Gestern Abend rief mich wieder einmal ein Freund an, den ich seit über vierzig Jahren kenne. Er ist Türke. Das erwähne ich nicht, weil es für unsere Freundschaft von Bedeutung wäre, sondern weil es für diese Geschichte noch eine gewisse Rolle spielen wird.Er ruft mich in regelmäßigen Abständen an und stellt immer dieselbe, ausgesprochen übersichtliche Frage:
„Was ist los auf der Welt und in Deutschland?“
Eine mutige Frage an jemanden wie mich, aber nicht, wenn er fragt. Er möchte nämlich „Klartext“ hören. Er lebt selbst in Deutschland und ist beruflich ständig in Asien unterwegs, um Textilien einzukaufen. Außerdem schaut er, wenn er Zeit findet zwischen den Terminen, Nachrichten von ARD und ZDF. Eigentlich müsste er also bestens informiert sein. Trotzdem gibt es offenbar noch Informationslücken. Vor allem beim Stadtbild. Unsere Gespräche dauern entsprechend lange. Ich erzähle gern, er hört gern zu und staunt gern. Eine ideale Arbeitsteilung. Mir tun diese Telefonate ebenfalls gut, weil ich dabei keine Redaktion, keine Zeichenzahl und möglichst auch keine Algorithmen beachten muss. Ich kann frei von der Leber weg erzählen. Ein Luxus, den man heute nicht unterschätzen sollte. Irgendwann bemerkte ich die Geräuschkulisse im Hintergrund.
„Bist du am Flughafen?“
„Nein, oder vielleicht doch, aber nicht um zu Verreisen“, sagte er. „Was ist nur aus Deutschland geworden? Ich musste mit dem Bus zum Flughafen fahren, um dort in einen anderen Bus umzusteigen, der mich nach Hause bringt.“
Zur Erklärung: Um nach Hause zu kommen, musste er erst aus der Stadt hinausfahren, damit er anschließend wieder hineinfahren konnte. Irgendetwas mit Bauarbeiten an einer U-Bahn-Strecke. Früher hieß es: Alle Wege führen nach Rom. Heute führen manche offenbar erst einmal zum Flughafen. Dann erzählte er von seinem Besuch bei der Ausländerbehörde. Er möchte die deutsche Staatsangehörigkeit beantragen. Das hatte er schon einmal vor ungefähr zwanzig Jahren vor. Damals hätte er dafür allerdings seine türkische Staatsangehörigkeit aufgeben müssen. Weil er Eigentum in der Türkei besitzt, entschied er sich dagegen. Einige SPD-beteiligte Bundesregierungen und eine Reform des Staatsangehörigkeitsrechts später ist die doppelte Staatsangehörigkeit nun grundsätzlich möglich. Also unternimmt er einen zweiten Anlauf. Man muss meinen Freund kennen. Wenn wir uns treffen, wird viel gelacht. Er besitzt die wunderbare Fähigkeit, selbst völlig normale Situationen innerhalb weniger Minuten ins Absurde kippen zu lassen. Darin sind wir uns nicht unähnlich. Was bei ihm unbewusst passiert, ist bei mir gewollt.
„Wir sind doch beide Ausländer“
Er schilderte mir also seinen Behördengang. Schon beim Betreten des Gebäudes sei ihm aufgefallen, wie international das Personal gewesen sei. Beim Security-Team angefangen und bei der zuständigen Stelle für Einbürgerungen weiter. Dann kam sein Satz:
„Ich beantragte meine Einbürgerung bei Menschen, deren eigene Einbürgerung vielleicht noch bevorsteht.“
Was wir anschließend zwei Minuten lang besprachen, lasse ich vorsichtshalber weg. Nichts Dramatisches. Aber möglicherweise würden einige Algorithmen anschließend psychologische Betreuung benötigen. Dann geschah ihm exakt das, was ich selbst vor wenigen Tagen aus meiner eigenen Einbürgerungsgeschichte erzählt hatte. Der Sachbearbeiter erklärte ihm sinngemäß:
„Sie benötigen noch einen Nachweis über Deutschkenntnisse auf B1-Niveau.“
Ich konnte sein Gesicht durchs Telefon sehen. Mein Freund spricht seit Jahrzehnten Deutsch. Absolvent der Uni-Bonn. Nicht immer so, dass der Duden spontan Beifall klatschen würde, aber ausreichend, um einem deutschen Beamten ausführlich zu erklären, warum er keinen Nachweis darüber braucht, dass er Deutsch spricht. Und dann beging er den entscheidenden Fehler. Er sagte zum Sachbearbeiter:
„Warum? Ich rede doch Deutsch. Und außerdem: Wir sind doch beide Ausländer. Machen Sie doch eine Ausnahme.“
Da war es vorbei. Ich saß auf dem Balkon und bekam mich vor Lachen nicht mehr ein, zumal er auf der anderen Seite nicht weniger heftig lachte. Schließlich musste ich ins Wohnzimmer flüchten, damit die Nachbarschaft nicht wegen nächtlicher Ruhestörung die Polizei ruft.
