der acht Jahr hier ist, eine Ausbildung macht und sich an unsere Gesetze hält, wird am Ende zurück an den Hindukusch verladen. Der Ganove hingegen, der seine Herkunft verschleiert und sich asyltouristisch von einem deutschen Bundesland ins andere schlängelt, kommt damit irgendwie durch.

Ich will das gar nicht verallgemeinern. Aber die Probleme liegen nicht nur im politischen Hin und Her, sie liegen auch in der mangelnden Flexibilität, die nun mal jede Bürokratie als Merkmal in sich trägt.

Im Falle des traurigen Afghanen ist alles schiefgelaufen, was schieflaufen konnte. Wäre der 15-jährige Flüchtling als 16-Jähriger wieder nach Hause geschickt worden, der Kulturschock wäre minimal und sicher nicht selbstmordwürdig gewesen. Nach acht Jahren in Deutschland ist der Schock fatal. Wer will schon nach einem so intensiven Deutschland-Erlebnis wieder zurück in die afghanische Problemzone. Ein Hinweis übrigens, in was für einem beneidenswerten Land wir leben. Aber das nur am Rande.   

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Paypal via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

Sabine Heinrich / 14.07.2018

Den Bekannten aus meinem Umfeld, die in den letzten Jahrzehnten Selbstmord begangen hatten, wurde nicht eine Zeile gewidmet - es wurde sogar versucht zu verheimlichen, dass sie sich umgebracht hatten. Die Motive waren absolute Verzweiflung und grenzenlose menschliche Enttäuschungen, Hoffnungslosigkeit. Kein Wort darüber - nirgends. Und die, an die ich denke, waren keine Straftäter oder negativ auffallende, sondern sensible, soziale Menschen.

Sebastian Laubinger / 13.07.2018

Im Jahr 2015 nahmen sich rund 7500 Männer das Leben (deutlich mehr als Frauen). Kann mich nicht erinnern, dass darum ein solcher Tanz aufgeführt worden wäre. Freilich, es waren “schon länger hier Lebende”, und daher für dt. Politiker und Gutmenschen uninteressant…

Hans-Peter Dollhopf / 13.07.2018

Deutschland ist wie ein begehrtes junges Weib allein auf dem Weg nach Hause, in der “Öffentlichen” am Wochenende, Sonntag morgens, um halb vier in der Früh, after gaudium sphere! Bedrängt von Sex-Loosern der Nacht ... Wildfremden ... unreif. Die wollen unbedingt von ihr mit zu ihr nach Hause genommen werden, wollen das! ... “ich bin doch kein Tierheim?” Falls man aber nicht adoptiert, vielleicht bringt sich ja sonst einer noch vor dem nächsten Partywochenende selbst um? Vielleicht sogar schon nachher, noch während dieser Morgen graut? Also Deutschland: die “Pflicht” ruft, opfere! Entweder so. Oder die.

Andreas Rochow / 13.07.2018

Es ist schon grenzwertig, dass die Pro-Asylisten nun auch noch einen Suizid instrumentalisieren und den Schuldzeiger scharfstellen. Bei Mord und Terror sind sie nicht zu hören; Opfer- und Angehörigenempathie ist ihnen fremd. Lieber ermutigen sie Menschen, sich in Seenot zu begeben, um mit der darauffolgenden moralischen Erpressung europäische Kulturnationen zu zerstören. Einen Suizid in der Weise propagandistisch auszuschlachten, ist widerwärtig.

Martin Wagner / 13.07.2018

Es ist schon erstaunlich, meist ist Horst Seehofer in den Medien die Raupe Nimmersatt die wahlweise rücksichtslos nach Posten (inkl. Kanzlerschaft) oder Wählerstimmen giert, aber egal ob Migranten im Mittelmeer ertrinken oder in Kabul den Freitod sterben, erlebt er plötzlich eine Metamorphose zum Schmetterling der Chaostheorie ohne den diese Menschen noch am Leben wären. Das dabei dieselben Autoren die uns immer wieder belehren, dass man mit Toten keine Stimmungsmache betreiben darf, dass eben diese Autoren das hier nun tun ist wenig überraschend. Das hier aber ausgerechnet ein Selbstmörder dafür herhalten muss ist durchaus erschreckend, wenn man mit dem Werther-Effekt vertraut ist und sich vor Augen hält, dass man daher für diese Stimmungsmache potentiell über Leichen geht. Immerhin hat sogar die Tagesschau die Relevanz des Freitods dieses Gewaltverbrechers erkannt, bei Gewaltopfern war das ja zuletzt nicht immer der Fall.

Susanne Weis / 13.07.2018

In Deutschland nehmen sich jedes Jahr rund 10.000 (!) Menschen das Leben - das ist rund das Dreifache an Verkehrstoten, welche mit ca. 3000 pro Jahr zu Buche schlagen. Bei jungen Menschen unter 30 J. ist Suizid gar die häufigste Todesursache überhaupt. Wann und wo wird das denn groß thematisiert? In meinem privaten Umfeld gab es leider schon etliche Suizide, immer waren es ausgesprochen angenehme, freundliche, beliebte Menschen, die sehr fleißig und gut in ihrem Beruf arbeiteten. Gemeinsam war fast allen, dass sie stark unter dem Druck im Job litten ... Wie oft wird das denn, insbesondere von Politikern, thematisiert?

Robert Jankowski / 13.07.2018

Wie absurd unsere Abschiebepraxis ist, zeigt doch der aktuelle Fall des ehemaligen Bin-Laden Leibwächters. Das da ein Gericht ernsthaft entschieden hat, dass er nicht nach Tunesien ausgewiesen werden darf, ist doch der blanke Wahnsinn. Die Opfer der NSU Terroristen werden dauerhaft der Öffentlichkeit mit all ihrem Leid vorgeführt, aber die Opfer des Terrors vom Breitscheidplatz werden, nach vollmundigen Unterstützungsbekundungen der Kanzlerin, allein gelassen. Die einen eignen sich eben besser, um weiter den Terror von Rechts als Schreckgespenst aus der Mottenkiste zu holen, die Anderen passen leider nicht in das heilige Schema der Integration. Genauso blendet man dann auch einfach mal die massiven Straftaten des amen Suizidopfers aus. Das finde ich einfach widerlich und bigott!

Karla Kuhn / 13.07.2018

Wurde von Seiten der Politik schon mal so DEUTLICH erörtert WIE VIEL Menschen in Deutschland aus Verzweiflung jedes Jahr SUIZID begehen??  Und wurde um jeden einzelnen von ihnen so ein Aufstand gemacht ? Wir wissen doch gar nicht, warum der Afghane sein Leben beendet hat. Er hat ja etliche Straftaten in Deutschland begangen, vielleicht hat er sein “Gesicht” verloren ?  Wie dem auch sei, diese Tat zeigt ganz klar, daß ENDLICH von Seiten der Politik KLARE Regeln in der Asyl/Flüchtlingspolitik zu ABSCHIEBUNGEN geschaffen werden müssen, jetzt !! Und zwar OHNE die Abschiebungsverhinderer !! Es ist pervers, daß nicht anerkannte Flüchtlinge oft noch jahrelang geduldet werden. Diese Tat jetzt zu politisieren und Seehofer in die Schuhe zu schieben, finde ich heuchlerisch. NICHT Seehofer hat die Grenze geöffnet und weigert sich strikte Kontrollen an allen Grenzübergängen einzuführen, MERKEL hat das veranlaßt und bis heute ist nichts geschehen um das zu ändern. Im Gegenteil, ab August dürfen sogar die Familienmitglieder einreisen und alle, die hier eine “Ankerperson” haben.  WIE VIEL Terroristen und Kriminelle werden da wohl ungehindert mit nach Deutschland kommen ?? Wenn ich dran denke, wie aus den vergewaltigten und toten Mädchen “Einzelfälle” gemacht wurden, aber der Afghane jetzt als “Verlierer” hingestellt wird, bleibt mir der Verstand stehen.

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Rainer Bonhorst / 25.04.2024 / 14:00 / 6

Scholz und Sunak – ein spätes Traumpaar

Sie passen gerade gut zueinander: Ihre Länder stecken im Krisen-Modus und sie sind letztlich nur noch Regierungschefs auf Abruf. Er kam spät nach Berlin, aber…/ mehr

Rainer Bonhorst / 17.04.2024 / 10:00 / 31

​​​​​​​Die Bayer(n)-Revolution

Rekordmeister Bayern muss den Meistertitel an Bayer abgeben. Ein Menetekel für die Politik? Wie wird es weitergehen? San mir net mehr mir? Ist rheinisch das…/ mehr

Rainer Bonhorst / 12.03.2024 / 17:00 / 9

Die Kate-Krise oder viel Lärm um nichts?

Ein Familienfoto der Royals ist schon kurz nach Erscheinen als ungelenke Bildmanipulation entlarvt worden. Medialer Wirbel dank Photoshop! Ist Englands königliche Familie eine Fälscherbande? Wenn ja, dann keine…/ mehr

Rainer Bonhorst / 08.03.2024 / 12:00 / 19

Bye bye Nikki, hello Oldies

In den USA duellieren sich Biden und Trump um den Einzug ins Weiße Haus. In diesem Alter würde man in Deutschland weniger auf Karriere als…/ mehr

Rainer Bonhorst / 22.02.2024 / 14:00 / 26

Kamala gegen Nikki – ein Traum

Statt der beiden betagten Kontrahenten Joe Biden und Donald Trump wünsche ich mir eine ganz andere Konstellation im Kampf um das Amt des US-Präsidenten. Man…/ mehr

Rainer Bonhorst / 13.02.2024 / 12:00 / 39

Gendern im Fußball? Fans zeigen rote Karte!

Wie woke soll der Fußball sein? Oder genauer: Wie viele Geschlechter soll der Fußball kennen? Es wird Zeit, mal wieder auf den Fußballplatz zu gehen.…/ mehr

Rainer Bonhorst / 12.02.2024 / 12:00 / 35

Giorgia Meloni als Mamma Europa?

Georgia Meloni beginnt in Europa eine wichtige Rolle zu spielen. Die Politik hält sich mal wieder nicht an die ideologischen Vorgaben deutscher Medien.    Ja, darf…/ mehr

Rainer Bonhorst / 04.02.2024 / 14:00 / 33

Gedanken beim Demo-Gucken

Im Grunde haben wir ja Glück, dass in Deutschland die Verhältnisse so klar sind. Wir haben keine dunkelhäutigen Politiker in Berlin, die die Frechheit besitzen…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com