„Wir sind doch beide Ausländer.“
Ausgerechnet bei der Einbürgerungsbehörde. Genau diese naive Direktheit hat uns schon vor Jahrzehnten zuverlässig in Situationen gebracht, die andere Menschen ihr ganzes Leben lang nicht erleben. Er meint es nie böse. Er sagt nur manchmal laut, was andere nicht einmal leise denken würden.
Am Ende zog er sein persönliches Fazit: „Ich werde meiner Familie erzählen, dass an meiner Einbürgerung in dieser Behörde kein Biodeutscher beteiligt war.“ Danach erklärte er mir noch ausführlich, welchen Ausgang des Gebäudes er genommen hatte und welchem Kontinent er die dortige Belegschaft spontan zuordnete. Europa war es nicht. Eigentlich hatte ich unmittelbar vor seinem Anruf schlafen gehen wollen. Danach war ich hellwach. Aber immerhin wusste ich wieder, was in Deutschland los ist. Und er auch.

Deutschland ist bestenfalls noch Fassade. Zwei Ausnahmen: Kriegstreiberei und Kampf gegen Rechts.
Die Deutschen sind die Opfer ihres eigenen wirtschaftlichen Erfolgs. Wir brauchen uns nicht wundern dass nicht nur wir gerne und gut hier leben wollen. Selbst unsere Behörden sind doch inzwischen angenehmer als anderswo. Wie lange das noch gut geht? Ich weiß es nicht. Aber ich befürchte, anderswo geht es noch schlimmer..
„Machen Sie doch eine Ausnahme“ ist beim Amt genauso erfolgreich wie : „Nehmen Sie doch Verstand an“ beim Finanzamt. Beide handeln nach Vorschriften und: aus.
Ach, lieber Herr Dener, würden Sie und Ihr Freund mich bitte wenigstens in Teilzeit adoptieren? Ich fühle mich so verstanden, wenn ich Ihre Texte lese. Aktuell schlürfe ich meinen Lieblingscocktail (ein Teil kalter schwarzer Kaffee, ein Teil guter Riesling Spätlese, ein Teil mit Wasser pürierte frische Erdbeeren mit Bienen-Honig gesüsst plus Basilikumgarnitur, ich nenne das herrliche Gesöff „Schwarzrotgold natur“ und lache mich durch Ihren Text. Sie schrieben ja neulich über die Deutsche Bahn: auch da muss man manchmal nach Norden, um dort den nächsten Anschlusszug nach Süden zu kriegen, weil man wegen kaputter Infrastruktur nicht mehr die Abkürzung zur Direttissima erreicht. Allerdings passiert mir immer öfter, was ein gelernter DDR-Bürger meines persönlichen Vertrauens als sicheres Indiz einer schleichend erfolgreich installierten Diktatur werten würde: Bahnmitarbeiter geben mir gute Tips, damit ich schneller meine „Fahrgastrechte“ einfordern und somit immer öfter praktisch umsonst bzw unter erhöhtem Kompensationskomfort reisen und allfällige Verspätungen, Zugausfälle und sonstige Ärgernisse verschmerzen kann. (Mein bekanntes DDR-Ex-Lockdownopfer sagte mir:„ je freundlicher und solidarischer im Kleinen Fremde dir im Alltag begegnen, desto repressiver ist vermutlich das staatliche Regime, unter dem man lebt“). Tja. Ich erfahre sehr viel liebevolle Gesten im Alltag. Besonders dann, wenn ich öffentlich frei von der Leber weg die Lage der Nation kommentiere, die sich oft im Kleinen widerspiegelt. Herrlich, was ich schon für Menschen getroffen habe.
Die Aktendullies in der Ausländerbehörde wollen einfach nicht begreifen, das Osmanen Premium-Ausländer sind und über den Vorschriften stehen. Allmächd, was isse aus Almanya geworde, Cheffe?